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Kollaps ist ein wiederkehrender Aspekt in der Geschichte

Als Ägyptologin war ich einer der glücklichsten Menschen überhaupt – lebe Deinen Traum, war genau das, was ich hinbekommen hatte. Dann kam aber alles anders und Ägyptologie, erst recht, um den Lebensunterhalt damit zu verdienen, ist so unerreichbar wie die 1,5° - Grenze. Trotzdem kann das Wissen aus mehreren Jahren Studium und Ausgrabungen hilfreich sein, um zu versuchen, Kollaps und dessen Konsequenzen zu veranschaulichen. Vielen ist inzwischen klar, dass zu vieles in falsche Richtungen läuft, es entsteht gerade eine Kollapsbewegung, bei der ich speziell den Aspekt des solidarischen Preppens im Sinne von Netzwerk- und Strukturaufbau wesentlich finde. Gleichzeitig erreichen die Verdrängung und der Abwehrkampf gegen die Realität täglich neue absurde Höhepunkte und auch bei denen, die verstanden haben, dass einiges bereits kollabiert, habe ich immer wieder den Eindruck, dass die Ausmaße dessen noch nicht angekommen sind bzw. auch hier eine Verdrängung einsetzt.

Das Alte Reich und sein Ende als Folge von Dürren und ihren multiplen Konsequenzen

In diesem Zusammenhang ist mir immer wieder eines der beeindruckendsten Reliefs eingefallen, die die Zeit überdauert haben. Am Aufweg zur Pyramide von Unas in Saqqara, einem Pharao des Alten Reiches, wurde ein Relief gefunden, das hungernde, ausgezehrte und zusammengesunkene Menschen zeigt, inklusive einem Kind, das um Essen bittet. Das ist eine ungewöhnliche Wahl für Reliefs königlicher Bestattungen, die in der Regel von Heldentaten des Pharaos, seinen Interaktion mit Göttern berichten und Ausblicke auf sein Leben im Jenseits als Gott unter Göttern zeigen.

hungernde Menschen auf einem Relief im Zusammenhang mit Pyramode des Unas, einem Pharao des Alten Reiches, Saqqaraweiterer Teil des oben genannten Reliefs, das auch ein Kind zeigt, welches um Essen bittet

Auch im Felsengrab des Anch-Tifi, eines hohen Beamten (heute würden wir ihn warlord nennen) der sogenannten 1. Zwischenzeit, die sich an den Zerfall des Alten Reiches anschloss, finden sich untypische Inschriften: „Ganz Oberägypten kam vor Hunger um, sodass die Menschen schließlich ihre Kinder aßen“, heißt es in einem Abschnitt dieser Überlieferung, an die sich dann überschwängliche Lobpreisungen über das eigene Handeln in dieser Zeit anschließen.

1996 wurde im Norden des Landes, fernab der Pyramiden und im Nil-Delta gelegen, bei Ausgrabungen von Prof. Donald Redford eine Grabstätte aus dem Alten Reich entdeckt, die ebenfalls ins immer deutlich sichtbarere Bild passt: fast 9.000 Körper konnten hier ausgegraben werden, die mit einfachen Schilfmatten bedeckt und teilweise so dicht gestapelt worden waren, dass man „darüber stolpern konnte“. Seltsam an diesem Fund ist aber nicht nur die Zahl der toten Körper, sondern die Tatsache, dass scheinbar gänzlich auf den zu dieser Zeit sehr ausgeprägten Totenkult verzichtet wurde, bei dem es u.a. um eine exakte Ausrichtung und Positionierung der Leichen ging. Sie alle mussten in etwa zur gleichen Zeit gestorben sein und die Grabbeigaben, die in Miniaturform Dinge darstellten, an denen es den Verstorbenen im Jenseits möglichst nicht mangeln sollte, zeugen von einer materiell sehr armen Siedlung. Politische Unruhen allein können zu dieser Zeit kaum derart apokalyptische Ausmaße annehmen.

Unas regierte im 24. Jahrhundert v. Chr. als Pharao der 5. Dynastie, kurz vor dem Zusammenbruch des Alten Reiches unter Pepi II. in der 6. Dynastie. Eine Dezentralisierung der Verwaltungsstrukturen mit über das Land verteilten Verwaltern stellte regionale Zentren her, die mit schwindendem Einfluss und wackelnder Macht der letzten Pharaonen des Alten Reiches stetig an Bedeutung gewannen. Die Zentralregierung verlor nach Kriegszügen gegen Libyen, Nubien und Palästina immer mehr an Einfluss und sah sich zudem verstärkt Angriffen von außen ausgesetzt, wie solchen von innen, weil das Wanken des Giganten nicht unbemerkt blieb. Forschungen deuten darauf hin, dass Klimaveränderungen mit ausbleibenden Nilhochwassern, zum Niedergang des Alten Reiches beigetragen haben, wofür auch die nahezu gleichzeitigen Umbrüche in Sumer und der Indus-Kultur sprechen.

