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#34: “Wo ist deine Wut?” “Auf Insta.”

Ich erinnere mich gerne an die Premiere meines Sachbuchs “Gleichstellung” zurück. Nicht nur, weil so viele mir bekannte und unbekannte Gesichter aufgetaucht sind, um mich zu unterstützen. Auch nicht nur, weil ich schon so lange darauf hingefiebert hatte, endlich selbst zu erleben, was ich oft bei anderen beobachtet und gefeiert habe: der stolze Moment, in dem man das eigene Buch zum ersten Mal einem Publikum vorstellt.

Sondern auch wegen der lebendigen Diskussion unter den Gästen an diesem Abend, die im Anschluss an die Lesung entstand. Es ging um die Fragen, wieso sich das feministische Wissen über Sexualität so schlecht in unserer Gesellschaft hält und vermeintlich in jeder Generation immer wieder neu verbreitet werden muss.

Und wie wir es schaffen können, die Männer mit ins Boot zu holen, die doch auch endlich mal verstehen könnten, dass das Patriarchat nicht nur Privilegien für sie bereit hält. Sondern vor allem ein Regelwerk an Maßnahmen zur emotionalen Verstümmelung, das sie fast so wütend über und kampfbereit gegen das System machen sollte wie uns andere Geschlechter. 

Und dann kam die Frage nach der Wut.

Eine Person aus dem Publikum meldete sich und fragte, wie ich angesichts der ganzen Ungerechtigkeiten, die dem sexuellen Wesen und Körper von Frauen immer noch entgegengestellt würden, so gelassen bleiben könne. Wie ich dann auch noch ein Buch mit einem Augenzwinkern darüber schreiben könne.

Sie fragte mich: “Wo ist deine Wut?” Und ich konnte ihr diese Frage nicht beantworten. Sie saß jedenfalls nicht bei mir mit auf der Bühne und fand auch nur selten ihren Weg in meine Texte.

Nur warum? Sie ist doch da.

Ich gehöre zu den vielen Menschen, vielen Frauen, die in dem Glauben aufgewachsen sind, dass wütend zu sein, sich ihrer nicht geziemt. Denn Wut bedeutet Kontrollverlust und eine unkontrollierte Frau? Dafür muss man sich schämen. Ganz ähnlich wie, wenn das Kind nicht hört oder der Hund aus der Reihe tanzt.

Also wird die Glut in der Kehle hinuntergeschluckt. Ob bei der Familienfeier, im Büro oder bei einem unhöflichen Date - bloß nicht zeigen, dass man die übergriffigen Flegeleien an sich heranlässt. Bloß nicht riskieren, als schwierig zu gelten oder gar als emotional. Denn wie häufig wird besonders weibliche Wut als übertrieben dargestellt, als unangebracht? 

Dabei - und das wissen wahrscheinlich heute die Meisten - ist das Wutgefühl erst einmal ein emotionaler Schutzreflex1. Es warnt uns davor, wenn unsere Grenzen bedroht oder verletzt werden, und es verleiht uns auch die Kraft, sie zu verteidigen.

Cleo live

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Gesetzt den Fall, wir lassen sie auch raus, die Wut.

Doch das ist, wie schon beschrieben, oft unerwünscht. Außer an einem ganz bestimmten Ort: den sozialen Medien. Hier dient Wut bzw. Wut erzeugender Content einem ganz wichtigen und mächtigen algorithmischen Mechanismus - dem Engagement

Und das hat laut einer Studie der Yale University2 einen spannenden Lerneffekt. Die Forschenden konnten beobachten, dass Personen, die sich einmal auf Social Media über etwas aufregt haben, das sehr wahrscheinlich wiederholen werden. Und zwar, da sie durch das höhere Engagement (also mehr Likes, Shares und Kommentare zum Post) von anderen Nutzenden positiv dafür konditioniert werden. 

Wenn wir auf Insta & Co. also unserer Wut in Form von Beiträgen freien Lauf lassen und erleben, dass diese Posts viel besser performen als “ruhigerer” Content, dann fühlt sich die Wut auf einmal akzeptabel, sogar erwünscht und erfolgreich an.

Einer der Forschenden an der Studie, William Brady, fasst es so zusammen: “This is the first evidence that some people learn to express more outrage over time because they are rewarded by the basic design of social media.”3

Algorithmic Anger

Social Media zu nutzen kann eine*n also tatsächlich wütender machen, als man eigentlich ist. Das bestätigt auch meinen persönlichen Eindruck. Jedes Mal, wenn ich das Handy kopfschüttelnd zur Seite lege, weil ich in den Insta-Kommentarspalten wieder den Glauben an die Menschheit verloren habe. 

