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Die »Vision 2026« im Licht der freimaurerischen Grundwerte

Melanie Rochester

Wenn das AfD Programm auf Freimaurerische Prinzipien trifft

I. Vorbemerkung: Warum die Freimaurerei politisch urteilen darf

Es gehört zur gepflegten Selbstdarstellung der Freimaurerei, dass sie als Institution keine Parteipolitik betreibt. Diese Regel ist weise und schützt die Loge als Ort des freien Gesprächs davor, zum Propagandavehikel einer Partei oder Weltanschauung zu werden. Sie bedeutet jedoch nicht, dass die Freimaurerei wertneutral wäre oder dass ihre philosophischen Grundsätze politisch konsequenzlos blieben. Im Gegenteil: Die freimaurerischen Kernwerte — Humanität, Toleranz, Gleichheit aller Menschen, die Würde des Einzelnen, die Verpflichtung auf Vernunft und die universelle Brüderlichkeit — haben eine eminent politische Dimension. Sie sind nicht aus dem Nichts entstanden, sondern aus der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, in der die Loge einer der wichtigsten institutionellen Räume war, in denen diese Werte entwickelt, erprobt und verbreitet wurden. Kant, Lessing, Herder, Goethe — die wichtigsten Denker der deutschen Aufklärung standen in engem Verhältnis zur Freimaurerei, weil die Loge genau das war, was die ständegesellschaftliche Ordnung nicht sein konnte: ein Ort, an dem Vernunft, nicht Herkunft, über den Rang des Menschen entschied.

Wenn die Freimaurerei also heute gefragt wird, ob ein politisches Programm mit ihren Werten vereinbar ist, dann ist diese Frage keine parteipolitische Einmischung — sie ist eine Anwendung ihrer eigenen Prinzipien auf die politische Wirklichkeit. Als Meister vom Stuhl, der ich diese Analyse hier vornehme, tue ich dies nicht als Parteimitglied einer Partei, sondern als Freimaurer, der verpflichtet ist, die Werte, auf die er seinen freimaurerischen Eid geschworen hat, ernst zu nehmen. Diese Ernsthaftigkeit verlangt, politische Programme nicht nur nach ihrer rhetorischen Oberfläche zu beurteilen, sondern nach ihren Implikationen: Was bedeutet dieses Programm, wenn es umgesetzt wird? Wessen Würde schützt es, und wessen Würde verletzt es? Welches Bild vom Menschen liegt ihm zugrunde — und ist dieses Bild mit dem freimaurerischen  Menschenbild vereinbar?

Der vorliegende Essay untersucht das AfD-Programm »Vision 2026« — das Regierungsprogramm, das die Alternative für Deutschland für die sachsen-anhaltinische Landtagswahl 2026 entwickelt hat, ergänzt durch die Bundeswahlplattform des Jahres 2025 — anhand dieser Fragen. Er beschreibt zunächst den Inhalt des Programms in seinen wesentlichen Dimensionen: Familienpolitik, Migrationspolitik, Verfassungsverständnis, Kulturpolitik, Klimapolitik und Europapolitik. Er analysiert dann die freimaurerischen Grundwerte, die durch dieses Programm berührt werden. Und er entwickelt schließlich eine Bewertung, die weder parteipolitisch noch rhetorisch ist, sondern philosophisch: die Frage, ob die Grundüberzeugungen des AfD-Programms mit den Grundüberzeugungen der Freimaurerei vereinbar sind. Die Antwort wird, wie der Leser absehen kann, nicht eindeutig bejahend ausfallen — aber sie wird begründet sein.

Eine methodische Vorbemerkung ist notwendig: ich zitiere aus den öffentlich zugänglichen Quellen des AfD-Programms und analysiere diese in ihrer eigenen Sprache und Logik. Ich versuche dabei, das Programm nicht zu karikieren, sondern in seiner internen Struktur zu verstehen — um es dann an einem Maßstab zu messen, der nicht von außen importiert wird, sondern der dem freimaurerischen Erbe der europäischen Aufklärung entstammt.

Es ist aufschlussreich, wie das Sachsen-Anhaltiner Regierungsprogramm seinen eigenen Demokratiebegriff entwickelt. Die Präambel zitiert Brecht — den marxistischen Dichter — als rhetorische Waffe gegen die Konkurrenz: Die 'Altparteien' hätten 'das Volk aufgelöst und ein anderes gewählt'. Diese Inversion — der Sozialist Brecht als Kronzeuge der Rechten — ist symptomatisch für einen Umgang mit intellektueller Tradition, der das Zitat aus seinem Zusammenhang reißt und für fremde Zwecke instrumentalisiert. Brecht schrieb sein Gedicht als Kritik am Stalinismus, nicht als Vorlage für völkische Mobilisierung. Der Freimaurer, der in seiner Bildungsarbeit die intellektuelle Redlichkeit im Umgang mit Quellen als Pflicht betrachtet, notiert diesen Umgang mit kulturellem Erbe als Warnsignal: Wenn eine politische Kraft beginnt, Texte aus ihrem Kontext zu lösen und für entgegengesetzte Zwecke zu verwenden, signalisiert das ein Verhältnis zur Wahrheit, das weniger von Erkenntnissuche als von Legitimationsbedarf bestimmt wird.

II. Das Programm: Inhalt, Rhetorik und Struktur der »Vision 2026«

Die »Vision 2026« der AfD Sachsen-Anhalt ist kein technisches Regierungsprogramm. Sie ist, in ihrer Rhetorik und Struktur, ein Mobilisierungsdokument: ein Text, der nicht primär darauf zielt, politische Maßnahmen zu erläutern, sondern eine bestimmte politische Emotion zu erzeugen und zu verstärken. Die Präambel des sachsen-anhaltinischen Regierungsprogramms beginnt nicht mit der Beschreibung eines Problems und seiner Lösung, sondern mit einer Schuldzuweisung und einer Drohung: Die »Altparteien« seien für alle Missstände verantwortlich; die Bürger hätten »vielleicht ihre letzte Chance«; und wenn es die AfD nicht mehr gebe, sei »die Demokratie tot«. Diese rhetorische Struktur — die Einteilung der Welt in das eigene Lager (das Volk und die AfD) und das feindliche (die Altparteien und das Establishment) — ist keine Besonderheit dieses Abschnitts. Sie durchzieht das gesamte Dokument und ist für das Verständnis des Programms grundlegend.

