Von Hasnain Kazim - Reisen nach Sachsen / Haft in der Türkei/ KI schreibt Roman / Verhandlungen in Pakistan
Liebe Leser,
vergangenen Sonntag habe ich Ihnen Ostergrüße aus Sachsen geschickt, und es kamen einige Zuschriften, die mich fragten, warum ich ausgerechnet dort Urlaub mache. Andere rieten mir, “vorsichtig” zu sein, bei manchen klang es fast so wie die Zuschriften, die ich erhielt, als ich als Journalist in Kriegsgebiete reiste. “Passen Sie bloß auf sich auf”, schrieb mir Veronika H. Wenn befreundete Kollegen nach Afghanistan reisen oder in den Iran oder in die Ukraine, sage ich auch: “Komm gesund wieder!”
Gegenüber Sachsen finde ich das ein wenig unfair, weil es der Realität einfach nicht entspricht. Ich will die Probleme, die es dort gibt, nicht kleinreden. Ja, es gab dort brennende Flüchtlingsunterkünfte. Ja, es wurden Menschen durch die Stadt gehetzt und Leute, die aus der Fremde mit Bussen ankamen, beschimpft und angeschrien. Ich selbst habe erlebt, wie Leute, die bei “Pegida”, den “Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes” mitmachen, mich anbrüllen. “Montagsspaziergänge” gibt es in allen möglichen Städten, immer noch. Und auch nicht wenige, die vergessen haben, welch furchtbare Diktatur die DDR war, ein Land, in dem man dem eigenen Ehepartner nicht trauen konnte, weil er einen bei der Stasi verpfiff (oder dazu auf grausame Weise gezwungen wurde), und jetzt wieder dieser plötzlich rosaroten Vergangenheit hinterherweinen.
Es gibt aber eben auch eine Menge wahnsinnig toller Menschen. Die sich engagieren, die demokratisch streiten, die etwas Gutes bewirken wollen und auch schon sehr viel erreicht haben und die dabei auch noch sehr witzig sind - und untereinander sehr verschieden, aus unterschiedlichen politischen Richtungen.
Natürlich bringt jede Entwicklung Gewinner und Verlierer hervor, klar hat es Ungerechtigkeiten gegeben, und nicht jeder ist auf seine Kosten gekommen. Und ganz gewiss wurden viele Hoffnungen nicht erfüllt. Das Versprechen von den “blühenden Landschaften” war wohl zu hoch gehängt, weil zu viele das Paradies auf Erden erwarteten, das es bis heute nicht gibt.
Aber wenn es irgendwo “blühende Landschaften” gibt, dann in Sachsen. Ich mag Dresden sehr, ich finde Görlitz und Zittau sehr schön, und in Bautzen habe ich mich ein bisschen verliebt. Noch einmal: wissend, dass es dort große Probleme und sehr schwierige Typen gibt. Aber eben auch viel Gutes.
Es mag dort heikle Situationen geben, gerade wenn wütende Menschen unterwegs sind, die irgendwelche Parolen skandieren. Aber ich würde alles in allem sagen: Man kann sich dort sicher bewegen - und muss wie überall Vorsicht walten lassen. Idioten gibt es leider überall. Selbst Menschen wie ich, mit dunklerer Hautfarbe, die man zum Beispiel in Bautzen kaum sieht, können sich unbehelligt und meist sogar sehr freundlich behandelt bewegen.
“Niemals würde ich dort hinfahren!”, schreibt Gerd M., und diese Entscheidung ist sein gutes Recht. Ich finde sie nur bedauerlich. Und zwar, weil sie sehr vielen Menschen und dem Land Sachsen nicht gerecht wird - und weil er sehr viel Kultur, Natur, architektonische Schönheit und die Begegnung mit tollen Menschen verpasst.
Ich weiß, dass ich vor einigen Jahren noch deutlich schärfer über Sachsen gesprochen habe. Aber Begegnungen ermöglichen ein Kennenlernen, und Kenntnis präzisiert das Urteil. Es lohnt sich, lieber Herr M., hinzufahren!