Aber kann es nicht auch gut sein, wenn die sozialen Medien uns helfen Wut auszudrücken, die wir sonst immer so krampfhaft unterdrücken? Schließlich ist das auch nicht gesund4.

Eine weitere spannende Beobachtung aus dem Bereich “Studien über die emotionalen Auswirkungen von Social Media Nutzung”5 ist jedoch die, dass die Wut, die wir dort konsumieren und platzieren, gar nicht unbedingt dieselbe ist, die wir im Alltag verdrängen.

Der Engagement-Mechanismus sei es, der maßgeblich bestimme, Themen stärker zu pushen, über die sich sonst nicht so viele Menschen aufgeregt hätten. Also aus einer Social Media-Mücke einen Emotions-Elefanten zu machen.

Denn wenn sich viele Leute über etwas aufregen und noch mehr von ihnen darauf reagieren, dann muss an der Wut wohl etwas dran sein. Nur stimmt das so wahrscheinlich nicht.

So werden Geschichten, die im Vergleich zum Weltgeschehen eher kleinere Geigen spielen, zum großen Konzert aufgeblasen. Oder es entsteht der Eindruck, dass die Menschen in unserer Gesellschaft fast nur noch wütend aufeinander seien, weil die Kommentarspalten angeheizt durch Rage Bait Content genau diesen Eindruck machen.

Es ist schwer festzustellen, wo die Wut zuerst war - im Internet oder außerhalb - oder welche Themen tatsächlich wie viel Wut und Aufschrei in der Gesellschaft und nicht nur auf Social Media produziert hätten.

Aber man kann ja selbst einmal in sich gehen und überlegen: Hätte zum Beispiel das Drama um den gestrandeten Wal vor ein paar Monaten die Gemüter auch ohne Tiktok-Trend und Insta-Berichterstattung so erhitzt?

Ich bin auf Instagram wütend

Vor einiger Zeit ist mir eingefallen - natürlich wieder nur im Nachhinein - was ich der Person aus dem Publikum bei meiner Buchpremiere hätte antworten können. Nämlich, dass sich meine Wut meistens auf Instagram abspielt. 

Auch ich teile dort die Beiträge, die bei mir und anderen feminist rage auslösen und treffe verallgemeinernde Aussagen über Männer oder Tech-Kapitalisten, die meine Wut zum Ausdruck bringen sollen. Aber das war’s dann auch schon.

Dabei bewegt online Wut meistens gar nichts. Außer diejenigen, die zu viel durch dieses Geschimpfe scrollen, mit Einsamkeitsgefühlen und Weltuntergangsfantasien zurückzulassen. Im Internet wütend zu sein ist wie Kaugummi kauen, wenn man am verhungern ist.

Solange wir unsere Frustration und den angesammelten Zorn nicht auch in politische Aktionen in “der echten Welt” umsetzen, ist unsere aktivistische online Wut auf Social Media nutzlos, aber dort gut aufgehoben. Da bewegt sie schließlich nichts außer den Kontostand einzelner sehr reicher Männer nach oben. Ob das wohl System hat 👀 

Übrigens gilt die Nutzlosvermutung nicht nur für Posts, sondern auch für wütende online Diskussionen in Foren oder Kommentarspalten. Hierzu habe ich letztens ein total erhellendes Gespräch mit der Journalistin Dana Buchzik zu Gast im Talk-Podcast von Raul Krauthausen angehört (Link in den Empfehlungen). 

Buchzik hat viel zu Mechanismen der politischen Radikalisierung gearbeitet und ist zusätzlich Kommunikationsberaterin. Sie hat ein Buch6 über die Fragen geschrieben, warum radikale Ideologien bei Menschen immer wieder verfangen und wie man sie kommunikativ wieder aus deren Sog befreien kann. 

Mit online Trolls und Kommentar-Diskussionen kennt sie sich also bestens aus und ihr Fazit ist: digital zu diskutieren hat meistens keinen Effekt.

Heißt, keine der beiden Seiten sieht den Standpunkt der anderen und der scheinbar öffentliche Raum, in dem das Wortgefecht stattfindet, kann zusätzlichen Druck erzeugen, Recht behalten zu wollen oder weiterhin zu seiner Ideologie zu stehen.

