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Es lebe der Sport!

You're a winner
I'm a winner
This is all happening so fast
You're a winner
I'm a winner
Let's enjoy it all while it lasts
(Pet Shop Boys)

166/∞

Good evening, Europe!

Wenn Ihr nicht im Ruhrgebiet lebt und/oder den ganzen Tag Eurosport geguckt habt (Warum nicht? Es war doch Tour de France!), werdet Ihr es womöglich nicht mitbekommen haben, aber hier haben gerade die World University Games (Öffnet in neuem Fenster) stattgefunden, quasi die Olympischen Sommerspiele der Studierenden.

Ich liebe es, wenn sich solche Großveranstaltungen im Stadtbild manifestieren: In Bochum hängen jede Menge Plakate und am Hauptbahnhof liefen plötzlich Menschen aus aller Welt mit Akkreditierungs-Badges um den Hals herum. Ein Bild, das ich - weil ich nicht auf Messen und Kongresse gehe - vor allem mit dem ESC verbinde.

Wir waren je einmal in der Jahrhunderthalle (Rollstuhl-3x3-Basketball und 3x3-Basketball) und im frisch sanierten Lohrheidestadion (Leichtathletik) und es hat beide Male großen Spaß gemacht, Leistungssport auf einem derart hohen Niveau aus nächster Nähe zu sehen.1 

Stellt sich raus: Ungefähr nichts bereitet einen darauf vor, Leichtathletikwettkämpfe im Stadion zu verfolgen, nicht einmal Leichtathletikübertragungen im Fernsehen. Es finden wirklich fast immer drei Wettbewerbe gleichzeitig statt und während in der einen Ecke des Stadions die 800-Meter-Vorläufe starten, laufen simultan auch noch die Medaillen-Entscheidungen im Diskuswurf und Weitsprung. Das Publikum reagiert gerne lautstark auf etwas, was man gerade nicht gesehen hat, weil man woanders hingeguckt hat, und es ist ein wirklich guter Test, wie gut man selbst im Multitasking ist. An Essen und Trinken ist nicht zu denken — was ganz gut passt, weil die gastronomische Versorgung im Lohrheidestadion unterirdisch (Öffnet in neuem Fenster) war.

Überall trafen wir auf Freund*innen und Bekannte, die auch „mal gucken“ wollten und hinterher meistens begeistert waren. Obwohl es natürlich Sponsoren gab, wirkte die Veranstaltung wie das absolute Gegenteil dessen, was ich von dieser abgrundtief lächerlichen „Klub-WM“ der beiden Vollpfosten Gianni Infantino und Donald Trump mitbekommen habe: Hier ging es um Sport, um Miteinander, faire Wettkämpfe und Spaß daneben. Zwar starten die Athlet*innen unter der Flagge ihres Heimatlandes, aber sie werden vor allem mit ihrer Hochschule vorgestellt und nach der Medaillenvergabe erklingt „Gaudeamus Igitur“. Alles erscheint rührend weit weg von Kommerzialisierung, Influencertum und KI, obwohl es eine Veranstaltung von, für und mit jungen Menschen im 21. Jahrhundert ist. Und das zeigt ja: Eine andere Welt ist möglich.

Es ist relativ offensichtlich, dass die ganze Veranstaltung, die in erstaunlich kurzer Zeit vorbereitet wurde, auch ein Testlauf für eine Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2036 oder 2040 war. Und auch wenn Paris im vergangenen Sommer die Latte natürlich wahnsinnig hoch gelegt hat (um mal sprachlich in der Leichtathletik zu bleiben), was die Inszenierung der Wettkämpfe anging, finde ich, dass das Ruhrgebiet hier in einer anderen Geschmacksrichtung ähnlich spektakuläre Bilder geliefert hat. Statt auf der Esplanade des Invalides wurden die Finalwettbewerbe im Bogenschießen zum Beispiel auf dem Gelände der Zeche Zollverein ausgetragen (wo übrigens in drei Wochen auch der Prolog der Deutschlandtour (Öffnet in neuem Fenster) stattindet) — kein klassizistischer Barock, aber dennoch ein beeindruckendes Ambiente.

