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Der betörende Glanz der Dummheit (Esther Vilar)

antike Vase, Sirenen und Odysseus, schwarzer Untergrund, Figuren ausgelassen (nicht schwarz bemalt)
Odysseus und die Sirenen (Vasenbild, ca. 475–450 v. Chr.)

Esther Vilar hat ein Buch geschrieben, das genau diesen Titel trägt und als ich den gelesen habe, traf er für mich den Nagel auf den Kopf. Dieser Titel liefert eine Zustandsbeschreibung – für das Offensichtliche in Form des Agierens der Reichen und Mächtigen in Konzernzentralen, der Politiker:innen und Regierungen. Er tut dies aber gleichermaßen für das Verhalten der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“, die sich im besten Fall immer mal kurzfristig empört (oft über die falschen Dinge), in der Regel schweigend mitläuft, sich einlullen lässt vom – genau – betörenden Glanz der Dummheit oder immer häufiger selbst keifend fordert, was inzwischen längst nicht mehr erst die AfD an der Macht braucht, um umgesetzt werden.

Die griechische Mythologie berichtet uns ebenfalls schon von einem solchen Phänomen in Form der Sirenen, die vorbeifahrende Schiffe durch wunderschönen Gesang und – je nach Überlieferung – betörendes Äußeres anlockten und die Besatzung töteten. Auch in diesem Fall musste der jeweilige Held, allen voran Odysseus, kreativ werden, um nicht in diese Falle zu tappen. Verlockungen, eingesetzt und genutzt, um Unheil zu bringen, sind also keine neuen Phänomene. Aber sie halten sich und ziehen sich durch bis in die Gegenwart, wo sie nicht mehr zwangsläufig als Mythen wahrgenommen werden in Form von Vasenbildern und Heldengeschichten, sondern sich als Tatsachen tarnen.

Eine neue Definition von „Dummheit“

„Dummheit“, meint Esther Vilar, muss im Zeitalter von Computer, riesigen Rechenzentren und KI anders definiert werden als jemals zuvor. Angesichts der Leistungsfähigkeit und des rasanten Ausbaus der elektronischen Albträume spricht sie sich dafür aus, Intelligenz als Zusammenspiel von Phantasie und Sensibilität zu verstehen. Dummheit zeichnet sich dann nicht durch mangelndes Wissen, fehlende Rechengewandtheit oder Auffassungsgabe aus, sondern durch fehlende Kreativität, Humorlosigkeit, Gefühlskälte und Rücksichtslosigkeit. Doch obwohl sich niemand mit derlei Eigenschaften schmücken würde, erscheint diese Art von „Dummheit“ geradezu Voraussetzung für gesellschaftlichen und politischen Aufstieg. Ihr Glanz betört. Und sie findet sich eben nicht nur bei den Herrschenden, was meiner Meinung nach auch die weitaus größere Gefahr und das wirklich Besorgniserregende ist. Herrschende und Mächtige sind immer eine Minderheit, sie sind in der Unterzahl, was mit den richtigen Ideen, Kreativität und Entschlossenheit inklusive der Macht der Vielen immer Optionen lässt. Aber die Massen außerhalb der zahlenmäßig kleinen Eliten stellen uns vor die wirklichen Probleme, weil diese Massen (die sogenannte Mitte der Gesellschaft) eben zunehmend kein Faktor auf unserer Seite der diversen Kämpfe mehr sind, im Gegenteil. Sie sind Teil des Problems, egal ob wir von imperialistischer Lebensweise und Arbeiter:innen des globalen Nordens reden, von denen, die Antifaschismus auf ihr Demoschild schreiben, aber bedingungslosen Gewaltverzicht predigen und Nazis mit Sonnenschein und Liebe begegnen wollen oder von AfD – Wähler:innen.