Nilüberschwemmungen und ihr Ausbleiben

Die jährlichen Überschwemmungen des Nils machten die Ufer des Flusses zur „Kornkammer Nordafrikas“ und formten den Wohlstand des Alten Reichs. Doch in dieser Zuverlässigkeit und der damit verbundenen Abhängigkeit steckte auch die Gefahr: Bleibt die Nilschwemme aus (dies zu verhindern, war Hauptaufgabe des Pharaos), dann gibt es auch kein fruchtbares Land. Die Wüste gewinnt die Oberhand, Ernten bleiben aus und die rasch gestiegene Bevölkerungszahl (logische Folge einer langen, stabilen Phase einer zentralisierten Hochkultur) sorgt für eine Katastrophe. Eine Säule in Kairo, die noch zur Zeit der Araber in Ägypten den Wasserstand des Nils dokumentierte, zeigt teils stark schwankende Wasserhöhen über Jahre und Jahrzehnte hinweg. Von einer echten Regelmäßigkeit konnte also kaum mehr die Rede sein, etwa jede fünfte Nilflut fiel sogar extrem schwach aus. Doch das allein provoziert noch keine landesweite Hungersnot. Das Ausmaß muss erheblich größer gewesen sein. Die unwirtliche Wüste Ägyptens ist ein gutes Beispiel hierfür. Noch vor 7.000 Jahren wuchsen hier Akazien und Gräser, es gab Grundwasser und Säugetiere. Heute ist sie einer der unbewohnbarsten Orte der Welt. Die Antwort lieferte am Ende eine Tropfsteinhöhle im benachbarten Israel, die einmalige Daten über die klimatischen Veränderungen bot. Ein 4200 Jahre alter Stalaktit erzählte im Massenspektrometer davon, dass zu dieser Zeit die Niederschlagsmenge gut 20% niedriger war als üblich. Dadurch ergibt sich die bis jetzt dramatischste und rasanteste Klimaveränderung der letzten 5.000 Jahre, wobei durch Geologen festgestellt werden konnte, dass diese Veränderung nicht nur lokaler Natur war, sondern diverse Regionen umfasste und sich als zeitliche und geographische Aneinanderreihung von extremen Dürren nachvollziehen lässt. Das Klima geriet außer Kontrolle und Ägypten wurde Zeuge und Opfer dieser Klimaverschiebung, dessen sind sich viele Wissenschaftler:innen inzwischen einig. Viele Menschen bauten zur damaligen Zeit nicht mehr selbst an, sondern erhielten laut antiker Lohnlisten inzwischen Nahrung als Lohn für ihre Arbeit, auch das eine Folge von Zentralisierung von Macht, Herrschaftsstrukturen und Spezialisierung. Bleiben Felder trocken und Ernten aus, bricht die Versorgung und Verteilung rasant zusammen und Menschen, die auf Bezahlung mit Lebensmitteln angewiesen sind, haben keine Option mehr, sich selbst zu ernähren. Ausgrabungen aus dieser Zeit zeigen, dass die Toten kaum mehr bestattet wurden – äußerst unüblich für diese Zeit und Zeugnis dafür, dass die Bevölkerung nicht nur machtlos gegenüber den Auswirkungen der Klimakatastrophe war, sondern auch, dass katastrophale Konsequenzen schnell und mit Vehemenz eintraten. Viele Leichen deuten außerdem darauf hin, dass sie ermordet wurden, sei es als Folge von Kämpfen oder bewusst getroffenen Entscheidungen, über deren Hintergründe und zugrundeliegenden Kriterien es kaum gesicherte Erkenntnisse gibt. Die Umsetzung zeigt allerdings ein deutliches Bild in Form von Kopfverletzungen durch stumpfe Gewalt und auch die betroffenen Menschen bzw. Gruppen sprechen eine deutliche Sprache. Zahlreiche Ausgrabungsstätten zeigen ein Bild, das Redford als „Massaker“ bezeichnet. Ein Volk, das den Tod so sehr ehrt und ein Weiterleben im Jenseits als gegeben betrachtet, dessen irdisches Leben Voraussetzungen für ein möglichst gut versorgtes Dasein nach dem Tod schaffen muss und deren Bestattungsrituale die Auferstehung und Versorgung der Toten im Jenseits sichern sollen, würde nicht leichtfertig oder grundlos auf seine Rituale verzichten.

