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Europa ist allein

Liebe Leserinnen und Leser,

Joschka Fischer hat gestern Abend bei Markus Lanz einen Satz gesagt, der über die Außenpolitik hinausreicht: „Wir Europäer müssen begreifen, dass wir allein sind." Er meint damit Atomwaffen, Abschreckung, die NATO. Aber der Satz gilt genauso für Energie. In diesem Cleanthinking Briefing zeige ich Ihnen, warum.

„Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, um sich aufs Klima zu fokussieren"

Vestas CEO Henrik Andersen
Vestas CEO Henrik Andersen

Der CEO des weltgrößten Windkraftherstellers sagt im Handelsblatt (Öffnet in neuem Fenster) einen Satz, der erst einmal irritiert. Henrik Andersen meint das ernst. Sein Argument ist nicht Resignation, sondern Eskalation: Europa habe aus der Gaskrise vor vier Jahren erschreckend wenig gelernt.

Die Fakten, die Andersen aufzählt, sind ernüchternd. Europa importiert noch fast genauso viel Energie wie 2022. Die Lufthansa streicht 20.000 Flüge, weil sie ernsthaft Kerosinmangel befürchtet. Europa hat zu Beginn der Krise ein Drittel seiner Ölnotfallreserven freigegeben, um die Preise zu drücken. Ohne Erfolg.

„Verteidigung und Energieversorgung sind untrennbar verbunden. Wer im Winter im Dunkeln sitzt, verliert seine Verteidigungsfähigkeit."

– Henrik Andersen, CEO Vestas

Andersen erzählt eine Szene vom EU-Gipfel in Kopenhagen im Oktober: Drei Kriegsschiffe im Hafen, weil es kurz zuvor Luftraumverletzungen durch Drohnen gegeben hatte. In dieser Lage lasse Europa immer noch zu, dass andere Regionen seine Energieversorgung kontrollieren.

Andersen rechnet vor, warum Europa die Krise nicht schnell lösen kann: Neue Batteriespeicher brauchen in Dänemark sieben Jahre Genehmigung. Neue Gaskraftwerke sind in Europa sechs Jahre entfernt. Neue Atomkraftwerke fünfzehn. Währenddessen hat China seit 2022 in zwei Jahren so viel Solar und Wind zugebaut wie der Rest der Welt zusammen.

Andersen fordert einen EU-Energiemanager, monatliche Treffen, permanente Ausbaukontrolle. Sein Vorbild: die Covid-Impfstoffentwicklung, 18 Monate vom Labor zur Spritze. Deutschland sieht er als Ausnahme, weil hier tatsächlich gebaut wird. Selbst sein Heimatland Dänemark blockiere große Windprojekte aus politischer Rücksichtnahme. Seine Warnung:

„Wenn nicht mehr genügend Energie zu uns kommt, bleibt nur noch Rationierung."

– Henrik Andersen, CEO Vestas

Der Windkraft-CEO hat nicht das Klimaargument aufgegeben. Er hat es durch eines ersetzt, dem niemand mehr ausweichen kann: Souveränität, Sicherheit, Bezahlbarkeit. Dass genau diese Transformation nebenbei den wirksamsten Klimaschutz liefert, muss er nicht mehr sagen.

Eine Redaktion, ein Tag, zwei Wahrheiten

Mittwoch bei BILD, 14:36 Uhr: Aramcos neuer Hybridmotor wird als Innovation gefeiert. Der weltgrößte Ölkonzern baut einen Verbrenner, BILD druckt die PR-Mitteilung als Artikel (Öffnet in neuem Fenster). Kein Wort dazu, dass Saudi-Arabien ein wirtschaftliches Interesse daran hat, die Verbrenner-Ära zu verlängern. Kein Vergleich mit der Effizienz eines Elektroautos.

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So berichtet die Bild-Zeitung über die kuriosen Windkraftaussagen.

Mittwoch bei BILD, 15:49 Uhr: Ein Faktencheck zur Erfolgsserie „Landman" rechnet sauber vor, dass eine moderne Windkraftanlage den gesamten Energieaufwand für Herstellung und Rückbau nach fünf Monaten eingespielt hat. Mit Tabelle, mit Quellen, mit dem klaren Ergebnis: Windkraft liefert über ihren Lebenszyklus das 20- bis 30-Fache der investierten Energie.

Dieser Kontrast ist kein Zufall. Er ist ein Röntgenbild davon, wie fossile Desinformation funktioniert: nicht durch offene Leugnung, sondern durch unkritisches Weiterreichen von Konzernkommunikation. Verschiedene Ressorts, verschiedene Autoren, keine gemeinsame Einordnung.

