Liebe Macherinnen und Macher,
wir müssen über ein Thema sprechen, das in den Chefetagen gerade für mehr Unruhe sorgt als die aktuelle Konjunkturdelle. Es geht nicht um die Frage, ob wir Künstliche Intelligenz einsetzen. Es geht um die Frage, was passiert, wenn wir es tun.
Die US-Soziologin Allison Pugh hat es in einem aktuellen Interview mit dem Handelsblatt auf den Punkt gebracht: "Arbeit wird zum Luxus, der nur einer Elite vorbehalten ist." Sie warnt davor, dass Menschen ihre Würde verlieren, wenn KI alle Arbeit ersetzt.
Das klingt nach akademischer Dystopie? Ist es aber nicht. Es ist die Realität, die gerade in vielen mittelständischen Unternehmen ankommt.
Das KI-Paradoxon im Mittelstand
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Laut der aktuellen Bitkom-KI-Studie 2026 nutzen mittlerweile 41 Prozent der deutschen Unternehmen KI aktiv – eine Verdopplung gegenüber 2024. Doch gleichzeitig haben nur 21 Prozent eine formale KI-Strategie.
Was passiert, wenn Technologie ohne Strategie auf Menschen trifft? Die Antwort liefert die gleiche Studie: 31 Prozent der Unternehmen nennen die fehlende Mitarbeiterakzeptanz als das größte interne Hindernis.
Wir haben die Tools gekauft, aber wir haben die Menschen vergessen.
Das Ergebnis ist ein massiver wirtschaftlicher Schaden. 95 Prozent der KI-Projekte in Unternehmen liefern keinen messbaren Return on Investment (ROI). Sie scheitern nicht an der Technik. Sie scheitern daran, dass Mitarbeiter die Systeme boykottieren, ignorieren oder schlichtweg Angst davor haben. Laut YouGov fürchten 34 Prozent der Deutschen, ihren Job durch KI zu verlieren.
(Öffnet in neuem Fenster)Der Starbucks-Irrtum
Wie schnell blinder Technologieglaube scheitern kann, zeigt ein aktuelles Beispiel aus den USA. Starbucks hat gerade seine KI-App zur Erfassung von Warenbeständen in Nordamerika wieder abgeschafft. Das System war erst neun Monate im Einsatz. Der Grund? Eine zu hohe Fehlerquote.
Man hatte versucht, den menschlichen Faktor aus einem komplexen Prozess herauszurechnen. Das Ergebnis war mehr Chaos als vorher.
Connective Labor: Die unsichtbare Ressource
Allison Pugh prägt in ihrem neuen Buch "The Last Human Job" den Begriff der "Connective Labor" – die menschliche Arbeit des Erkennens, des Gesehen-Werdens und der emotionalen Verbindung.
Genau hier liegt der blinde Fleck vieler Digitalisierungsstrategien. Wir versuchen, Prozesse zu automatisieren, die eigentlich auf menschlicher Verbindung basieren. Wenn wir den Vertriebler durch einen Chatbot ersetzen, sparen wir vielleicht Personalkosten. Aber wir verlieren die "Connective Labor", die den Kunden an das Unternehmen bindet.
Der Macher-Kompass: Führung statt Technologie
Was bedeutet das für Sie als Entscheider? Die Lösung liegt nicht darin, KI zu ignorieren. Wer das tut, wird vom Markt verschwinden. Die Lösung liegt darin, KI als Werkzeug zu begreifen und nicht als Ersatz für menschliche Würde.
Hier sind drei konkrete Schritte für Ihre KI-Strategie:
1. Definieren Sie das "Was bleibt"
Bevor Sie überlegen, was die KI übernehmen kann, definieren Sie glasklar, was menschlich bleiben muss. Wo ist "Connective Labor" in Ihrem Unternehmen entscheidend für den Erfolg? Schützen Sie diese Bereiche.
2. Automatisieren Sie den Schmerz, nicht den Sinn
Nutzen Sie KI, um Routineaufgaben, Datenanalysen und administrative Prozesse zu beschleunigen. "Outsource the crap, not the craft." Geben Sie Ihren Mitarbeitern die Zeit zurück, um das zu tun, was Maschinen nicht können: Beziehungen aufbauen, kreativ Probleme lösen und Empathie zeigen.
3. Kommunizieren Sie Würde
Nehmen Sie die Ängste Ihrer Belegschaft ernst. Eine KI-Einführung ist kein IT-Projekt, es ist ein Change-Management-Prozess. Erklären Sie nicht nur, wie das neue Tool funktioniert, sondern vor allem, warum der Mensch, der es bedient, dadurch wertvoller wird.
Die erfolgreichsten Unternehmen der nächsten Jahre werden nicht die sein, die die meiste KI einsetzen. Es werden die sein, die verstanden haben, wie man Technologie nutzt, um die menschliche Arbeit wieder zu dem zu machen, was sie sein sollte: sinnstiftend und würdevoll.
Ich wünsche Ihnen den Mut, diese Balance in Ihrem Unternehmen zu finden.
Ihr Prof. Dr. Gerald Lembke
Quellen
[5] Allison Pugh (2024 ): The Last Human Job. (Öffnet in neuem Fenster)