Ich hatte es schon im letzten Newsletter (Öffnet in neuem Fenster) geschrieben: Die Menschen brauchen solche Großveranstaltungen. Ich kann mich noch sehr gut an das Kulturhauptstadtjahr 2010 erinnern, als wir (zumindest in Bochum-Ehrenfeld) kurz dachten, dass wir Köln und Berlin den Rang als place to be ablaufen könnten; an die Fußball-WM der Männer 2006, zu der sich nahezu ganz Deutschland an einem „herrlich unverkrampften Patriotismus“ versuchte (der gleichwohl seine ganz eigenen Probleme (Öffnet in neuem Fenster) mit sich brachte); an die Weltausstellung „Expo 2000“ in Hannover, eine Art Olympische Spiele für Lehrerehepaare, die sich für den Grünen Hügel noch nicht alt genug fühlen; das von Christo und Jean-Claude verhüllte Reichstagsgebäude in Berlin im Juni 1995 — und an den vergangenen Sommer, als es sogar in Gelsenkirchen andere (Öffnet in neuem Fenster) Themen (Öffnet in neuem Fenster) gab als die AfD, die schreckliche Oberbürgermeisterin und die zweitausendste Trainerentlassung. Selbst der Evangelische Kirchentag 2001 in Frankfurt am Main war ein Ereignis, das mir durchaus länger im Gedächtnis geblieben ist.

Ob das denn nicht alles Opium fürs Volk sei, fragen jetzt Menschen, die in ihrer X-Selbstbeschreibung stehen haben, dass sie gerne selbst denken. Brot und Spiele, Zuckerbrot und Peitsche. Und bevor sie den Rest vom Schützenfest der toten Pferde weiter reiten, die sie noch im Ärmel hätten, hätten, Fahrradketten, muss ich da mal kurz reingrätschen und entgegnen: Joa. Ich bin ja auch für einen Systemwechsel, aber solange wir uns im Spätkapitalismus abrackern, brauchen wir Hochzeits- und Geburtstagsfeiern, Weihnachten und Silvester, den Sommerurlaub, Feiertage, das Wochenende, den Feierabend und die Zigarettenpause für unser Seelenheil. Auch im größeren Kontext. (Ach so, das mit dem Kapitalismus stand gar nicht zur Debatte, Rüdiger? Egal!)

Solche Ereignisse sind, wenn sie breit genug aufgestellt sind, die kollektive Unterrichtsstunde, in der der Lehrer den Medienwagen in die Klasse schiebt und verkündet, dass wir heute einfach mal „Asterix“ gucken. Nachbarschaftsfeste für ganze Städte, Länder und Kontinente, wo wir die Menschen, über die wir sonst nur reden und schreiben, einmal aus nächster Nähe sehen können. Und oft werden wir feststellen: „Ach, guck mal: Die interessieren sich ja für die gleichen Dinge wie ich, wir haben womöglich noch mehr Gemeinsamkeiten — was nicht bedeutet, dass wir beste Freund*innen werden müssen, aber jetzt bin ich schon mal ein bisschen skeptischer, wenn die AfD oder ‚Bild‘ versuchen, uns gegeneinander auszuspielen.“ Man kann, wie am Beispiel des Mannes, der am Sonntag beim Testspiel gegen Leverkusen im Rammstein-T-Shirt im VfL-Fanblock saß, überlegen, wo man seine eigenen roten Linien ziehen würde, und sich selbst im Aushalten von Widersprüchen üben. (Man kann natürlich auch - gerade, wenn man so aufgewachsen ist - lautstarke Kritik am Erscheinungsbild der anderen Personen üben; ihr Verhalten in deren Hörweite passiv-aggressiv kommentieren; oder mit so kategorisierenden Aussagen wie „Wenn Du nicht gleichzeitig vegan lebst, ist Dein Feminismus nur privilegisiertes Gerede“ weiter dazu beitragen, die Gesellschaft in viele kleine Gruppen zu zerteilen. Das ist dann halt das, was sie wollen.)

Wenn die Olympischen und Paralympischen Spiele wirklich hierher kommen, braucht es allerdings noch ein bisschen Infrastruktur, denn das Ruhrgebiet ist zwar etwa so groß wie Berlin, hat aber ein Nahverkehrsnetz wie ein Flickenteppich irgendwo auf dem Land: Innerhalb der einzelnen Städte kommt man mit Bus und Bahn noch halbwegs an, aber wenn man nur in die Nachbarstadt will, wird schnell eine Tagesreise draus. Ein einziges Mal habe ich es erlebt, dass die S-Bahnen hier im Zehn-Minuten-Takt gefahren sind: Am Tag der Loveparade 2010 in Duisburg — und daran (Öffnet in neuem Fenster) will sich hier eigentlich niemand erinnern.