Letzteres steht in Zusammenhang mit einem Punkt, der mich ganz besonders überrascht hat: Buchzik erklärt im Gespräch mit Krauthausen, dass es gerade im extrem rechten Spektrum super gefährlich für einzelne Akteure werden könnte, sollten sie im Internet für alle lesbar zugeben, dass sie ihre Meinung geändert haben. Denn dann bestünde die Gefahr, dass der rechte Mob sich gegen sie selbst wendet. Und das kann nicht selten auch reale Gewalt bedeuten.

Das heißt also:

Online Diskussionen helfen wahrscheinlich genauso wenig wie Aktivismus, der sich aus dem digitalen Raum nicht auf die Straße, an die Wahlurne oder in die Politik übersetzt.

Und algo-gesteuerte online Wut verzerrt unseren Eindruck von den Menschen da draußen und was sie wirklich bewegt. 

Stattdessen sollte unsere Wut - innerhalb angemessener Grenzen -, wenn sie in der Realität aufkommt, auch in eben dieser bearbeitet und bewältigt werden.

Wer weiß, zu welchen großartigen Aktionen sie uns dort bewegen kann. Und wenn es nur darum geht zu lernen, endlich unbequem zu werden und häufiger “Nein!”7 zu sagen.

Wirklichkeits-Wut wirkt Wunder.

Empfehlungen

🎧 Wie angekündigt, möchte ich wärmstens die Folge von Raul Krauthausens Podcast “Im Aufzug” mit Dana Buchzik empfehlen. Es geht um Deradikalisierung, Mechanismen von Hass im Netz und was ihr Aufwachsen in einer Sekte dazu beitrug, was sie heute macht (Hier geht’s zur Folge (Öffnet in neuem Fenster)).

🎬 Immer mal was Neues: Heute mache ich hier zum ersten Mal eine Film-Empfehlung. “Die Vorkosterinnen” auf Netflix hat mich ziemlich überzeugt. Auf den Erfahrungen einer Zeitzeugin aufbauend, die in den letzten Kriegsjahren dazu gezwungen wurde, das Essen für Hitler vorzukosten, erzählt der Film viel über die Situation junger Frauen in Nazi-Deutschland. Der Film macht natürlich keine gute Laune, erinnert aber nochmal effektiv daran, worauf wir wirklich wütend sein können.

Tales from the US

Willkommen zu einem neuen Kurzformat in diesem Newsletter, in dem ich Eindrücke aus dem Monat schildere, den ich dieses Jahr in den Vereinigten Staaten von Amerika verbracht habe. Ich habe mich in Großstädten an der Ostküste und dem mittleren Westen aufgehalten, allerdings auch einen Schlenker aufs Land in die Südstaaten gemacht. Und dabei so einiges erlebt 🤠

Was ich hier aufschreibe, sind Erlebnisse, die aus politischen oder persönlichen Gründen in meinem Gedächtnis hängen geblieben sind.

Meistens weil sie mich überrascht und mir dieses facettenreiche Land näher gebracht haben, das mir gleichzeitig so vertraut vorkam und doch sehr fremd war. Aber manchmal einfach nur, weil’s witzig war 😁 Enjoy!

Jedes Ma(h)l ein Burger…

Ich habe in dem Monat, den ich dieses Jahr in den USA verbracht habe, so viel öfter Burger gegessen, als ich das eigentlich wollte. Nur aus ganz anderen Gründen, als ich das vorher dachte.

Vor meiner ersten Reise in die USA hatte ich schon befürchtet, dass ich viel mehr Fastfood essen würde als Zuhause. Nicht nur, weil dieses Land für McDonalds, Taco Bell, Burger King, Culver’s & Co. so bekannt ist. Sondern auch, weil ich Sorge hatte, mir ein gesundes Gericht im Restaurant oder frische Zutaten im Supermarkt nicht so oft leisten zu können wie in Deutschland. 

Tatsächlich hatten die Rezession und der Iran-Krieg im März 2026 schon starke Auswirkungen auf die Lebenshaltungskosten in den Staaten gehabt. Nicht nur der Sprit, der mit Mitgliedsausweis bei den Sam’s Club eigenen Tankstellen billiger zu haben war, sorgte für lange Warteschlangen vor dieser Supermarktkette der Superlative.

Auch die Tatsache, dass es sich in Sam’s Clubs hauseigenen Schnellimbiss-Kantinen seit 30 Jahren ungefähr für die gleichen Preise Hotdogs oder Pizza essen lässt (ein Dog mit Drink für $1,50!!), lockte die breite Bevölkerung vor die Tür, in ihre Autos und auf die blauen Bierbänke des Imbiss direkt zwischen Eingangsbereich und Supermarktkassen.