In der Familienpolitik definiert das Programm explizit eine »normative Normalität«: die »Familie aus Vater, Mutter und Kindern«. Diese Definition ist nicht nur die Feststellung einer statistischen Mehrheit — sie ist eine normative Exklusion: Andere Lebensformen werden als »Abweichungen« bezeichnet, ihre »Bewerbung« durch den Staat soll beendet werden. Das Programm verwendet dabei eine biologistische Sprache, die aufhorchen lässt: Der demografische Rückgang wird als »Aussterben des deutschen Volkes« bezeichnet; Einwanderung wird als »kein Ersatz« für fehlende Kinder bewertet; und das Kinderwillkommensgeld ist an »die deutsche Staatsbürgerschaft mindestens eines Elternteils« geknüpft — eine explizite ethnische Bedingung für staatliche Leistungen, die im deutschen Verfassungsrecht ohne Präzedenz ist.

In der Migrationspolitik — die im Bundeswahlprogramm 2025 das dominierende Thema war — fordert die AfD die »Remigration«: einen Begriff, der im Kontext seiner Entstehung (dem Potsdamer Geheimtreffen von 2023) die massenhafte Ausweisung nicht nur von Asylbewerbern, sondern auch von deutschen Staatsbürgern mit Migrationshintergrund bedeutet. Das Programm unterscheidet explizit zwischen »Deutschen« und »Passdeutschen« — eine Unterscheidung, die die rechtliche Gleichheit aller Staatsbürger untergräbt und an das ethnonationale Konzept eines »Staatsvolkes« anknüpft, das ethnisch, nicht rechtlich definiert ist. Asylbewerber sollen an den Grenzen »in Gewahrsamszentren« festgehalten, Asylverfahren »ins Ausland verlagert« und Sozialleistungen auf ein »menschenwürdiges Existenzminimum« gesenkt werden — eine Formulierung, deren interne Spannung bezeichnend ist: »menschenwürdig« als Adjektiv für das Minimum, das einer Menschengruppe zugebilligt wird.

In der Kulturpolitik zielt das Programm auf eine Revision der öffentlichen Werte: »Political Correctness«, Gendersprache und die Förderung von Diversität sollen beendet werden. Das »christlich-abendländische Kulturerbe« soll als normativer Rahmen der Gesellschaft definiert werden — in einer Form, die den Islam strukturell als fremd behandelt: dem Islam soll der Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts verweigert, Moscheebau erschwert und islamische Organisationen sollen nicht staatlich gefördert werden. Der Verfassungsschutz, der die AfD-Landesverbände Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen als »gesichert rechtsextremistisch« einstuft, soll »grundlegend reformiert« werden — eine Forderung, die in diesem Kontext als Versuch gelesen werden muss, das Instrument zu neutralisieren, das die Partei beobachtet.

In der Klimapolitik leugnet das Programm — gegen den wissenschaftlichen Konsens — die menschliche Verantwortung für den Klimawandel. Es bezeichnet klimapolitische Maßnahmen als »ideologische Klima-Showpolitik« und fordert die Rückkehr zur Kernkraft sowie das Festhalten an fossilen Energieträgern. In der Europapolitik fordert das Bundeswahlprogramm den Austritt Deutschlands aus der EU und die Schaffung eines neuen »Staatenbundes« — eine Forderung, die im europäischen Kontext einzigartig ist und die Deutschland von seinen wichtigsten Allianzen isolieren würde. Schließlich enthält das Programm eine durchgängige Delegitimierung der politischen Konkurrenz: Die demokratisch gewählten Parteien werden als »Altparteiendiktatur« bezeichnet; ihre Legitimität wird grundsätzlich in Frage gestellt; und die AfD präsentiert sich als einzige authentische Vertreterin des »Volkswillens«.

Die freimaurerische Symbolik des Zirkels — des Instruments, mit dem der Baumeister die gleichen Abstände misst und damit alle Punkte auf dem Kreis als gleich weit vom Mittelpunkt entfernt bestimmt — ist für das hier behandelte Thema von besonderer Anschaulichkeit. Der Zirkel misst nicht nach Herkunft, sondern nach Abstand. Er fragt nicht, ob der Punkt deutsch oder türkisch, christlich oder muslimisch, eingeboren oder eingewandert ist — er misst den Abstand vom gemeinsamen Zentrum. Dieses Zentrum ist im freimaurerischen Denken die gemeinsame Menschheit, der Große Baumeister aller Welten als Schöpfer aller Menschen ohne Ansehen der Person. Ein Programm, das zwischen 'echten' Deutschen und 'Passdeutschen' unterscheidet, hat den Zirkel durch ein Lineal ersetzt: Es misst nicht die gemeinsame Entfernung vom Menschheitszentrum, sondern die Distanz von einer ethnisch-nationalen Norm — und erklärt alle, die diese Distanz überschreiten, zu Fremden in der eigenen Gesellschaft. Diese Substitution ist aus freimaurerischer Perspektive nicht nur ethisch falsch, sondern geometrisch inkorrekt: Das Lineal misst Ausschluss, der Zirkel misst Gemeinschaft.

III. Die freimaurerischen Grundwerte: Eine systematische Erinnerung

Bevor die Unvereinbarkeit des AfD-Programms mit den freimaurerischen Grundwerten analysiert werden kann, ist es notwendig, diese Grundwerte systematisch in Erinnerung zu rufen — nicht als Katechismus, sondern als lebendige philosophische Tradition, die von der Aufklärung bis zur Gegenwart entwickelt worden ist. Die Freimaurerei kennt keine kanonische Dogmatik; ihre Werte werden durch Symbole, Rituale und Überlieferungen vermittelt, nicht durch Glaubensbekenntnisse. Dennoch lassen sich aus der freimaurerischen Tradition einige Kernüberzeugungen destillieren, die über alle Obödienzen und nationale Unterschiede hinweg als konstitutiv angesehen werden.

Der erste und fundamentalste Grundwert ist die universelle Menschenwürde: die Überzeugung, dass jedem Menschen — unabhängig von Herkunft, Nationalität, Religion, Sprache, Geschlecht oder sozialer Stellung — eine unveräußerliche Würde zukommt, die durch kein politisches Programm und durch keine gesellschaftliche Mehrheit aufgehoben werden kann. Diese Überzeugung ist nicht nur eine moralische Intuition, sondern eine philosophische These, die in der freimaurerischen Tradition mit Kants Formulierung des Kategorischen Imperativs zusammengedacht wird: Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel behandelst. Der Freimaurer, der auf diesen Grundwert verpflichtet ist, erkennt in jedem Menschen — im Fremden, im Andersgläubigen, im politischen Gegner — einen Zweck an sich, nicht ein Mittel für seine politischen Ziele.