Auch müsste man die ganzen (Öffnet in neuem Fenster) Brücken (Öffnet in neuem Fenster), die hier durch jahrzehntelange Austeritätspolitik und ein bisschen Schwerverkehr regelrecht zerstört wurden, irgendwie innerhalb eines Zeitraums sanieren, der ungefähr ein Drittel dessen beträgt, was sich Politik und Verwaltung aktuell so vorstellen. Aber irgendwie haben es die Deutschen ja auch geschafft, weite Teile Berlins zwischen 1994 und 1999 von einem buchstäblichen Todesstreifen in eine komplett künstliche, abstoßende Disneyland-Interpretation einer international bedeutenden Großstadt zu verwandeln. (Okay, schlechtes Beispiel. Dafür haben wir unser Musikforum (Öffnet in neuem Fenster) in dreieinhalb Jahren gebaut und die Kosten nur um 10% überschritten. Eat this, Hamburg (Öffnet in neuem Fenster)!)

Es folgt eine Überleitung, auf die Gerhard Delling unter Umständen stolz sein könnte, wenn er nicht gerade mit Wichtigerem beschäftigt wäre: Verkehrstechnisch perfekt gelegen war das Sounds Like Sugar Festival vor rund zwei Wochen am Schloss Strünkede in Herne (Endhaltestelle der U35).

Ich lehnen mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass es mein neues Lieblingsfestival ist: Tolle Location, eine gute Mischung aus Acts, die ich vorher schon kannte und liebte (Amilli, Brockhoff), und solchen, die ich erst vor Ort kennengelernt habe und direkt richtig gut fand (Carla Ahad, Marnele, Bruckner), entspanntes Publikum, und - in unserem Alter fast genauso wichtig wie das Line-Up - um 23:30 kann man wieder im eigenen Bett liegen (oder auf die Aftershow-Party in die Trompete im Bochumer Bermuda3eck gehen, wenn man es denn richtig krachen lassen will). Und das alles für 20 Euro an der Tageskasse!

Leider war der Publikumszuspruch ähnlich ausbaufähig wie bei der Premiere im vergangenen Jahr. Was für mich als Medienpartner des Festivals natürlich die Frage aufwirft: Was hätten wir noch tun können?

Ich bin ja immer dafür, Gutes zu teilen und öffentlich abzufeiern. Andererseits denke ich auch immer, wenn ich ein Mal über etwas geschrieben habe, nervt es die Menschen beim zweiten Mal schon, aber ich fürchte, die meisten nehmen es erst ab dem fünften Mal wahr. (So hat es mir zumindest mein Newsletter-Dienstleister Steady erklärt, weshalb ich Euch jetzt in jeder einzelnen Ausgabe meines Newsletters dazu anhalte, doch mal darüber nachzudenken, ob Ihr nicht ein Bezahl-Abo abschließen wollt.)

Also werde ich Euch im kommenden Jahr hier und im Blog ausführlich mit Ankündigungen zum Sounds Like Sugar auf die Nerven gehen — auf dass dann am Tag nach dem Festival Leute schreiben können, sie hätten ja leider gar nichts mitbekommen.2 Und vielleicht kriege ich ja bis dahin meinen Plan (Öffnet in neuem Fenster) umgesetzt, eine Art digitales Programmheft für Bochum und Umgebung an den Start zu bringen. Spätestens zu den Olympischen Spielen werden wir es brauchen.

Was macht der Garten?

Wir haben die ersten Gurken geerntet und Brombeeren gepflückt. Wie alle Landwirte freuen wir uns über die 2025er Interpretation von „Sommer“.

Was hast Du veröffentlicht?

Für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (Öffnet in neuem Fenster) hab ich über Franz Josef Wagner geschrieben, den früher oft rumpeligen, chauvinistischen Kolumnisten der „Bild“-Zeitung, der sich heute immer öfter als Stimme der Vernunft entpuppt — nicht nur im Blatt, sondern in der gesamten deutschen Öffentlichkeit. (Leider war kein Platz mehr in der Zeitung, um Wagners opus magnum aus dem Spätsommer 2011 angemessen zu würdigen, weswegen ich Euch seinen Brief (Öffnet in neuem Fenster) an die „liebe Kuh Yvonne“ an dieser Stelle wärmstens ans Herz legen möchte.)