Denn nicht nur waren Nahrungsmittel überall teurer geworden, auch die berühmten Riesenportionen, die Teil des weltweiten kulinarischen Rufs der USA sind, waren verschwunden. Zwar wurden meine Begleitungen und ich überall, wo wir einkehrten, auch satt, aber Doggy Bags für den nächsten Tag nahmen wir so gut wie nie mit nach Hause. 

Apropos “Doggy Bag”. Ich habe bisher nicht recherchiert, woher dieser Begriff stammt und auch noch nicht hinterfragt, was Essensreste mit Hunden zu tun haben sollen, die ganz klar am nächsten Morgen kalt (oder im Stehen nachts am Kühlschrank) von Menschen verputzt werden.

Ganz einfach, weil es unter meinen kölschen Großtanten und -onkeln früher ganz normal war, sich das Fleisch im Restaurant einpacken zu lassen, das man nicht mehr runter gekriegt hatte.

Weil man sich aber nicht die Blöße geben wollte, zuzugeben, dass man das bereits bezahlte Abendessen nicht wieder in die Küche zurückgehen lassen konnte, ließ man sich die Filetstücke in Alufolie eingewickelt vom Kellner mit den Worten “Dat es för de Hunk” (Das ist für den Hund) überreichen.

Deswegen, liebe Amis, “Doggy Bag” makes perfect sense to me. Wer weiß, wer hier wen beeinflusst hat.

Aber zurück zu den Fleischstücken, die ich unter Stöhnen aufgegessen habe, obwohl sie mir eigentlich viel zu viel waren: die Burger. 

Jedes Mal, wenn wir uns in ein Diner oder einen Pub setzten, und ich mangels großem Hunger nur eine Kleinigkeit essen wollte, habe ich am Ende einen Burger bestellt.

Das lag daran, dass ich nicht wusste, dass ich gerade einen Burger bestelle. Denn Burger heißen in den USA meistens “Sandwich”.

Ganz anders als auf Denglisch bezeichnet der Begriff “Burger” in den Staaten nämlich nur das Rindfleischpatty. Das ganze Konzept eines Stücks Fleisch oder Fleischersatz garniert mit Saucen und Salat zwischen zwei Brötchenhälften dagegen - das ist dort ein Sandwich. 

Wer in den USA also Beef essen will, bestellt einen Burger. Wer sich wie ich - ein deutsches Toastbrot - in den USA ab und zu nach einem guten alten Butterbrot anstatt nach einer vollen Mahlzeit sehnt, und deswegen ein Chicken Sandwich bestellt… bekommt auch einen Burger. 

Es brauchte über drei Wochen und viele “unfreiwillig” verspeiste (deutsche) Burger mit Pommes, bis ich verstand, dass selbst “handhelds” keine Sandwiches auf Brotscheiben sein werden - außer sie tragen das Zauberwort “Club” im Namen.

Chicken Club Sandwich. Turkey Club Sandwich. Das waren die Butterbrote, nach denen ich mich sehnte. Ich wusste nur nicht, auf welches Wort es hierbei ankam.

Normalerweise erklären wir Kindern, dass sie gar nichts kriegen, wenn sie das “Zauberwort” weglassen.

Wenn man es in einem amerikanischen Diner weglässt, bekommt man anscheinend deutlich mehr als gar nichts. Einen Chicken-Burger mit Fritten statt eines Butterbrots mit Hähnchenaufschnitt zum Beispiel.

Da meint man, man beherrscht eine Sprache und wird doch immer wieder überrascht.

Naja, jetzt weißt du für den nächsten USA-Besuch jedenfalls auch Bescheid. Also willkommen im Club 😉

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Danke für’s Lesen und liebe Grüße von

Cleo

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Quellen
  1. Wut schützt (Öffnet in neuem Fenster)

  2. Originalstudie Yale Universität (Öffnet in neuem Fenster)

  3. PM und Artikel zur Yale Studie (EN) (Öffnet in neuem Fenster)

  4. Auswirkungen unterdrückter Wut auf psychische Gesundheit (Öffnet in neuem Fenster)

  5. Analyse zur Yale Studie (DE) (Öffnet in neuem Fenster)

  6. Buchzik: Warum wir Familie und Freunde an radikale Ideologien verlieren - und wie wir sie wieder zurückholen können (Öffnet in neuem Fenster)

  7. Buchzik: The Power of No. Warum wir endlich unbequem werden müssen (Öffnet in neuem Fenster)

Kategorie Cleographie

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