Frohes Neues! <3 Ab sofort gibt es eine neue Kategorie in Schreibers Naturarium: Das Tier des Monats und die Pflanze des Monats! Inklusive digitalem Goodie!

Diese Rubrik ist für Farne, Elche und Wale (Öffnet in neuem Fenster), aber ich dachte mir, ich kann ja mal die erste Ausgabe des Tier des Monats für alle schicken, einfach so als kleines Goodie. Auch kostenlose Mitglieder kriegen ja ab und zu mal eins der E-Goodies, und das ist eins davon!
Kurz ein bisschen Hausmeisterei:
Jedes Tier und jede Pflanze des Monats bekommt eine gezeichnete Karte von mir, die du dir auch ausdrucken kannst. Ich habe sie so konzipiert, dass du sie ausmalen kannst oder sie dir einfach als bunten Druck aufhängst, sie als Tablet Hintergrund nutzt, was auch immer. Die Pflanze und das Tier erscheinen in unterschiedlichen Wochen im Laufe des Monats. Hier findest du die Dateien:
Wenn du noch kostenloses Mitglied bist und auch regelmäßiger Lust auf solche Extras hast, kannst du dir hier eine Mitgliedschaft aussuchen. Damit kriegst du schöne Goodies, außerdem unterstützt du meine Arbeit und hilst mir, Miete und Krankenkasse zu zahlen. Denn als Selbstständige gibt’s natürlich weder festes Gehalt, noch Gehaltserhöhungen und Inflationsanpassungen, ehem. Danke <3.
So, aber genug Vorgeplänkel, widmen wir uns jetzt mal dem Tier des Monats: Dem Eremiten, Osmoderma eremita.
Steckbrief: Eremit
Name: Eremit (Osmoderma eremita)
Lebensraum:
Dunkle Altbauwohnungen mit Geschichte: Höhlen alter, lebender Laubbäume mit feuchtem Holzmulm
Bevorzugt Eichen und Linden, akzeptiert auch Rotbuchen, Eschen, Weiden und Obstbäume
Steht auf Panoramablick, Bruthöhlen meist in luftigen sechs bis zwölf Metern Höhe
Typische Wohnlagen: lichte Laubwälder, Auwälder, historische Parkanlagen, Alleen, Streuobstwiesen
Verbreitung:
Grundsätzlich ganz Europa, kommt aber nur selten und nur hier und da vor
In Deutschland Schwerpunkt im Osten, im Westen nur vereinzelte Vorkommen
Europaweit zwischen 1990 und 2005 nur 919 dokumentierte Fundorte
Lebensweise und besondere Skills:
Extremer Couchpotatoe: Verbringt sein gesamtes Leben in einer einzigen Baumhöhle, verlässt diese nur in etwa 15 Prozent seiner Lebenszeit
Larvenentwicklung dauert drei bis fünf Jahre
Männchen riechen nach Aprikosen
Kann denselben Baum über Jahrhunderte besiedeln
Wenn du im Hamburger Jenischpark an einem heißen Julitag unter alten Eichen und Linden stehst und plötzlich einen süßlichen Hauch wahrnimmst, der an reife Aprikosen erinnert, könnte es sein, dass irgendwo über dir ein Eremit sitzt. Ich lebe seit Jahren in dieser Stadt, streife regelmäßig durch den Park, habe an alten Bäumen in einem Unikurs schon die zylindrischen Kotkrümel der Larven gefunden und am Fuß mancher Stämme die typischen Chitinreste entdeckt. Den Käfer selbst habe ich noch nie gesehen. Das liegt in der Natur der Sache.
Der Eremit macht seinem Namen alle Ehre. Er verbringt sein gesamtes Leben in den Höhlen alter Laubbäume und verlässt sie nur in etwa 15 Prozent aller Fälle, ist also nicht so der Socializer un definitiv undercover unterwegs.
Seine Larven fressen sich drei bis vier Jahre lang durch den Mulm im Inneren des Baumes, dieses schwarze, feuchte Gemisch aus zersetztem Holz, Pilzgeflechten und den Hinterlassenschaften früherer Käfergenerationen. Eine einzige Larve verbraucht während ihrer Entwicklung etwa einen Liter Mulm. Am Ende baut sie sich aus Kot und Mulmpartikeln einen Kokon, ungefähr so groß wie ein kleines Überraschungsei, und verpuppt sich darin. Im Frühsommer des folgenden Jahres schlüpft der fertige Käfer.