Der zweite Grundwert ist die Toleranz: die aktive Anerkennung des Anderen in seiner Verschiedenheit, nicht als Duldung im Sinne der Gleichgültigkeit, sondern als Respekt im Sinne der Wertschätzung. Lessings Ringparabel im 'Nathan der Weise' — dem freimaurerischen Bildungstext schlechthin — formuliert diese Toleranz als epistemische Demut: Keine religiöse oder weltanschauliche Tradition kann mit Sicherheit behaupten, die alleinige Wahrheit zu besitzen; deshalb ist die Haltung der Offenheit gegenüber anderen Traditionen nicht nur moralisch geboten, sondern auch erkenntnistheoretisch vernünftig. Diese freimaurerische Toleranz ist keine Beliebigkeit — sie hat ihre eigene normative Grenze dort, wo eine Weltanschauung die Würde anderer Menschen grundsätzlich leugnet.

Der dritte Grundwert ist die Brüderlichkeit: die Überzeugung, dass alle Menschen in einer gemeinsamen Menschheitsfamilie verbunden sind und dass diese Verbindung stärker ist als alle trennenden Kategorien der Herkunft, des Standes und der Nationalität. Die freimaurerische Weltbruderschaft — verkörpert im Erkennungsgriff, der einen Freimaurer überall auf der Welt mit einem anderen verbindet — ist die institutionelle Verkörperung dieser Überzeugung: Sie setzt voraus, dass ein russischer Bruder und ein ukrainischer Bruder, ein israelischer und ein palästinensischer, ein deutscher und ein türkischer Freimaurer durch ihre gemeinsame Verpflichtung auf Humanität verbunden sind — stärker als durch ihre nationalen Identitäten getrennt. Der vierte Grundwert ist die Vernunft: die Verpflichtung auf Argumente, Evidenz und den freien Austausch von Gründen als Grundlage für politische und moralische Urteile — in der Tradition der Aufklärung, die Immanuel Kant als den »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit« definiert hat.

Das freimaurerische Logenritual kennt eine besondere Form der Toleranzpraxis: den Besuch des Fremden. Ein Besucher aus einer anderen Loge, einer anderen Obödienz, einem anderen Land wird in der Loge mit denselben Rechten empfangen wie ein eigenes Mitglied — er darf an der Arbeit teilnehmen, er darf das Wort ergreifen, er wird als Bruder behandelt. Diese institutionelle Praxis der Gastfreundschaft gegenüber dem Fremden ist die freimaurerische Umsetzung dessen, was die Kontakthypothese der Sozialpsychologie als wirksamstes Mittel gegen Vorurteile identifiziert hat: die persönliche Begegnung unter Bedingungen der Statusgleichheit und des gemeinsamen Ziels. Ein politisches Programm, das den Fremden primär als Bedrohung konstruiert und institutionelle Gastfreundschaft durch institutionellen Argwohn ersetzt, steht in direktem Widerspruch zu dieser praktischen freimaurerischen Toleranzkultur — nicht als abstrakte philosophische Übung, sondern als gelebte institutionelle Praxis, die jede Loge in jeder Arbeit vollzieht.

IV. Ethnischer Nationalismus und universelle Brüderlichkeit

Der fundamentalste Konflikt zwischen dem AfD-Programm und den freimaurerischen Grundwerten liegt in der Frage, wer zum »Wir« gehört. Das AfD-Programm definiert dieses Wir ethnisch-kulturell: Es unterscheidet zwischen »Deutschen« und »Passdeutschen«, zwischen der »einheimischen Bevölkerung« und Einwanderern, zwischen dem »deutschen Volk«, das »ausstirbt«, und den Einwanderern, die kein »Ersatz« dafür sein können. Diese Definition des politischen Subjekts — das Volk als ethnische, nicht als rechtliche Kategorie — ist mit der freimaurerischen Weltanschauung grundsätzlich unvereinbar.

Die freimaurerische Tradition kennt kein privilegiertes Volk und keine privilegierte Herkunft. Der Große Baumeister aller Welten hat keine Nation bevorzugt; der Tempel, an dem die Freimaurerei baut, gehört der Menschheit, nicht einem Volk. Wenn das AfD-Programm Kinderwillkommensgeld an die »deutsche Staatsbürgerschaft« knüpft, wenn es staatliche Unterstützung für Familien von der Herkunft abhängig macht, wenn es den demografischen Wandel als »Aussterben des deutschen Volkes« bezeichnet — dann bedient es sich einer Logik, die dem freimaurerischen Grundsatz der universellen Menschenwürde direkt widerspricht: der Logik, dass Herkunft über Wert und Würde entscheidet.

Das Konzept der »Remigration« — das im AfD-Programm 2025 explizit erscheint — ist in dieser Perspektive besonders aufschlussreich. Es geht nicht nur um die Abschiebung von Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus, was rechtlich und politisch diskutierbar ist. Es geht um die Idee einer kategorischen Unterscheidung zwischen »echten« Deutschen und Menschen, die als Fremde zu behandeln sind, auch wenn sie die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Diese Unterscheidung — die in den Potenzialpapieren der AfD-nahen Rechten auf das Potsdamer Treffen zurückgeht — ist die politische Anwendung eines ethnischen Volksbegriffs, der mit der Universalität der Menschenwürde, wie die freimaurerische Tradition sie versteht, schlicht unvereinbar ist. Ein Freimaurer, der seinem Eid treu ist, kann einen Menschen nicht in »echte« und »Pass«-Deutsche einteilen — weil der Tempel, an dem er baut, nicht nach Herkunft sortiert.

Die Bundespolitische Analyse der Menschenwürdedimension zeigt noch einen weiteren, subtileren Konflikt. Das AfD-Programm spricht im Kontext der Asylpolitik von einem »menschenwürdigen Existenzminimum« als dem, was Asylbewerbern zusteht. Die Formulierung ist juristisch korrekt — das Bundesverfassungsgericht hat dieses Minimum mehrfach verbürgt —, aber ihre Verwendung im Programm ist bezeichnend: Sie markiert das Maximum dessen, was diese Menschengruppe erhalten soll. Die freimaurerische Tradition kennt kein unterschiedliches Menschenwürdeniveau für verschiedene Gruppen: Menschenwürde ist unteilbar, oder sie ist keine. Wer jemandem nur ein »Minimum« an Würde zubilligt, hat das Prinzip der Würde bereits verlassen.

