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Abstumpfung als Ziel

Redaktion free.fem.minds MAGAZIN

Kein klassischer Texteinstieg wird dem gerecht, was seit Anfang 2026 medial auf uns einprasselt. Wir wussten, was in den E-Akten zu lesen sein würde. Opfer und Überlebende haben es seit Jahren erzählt und in den Abyss aus Ignoranz und Abscheu geschrien. Wir haben gewartet, bis wir anstelle ihrer Stimmen Akten haben würden. Und jetzt sind es unzählige Seiten. Millionen, dazu Videos und abscheuliche Fotos. Ereignisse. Details. So erschütternd, so grausam, so fernab jeder Normalität, dass die Veröffentlichungen überall sind.

Jede:r teilt, seziert, schreit auf, teilt Schock und Ekel. Was seit Wochen geschieht, ist eine Flut an menschenverachtenden News, die bisher so niemals geballt zu lesen war. Jeder Beitrag geteilt in der Absicht, das Grauen zu beleuchten, aufzuklären, Gerechtigkeit zu erbitten. Was bis dato fehlt, sind weitreichend eingeleitete Verfahren. Verhaftungen. Verurteilungen. UK vernimmt zwei mutmaßliche Täter stellvertretend. Mehr passiert nicht.

Stattdessen wird das mediale Interesse mit der häppchenweisen Veröffentlichung und Schwärzungen bestimmter Seiten immer weiter angeheizt. Und langsam sickert neben dem Horror eine Erkenntnis durch. Die Veröffentlichungen dienen vermutlich nicht der Aufklärung. Sie verfolgen einen anderen Zweck. Einen, der vielleicht am Ende den größeren Schaden hinterlässt. Größer noch als das Grauen, das wir nachts auf zu kleinen Screens mit geweiteten Augen lesen.

Um Transparenz ging es nie

Eine Vermutung liegt nahe: Die Freigabe der Akten erfolgt nicht zur Transparenz. Nicht zur Einbeziehung der Öffentlichkeit. Nicht für Gerechtigkeit. Sie erfolgt zur Abstumpfung. Schritt für Schritt werden wir als Lesende konditioniert, immer mehr Grauen geballt zu verarbeiten. Und genau dazu sind wir zunehmend weniger in der Lage. Immer detaillierter, immer brutaler, immer überflutendender werden die Inhalte, bis wir abschalten. Innerlich und unsere Bildschirme.
Selbstschutz und emotionale Fürsorge propagierend wenden wir uns ab, wie wir es beim Leid der Menschen in Gaza und der Frauen weltweit, etwa im Sudan, getan haben.

Die Medienflut der letzten Jahre seit der Isolation durch Covid hat Spuren hinterlassen. Der Konsum grausamer Medien führt dauerhaft zu Angst, Depressionen und Stress. Vor Jahren war das eine Meldung in den Nachrichten, eine Sondersendung. Wer den 11. September teilweise live im TV verfolgen konnte, weiß bis heute, dass es für dieses Gefühl ein Vorher und ein Danach gab. Medienkonsum dieser Art hinterlässt Spuren. Wir spüren den Druck dessen, was wir konsumieren in uns.

Die Traumata allein aus den Meldungen der letzten Jahre werden wahrscheinlich erst in Jahrzehnten untersucht und aufgearbeitet werden können. Von Frauenfarmen zur Eizellengewinnung war die Rede, von enthaupteten Kindern, zerrissenen Körpern, Kleinkindern mit abgerissenen Gliedmaßen, allein auf der Suche nach Essen auf den Straßen, von bombardierten Krankenhäusern, Städten dem Erdboden gleichgemacht, ganze Frauenpopulationen in Dörfern vergewaltigt. Frauen, die öffentlich nicht mehr existieren dürfen. Familien, die Drohnen am Mittagstisch zu Tode schießen. Männer, die ihre Frauen tagtäglich erschießen, Netzwerke aus zehntausenden Tätern, die die Frauen in ihrem Leben unter Drogen setzen, vergewaltigen (lassen) und mit den Videos handeln. Von erschossenen Zivilisten auf US-Straßen, von Deportationen, von Lagern und transatlantischen Endlösungen unter dem Schulterzucken europäischer Staatsämter. Von all dem haben wir gelesen vor den Files. Nun sind wir schockiert, ja – aber auch müde.

Wir hatten Gänsehaut vor Entsetzen beim Lesen. Und jetzt? Lesen wir seitenlange Details von Kinderschändungen, rituellen Opfern, von Milliardären, die ganze Gesellschaften einer geheimen Ordnung unterwerfen. Von getöteten Zeug:innen, Macht und Perversion bis hin zu vermerktem Kannibalismus. Und wir fühlen. Nur noch wenig. Immer weniger.

Jetzt muss aktives Zuhören folgen

Jetzt, wo die Opfer selbst gehört werden müssen, schalten wir ab. Schnell die nächste Akte nachsehen, die immer größere Perversion suchen, während die Realität von Betroffenen seit Jahren weltweit darauf wartet, gesehen zu werden. Jetzt ist der Zeitpunkt und ein abgestumpftes Publikum ist zu müde, sich einzelne Erzählungen anzuhören. Jetzt wo ganze Gesellschaften aufstehen könnten mit den Opfern, tun sie es nicht, weil sie selbst so stumpf geworden sind von der Flut an Meldungen.

Jetzt ist der Zeitpunkt gehört zu werden und für alle ist jetzt der Zeitpunkt konzentriert zuzuhören. Ihr seid müde. aber alle Opfer sind müder. Betroffene, Kinder, Erwachsene, Eltern und Mütter von Opfern, die beschämt und verleugnet wurden. Sie alle verdienen jetzt Gehör. Die Epstein-Files sind keine Entschuldigung dafür, die eigene Ermüdung über den Opferschutz zu stellen. Selfcare-Ansprüche gelten jetzt nicht, wo Betroffene zum ersten Mal Gerechtigkeit in greifbarer Nähe sehen. Sie konnten auch nicht abschalten. Es ist unser aller Aufgabe jetzt der Abstumpfung entgegenzuwirken. Nicht mit noch mehr Akten und noch mehr Schockstarre, sondern mit Einladungen an Betroffene in Runden für echte Veränderungen.

Wir haben Millionen Seiten, die verdeutlichen, dass jede erlebte Form des Terrors real ist. Dass gewaltausübende Institutionen und Menschen mit Macht Netzwerke bilden und Gesetze umgehen. Betroffene müssen nicht mehr blankziehen und die Sensationsgier Fremder in Talkshows und Zeitungsberichten bedienen. Sie sollten sprechen und eingeladen werden. Jedoch als Expert:innen, als Ratgebende, als diejenigen, die wissen, was Opfer wirklich für ihren Schutz und für Ihre Würde benötigen.

Kategorie Gewalt gegen Frauen

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