Der wissenschaftliche Name Osmoderma bedeutet so viel wie Dufthaut und bezieht sich auf das Pheromon, das die Männchen an heißen Sommertagen produzieren, um Weibchen anzulocken. Der Duftstoff heißt γ-Decalacton und kommt auch in reifen Pfirsichen, Aprikosen oder Maracujas vor. Der zweite deutsche Name Juchtenkäfer geht auf eine andere Assoziation zurück. Juchtenleder hat seinen Ursoprung in Russland, ist mit Birkenteeröl behandeltes Rindsleder und verströmt ebenfalls einen süßlich-rauchigen Geruch. Heute kennt kaum noch jemand diesen Duft, weshalb immer wieder vorgeschlagen wird, den Käfer Aprikosenkäfer zu nennen, was ich deutlich sinnvoller finde, just saying.
Fühlt sich ein Männchen ein wenig sexy und balzbereit, sitzt es am Rand der Höhlenöffnung, streckt alle sechs Beinchen von sich und wartet. Entomolog:innen nennen dieses Verhalten Posing. So kann sich der Duft optimal in der Luft verteilen und meldet sich bei allen Weibchen im Umkreis von fünf bis zehn Metern an. Folgt ein Weibchen dem Geruch und findet die richtige Höhle, paaren sich beide im Inneren des Baumes. Das Weibchen legt seine Eier tief im Mulm ab und der Kreislauf beginnt von vorn.
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Die Sesshaftigkeit des Eremiten hat Konsequenzen. Wenn eine Population einen Baum besiedelt, bleibt sie dort, solange der Baum lebt, was durchaus auch mal Jahrhunderte sein können, vor allem bei alten Eichen. Forschende haben Populationen dokumentiert, die nachweislich seit über 200 Jahren denselben Baum bewohnen! Die Kehrseite: Wenn der Baum stirbt oder gefällt wird, stirbt auch die Population. Der Eremit fliegt so ungern und so, nun, wirklich gottlos schlecht, dass er einen neuen geeigneten Baum praktisch nur findet, wenn dieser in unmittelbarer Nähe steht. Seine maximale Flugdistanz beträgt etwa 150 Meter, und selbst die legen nur die abenteuerlustigsten 10 Prozent zurück. Der Rest nimmt sein Ende einfach hin und sagt quasi “na ja”. That’s the spirit, sag ich als Depri, lol.
Unser Käferfreund ist heute auf jeden Fall sehr selten geworden und ist auf der Roten Liste als “stark gefärdet” vertreten. Im 19. Jahrhundert galt der Eremit als weit verbreitet, die damalige Kulturlandschaft bot ihm ja auch reichlich Lebensraum: Hudewälder, in denen Schweine zur Mast getrieben wurden, enthielten viele alte, von Vieh beschädigte Bäume mit großen Baumhöhlen. Kopfweiden an Feldrändern, die regelmäßig beschnitten wurden, entwickelten ebenfalls Hohlräume. Streuobstwiesen, Parkanlagen des Adels und viele Alleen säumten die Landschaft. Mit der Industrialisierung der Landwirtschaft verschwanden diese Strukturen. Moderne Forstwirtschaft erntet Bäume lange bevor sie das Alter erreichen, in dem sie Höhlen ausbilden. Verkehrssicherungspflichten führen dazu, dass alte Bäume mit Höhlen in Parks gefällt werden, weil von ihnen Gefahr ausgehen könnte.
Im Jahr 2010 wurde der Eremit sogar zum unfreiwilligen Protagonisten einer politischen Auseinandersetzung, vielleicht hast du das ja sogar mitbekommen. Im Stuttgarter Schlossgarten sollten für das Bahnprojekt Stuttgart 21 Bäume gefällt werden, in denen Juchtenkäfer lebten. Der BUND erstattete Anzeige, das Eisenbahnbundesamt verfügte einen Baustopp. Die Bahn musste einen Schutzplan vorlegen, die EU-Kommission wurde eingeschaltet. Ein Käfer, der praktisch nie seine Höhle verlässt, hatte ein Milliardenprojekt ins Wanken gebracht. Er wurde zur Symbolfigur des Widerstands, bekam einen Button mit Superheldenumhang und dem Schriftzug „Super Juchti" gewidmet. Die Kosten für die Artenschutzmaßnahmen, Ersatzpflanzungen und Polizeieinsätze summierten sich auf mehrere Millionen Euro, weil die Bäume über einem geplanten Tunnel stehen und sie sich jetzt von der Seite drunter durchbuddeln müssen, statt den Boden aufzureißen und so zu bauen. Das kostet rund 20 Millionen Euro mehr, und ich find’s richtig.
Bis zum nächsten Mal
Jasmin
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