Zum Hauptinhalt springen

Was in deinem Gehirn passiert, wenn du schlafwandelst

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es um ein Gehirn, das sich nicht entscheiden kann: Bin ich wach – oder nicht?

Eine gezeichnete Stadt in der Nacht. Im Vordergrund geht ein Mann mit Jacke und geschlossenen Augen durchs Bild.
KI-generiert mit Midjourney.

In einem meiner ersten Jahre als Betreuer im Zeltlager, ich war vielleicht 18 oder 19 Jahre alt, saß ich nachts allein vor dem Essenszelt. Von dort aus kann man fast den kompletten Platz sehen; von der Zeltgruppe, wo die Kinder schlafen, über den Fußballplatz bis zu den Toiletten. Die meisten Betreuer:innen waren schon im Bett. Plötzlich schlich ein Junge in Schlafanzug zwischen den Zelten hervor Richtung Toilette.

Soweit, so gewöhnlich. Nicht so gewöhnlich war aber, dass er keine Schuhe trug. Die Tage zuvor hatte es ständig geregnet, der Fußballplatz, über den man zu den Toiletten kommt, war matschig. Ich erkannte den Jungen, rief seinen Namen. Keine Reaktion. Ich rief nochmal, diesmal lauter. Wieder nichts. Schließlich stand ich auf, trabte in seine Richtung. Als ich gemerkt habe, dass er immer noch nicht reagiert, wurde es mir klar: Der Junge schlafwandelt.

Und das kommt deutlich öfter vor, als ich dachte. Schätzungen zufolge schlafwandelt fast jeder fünfte Menschen mindestens einmal in seinem Leben. Schlafwandler laufen rum, kochen, fahren Auto, schwimmen – und erinnern sich an all das nicht mehr, wenn sie aufwachen. Im September ist ein achtjähriger Junge in Bayern gegen 2 Uhr früh durch die Stadt zu seiner Schule schlafgewandelt. 1987 fuhr ein Kanadier im Schlaf mit dem Auto über einen Highway rund 30 Kilometer nach Toronto, brach dort in das Haus seiner Schwiegereltern ein und tötete seine Schwiegermutter. Vor Gericht wurde er – wie auch andere Angeklagte in ähnlichen Fällen – vom Vorwurf des vorsätzlichen Mordes freigesprochen, weil das Gericht glaubte, dass er tatsächlich geschlafwandelt hatte.

Das ist natürlich der extremste Extremfall, den man sich vorstellen kann. Aber was steckt hinter Schlafwandeln? Wieso können wir überhaupt irgendwas tun, während wir schlafen?

Wir leben nicht unsere Träume aus, wenn wir schlafwandeln

Wenn du diesen Newsletter schon länger liest, müsstest du dich sehr darüber wundern, dass es so etwas wie Schlafwandeln überhaupt gibt. Wie ich in mehreren Episoden (Öffnet in neuem Fenster) über Schlafen und Träumen beschrieben habe, bewegen wir Menschen uns im Schlaf in der Regel nicht. Zumindest gehen unsere Bewegungen nicht über automatisches Drehen auf die andere Seite oder reflexartiges Zucken hinaus. Das ist ziemlich praktisch, denn würde der Mensch all das ausleben, was er träumt, wäre das relativ lebensgefährlich. Gut, dass es die Schlafparalyse gibt. Wenn wir schlafen, ist unser Motorkortex zwar aktiv (wir bewegen uns ja in unseren Träumen durchaus hin und her) – unser Körper führt die Bewegungen aber nicht im echten Leben aus.

Wenn wir schlafwandeln, passiert das sowieso nicht in der REM-Schlafphase, also in der Phase, in der wir träumen. Schlafwandeln ist kein Traum, der zu real wird. Zur Erinnerung: Der menschliche Schlaf gliedert sich in zwei Hauptarten: REM-Schlaf (Rapid Eye Movement) und Non-REM-Schlaf (NREM), die sich in Zyklen von etwa 90 Minuten wiederholen. Der NREM-Schlaf besteht aus drei Phasen: In Phase 1 gleitet das Gehirn vom Wachzustand in den Schlaf; die Gehirnaktivität verlangsamt sich. In Phase 2, dem stabilen Leichtschlaf, sind die Muskelaktivität und Körpertemperatur reduziert, und sogenannte „Sleep Spindles“ (kurze Aktivitätsschübe im EEG) festigen Gedächtnisinhalte.

Die tiefste Phase ist die dritte Phase, der Tiefschlaf oder Slow-Wave-Schlaf, in dem langsame Delta-Wellen dominieren. Hier regeneriert sich der Körper, und das Gehirn verarbeitet Erlebnisse. Der anschließende REM-Schlaf ist durch schnelle Augenbewegungen, lebhafte Träume und hohe Gehirnaktivität gekennzeichnet. Diese Phasen wechseln sich mehrmals pro Nacht ab, wobei gilt: Je länger die Nacht, desto länger werden auch die Traumphasen.

Tief schlafen und herumstolzieren

Wer schlafwandelt, tut das im Slow-Wave-Schlaf. Wenn du Menschen aus dieser Schlafphase aufweckst, gucken sie dich meistens ziemlich verdutzt an.

