Wenn Eltern Verantwortung auf ihre Kinder übertragen, ist das nicht immer ein bewusster Prozess. Schaden richtet er trotzdem an. Ein Erfahrungsbericht.
Ein Grund für meine Entscheidung gegen Kinder war, dass ich früh verstanden habe - verstehen musste -, wie sehr Eltern ihren Kindern durch ihre eigenen Verhaltensmuster schaden können. Unbewusst und ohne böse Absicht zwar, und doch hochgradig schädlich für die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes.
Heute geht es um Parentifizierung: die bewusste oder unbewusste Verantwortungsübertragung auf ein Kind durch seine erwachsenen Bezugsperson(en). Die Verantwortung kann sich sowohl auf praktische Haushaltsführung als auch auf emotionale Arbeit beziehen. Wenn ein Kind hier und da im Haushalt helfen muss oder Mama/Papa mal tröstet, weil die traurig sind, ist das natürlich noch keine Parentifizierung; ein Kind muss systematisch und dauerhaft Aufgaben übernehmen und dabei spüren, dass seine Arbeit notwendig ist, damit die Dinge nicht zusammenbrechen. Die Sozialwissenschaftlerin Ulrike Loch nennt Parentifizierung “psychische Gewalt” (Öffnet in neuem Fenster), weil sie Heranwachsenden ein Gewicht aufbürdet, für das sie noch zu jung sind.
Ich bin ein parentifiziertes Kind. In mehreren Therapien habe ich mir erarbeitet, warum alle meine vermeintlichen Freundschaften in Wirklichkeit keine waren, warum meine romantischen Begegnungen mit Männern bis heute nicht ebenbürtig sind und warum Wut nicht die richtige Antwort auf diese Erziehungsfehler ist.
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Meine Parentifizierung
Meine Parentifizierung ging vorrangig von meiner Mutter aus. Sie war leise, passiv, ängstlich. Mein Vater war dominant und ihr in allen kognitiven und Persönlichkeitsbelangen überlegen. Die Schieflage zwischen meinen Eltern war solange kein Problem, wie mein Vater liebevoll, fürsorglich, der Familie zugewandt war. Das änderte sich jedoch, als er, der Rudelführer, arbeitslos wurde und seinem Selbstanspruch als Familienversorger nicht mehr gerecht werden konnte.
Wie viele Männer seiner Generation - er war Jahrgang 1947 - hatte er keine Werkzeuge, mit den daraus resultierenden, schwierigen Gefühlen konstruktiv umzugehen, und griff zu Feindseligkeit.