Das Problem der Klimaleugnung im AfD-Programm hat eine Dimension, die über die wissenschaftliche Debatte hinausgeht und das freimaurerische Generationenprinzip berührt. Der IPCC — der Weltklimarat, dessen Berichte den Konsens der Klimawissenschaft zusammenfassen — prognostiziert bei einem business-as-usual-Szenario Temperaturerhöhungen, die in Regionen der Erde, die heute dicht besiedelt sind, zu Unbewohnbarkeit führen werden. Die Migrationsbewegungen, die daraus entstehen werden, übersteigen in ihrer prognostizierten Größenordnung alles, was gegenwärtig diskutiert wird, um Faktoren. Ein politisches Programm, das einerseits Einwanderung als Bedrohung behandelt und andererseits die Politik ablehnt, die Klimaflüchtlinge in ihrer Entstehung verhindern würde, operiert mit einer internen Widersprüchlichkeit, die erkenntnistheoretisch als Selbstwiderlegung beschrieben werden muss: Es bekämpft die Symptome einer Entwicklung, die es durch seine Klimapolitik verschärft. Die freimaurerische Tradition der Enkelfrage — was wir den Generationen hinterlassen, die nach uns kommen — trifft diese Widersprüchlichkeit mit der Schärfe, die das Thema verdient: Es gibt keine konservative Haltung, die die Zukunft des eigenen Landes ernst nimmt und gleichzeitig den Klimawandel ignoriert.

V. Toleranz, Religion und das Problem der Exklusion

Das AfD-Programm enthält eine strukturelle Asymmetrie in der Behandlung verschiedener Religionen, die für eine Partei, die sich auf »christlich-abendländische Werte« beruft, charakteristisch ist. Dem Christentum werden Privilegien zuerkannt, die dem Islam verweigert werden: Der Körperschaftsstatus, die staatliche Förderung, die Sonderstellung im öffentlichen Recht. Diese Asymmetrie ist, aus einer freimaurerischen Perspektive, ein Verstoß gegen das Prinzip der religiösen Toleranz, das zu den ältesten und unveräußerlichsten Grundsätzen der Freimaurerei gehört.

Die freimaurerische Tradition verlangt von ihren Mitgliedern den Glauben an ein höheres Wesen — aber sie schreibt nicht vor, welches. Ein buddhistischer, ein jüdischer, ein christlicher, ein muslimischer und ein deistischer Freimaurer können in derselben Loge arbeiten, weil die Loge kein dogmatisches Bekenntnis verlangt, sondern eine ethische Grundhaltung. Diese religiöse Offenheit ist keine Beliebigkeit — sie ist die institutionelle Form der Einsicht, dass kein Mensch und keine Tradition das Monopol auf die Wahrheit besitzt. Wenn das AfD-Programm dem Islam strukturell den Status einer gleichberechtigten Religion verweigert — nicht wegen konkreter Rechtsverstöße, sondern wegen seiner strukturellen Fremdheit gegenüber dem »christlich-abendländischen Erbe« —, dann verletzt es dieses Grundprinzip der religiösen Toleranz.

Es ist an dieser Stelle wichtig, eine Differenzierung vorzunehmen, die das Programm selbst nicht trifft: Die Kritik an konkreten Erscheinungsformen des politischen Islam — an Zwangsheirat, Ehrenmord, Unterdrückung von Frauen und Mädchen — ist legitim und steht nicht im Widerspruch zu den freimaurerischen Grundwerten. Im Gegenteil: Die Verteidigung der Menschenwürde jeder einzelnen Person gegen kulturelle oder religiöse Unterdrückung ist eine freimaurerische Pflicht. Was das AfD-Programm tut, ist jedoch etwas grundlegend anderes: Es diskriminiert nicht eine konkrete Praxis, sondern eine Religion als solche — und damit alle Menschen, die ihr angehören, unabhängig von ihrer persönlichen Lebensweise. Diese pauschale Diskriminierung einer religiösen Gruppe widerspricht dem freimaurerischen Toleranzprinzip, das seit Lessings Ringparabel zur Grundlage des aufgeklärten Denkens gehört.

Die Behandlung von LGBTQ+-Personen im AfD-Programm berührt dasselbe Prinzip auf einer anderen Ebene. Das Programm lehnt die staatliche Förderung »alternativer Lebensentwürfe« ab und definiert die »Familie aus Vater, Mutter und Kindern« als »normative Normalität«. Diese Formulierung ist mehr als eine politische Präferenz — sie ist eine politische Abwertung: die Botschaft, dass Menschen, die nicht dieser Norm entsprechen, weniger staatliche Anerkennung und Unterstützung verdienen. Für eine Freimaurerei, die den Wert jedes Menschen ohne Ansehen seiner Lebensweise bekennt, ist diese Abwertung mit ihren Grundsätzen unvereinbar. Führung beginnt am eigenen rauen Stein — und der eigene rauhe Stein wird nicht dadurch glatter, dass man den Stein des Anderen als falsch geformt bezeichnet.

Die Figur des 'Hiram Abiff' — des mythischen Baumeisters des salomonischen Tempels, der in der freimaurerischen Überlieferung als Fremder in Israel wirkte und der durch seine außergewöhnliche Kompetenz zum Meisterbaumeister wurde — ist für das Thema dieses Essays von eigentümlicher Relevanz. Hiram kam aus Tyrus, nicht aus Israel; er war, in der Sprache des AfD-Programms, ein 'Migrant' — ein Fremder, der durch seine Fähigkeiten zum Mittelpunkt des Tempelbauprojekts wurde, das die Freimaurerei als ihr symbolisches Gründungsereignis betrachtet. Das freimaurerische Stiftungsmythos ist, in dieser Lesart, ein Loblied auf die integrative Kraft des Bauens: Einheimische und Fremde, Israeliten und Phönizier, arbeiten gemeinsam am Tempel der Menschheit. Die Frage, ob der Fremde ein Bereicherung oder eine Bedrohung ist, beantwortet der freimaurerische Gründungsmythos eindeutig: Der Fremde ist Meister. Das AfD-Programm gibt auf diese Frage eine andere Antwort — und diese Antwort widerspricht der innersten Überlieferung unserer Institution Freimaurerei, die hier urteilt.

VI. Demokratie, Volksherrschaft und die Gefahr des Plebiszitarismus

Das AfD-Programm enthält eine eigentümliche Demokratietheorie, die auf den ersten Blick volksfreundlich klingt, bei näherer Betrachtung jedoch problematisch ist. Das Programm definiert Demokratie als das System, in dem »die Mehrheit entscheidet« — und zieht daraus die Schlussfolgerung, dass die AfD, die den »Volkswillen« repräsentiert, die eigentliche Demokratie verkörpert, während die »Altparteien«, die sich ihrem Willen widersetzen, »Diktatur« betreiben. Diese Gleichsetzung von Mehrheitswille und Demokratie ist eine klassische Form des Plebiszitarismus, die die komplexe Verfassungsarchitektur der repräsentativen Demokratie radikal vereinfacht.