Es fehlt nicht an Wissen

Während die Vorherrschaft von Mittelmaß (irgendwie auch ein Synonym für Realpolitik a là Grün mit all den Kompromissen auf Kosten der Marginalisierten und des Planeten und für die viel beschworene Verhältnismäßigkeit der Mittel) und Selbstbezogenheit (als direkte und gewollte Konsequenz von Kapitalismus und Vereinzelung) in Politik und Gesellschaft um sich greift, zeigt sich, dass nicht mangelndes Wissen und fehlende Informationen zu Katastrophen und katastrophalen Entscheidungen führen. Im Gegenteil! Wir Klimaaktivst:innen und Antifas können uns vor Studien, wissenschaftlichen Abhandlungen, Theorien (die zu oft inzwischen leider oft bereits praktische Realität geworden sind), Argumenten, Graphiken, Statistiken und sogar Gerichtsurteilen kaum retten. Selbst die Realität legt mittlerweile täglich live und in Farbe Zeugnis für uns ab. Trotzdem werden bewusst und konsequent katastrophale Entscheidungen getroffen und in Gesetze und Abkommen gegossen – Wehrpflicht, Waffenlieferungen (Sch*iß auf Völkermorde), Heizungsgesetz, GEAS, Mercosur, Verbrenner, Sozialabbau, Grundsicherung, Abbau von Gleichstellung und Schutz für LGQBTI*, um nur einige der Verbrechen zu benennen, die die deutsche Regierung (mit) zu verantworten hat. Intelligenz hat laut Esther Vilar nämlich weniger mit Wissensanhäufung, sondern vielmehr mit Phantasie und Sensibilität zu tun und ich denke, da liegt sie richtig. Doch diese Form von Intelligenz wird in unserer gesellschaftlichen Struktur nicht gefördert, denn Erfolg hat zu oft, wer gnadenlos den eigenen Egoismus vorantreibt, (im wahrsten Sinne) über Leichen geht und sich dann noch für einen Gutmenschen hält, wenn er seinen Ruhm und erworbenen Reichtum bei Spendengalas, zur besten Sendezeit und auf roten Teppichen zur Schau trägt. Andere zelebrieren inzwischen auch bereits völlig schamfrei ihre Macht und geben sich keinerlei Mühe mehr, ihre Absichten zu kaschieren.

Wissen ist Macht und Macht ist Wissen

Wissen ist zwar noch immer Macht – aber eben eher das Wissen darüber, wie es möglich ist, ohne nennenswerte Konsequenzen davonzukommen mit dem, was man aus Eigeninteresse (Macht, Profit) tut, obwohl viele dadurch zu Schaden kommen. Wissen, wie man sich in Szene setzt und den eigenen Bullshit verkauft. Macht, die auf diesen Fundamenten gebaut ist, wird umso problematischer, weil Macht – wie Liebknecht schon sagte – immer auch Wissen ist und sich ein Teufelskreis ergibt, der sehr schwer zu durchbrechen ist. Als Ägyptologin weiß ich, dass es in der Regel die Sieger und Mächtigen sind, die die Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes schreiben und somit „Wissen“ schaffen, auf dass wir auch Jahrhunderte oder Jahrtausende später noch zugreifen, aus dem wir lernen und Schlüsse ziehen. Durchaus auch fatale und falsche Schlüsse, weil Wissen, das von Mächtigen und Siegern hinterlassen wird, eben oft keine neutralen Fakten, sondern Geschichten zum eigenen Vorteil sind.

So hat sicher kein Pharao, auch nicht der große Ramses II. jemals an vorderster Front gekämpft, die Feinde Ägyptens mit einer Hand am Schopfe gepackt, um sie mit der anderen Hand alle auf einen Streich erschlagen.