Ein weiterer Beleg für Dürrekatastrophen ist der Bahr Yusuf, ein Fluss, der vom Nil abzweigt und einen kleinen See speist, der zur Nilschwemme stets an Fläche gewann. Untersuchungen der Sedimente des Grunds sollten Aufschluss darüber geben, wie sehr der Wasserpegel damals tatsächlich schwankte, doch zur Überraschung aller fanden sich rein gar keine Ablagerungen aus dieser Zeit des Umbruchs in Ägypten. Einzige logische Schlussfolgerung: der See muss komplett ausgetrocknet gewesen sein, was nur möglich ist, wenn der Wasserstand des Nils derart niedrig war, dass der See nicht mehr mit Wasser gespeist werden konnte.

Wissenschaftler:innen aus unterschiedlichen Bereichen benennen in diesem Zusammenhang heute das sogenannte 4,2-Kilojahr-Ereignis (kurz: 4,2 ka Before Present, 1 Kilojahr = 1000 Jahre). So wird seit seiner Identifizierung/Benennung 1950 ein Klimaereignis bzw. der Zusammenhang mehrerer Klimaereignisse (Abfolge abrupt einsetzender Trockenphasen in unterschiedlichen Regionen) bezeichnet, die im 23. Jahrhundert v. Chr. (4200 Jahre vor 1950) aufgetreten sind. In verschiedenen Regionen vor allem der Nordhemisphäre wurden für diesen Zeitraum Hinweise auf Phasen einer Abkühlung und ungewöhnlicher Trockenheit gefunden. Nach zahlreichen Hypothesen über die Auswirkungen des 4,2-ka-BP-Ereignisses auf die damals bestehenden Kulturen dürfte es einer der folgenreichsten Klimaeinschnitte des Holozäns gewesen sein.

Abbildung einer Karte mit Fundorten und Nachweisen klimatischer Veränderungen ca. 4200 Jahre vor Chr., Stichwort: 4,2 ka BP

Es setzte gegen 2250 v. Chr. ein und dauerte während des gesamten 22. Jahrhundert v. Chr. an. Der Zusammenbruch des Alten Reichs in Ägypten, welches über 500 Jahre Bestand hatte, sowie des Akkadischen Reichs in Mesopotamien sind wahrscheinlich von ihm ausgelöst und maßgeblich beeinflusst worden. Die Indus-Kultur reagierte auf die langanhaltende Dürre mit einer Verlagerung ihrer Siedlungen nach Südosten. Das Alte Reich erlebte eine Reihe außergewöhnlich niedriger Nilfluten. In diese Zeit von Klima- und Umweltveränderungen fallen häufigere Angriffe auf das Reich im Norden, politische Unruhen bis hin zum Zusammenbruch der zentralen Regierungsgewalt. Hungersnöte, soziale Wirren und gesellschaftliche Auflösungserscheinungen waren die Folge. Großprojekte wie der Pyramidenbau kamen zum Erliegen. Die bereits erwähnte Pyramide des Unas ist trotz über 30 Jahren Regierungszeit die kleinste der altdynastischen Pyramiden, zurückzuführen auf Ressourcenknappheit bei Mensch und Material verbunden mit wachsender Instabilität des Reiches, was sich in inneren und äußeren Konflikten wiederspiegelte, die nochmal Ressourcen aller Art gebunden haben.

Die Ursache für die verminderten Nilfluten ist wahrscheinlich in einer Südverschiebung des ostafrikanischen Monsuns zu suchen. Sedimentfrachten aus dem Weißen Nil, der durch saisonale Änderungen der Windrichtung in der Region (Monsun) geprägt ist, was zu entsprechenden Regen- und Trockenzeiten führt, gingen in diesem Zeitraum zurück. Ein damit verbundener Rückgang der Vegetation könnte als Rückkopplung die Dürren noch verstärkt haben.

Erst nach 40 Jahren konnte in einigen Gauen (Verwaltungsbezirke des Alten Ägyptens) die alte Ordnung wiederhergestellt werden. Es sollte knapp 200 Jahre dauern, ehe die Wiedervereinigung Ägyptens unter einem Herrscher gelungen ist.

Schlussfolgerungen für heute

Warum das alles jetzt in dieser Ausführlichkeit? Weil es ein Beispiel ist, das zeigt, über welch langen Zeitraum klimatische Veränderungen in nur 1 Ausprägung (Dürren) katastrophale Auswirkungen haben und wie Dominostein nach Dominostein einer stabilen Gesellschaft fällt, so dass Hochkulturen stürzen, Imperien fallen und das nicht nur lokal und zeitlich eng begrenzt. Gesellschaftsumbrüche waren die Folge, die die Geschichte der Welt und der sogenannten Zivilisation prägen und nachhaltig verändert haben.