Die liberale Demokratie — wie sie in Deutschland durch das Grundgesetz realisiert ist — ist gerade nicht die bloße Herrschaft der Mehrheit. Sie ist die Herrschaft der Mehrheit unter den Bedingungen des Schutzes von Minderheiten, der Gewaltenteilung, der Unabhängigkeit der Justiz, der Pressefreiheit und der Menschenrechte. Diese Bedingungen sind nicht Einschränkungen der Demokratie — sie sind ihre Substanz. Eine Demokratie, die Minderheiten ihrer Rechte beraubt, weil die Mehrheit es so will; die unabhängige Gerichte beseitigt, weil sie unbequeme Urteile fällen; die Pressefreiheit einschränkt, weil bestimmte Meinungen »falsch« sind — eine solche Demokratie ist keine Demokratie mehr, sondern eine Tyrannei der Mehrheit.

Aus freimaurerischer Perspektive ist dieses Demokratieverständnis in mehrerlei Hinsicht beunruhigend. Erstens: Die Freimaurerei ist ihrem Wesen nach eine Institution des Schutzes von Minderheiten — sie selbst war in ihrer Geschichte immer wieder Objekt von Verfolgung durch Mehrheiten, die ihre Existenz als Bedrohung empfanden. Ein politisches Programm, das Minderheitsrechte der Mehrheitsmacht unterordnet, bedroht damit strukturell auch die Freimaurerei selbst. Zweitens: Die freimaurerische Tradition des offenen Gesprächs — des Diskurses, in dem jeder Bruder seine Meinung sagen darf und in dem Entscheidungen durch Überzeugung, nicht durch Mehrheitsdruck gefällt werden — steht in direktem Widerspruch zu einem Demokratiebegriff, der Dissens als »Diktatur« und Konformität als »Volkswillen« bezeichnet.

Das Programm enthält zudem eine beunruhigende Passage zur Meinungsfreiheit: Es kritisiert die Verfolgung von »Meinungsstraftaten« durch die Polizei und fordert, dass sich diese auf »echte Verbrechen« konzentrieren solle. In einem Land, in dem Volksverhetzung, Holocaust-Leugnung und die Verbreitung von Hassbotschaften strafbar sind — weil ihre politischen und gesellschaftlichen Schäden historisch belegt sind —, ist diese Forderung nicht Ausdruck der Freiheit des Denkens, sondern der Freiheit zur Propagierung von Hass. Die freimaurerische Tradition der freien Rede kennt ebenfalls eine Grenze: Sie endet dort, wo die Würde anderer Menschen verletzt wird. Diese Grenze ist nicht beliebig — sie ist die Bedingung für die Möglichkeit der Freiheit aller.

Der Begriff der 'Altparteiendiktatur', den das Sachsen-Anhaltinische Regierungsprogramm verwendet, ist ein semantisches Werkzeug von besonderer Gefährlichkeit, das einer genaueren Analyse bedarf. Eine Diktatur ist ein politisches System, in dem keine freie Meinungsäußerung, keine freien Wahlen und kein institutioneller Schutz von Minderheitsrechten existiert. Deutschland hat 2021 und 2025 freie Wahlen abgehalten, in denen die AfD selbst kandidierte und erhebliche Stimmengewinne erzielte; die Pressefreiheit ist durch Artikel 5 des Grundgesetzes garantiert; und die Justiz hat in mehreren Fällen zugunsten der AfD entschieden, etwa im Streit über die Bewertung durch den Verfassungsschutz. Ein System, in dem die stärkste Oppositionspartei Klage einreichen, Medien kritisieren und Programme veröffentlichen kann, ist keine Diktatur — es ist eine Demokratie mit Problemen und Unvollkommenheiten, die in einem Rechtsstaat diskutiert und bearbeitet werden. Die Verwendung des Diktatur-Begriffs für eine Situation, die keine Diktatur ist, ist aus freimaurerischer Perspektive eine Form der sprachlichen Unredlichkeit: Sie benennt die Wirklichkeit falsch, um eine politische Emotion zu erzeugen, statt die Wirklichkeit in ihrer Komplexität zu beschreiben.

VII. Vernunft, Wissenschaft und die Pflicht zur Empirie

Die Freimaurerei ist ein Kind der Aufklärung — und die Aufklärung ist, in ihrer philosophischen Substanz, das Projekt der Vernunft gegen den Aberglauben. Kant definierte Aufklärung als den Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, ohne die Anleitung eines anderen. Für die freimaurerische Tradition bedeutet das: die Bereitschaft, Überzeugungen an der Erfahrung zu messen, Argumente nach ihrer Evidenz zu beurteilen und die eigenen Überzeugungen zu revidieren, wenn die Evidenz es verlangt. Diese Verpflichtung auf Vernunft und Empirie ist kein intellektueller Luxus — sie ist eine ethische Grundhaltung.

Das AfD-Programm verstößt gegen diese Grundhaltung in einem besonders augenfälligen und politisch folgenreichen Bereich: der Klimapolitik. Der wissenschaftliche Konsens über den menschengemachten Klimawandel ist so robust, wie ein wissenschaftlicher Konsens nur sein kann: Er basiert auf Jahrzehnten von Messreihen, auf Modellen, die mit historischen Daten konsistent sind, und auf einem Grad an Übereinstimmung in der Wissenschaftsgemeinde, der für komplexe empirische Fragen außergewöhnlich ist. Das AfD-Programm bezeichnet klimapolitische Maßnahmen als »ideologische Klima-Showpolitik« und impliziert damit, dass der Klimawandel entweder nicht real oder nicht menschengemacht ist — eine Position, die nicht nur wissenschaftlich unhaltbar, sondern auch politisch gefährlich ist, weil sie die gesellschaftliche Reaktion auf eine reale Bedrohung verzögert.

Aus freimaurerischer Perspektive ist die Leugnung wissenschaftlicher Evidenz aus politischen Motiven eine Form der intellektuellen Unredlichkeit, die dem Geist der Aufklärung direkt widerspricht. Der Freimaurer, der sich verpflichtet hat, die Wahrheit zu suchen und die Vernunft zu ehren, kann nicht gleichzeitig wissenschaftliche Befunde leugnen, weil sie politisch unbequem sind. Die Enkelfrage — was wir den nachfolgenden Generationen hinterlassen — stellt sich hier mit besonderer Schärfe: Eine Politik, die den Klimawandel leugnet oder ignoriert, hinterlässt den Enkeln eine physisch beschädigte Welt, deren Ressourcenkonflikte zu Kriegen führen werden. Klimaschutz ist in dieser Perspektive keine »ideologische« Forderung, sondern eine Pflicht gegenüber den Generationen, die nach uns die Erde bewohnen werden.