Außerdem haben Selma Zoronjić und ich eine Sommer-Playlist zusammengestellt:

https://open.spotify.com/playlist/2kwBSeeMvJJUet01PRv17b?si=08bd4679c5ad4f47 (Öffnet in neuem Fenster)

(Ja, wir arbeiten dran, dem Höllenkonzern (Öffnet in neuem Fenster) Spotify den Rücken zu kehren!)

Was hast Du gehört?

Das neue Album von Kae Tempest, das „Self Titled“ heißt, aber nicht „Kae Tempest“ (Island; Apple Music (Öffnet in neuem Fenster), Spotify (Öffnet in neuem Fenster), Amazon Music (Öffnet in neuem Fenster), Tidal (Öffnet in neuem Fenster), YouTube Music (Öffnet in neuem Fenster)). Ich bin ja eh immer leicht für britischen Hip-Hop zu begeistern, aber dieses Album ist besonders: Einerseits erzählt es düster und dramatisch von Selbstbestimmung in einer Welt, die gerade wieder konservativer zu werden scheint, andererseits ist da auch ganz viel Energie und Hoffnung, die aus dieser Wut kommen. Und Neil Tennant singt bei einem Song mit!

Außerdem „Moisturizer“, das zweite Album von Wet Leg (Domino; Apple Music (Öffnet in neuem Fenster), Spotify (Öffnet in neuem Fenster), Amazon Music (Öffnet in neuem Fenster), Tidal (Öffnet in neuem Fenster), YouTube Music (Öffnet in neuem Fenster), Bandcamp (Öffnet in neuem Fenster)). Ich hatte mich ja nach der Vorab-Single „Catch These Fists“ schon schwer begeistert gezeigt (Öffnet in neuem Fenster), und es ist ein richtig gutes, auch abwechslungsreiches Indierock-Album geworden.

Was hast Du gesehen?

Eines der spektakulärsten Fußballspiele meines Lebens: 120 Minuten in Unterzahl, verletzungsgeplagt, mit wahnsinnigem Kampfgeist, einer Jahrhundert-Parade und einem verdienten, guten Ausgang im Elfmeterschießen: Vom Viertelfinale Frankreich - Deutschland (Öffnet in neuem Fenster) werde ich noch in 50 Jahren erzählen.

Und dann noch die anderen Spiele der EM, die Tour de France und die World University Games — es war ein bisschen wie Olympia im letzten Sommer!

Was hast Du zum ersten Mal gemacht?

Leichtathletik live gesehen (s.o.). Vom Südafrikaner Bayanda Joy Walaza, der die 100- und 200-Meter-Läufe der Männer dominierte, werden wir noch viel hören.

Was hast Du gelernt?

Nicolas Hayek, langjähriger Chef des schweizer Uhrenherstellers Swatch, wollte in den späten 1980er Jahren ein kleines, zweisitzigen Stadtauto entwickeln, das mit Elektro- oder Hybridantrieb angetrieben werden sollte. Aus einer Kooperation mit VW wurde nichts, bei Daimler Benz wurde daraus der Smart, der die ersten ca. 20 Jahre nur mit Verbrennungsmotor zu haben war.

Was hat Dir Freude bereitet?

Falls Ihr es nicht mitbekommen haben solltet: Die World University Games im Ruhrgebiet.

Und jetzt: Musik!

https://www.youtube.com/watch?v=8Q62JsAZgZc (Öffnet in neuem Fenster)

Mein Sommerhit 2025.

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Habt eine schöne Restwoche und schöne Sommerferien!

Always love, Luki

  1. Dies war kein Diss gegen den VfL Bochum. Oder höchstens ein ganz kleines bisschen.

  2. Ich hab selbst erst einen Tag vorher mitbekommen, dass am gleichen Wochenende in Köln das Even Flow Festival (Öffnet in neuem Fenster) stattfand, wo ich am Sonntag noch Joy Oladokun, Joshua Radin, Oska und Philine Sonny hätte sehen können. Warum mir nicht mal Spotify, wo ich den Acts folge und eigentlich jedes noch so egale Konzert im Umkreis einer Flugstunde angezeigt bekomme, davon erzählt hat, wissen auch nur die schwedischen Verbrecher selbst.

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