Tempel, Ägypten, Hieroglyphen und Bilder
Motiv: Pharao erschlägt Feinde, übergroßer Pharao packt mit 1 Hand Feinde und erschlägt sie mit der anderen Hand, in der er eine Keule schwingt
Tempel von Medinet Habu, Theben-West, Neues Reich, 20. Dynastie
das selbe Motiv wie beim oberen Bild, hier ist Ramses II. beim Erschlagend er Feinde zu sehen
Ramses II., Abu Simbel

Dieses Motiv wurde zu einer Chiffre, zu einer mythischen Erzählung mit einem Zweck: Demonstration der eigenen Stärke gegenüber den Gegnern Ägyptens, Verdeutlichung und Legitimierung der eigenen Größe und Übermacht, im Einklang mit und dank Unterstützung durch die Götter und - nicht zu unterschätzen - die Vermittlung eines Sicherheitsgefühls an das eigene Volk, was ein erheblicher Faktor für die persönliche Sicherheit und den Machterhalt des Herrschers war. Geschichten so zu erzählen und sich selbst entsprechend zu präsentieren, dass die „Massen“ (ob innerhalb des eigenen Landes oder außerhalb davon) nur allzu gerne bereit waren, sich darauf einzulassen, sich davon beeinflussen zu lassen, war schon immer ein Schlüsselfaktor zu Machterhalt und -ausbau. Ob man dabei auf Furcht und Einschüchterung durch glaubhafte Drohungen und Demonstrationen der eigenen Stärke oder auf Blendung durch Reichtum und Ruhm setzt, bleibt der jeweiligen Situation überlassen. Beides wirkt, heute mehr denn je.

Hieroglyphen und Bilder, Tempel, Ägypten
Der Gott Chons hält Pharao Sethos I. die Zeichen für Leben (ankh) und Stärke (was) an den Mund. Die linke Hand des Gottes ruht schützend am Hinterkopf des Pharaos
Tempel von Abydos, 19. Dynastie, Neues Reich

Heute gibt es solche Chiffren ebenfalls, vermutlich mehr denn jemals zuvor. Eine immer wieder gern genutzte ist die vom „verdienten, erarbeiteten Reichtum“, die einen ähnlichen Zweck erfüllt wie die der starken, mutigen Pharaonen: ich bin besonders, ich bin im Recht, mir steht zu, was ich habe, und ich habe es durch Fleiß, Stärke, Ausdauer… erhalten, die "Dir“ offensichtlich fehlt. Wie die Menschen im Alten Ägypten wissen auch wir es eigentlich (vermutlich und hoffentlich) besser, aber trotzdem hält sich diese Erzählung, diese Wahrheit und sie wird immer wieder aufgerufen, um Kritik abzuwehren und als Neid zu diffamieren.

Der grüne Kapitalismus, die Energiewende, nie wieder ist jetzt – das sind alles als Tatsachen präsentierte Geschichten, die den öffentlichen Diskurs wider besseres Wissen prägen, Mächtige mächtiger und Reiche reicher machen und die wir zu oft nur zu gerne glauben (wollen). Wir lassen uns damit für dumm verkaufen, einlullen von einem falschen Gefühl, dass alles schon seine Richtigkeit hat, manches einfach so ist, quasi Gott gegeben wie ein Pharao. Je nach Bedarf schlucken wir auch jedwede Konsequenz aus diesem „Wissen“: entweder ist es unsere Schuld, dass wir nicht auch finanziell reich sind (weil zu faul, zu schwach) oder es liegt nicht in unserer Verantwortung, etwas zu verändern und es ist somit definitiv nicht unsere Schuld (siehe z.B. die Diskussion über die vermeintliche Allmacht des Lobbyismus). Und wir lassen uns damit ebenfalls ein Gefühl trügerischer Sicherheit vermitteln durch den Glauben, dass „andere“ schon wissen, was richtig ist, was zu tun ist und es für uns in unserem Interesse erledigen werden. Wir geraten so nur immer tiefer in die Probleme und Katastrophen.  Vielfältige Kollapsszenarien nehmen Fahrt auf und wir haben keinerlei Hebel dagegen. Im Gegenteil. Je schlimmer, unsicherer und unbequemer es wird, desto leichter lassen sich viele einfangen von Sirenen und desto dankbarer sind wir für das vermittelte Sicherheitsgefühl, egal wie trügerisch es ist. Es wird Verantwortung abgegeben, statt Gegenmacht zu organisieren.