Derselbe Konflikt zwischen Vernunftpflicht und politischer Opportunität zeigt sich in der Außenpolitik. Das AfD-Programm fordert den Austritt Deutschlands aus der EU — eine Position, die von keinem ernsthaften wirtschaftswissenschaftlichen Modell als vorteilhaft für Deutschland beschrieben wird. Sie fordert die Wiederherstellung nationaler Währungen — obwohl die wirtschaftshistorische Evidenz für die Stabilisierungswirkung gemeinsamer Währungen unter den richtigen institutionellen Bedingungen erdrückend ist. Und sie nimmt eine Haltung gegenüber Russland ein, die mit den geostrategischen Realitäten der postnationalen europäischen Friedensordnung kaum vereinbar ist. In allen diesen Bereichen opfert das Programm die Komplexität der Wirklichkeit dem Bedürfnis nach einfachen Narrativen — eine Form intellektueller Unredlichkeit, die mit dem freimaurerischen Geist des freien, von Evidenz geleiteten Denkens unvereinbar ist.

Die freimaurerische Bildungstradition kennt einen Begriff, der für die Bewertung des AfD-Programms besonders aufschlussreich ist: der 'Makel', der das Mitglied von der Aufnahme in die Loge ausschließt. Zu diesen Makeln gehört in verschiedenen Traditionen nicht die politische Überzeugung, sondern der Charakter — die Frage, ob ein Mensch fähig ist, in ehrlicher, respektvoller und toleranter Gemeinschaft mit anderen zu leben. Diese Charakterorientierung ist für die Bewertung politischer Programme bedeutsam: Die Freimaurerei fragt nicht, ob ein Programm die 'richtigen' politischen Positionen vertritt, sondern ob es die Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Gemeinschaftsleben schafft oder untergräbt. Ein Programm, das systematisch Feindbilder konstruiert, das Menschen nach ihrer Herkunft sortiert, das wissenschaftliche Vernunft politischen Zielen unterordnet und das die Würde von Minderheiten strukturell missachtet, versagt an diesem Charaktertest — unabhängig davon, welche wirtschaftlichen oder sicherheitspolitischen Einzelmaßnahmen es enthält, die für sich genommen diskutabel wären. Die Summe eines Programms ist mehr als die Addition seiner Teile: Sie ist sein Geist — und der Geist des AfD-Programms ist mit dem freimaurerischen Geist der Humanität nicht vereinbar.

VIII. Feindbildkonstruktion und der Geist der Brüderlichkeit

Eine der auffälligsten rhetorischen Merkmale des AfD-Programms ist seine systematische Feindbildkonstruktion. Das Programm kennt keine politischen Gegner — es kennt Feinde: »Altparteien«, die eine »Diktatur« errichten wollen; einen »Verfassungsschutz«, der die »Opposition verfolgt«; eine »Lügenmedien«-Kultur, die das Volk indoktriniert; und Einwanderer, die das »deutsche Volk« ersetzen sollen. Diese Konstruktion einer Welt aus Feinden — aus Menschen und Institutionen, die dem eigenen Lager mit böser Absicht gegenüberstehen — ist kein rhetorisches Stilmittel. Sie ist die grundlegende Struktur, durch die das Programm politische Wirklichkeit erzeugt.

Carl Schmitts politische Philosophie — die Unterscheidung von Freund und Feind als konstitutive Kategorie des Politischen — ist das theoretische Substrat dieser Denkweise, auch wenn das Programm Schmitt nicht zitiert. Für Schmitt ist das Politische immer und wesentlich die Unterscheidung zwischen dem eigenen Kollektiv und dem Feind: Ohne diese Unterscheidung gibt es keine Politik, nur Verwaltung. Diese Theorie hat eine bestechende Klarheit — und eine verhängnisvolle praktische Konsequenz: Sie macht Kompromiss, Dialog und Verständigung zu Verrat. Wer mit dem Feind spricht, legitimiert ihn. Wer seine Position als teilweise berechtigt anerkennt, schwächt das eigene Lager.

Die freimaurerische Tradition ist die institutionelle Gegenbewegung zu dieser Denkweise. Die Loge ist der Raum, in dem die Schmitt'sche Freund-Feind-Unterscheidung bewusst suspendiert wird: in dem der politische Gegner, der religiöse Andersgläubige und der soziale Fremde als Bruder behandelt wird — nicht weil die Unterschiede nicht existieren, sondern weil sie durch die gemeinsame Menschheit überboten werden. Das maurerische Ritual des gegenseitigen Grußes und der gemeinsamen Arbeit ist die symbolische Praxis dieser Überwindung: Man begrüßt den Anderen nicht, weil man mit ihm übereinstimmt, sondern weil man ihn als Menschen anerkennt.

Das AfD-Programm macht genau das Gegenteil: Es konstituiert politische Identität durch Feindschaft. Die Bedrohung durch die »Altparteien«, die Bedrohung durch Einwanderer, die Bedrohung durch die EU, die Bedrohung durch den Klimaaktivismus — all das sind Konstrukte, die der Mobilisierung dienen: die Angst vor dem Feind soll das eigene Lager zusammenhalten. Diese Mobilisierungsstrategie durch Angst ist aus freimaurerischer Perspektive nicht nur politisch bedenklich — sie ist ethisch problematisch: Weil sie Menschen instrumentalisiert, indem sie sie zu Feindbildern macht; weil sie die Fähigkeit zur Empathie und zum Dialog systematisch untergräbt; und weil sie eine gesellschaftliche Atmosphäre produziert, in der das freie Gespräch — die Grundlage der Logenarbeit wie der Demokratie — nicht mehr möglich ist.

Es wäre unredlich, diesen Essay zu schließen, ohne die Frage zu stellen, was die Freimaurerei positiv anbieten kann gegenüber den politischen Realitäten, die das AfD-Programm adressiert. Denn die Nöte, auf die das Programm reagiert — die wirtschaftlichen Ängste der Mittelschicht, die Erfahrung sozialer Unsicherheit, das Gefühl, von politischen Eliten nicht gehört zu werden, die Herausforderungen der interkulturellen Begegnung in einer schnell diversifizierten Gesellschaft — sind real. Sie verdienen eine ernsthafte politische Antwort, nicht die Antwort des Feindbildes und der Abgrenzung, die das AfD-Programm anbietet. Die freimaurerische Antwort auf diese Nöte ist die Antwort der Bildung, des Gesprächs und der gemeinsamen Arbeit: nicht die Vereinfachung der Komplexität, sondern das Aushalten der Komplexität in einer Gemeinschaft, die stark genug ist, um sie zu tragen. Diese Antwort ist schwieriger als die des Feindbildes — aber sie ist die einzige, die die Würde aller Beteiligten respektiert und damit den Namen 'Vision' verdient.