Heute sind die Konsequenzen und Kettenreaktionen klimatischer Veränderungen kaum vorstellbar: die Veränderungen sind um einiges gewaltiger, es gibt viel mehr Betroffene, viel engere Verzahnungen und Abhängigkeiten (siehe Lieferketten), viel mehr und enger aufgestellte Dominosteine und nicht zuletzt höllische Mittel, um die zwangsläufig ausbrechenden Kämpfe zu führen, potenzieren das, was passiert, wenn Systeme kollabieren und das werden sie auf unterschiedliche Weisen, denn wir stehen nicht „nur“ vor klimatischen Zusammenbrüchen in Form von Dürren, sondern vor multiplen größeren und kleineren Brüchen, die selbst zu Dominosteinen in Kettenreaktionen werden.

Kollapsbewegung aufgepasst

Es ist also einerseits wirklich nötig, sich mit dem Kollaps auseinanderzusetzen und andererseits realistische Annahmen darüber anzustellen, was mit solidarischem Preppen möglich ist, denn natürlich sind die Mittel und Möglichkeiten begrenzt, sofern man Wunder und Weltrettung erwartet. Was aber ein ebenso wesentlicher Punkt der kollapsbewussten Auseinandersetzung mit solidarischem Preppen ist, ist die Ehrlichkeit darüber, was nötig werden kann, wenn bestimmte Szenarien eintreten. Auch hier warten nochmal unbequeme Wahrheiten auf uns, vor denen wir nicht die Augen verschließen sollten und vor denen uns allzu utopische Wunschvorstellungen von solidarischen, sich selbst versorgenden Gemeinschaften nicht schützen werden. Eine Kollapsbewegung, die sich in Utopien flüchtet, wird selbst zum Teil der Verdrängungsgesellschaft. Kollapsbewegung fängt für mich da an, wo es um realistische Annahmen und entsprechende Handlungsoptionen geht, um Wissen und Netzwerke, die ganz praktisch verankert sind und bei denen überlegtes, zielgerichtetes Handeln im Vordergrund steht, um für viele so viel wie möglich besser oder auch nur weniger schlimm zu machen. Eine Kollapsbewegung hört für mich da auf, wo utopische Träumereien und fehlender Mut für ehrliche Auseinandersetzungen mit ethischen und moralischen Fragen Handeln im Kollaps unmöglich machen.

Kollaps in unterschiedlichen Formen hat es immer gegeben und doch bewegen wir uns heute auf unbekanntem Terrain angesichts der Vielzahl der Szenarien, der sowohl Gleichzeitigkeit als auch stetigen Abfolge dieser und der damit verbundenen Kettenreaktionen. Wir stehen nicht nur vor Dürren, wir stehen vor Überflutungen und der Machtergreifung des Faschismus auf globaler Ebene, vor einem Biodiversitätsverlust, der noch größtenteils ignoriert wird, obwohl die Konsequenzen mindestens so massiv wie die der Klimakatastrophe sind. Wir müssen uns vor Augen führen und dazu die Geschichte heranziehen, was Kollaps bedeutet, dass dieser nie ein singuläres Ereignis ist und die Skala dabei an das Heute anpassen. Verhindern ist in Einzelfällen eventuell möglich, vielleicht auch nur das Verzögern oder Abschwächen, ebenso das Zurückkämpfen aus manch dunklen Ecken. Dazu muss aber der strategische Raum bewusst geöffnet und genutzt werden, den Kollapsszenarien bieten. Dieser Raum ist groß und bietet einiges an Möglichkeiten, was Motivation sein sollte, sich diesen Raum zu nehmen, Taubenschach sein zu lassen und Symptomen der Verdrängungsgesellschaft wie der aktuell laufenden COP30 endlich jegliche Legitimation und Aufmerksamkeit zu entziehen. Ein Blick in die Geschichte lehrt uns nämlich auch, dass Konferenzen, sofern sie überhaupt Konsequenzen hatten und nicht nur Absichten auf Papier festhielten, lediglich dafür sorgten, dass über Menschen entschieden wird, die nicht Teil dieser Konferenzen waren: Sieger entscheiden über Verlierer, Reiche über Arme und Regierungen über Länder und deren Bewohner:innen. Selbermachen ist noch immer die beste Option und darum sollte es erst recht im Kollaps gehen.

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