Dabei fällt mir ein: Ich müsste nach zehn Jahren endlich mal wieder in die Türkei reisen. Dort allerdings besteht, da die Vorwürfe gegen mich - “Beleidigung von Erdoğan”, “Verbreitung von Terrorpropaganda” und “Unterstützung einer terroristischen Organisation” - nie zurückgenommen worden sind und die dauerbeleidigte Leberwurst immer noch an der Macht ist, die Gefahr, dass ich bei der Einreise festgenommen werde. Dieses Risiko möchte ich nicht eingehen. Und auch hier verstehe ich, wenn andere sagen: ‘Solange Erdoğan an der Macht ist, reise ich nicht in die Türkei!’, nur: Man tut damit zumindest all den Vernünftigen, die es dort auch gibt, Unrecht. Aber ja: Zu viele Leute wählen diesen Typen.
Geburtstag und Knast
Apropos Türkei: Der Oppositionspolitiker Selahattin Demirtaş hatte am Freitag Geburtstag, er ist 53 Jahre alt geworden. Diesen Tag hat er, wieder einmal, im Gefängnis verbracht. Im November dieses Jahres ist er seit zehn Jahren inhaftiert. Demirtaş war Co-Vorsitzender der pro-kurdischen, eher linksgerichteten Partei HDP, und er war eine ernste politische Gefahr für Erdoğan.
Prompt fand Erdoğan Gründe, ihn anzuklagen, und die türkische Justiz, die in ihrem Handeln in etwa so frei ist wie Frau Dr. Bohne, wenn sie ein Leckerli erwartet, verurteilte ihn natürlich. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte sieht in Demirtaş einen politischen Häftling, er wäre demnach sofort freizulassen, aber die türkische Regierung denkt nicht dran.
Dass ich ihn während meiner Zeit als Korrespondent in der Türkei mehrmals getroffen habe, ist Teil der Vorwürfe, die man mir macht. Dabei habe ich mich weder mit ihm verbrüdert, noch ihn unkritisch betrachtet, sondern mit ihm gesprochen. So wie mit Vertretern der PKK auch, die ich immer als Terrororganisation bezeichnet habe, aber auch das wurde mir zum Vorwurf gemacht. Dass ich mehrere Vertreter des Terrornetzwerks “Islamischer Staat” in der Türkei getroffen (Öffnet in neuem Fenster) habe, war aus Sicht der türkischen Regierung hingegen nie ein Problem. Da sieht man mal die Prioritäten…
Demirtaş ist nur einer von vielen, die in der Türkei aus politischen Gründen in Haft sitzen. Der abgesetzte Oberbürgermeister von Istanbul, Ekrem İmamoğlu, wurde Erdoğan ebenfalls ein zu gefährlicher Konkurrent - und sitzt, schwupps, auch im Knast.
Oder Osman Kavala, der Unternehmer, Mäzen und Menschenrechtsaktivist, dem Beteiligung am Putschversuch von 2016 vorgeworfen wird, außerdem “politische Spionage” und “versuchter Sturz der Regierung”. Er ist zu lebenslanger Haft unter erschwerten Bedingungen verurteilt und sitzt in Isolationshaft, ohne Möglichkeit der Bewährung. Wer sich auch nur ein bisschen mit seinem - oder anderen - Fällen beschäftigt, sieht sofort, wie absurd die Vorwürfe und wie grausam die Bestrafungen sind.
Ich kritisiere das immer wieder. Man bekommt dafür von Erdoğan-Fanboys (und seltener von -Fangirls) übelste Beschimpfungen und Bedrohungen. Von Leuten also, die in Demokratie und Freiheit leben, aber einen autoritären Typen wählen, der in seinem Land den Menschen genau das verwehrt.

Wenn ich so etwas lese, kommt mir unweigerlich der Gedanke: Vielleicht grundsätzlich doch nicht in die Türkei reisen. Aber dann denke ich: Es sind ja nicht alle so.
KI schreibt Roman, zumindest in Teilen
Haben Sie mitbekommen, dass ein Verlag einen gefeierten Roman stoppt, weil der Verdacht im Raum steht, dass er größtenteils mit Hilfe von KI erstellt wurde? Es geht um “Shy Girl” von Mia Ballard, ein “Horrorroman”. Ich kann inhaltlich nichts dazu sagen, ich habe ihn nicht gelesen, lese aber in Artikeln darüber, dass es um eine Frau geht, die von einer Internetbekanntschaft als Geisel genommen und gezwungen wird, fortan als Haustier zu leben. Der Roman erschien im Februar 2025 zunächst im Self-Publishing und wurde anschließend vom Verlag Hachette eingekauft.