Um zu verstehen, was hinter Schlafwandeln steckt, ist eine Erkenntnis wichtig: Wie viele Dinge wir den ganzen Tag über so treiben, ohne ihnen aktiv Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn du dich dazu entscheidest, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, ist (unter anderem) dein präfrontaler Kortex beteiligt. Eine der wichtigsten Regionen, wenn es um Entscheidungen und rationales Denken geht. Das Fahrradfahren an sich, das Bewegen der Muskeln, das Treten der Pedalen, ist aber ein weitgehend automatischer Prozess. Du musst nicht bei jedem Tritt in die Pedale neu entscheiden, dass du jetzt treten möchtest – du machst es einfach. Heißt: Du brauchst nicht für alles, was du tust, deinen präfrontalen Kortex oder dein Bewusstsein.

Hallo, aufwachen! Die eine Hälfte deines Gehirns hat schon losgelegt!

Warum genau Menschen schlafwandeln und welche neurobiologischen Auslöser es im Gehirn gibt, ist noch nicht gut erforscht. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, was währenddessen im Gehirn passiert.

Schlafwandeln tritt typischerweise in der ersten Nachthälfte auf, wenn der Tiefschlaf, also der Slow-Wave-Sleep, am stärksten ist. Das Problem ist nun: Wenn wir schlafwandeln, sind einige Teile des Gehirns schon wach (Öffnet in neuem Fenster), während andere noch schlafen (Öffnet in neuem Fenster). Die motorischen und emotionalen Zentren, die deine Routinen steuern, erwachen teilweise, Bewusstseins- und Gedächtnisbereiche (z. B. der präfrontale Kortex) pennen weiter.

Denn: Wie man mittlerweile weiß, gibt es beim Wachsein und Schlafen keinen An- und Ausschalter, also kein entweder oder. Schlafen und Wachsein sind vielmehr Teil eines Kontinuums, die Übergänge sind fließend. So wie auch der Übergang von Tag zu Nacht fließend ist, die Sonne geht unter, langsam, sie ist nicht einfach von jetzt auf gleich weg.

Bei Schlafwandlern werden Abläufe im Gehirn aktiv, die als Routinen gespeichert sind. Sie können ohne das Bewusstsein ablaufen. Das Ergebnis: Du läufst herum, öffnest Türen, redest vielleicht sogar – aber ohne, dass das „Ich“ wirklich anwesend ist. Ein Körper ohne Pilot. Kinder schlafwandeln übrigens häufiger als Erwachsene, weil ihr Gehirn noch lernt, zwischen Schlafstadien sauber zu wechseln, und weil die Regionen wie der präfrontale Kortex sowieso noch nicht vollständig ausgebildet sind.

Bei Erwachsenen spielen andere Faktoren eine Rolle: Schlafmangel, Stress, Alkohol oder Medikamente, die das Aufwachen aus dem Tiefschlaf begünstigen. Auch genetische Komponenten scheinen mitzuwirken, in manchen Familien wandeln gleich mehrere Generationen nachts durchs Haus. Bei Schlafwandlern wird (Öffnet in neuem Fenster) der Motorkortex auch im Wachzustand weniger gehemmt. Weniger gehemmt heißt: minus mal minus ergibt plus. Das deutet auf eine generelle Veränderung der neuronalen Regulation hin.

Was aber tun, wenn du mit einem Schlafwandler unter einem Dach lebst? Soll man ihn wecken? Festhalten? Oder einfach machen lassen?

Wie du reagieren solltest, wenn dein Kind oder Partner schlafwandelt

Erstens: Nicht abrupt wecken. Schlafwandler sind in einem Zwischenzustand, und ein plötzliches Aufwecken kann Panik oder Aggression auslösen. Stattdessen leise ansprechen, aus sicherer Entfernung, und sanft zurück ins Bett führen.

Zweitens: Gefahren minimieren. Türen abschließen, Treppen sichern, Fenster verriegeln. Viele Schlafwandler verletzen sich nicht durch das Wandeln selbst, sondern durch den Raum, der nicht darauf ausgelegt ist, dass sich Menschen ohne Bewusstsein in ihm bewegen.

Drittens: Routinen stabilisieren. Ein fester Schlafrhythmus, ausreichend Schlaf, kein Alkohol vor dem Zubettgehen. Das Gehirn liebt Vorhersehbarkeit – vor allem, wenn es zwischen Wachsein und Schlaf sauber trennen soll.

Und viertens: Wenn es regelmäßig passiert, sollte man das schon mal ärztlich abklären. Eine Schlaflaboruntersuchung kann helfen, andere Ursachen auszuschließen, etwa epileptische Anfälle im Schlaf oder REM-Verhaltensstörungen.

Dankt der Zuschauerin bei der Lesung in Pforzheim, die mich mit ihrer Frage zu dieser Ausgabe inspiriert hat: Dein Bent 🫶🏻🧠

➡️ Zum Archiv (Öffnet in neuem Fenster)

0 Kommentare

Möchtest du den ersten Kommentar schreiben?
Werde Mitglied von Das Leben des Brain und starte die Unterhaltung.
Mitglied werden