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ATREYU - aus FUZE.118

ALLES, NUR NICHT LANGWEILIG. Wer die Band aus Orange County seit den frühen 2000ern verfolgt, hat so einige stilistische Veränderungen miterlebt. Ihr zehntes Album „The End Is Not The End“ steht vor allem unter der Prämisse, bloß nicht langweilig zu klingen. Wir plaudern mit Porter McKnight (bs, voc) darüber, wie es ihnen gelungen ist, in einer Zeit, in der vieles ähnlich und manchmal etwas unpersönlich klingt, neue und interessante Musik zu schreiben. Außerdem erzählt er uns, wie Sänger Brandon Saller dem Tod von der Schippe gesprungen ist und diese Grenzerfahrung die Platte beeinflusst hat.

Foto: Sean Stiegelmeier

Vor der Ankündigung des neuen Albums habt ihr sämtlichen Content auf euren Social-Media-Kanälen gelöscht und lediglich eine schwarze Kachel mit dem Begriff „R.I.P.“ gepostet. Wieso musste es ein so harter Cut sein?
Heute ist jeder so vereinnahmt von der Masse an Content, dass man den Leuten einen kleinen Schock verpassen muss. Unser Label hatte sogar einen noch dramatischeren Entwurf für die Landingpage: eine Traueranzeige mit Jahreszahlen. Das war uns aber wirklich zu viel. Die erste Single hieß ja dann „Dead“ und als die erschien, waren die meisten erleichtert.

https://youtu.be/Lk4Ik5rcddc?si=y4lw0DENJXPxpuW8 (Öffnet in neuem Fenster)

Der Titel der Platte behauptet ja, dass das Ende gar nicht das Ende ist. Was habt ihr euch dabei gedacht?
Darauf gibt es mehrere Antworten. Manches im Leben fühlt sich wie das Ende an, etwa wenn deine Beziehung vor dem Aus steht oder du deinen Job verlierst, wenn deine Eltern sterben oder jemand aus dem Freundeskreis. Aber trotzdem geht es weiter, wir können durch solche Erfahrungen wachsen und bessere Menschen werden. Die Vergangenheit lebt durch uns und die Lektionen, die wir gelernt haben, weiter. Es gibt quasi frühere Versionen von uns, mit denen wir uns heute noch verbinden können. Und dann wäre da noch die große Frage: Was geschieht nach dem Tod? Die Themen des Albums haben sich während des Schreibprozesses entwickelt. Wir wollten vermeiden, von Beginn an ein starres Konzept zu haben. Ein Baustein dabei war der Song „Break the glass“, der letzte Track des Albums. Er handelt von einem Unfall unseres Sängers Brandon. Er ist zu Hause mit einem Weinglas in der Hand über ein Babygitter gestolpert und hat sich beim Sturz so unglücklich am Glas geschnitten, dass er fast verblutet wäre – vor den Augen seiner Frau, seiner Kinder und seiner Mutter. Zum Glück ist er noch bei uns. Es geht ihm gut, er kann nur nicht mehr so gut Gitarre spielen, weil die Beweglichkeit seiner Hand etwas eingeschränkt ist. Ein sehr traumatisches Erlebnis, das wir in dieser Upbeat-Nummer verarbeiten wollten – wir kamen bis zur Bridge, dann wussten wir nicht weiter. Das hat dazu geführt, dass wir den Track gar nicht mehr so recht mochten. Nach einiger Zeit dachten wir uns: Hey, das ist doch unser Song, wir können die Story so verändern, wie wir wollen. Also haben wir sie für die zweite Hälfte von „Break the glass“ umgeschrieben: Was wäre, wenn Brandon wirklich gestorben wäre? Und dann beginnt das Album wieder von vorne mit dem Opener „Dead“. So schließt sich der Kreis. Weißt du, das Leben ist eine Reise, eine ziemlich interessante. Es kann so simpel sein: Nine-to-five-Job, heiraten, Geld sparen und wieder ausgeben. Es gibt aber noch so viel mehr, man kann neugierig sein und sich über die großen und kleinen Fragen des Lebens Gedanken machen.

Musikalisch ist „The End Is Not The End“ sehr vielfältig. Ein Beispiel wäre „In the dark, von Power Metal zu Atmosphärisch – und plötzlich kommt ein Saxophon ins Spiel ...
Das ist übrigens unser Gitarrist. Er wechselt unmittelbar vom Saxophonsolo zum Gitarrensolo. Ich bin mal gespannt, wie er das live umsetzt.

Wie ist dieser Song entstanden?
Zu dem Zeitpunkt hatten wir ein gewissen Spektrum abgedeckt, ruhigere und härtere Tracks. Wir wollten noch einen aufregenderen, von Power Metal geprägten Song. Ähnlich wie bei „Break the glass“ sind wir ganz woanders rausgekommen als wir gestartet sind. In der Vergangenheit haben wir einige Stücke geschrieben, die recht vorhersehbar waren. Ich mag es aber gar nicht, wenn man den Verlauf bereits erahnen kann. Klar, am Ende braucht es noch mal den Refrain, den wollen die Leute hören, aber auf dem Weg dorthin darf man sie ruhig etwas verwirren.

Ihr kamt sicher mal an einem Punkt, an dem ihr dachtet: Nee, das ist noch nicht interessant genug. Wie geht ihr dann vor? Und setzt ihr euch mit eurem Anspruch nicht selbst unter Druck?
Ja, tatsächlich ist „In the dark“ so ein Beispiel. Das hat viel mit Instinkt zu tun: Man weiß manchmal, dass ein Song noch Arbeit braucht, aber nicht unbedingt wieso. Besonders wichtig ist für uns, dass jede Idee verfolgt werden darf. Denn wenn du etwas abblockst, weil es noch nicht ganz ausgereift ist, gibst du dem erst gar nicht die Chance, sich zu entwickeln. Das ist wie in der Malerei: Die größten Kunstwerke sind auf der Basis von groben Skizzen entstanden. In der Vergangenheit haben wir uns zu sehr von dem Druck beeinflussen lassen – damit ist man aber nie gut beraten.

Wie habt ihr euch davon befreit?
Durch Scheitern, Zeit und Reflexion. Mit allem Respekt, aber wenn wir darauf gehört haben, was Fans oder das Label wollten, ist es für uns meist nicht gut gelaufen. Wir haben realisiert, einfach der beste Spiegel unseres Selbst zu sein. Letztendlich ist es das, was die Leute hören und sehen wollen.

https://youtu.be/RTh-A2StcfE?si=8EfLYXeZ2qCaHeJK (Öffnet in neuem Fenster)

Während der Arbeit am Album habt ihr euch verboten, Musik zu hören, die jünger als zehn Jahre ist. Seid ihr gelangweilt von dem, was heute im Genre los ist?
Nicht unbedingt. Es passieren faszinierende Dinge in der Szene. SLEEP TOKEN zum Beispiel sind super cool und einzigartig. Ich finde die Entwicklung in diese sexy Richtung spannend. Wir wollten aber in keinem Fall denselben Weg einschlagen. Außerdem klingt harte Musik heute oft ziemlich überproduziert, sehr poliert. Das haben wir auch schon mal probiert und festgestellt, das ist nichts für uns. Wir wollten versuchen, einen etwas ehrlicheren Zugang zu einem heftigeren Sound und heftigeren Gefühlen herzustellen.
Jeannine Michèle Kock

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Kategorie Interviews

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