IX. Die Würde des Fremden: Freimaurerei und Gastrecht

Die Geschichte der Freimaurerei ist in wesentlichen Teilen eine Geschichte der Diaspora und des Exils. Jüdische Freimaurer, protestantische Freimaurer in katholischen Ländern, freigeistige Freimaurer in klerikalen Gesellschaften — sie alle haben die Freimaurerei als einen Raum erlebt, der ihnen Schutz und Zugehörigkeit bot, den die Gesellschaft ihnen verweigerte. Diese historische Erfahrung hat die freimaurerische Haltung gegenüber dem Fremden geprägt: nicht als Bedrohung, sondern als potentiellen Bruder; nicht als Last, sondern als Bereicherung.

Das Gebot der Gastfreundschaft — das in allen großen ethischen Traditionen der Menschheit verankert ist, von der biblischen Aufforderung »Den Fremden sollst du nicht unterdrücken« über die arabische Tradition der Diafa (Gastfreundschaft) bis zur griechischen Xenia (warme, großzügige Haltung gegenüber Gästen) — ist für die Freimaurerei nicht nur eine moralische Pflicht, sondern eine kosmologische Aussage: dass der Fremde, der an meine Tür klopft, nicht mein Feind ist, sondern ein Mensch, der meines Schutzes bedarf. Das Programm der AfD dreht diese Logik um: Der Fremde ist per definitionem verdächtig, eine Belastung, ein Sicherheitsrisiko. Die Forderung nach »Gewahrsamszentren« an den Grenzen, nach der Absenkung von Sozialleistungen für Asylbewerber auf ein »menschenwürdiges Existenzminimum« und nach der »Remigration« von Menschen, die seit Jahren oder Jahrzehnten in Deutschland leben, ist die politische Verkörperung einer Haltung, die dem freimaurerischen Gebot der Gastfreundschaft diametral entgegensteht.

Es ist an dieser Stelle wichtig, einer möglichen Verwechslung vorzubeugen: Die freimaurerische Tradition verlangt keine grenzenlose Toleranz für jede Form des Verhaltens. Ein Mensch, der andere Menschen bedroht, verletzt oder ermordet, hat das Gastrecht verwirkt — und das Recht einer Gesellschaft, ihre Mitglieder zu schützen, ist eine Pflicht, keine Option. Die Kritik am AfD-Programm betrifft nicht die Forderung nach Abschiebung von Kriminellen — sie betrifft die pauschale Konstruktion des Fremden als Bedrohung, die unterschiedslos Menschen trifft, die Schutz suchen und Menschen, die Sicherheitsrisiken darstellen; die die Differenzierung verweigert, die ethisches Denken immer und unbedingt fordert.

Die Beziehung zwischen der freimaurerischen Tradition und dem Jüdischen Volk — das historisch als »ewiger Fremder« in Europa verfolgt wurde — verdient eine besondere Erwähnung. Die Freimaurerei hat in ihrer Geschichte oft Juden aufgenommen, als andere gesellschaftliche Institutionen ihnen die Mitgliedschaft verweigerten. Diese Öffnung war nicht nur ein Akt der Toleranz, sondern ein Akt des Widerstands gegen den Antisemitismus — die Weigerung, die gesellschaftliche Ausgrenzung des Fremden mitzuvollziehen. In diesem historischen Licht betrachtet ist das AfD-Programm, das Einwanderer systematisch als Bedrohung konstruiert, nicht nur politisch fragwürdig — es ist ein Echo jener historischen Feindbildkonstruktionen, gegen die die Freimaurerei immer Position bezogen hat.

X. Die populistische Sprache und das freimaurerische Diskursideal

Die Rhetorik des AfD-Programms ist in ihrer Qualität von der freimaurerischen Diskurstradition grundlegend verschieden — und diese Verschiedenheit ist nicht nur ein ästhetisches Urteil, sondern ein ethisches. Das Programm operiert durchgehend mit einer Sprache der Vereinfachung, der Empörung und der Schuldzuweisung: »Altparteien«, »Diktatur«, »Horror-Vision«, »Aussterben des deutschen Volkes«, »letzte Chance«. Diese Sprache ist rhetorisch wirksam, weil sie Emotionen mobilisiert — Angst, Wut, Ressentiment —, ohne die Komplexität der Wirklichkeit zu vermitteln. Sie ist für die politische Mobilisierung effektiv genau deshalb, weil sie das Nachdenken unterbricht statt es anzuregen.

Die freimaurerische Diskurstradition — die Tradition des Traktats, des Bildungsvortrags und des offenen Gesprächs in der Loge — ist das Gegenteil dieser Rhetorik. Sie verlangt von jedem Redner, sein Thema in seiner Komplexität zu behandeln; die Argumente des Gegners in ihrer stärksten Form zu präsentieren; auf Übertreibung und Vereinfachung zu verzichten; und die eigene Argumentation für die Kritik der anderen Brüder offen zu halten. Diese Diskursnormen sind keine Bürokratie des Gesprächs — sie sind die institutionellen Bedingungen, unter denen das freie Gespräch seinen Wert entfalten kann. Habermas' Konzept des »herrschaftsfreien Diskurses« — der Kommunikation, die nicht durch Macht und Manipulation, sondern durch den Zwang des besseren Arguments bestimmt wird — ist die philosophische Formulierung dessen, was die Freimaurerei institutionell zu realisieren versucht.

Das AfD-Programm ist, in seiner Grundstruktur, das Gegenteil eines solchen Diskurses. Es präsentiert keine Argumente, die für die Kritik offen sind — es präsentiert Narrative, die zur Identifikation einladen. Es beschreibt keine komplexe Wirklichkeit, in der verschiedene Interessen und Werte miteinander abgewogen werden müssen — es teilt die Welt in Gut und Böse, in »unser Volk« und seine Feinde. Diese Struktur ist nicht zufällig, sondern funktional: Sie dient der Mobilisierung, nicht der Verständigung. Und eine Politik, die Mobilisierung statt Verständigung anstrebt, ist mit dem freimaurerischen Geist der offenen Wahrheitssuche fundamental unvereinbar.

Der Begriff der »Lügenpresse«, der aus dem Umfeld der AfD geprägt wurde und der die seriösen Medien pauschal als Instrumenten der Meinungsmanipulation bezeichnet, ist das vielleicht klarste Beispiel für diese diskursive Unredlichkeit. Er untergräbt das epistemische Fundament, auf dem jeder öffentliche Diskurs beruht: die Überzeugung, dass Fakten von Meinungen unterscheidbar sind, dass unabhängige Berichterstattung möglich ist und dass Fehler korrigiert werden können. Eine Gesellschaft, in der diese Überzeugung erschüttert ist, kann nicht mehr rational diskutieren — weil jede Stimme, die nicht die eigene ist, als manipuliert gilt. Diese Erschütterung des epistemischen Vertrauens ist aus freimaurerischer Perspektive eine Bedrohung, die über das Politische hinausgeht: Sie trifft das Fundament der vernünftigen Gemeinschaft, die die Aufklärung begründen wollte.

XI. Die Freimaurerei als historische Zielscheibe des Nationalismus

Kein Essay über die Freimaurerei und den Nationalismus wäre vollständig ohne den Blick auf die Geschichte — die Geschichte, die zeigt, was passiert, wenn ein ethnisch-nationalistisches Programm an die Macht kommt. Die Nationalsozialisten haben die deutschen Freimaurerlogen im Jahr 1933 verboten, ihre Mitglieder verfolgt und ihre Symbole als Beweis einer jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung instrumentalisiert. In allen autoritären Regimen des 20. Jahrhunderts — im nationalsozialistischen Deutschland, im faschistischen Italien, in Francos Spanien, in Stalins Sowjetunion — wurden Freimaurerlogen verboten, weil die Idee der universellen Brüderlichkeit, der religiösen Toleranz und des freien Gesprächs mit den Prinzipien des autoritären Nationalismus unvereinbar ist.

Diese historische Beobachtung ist keine Gleichsetzung der AfD mit dem Nationalsozialismus — eine solche Gleichsetzung wäre analytisch ungenau und moralisch unverantwortlich. Sie ist jedoch der Hinweis auf eine Logik: dass die Prinzipien der Freimaurerei — Universalismus, Toleranz, freies Denken — in einem strukturellen Konflikt mit den Prinzipien des ethnischen Nationalismus stehen, der unabhängig von den spezifischen historischen Ausprägungen dieses Nationalismus gilt. Ein Programm, das politische Identität durch ethnische Zugehörigkeit definiert, das religiöse Minderheiten strukturell diskriminiert und das die Freiheit des Denkens durch politisch definierte »falsche Meinungen« begrenzt — ein solches Programm trägt in sich eine Logik, die der freimaurerischen Tradition feindlich ist, auch wenn diese Feindschaft heute in moderateren Formen erscheint als in der Geschichte.

Die freimaurerischen Grundsätze — die Einheit der Menschheit, die Würde jedes Einzelnen, die Toleranz als Lebenshaltung — sind nicht politisch neutral. Sie haben historisch auf der Seite der Aufklärung, der Menschenrechte und der internationalen Solidarität gestanden, und gegen alle Formen des ethnischen, religiösen und politischen Exklusivismus. Diese Positionierung ist kein Zufall — sie folgt aus der inneren Logik der freimaurerischen Werte. Wenn die Freimaurerei heute vor der »Vision 2026« steht und fragt, ob dieses Programm mit ihren Werten vereinbar ist, dann lautet die Antwort, die aus dieser inneren Logik folgt: In seinen wesentlichen Grundzügen — seinem ethnischen Nationalismus, seiner religiösen Diskriminierung, seiner Feindbildrhetorik und seiner Leugnung wissenschaftlicher Vernunft — ist es das nicht.

XII. Schluss: Der rauhe Stein des Politischen

Die freimaurerische Tradition lehrt, am eigenen rauen Stein zu arbeiten: an der Unvollkommenheit des eigenen Charakters, der eigenen Urteilskraft, der eigenen Haltungen. Diese Arbeit ist kein einmaliger Akt, sondern ein Lebensprozess — und sie schließt die Bereitschaft ein, die eigenen politischen Überzeugungen an den Werten zu messen, auf die man sich verpflichtet hat. Ein Freimaurer, der das AfD-Programm unterstützt, muss diese Überprüfung vornehmen — nicht weil die Loge ihm vorschreibt, was er zu wählen hat, sondern weil er verpflichtet ist, seine politischen Entscheidungen mit seinen Grundwerten in Einklang zu bringen.

Der rauhe Stein des Politischen, an dem die deutsche Gesellschaft gegenwärtig arbeitet, ist groß und unförmig. Es gibt reale Probleme, auf die das AfD-Programm reagiert: Sicherheitsbedenken, wirtschaftliche Ängste, das Gefühl des Nicht-gehört-Werdens bei Teilen der Bevölkerung, Fragen der sozialen Kohäsion in einer diversifizierten Gesellschaft. Diese Probleme sind real, und eine Freimaurerei, die glaubt, sie dadurch erledigen zu können, dass sie das AfD-Programm pauschal verurteilt, ohne die Nöte zu verstehen, aus denen seine Unterstützung erwächst, verkennt ihre eigene Aufgabe. Führung beginnt am eigenen rauen Stein — und der eigene rauhe Stein enthält auch die Frage, warum so viele Menschen politischen Programmen zustimmen, die mit humanistischen Werten unvereinbar sind.

Die Antwort auf diese Frage ist nicht Verurteilung — sie ist das Gespräch: der offene, respektvolle, auf Evidenz gegründete Dialog, in dem die Sorgen derjenigen gehört werden, die das AfD-Programm unterstützen, und in dem gleichzeitig die Implikationen dieses Programms benannt werden, die mit der Würde aller Menschen unvereinbar sind. Die Freimaurerloge ist, in ihrer besten Form, ein Raum, in dem dieses Gespräch geführt werden kann — in dem Menschen verschiedener politischer Überzeugungen gemeinsam nach der Wahrheit suchen, nicht durch Mehrheitsentscheid, sondern durch das freie Spiel der Argumente. Diese Funktion der Loge als Gesprächsraum jenseits der politischen Polarisierung ist heute, in einer Zeit der gesellschaftlichen Spaltung, wichtiger als je zuvor.

Die »Vision 2026« der AfD ist, in ihrer philosophischen Substanz, keine Vision des Friedens — sie ist eine Vision der Abgrenzung: der Abgrenzung des eigenen Volkes von den Fremden, der eigenen Werte von den fremden, der eigenen Demokratie von der angeblichen Diktatur der Anderen. Diese Vision ist mit der freimaurerischen Tradition der universellen Brüderlichkeit, der religiösen Toleranz, der Verpflichtung auf Vernunft und der Würde jedes Menschen nicht vereinbar. Das ist das Urteil, das einer konsequenten Anwendung der freimaurerischen Grundwerte folgt — ein Urteil, das politisch nicht parteiisch ist, aber philosophisch eindeutig: 

  • Der Tempel, an dem die Freimaurerei baut, hat Platz für alle Menschen — aber er hat keinen Platz für Programme, die Menschen nach ihrer Herkunft sortieren, ihre Würde nach ihrer Nützlichkeit bemessen und die Wahrheit den Bedürfnissen der Mobilisierung unterordnen

  • Ritual trifft Realität — und die Realität dieses Programms trifft das Ritual der Humanität ins Mark.

Gerhard Ebeling (ebg), MvSt

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