Der „Landman"-Faktencheck ist der bessere Journalismus. Die Aramco-Story ist PR mit Redaktionsstempel. Dass beides in derselben Zeitung am selben Tag erscheint, zeigt: Die Auseinandersetzung um die Energiewende findet nicht nur zwischen Medien statt, sondern innerhalb einzelner Redaktionen.

880 Milliarden Euro, und es ist der BDI, der das sagt

880 Milliarden Euro zusätzliche Wertschöpfung bis 2045. Das ist das Ergebnis einer BCG-Studie (Öffnet in neuem Fenster) im Auftrag des BDI zur Kreislaufwirtschaft. Die zirkuläre Bruttowertschöpfung könne sich von 60 Milliarden Euro auf 125 Milliarden pro Jahr mehr als verdoppeln.

Die strategische Dimension geht über Klimaschutz hinaus. Recycling und Wiederverwendung könnten 20 bis 40 Prozent der strategischen Rohstoffimporte ersetzen. Bei Seltenen Erden sinke die Importabhängigkeit um bis zu 20 Prozent, bei Batteriematerialien um bis zu 10 Prozent. Dazu: 11 Millionen Tonnen weniger CO₂ und 40 Milliarden Euro geringere Energiewende-Kosten.

Es ist der BDI, der das vorrechnet. Nicht Greenpeace, nicht der BUND. Der Bundesverband der Deutschen Industrie erklärt Kreislaufwirtschaft zum strategischen Wachstumsmotor. Wer nach dieser Studie noch behauptet, Klimaschutz und Industriepolitik seien Gegensätze, hat sie nicht gelesen.

Was der 1. Mai über das deutsche Stromsystem verrät

Am 1. Mai hat das deutsche Stromsystem gezeigt, was es kann. Prognos-Analyst Marco Wünsch (Öffnet in neuem Fenster) hat die blockscharfen Daten ausgewertet: Bei Großhandelspreisen von bis zu minus 500 Euro pro Megawattstunde wurden Gaskraftwerke auf 400 Megawatt gedrosselt. Steinkohle ging auf 112 Megawatt. Offshore-Windparks wurden zwischen 11 und 16 Uhr komplett aus dem Wind gedreht.

Der Kraftwerkspark reagiert. Die Flexibilität ist da. Was fehlt, sind Speicher und Nachfrageflexibilität. Wünsch rechnet vor, dass mit mehr Speichern die Windstromerzeugung acht Gigawatt höher hätte liegen können. Dazu kämen PV-Anlagen, die wegen negativer Preise vom Netz gingen.

Das ist kein Beweis für „zu viel Erneuerbare". Das ist der Beweis für zu wenig Speicher. Die Erzeugungsseite der Energiewende funktioniert. Die Verbrauchsseite muss nachziehen.

Die DIHK will bremsen. Die Fakten sprechen dagegen.

Währenddessen hat die DIHK auf ihrer Vollversammlung ein Positionspapier zum Klimaschutz verabschiedet, das in die Gegenrichtung zielt. Jahresscharfe Klimaziele auflösen, Förderungen reduzieren, auf „technologieneutrale" Marktmechanismen setzen. Die Forderung nach Technologieneutralität klingt vernünftig, bis man liest, was damit gemeint ist: Wasserstoff-Pipelines und CO₂-Netze statt Elektrifizierung.

BNW und andere Verbände haben bereits mit Faktenchecks begonnen. Einer unserer Leser hat das Papier Absatz für Absatz kommentiert und dabei interne Widersprüche, fehlende Quellenangaben und eine Logik offengelegt, die auf Verzögerung statt Transformation setzt. Unter dem Motto „Nicht in unserem Namen – Wirtschaft denkt weiter" können IHK-Mitglieder ihrer Kammer signalisieren, dass dieses Papier nicht in ihrem Namen spricht (Öffnet in neuem Fenster).

In einer Woche, in der der Vestas-CEO vor Rationierung warnt, die BILD Windkraft-Fakten verteidigt und der BDI 880 Milliarden Euro Wertschöpfungspotenzial durch Kreislaufwirtschaft vorrechnet, wirkt das DIHK-Papier nicht vorsichtig. Es wirkt fahrlässig.

Fischer hat Recht: Europa ist allein. Die Frage ist nicht mehr, ob wir unabhängiger werden müssen. Die Frage ist, ob wir schnell genug sind. Die Antworten dieser Woche geben Grund zur Zuversicht, dass die Richtung stimmt. Und Grund zur Sorge, dass diejenigen, die bremsen, noch immer zu laut gehört werden.

In diesem Sinne,

Ihr Martin Jendrischik

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