Aber jetzt hat eben dieser Verlag den Verkauf in England gestoppt und die bevorstehende Veröffentlichung in Amerika abgesagt, weil in der aufmerksamen Leserschaft der Verdacht laut wurde, manche Textstellen klängen wie Bausteine aus der KI. Ausgerechnet eine KI stellte dann fest, der Text habe möglicherweise einen KI-Anteil von 78 Prozent.
Ballard rechtfertigte sich, sie habe keine KI genutzt, aber ein freier Lektor habe wahrscheinlich bei seiner Arbeit entsprechende Textstellen eingefügt. Mehr sagte sie, so entnehme ich es jedenfalls der Berichterstattung, nicht, denn sie gehe juristisch gegen den Lektor vor.
Ich finde das Thema spannend. Manche sehen ja das Ende der Autorenschaft durch KI, und davon wäre ich ja dann doch sehr betroffen. Allein: Ich glaube es nicht. Wer will denn so etwas lesen? Einen Roman, der erklärtermaßen von einer KI geschrieben wurde, würde ich vielleicht aus Neugier lesen. Dass mich dieser Text überzeugen würde, halte ich für unwahrscheinlich, weil ich bei Texten, egal ob Sachbuch oder Belletristik, das Menschliche interessiert, die Geschichte des Verfassers, der jeweilige Blick des Autors.
Dass die Leserschaft sich bei diesem Roman beschwert und dass der Verlag das Buch zurückzieht, finde ich daher sehr gut. Das sendet das Signal: So etwas ist nicht erwünscht.
Ich bin Mitglied mehrerer Jurys, die Texte beurteilt. In einer kamen mir manche eingereichten Texte sehr KI-haft vor. Wir sprachen darüber in der Runde, und es wurden Kriterien genannt, die sehr darauf hinweisen. So verwendet KI sehr oft Gedankenstriche - ich tue das von jeher auf. KI nutzt als stilistisches Mittel oft Dreier-Aufzählungen - das tue ich auch gerne. Seit ich das weiß, versuche ich nun, darauf zu verzichten. Aber das ist natürlich albern, denn mein Stil ist mein Stil, und ich möchte den ja nicht ändern, nur weil irgendein KI-Ding das auch nutzt - eben weil viele Autorinnen und Autoren das tun und es diese Texte gestohlen hat, sprich: damit gefüttert wurde, ohne dass wir gefragt oder gar entlohnt wurden.
Aber man schaut bei der Beurteilung von Texten nun besonders genau auch in diese Richtung. Und bei Texten von Schülern, die so gar nicht schülerhaft klingen, wird man hellhörig.
Ich selbst nutze KI nur gelegentlich. Eigentlich als Ersatz für ein Synonymwörterbuch. Das Wort “hochwertig” zum Beispiel ist ein Staubsaugervertreterwort. Ein Autor, egal ob Journalist oder Schriftsteller, sollte es nicht unbedacht verwenden - und am besten gar nicht. Also füttere ich die KI mit dem Satz, in dem “hochwertig” vorkommt, und sage ihr, sie wolle mir dazu eine passende Alternative geben. Das tut sie. Früher habe ich Wörterbücher gewälzt und vielleicht 20 oder 30 Minuten gebraucht, bis das richtige Wort gefunden war, heute dauert es drei Sekunden, das Ergebnis ist aber kein anderes.
Ist das vertretbar? Oder schon “KI-geschrieben”?
Vielleicht sollte die die “Erbaulichen Unterredungen” einfach von einer KI schreiben lassen? Würden Sie das dann noch lesen wollen? Als Experiment fände ich es interessant. Als dauerhaftes Modell total langweilig.