Phantasie und Sensibilität

Die Phantasie im Nutzen für den eigenen Vorteil scheint keine Grenzen zu kennen, Sensibilität kommt in diesem Rahmen nicht vor. Aber auf unserer Seite, der Seite derjenigen, die noch immer nicht bereit sind, dem betörenden Glanz der Dummheit nachzugeben, die noch kämpfen – gegen das eine (Faschismus, Kapitalismus, Imperialismus) und für das andere (Gerechtigkeit, Gegenmacht) – dort mangelt es nicht an Sensibilität und Mitgefühl, an einem Gemeinschaftssinn. Aber es mangelt leider zunehmend an Phantasie und viel beschworener Kreativität und das ist ein weiterer Stein, der uns im Wege liegt, hin zu einer „besseren Welt“. Sensibilität und Mitgefühl machen uns dabei heftig zu schaffen und zu viele von uns ringen mit Depressionen, Burn Out -Symptomen und der Frage, wie die Miete bezahlt werden soll. Auch deshalb braucht es Kreativität und Phantasie, um im besten Fall etwas schonender mit uns und unseren Ressourcen umzugehen, während all der unterschiedlichen Kämpfe, die nicht im Sprint zu gewinnen sind, sondern auf einen Marathon hinauslaufen. Und es braucht sie, um mal wieder wirklich etwas zu gewinnen, um anzufangen, echte Gegenmacht aufzubauen und um weg zu kommen, von symbolischen Erfolgen, die eher eine Momentaufnahme des Gegenhaltens sind als eine Endlosserie mit wöchentlich neuen Folgen samt Happy Ends. Es braucht kreative Ideen, Menschen mit Phantasie und den Mut von uns allen, diesen Menschen und ihren Ideen Raum zu lassen, sie zu unterstützen und mitzumachen. Es gibt nichts mehr zu gewinnen ohne Risiko und um uns dem betörenden Glanz der Dummheit in all seiner Vielfältigkeit entgegenzustellen, müssen wir Risiken auf uns nehmen, kreativen Ideen zu folgen und keine Phantasie von Anfang an als unmöglich zu framen, sofern wir bereit sind, Neues zuzulassen, auszuprobieren und mehr Risiken auf uns zu nehmen. Mit unseren Slogans sind wir da schon viel weiter als mit unserer Praxis, denn gelebte Utopien fordern wir auf vielen Transparenten, bisher bleiben diese Forderungen aber aufgrund mangelnder Protest- und Aktionsintelligenz oft nur leere Phrasen. Dass wir genau die eigentlich besitzen, haben z.B. Castor schottern und Ende Gelände bewiesen, als diese neuen, kreativen Protestformen auf den Plan getreten sind.  Zeit, dass einmal mehr zu machen – Neues ins Spiel zu bringen, angepasst an die aktuelle Situation, die sich drastisch verändert hat im Vergleich zu den beginnenden 2000er Jahren. Massenaktions-Revival von Ende Gelände? Direkte Aktionen gegen Militarisierung? Zukunftstrainingslager? Antifaschismus, der den Namen wieder verdient? Von mir aus auch weiterhin Kampagnen für Konzernenteignungen und Schulstreiks gegen Wehrpflicht. Es gibt aktuell so viel Raum für kreative Aktionen und phantasievollen Protest wie es Themen gibt, die genau das erforderlich machen. Wir müssen und sollten uns aber endlich trauen und dabei ehrlich die Risiken benennen. Das nicht zu tun, wäre alles andere als eine kluge Entscheidung.

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