Ich bekomme immer häufiger E-Mails, die so klingen, als habe der Absender sie von einer KI schreiben lassen. Und ebenso immer häufiger neige ich dazu, diese Mails dann zu ignorieren beziehungsweise nicht zu beantworten, weil mich das stört. Gleichwohl würde mich nicht stören, wenn Leute KI nutzen, um hier und da ein Wort zu verbessern, Rechtschreibung und Grammatik zu korrigieren oder auch mal einen kleinen Impuls zum Weiterschreiben zu bekommen. (Huch, schon wieder einer Dreieraufzählung…)
Am Ende wird es eine Frage des Vertrauens sein und des Kennens: Vertraue ich dem Autor, dass er den Text selbst geschrieben hat? Und kenne ich den Verfasser, dass ich das überhaupt lesen möchte? Beziehungsweise hat diese Person überhaupt irgendetwas Interessantes zu erzählen, dass sich die Mühe des Lesens lohnt?
Andererseits wundere ich mich, dass diese Dinge offensichtlich für viele nicht mehr zählen. Nichts gegen “Young Adult”- und “Romantasy”-Bücher, aber die scheinen mir, was den Plot angeht, nach dem immer selben Muster zusammengehauen zu sein. Das ginge mit KI recht schnell. Und doch erfreuen sie sich einer großen Beliebtheit, was mich freut, weil es die Buchbranche wirtschaftlich belebt und damit auch andere Bücher ermöglicht, die vielleicht nicht so viel Geld einbringen.
“Weltmacht” Pakistan
Pakistan hat, wie diese Woche bekannt wurde, Verhandlungen zwischen den USA und Iran vermittelt. Die Kriegsparteien setzen die Gewalt für zwei Wochen aus und wollen miteinander reden. Seit Samstag sprechen hochrangige Delegationen in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad miteinander. Die US-Delegation wird angeführt von Vizepräsident Vance, die iranische von Außenminister Araghchi. Der eine hat ein sehr interessantes Buch über seine Kindheit und sein Umfeld geschrieben und dann eine merkwürdige Abbiegung nach rechts unternommen, der andere ist einer der korruptesten Typen in Iran, und das will was heißen.
Jedenfalls hatte ich eine Sekunde lang überlegt, diese Woche nach Islamabad zu fliegen und das Ganze zu beobachten. Aber ich habe diese Woche zwei Lesungen, die mir besonders wichtig sind, am Mittwoch eine in meiner alten Heimat, an meiner alten Schule in Steinkirchen im Alten Land, und eine zweite am Donnerstag in Hamburg-Blankenese (Öffnet in neuem Fenster). Außerdem wollte ich doch nicht mehr als Reporter unterwegs sein, sondern an meinem Buchprojekt weiterschreiben…
So habe ich für die “Zeit” die Rolle Pakistans aus der Ferne analysiert. Habe mit pakistanischen Politikern, Diplomaten, Offizieren und politischen Beobachtern telefoniert. Die pakistanischen Medien überschlagen sich vor Lob für die Regierung und das Militär. Eine Zeitung schreibt, nun sei Pakistan “fast schon Weltmacht”. Und auch wenn all das die typische Nabelschau ist und ein wenig übertrieben, kann ich den Stolz doch nachvollziehen: Da ist der Regierung auf jeden Fall Beachtliches gelungen. Dass Trump Premierminister Shehbaz Sharif und den Armeechef, Feldmarschall (!) Asim Munir, namentlich nennt und ihnen zugute hält, dass er auf ihre Vermittlung hin zwei Wochen die Angriffe stoppt, ist ja was.
Was nun aus den Verhandlungen folgt, ist vor allem Sache der Kriegsparteien. Ich bin da wenig hoffnungsvoll. Vor allem befürchte ich, dass am Ende dieses furchtbare Mullah-Regime weiterhin an der Macht sein wird. Pakistan jedenfalls stellt nur die Plattform, aber schon die Voraussetzungen zu schaffen und Gespräche überhaupt zustandegebracht zu haben, indem man die Leute zusammenbringt, ist ja schon eine Meisterleistung.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag und eine angenehme Woche! Morgen mache ich mich auf den Weg Richtung Norden und sehe ja vielleicht die eine oder den anderen von Ihnen im Alten Land oder in Hamburg!
Herzliche Grüße aus Wien,
Ihr Hasnain Kazim
P. S.: Das Schreiben der “Erbaulichen Unterredungen” ist nur möglich, weil mir einige Leute durch eine “Mitgliedschaft” ermöglichen, Zeit freizuhalten von anderen Aufträgen. Dafür herzlichen Dank! Wenn Sie das auch tun wollen, freue ich mich, es sind bislang nur drei Prozent der Leser. Möglich ist das hier: