In dieser Ausgabe probiere ich etwas Neues aus, das mir nicht leicht fällt. Ich schreibe über Trauer, während sie akut ist. Eigentlich lasse ich solche Ereignisse vorbeiziehen und mache vielleicht mit viel Abstand etwas dazu. Diesmal soll es anders sein.
Puh, also. Wir haben uns lange nicht mehr geschrieben. Der Rat lautet: Nicht darauf eingehen, sondern einfach weitermachen. Aber wie einfach weitermachen, wenn Weitermachen schwerfällt?
Schwer weitermachen.
Mein liebes Gespenst,
ich hoffe, es geht dir gut. Haha. Diese Zeiten sind im Großen Ganzen schlimm. Wer etwas anderes behauptet, ist beneidenswert woanders. Manchmal begegnen mir Leute, die sagen sowas: “Ach…, das wird schon! Es hat doch immer geklappt!” Und ich bewundere sie für ihre Fähigkeit, zu verdrängen. Aber tauschen würde ich mit ihnen niemals.
Nun war ich selbst sehr auf das Kleine zurückgeworfen. Wenn etwas passiert, das ganz nah und in der eigenen Welt wirkt, dann wird manchmal auch der Blick auf das Große verstellt.
Im Dezember schrieb ich auf Bluesky:
Auf den Fingerspitzen liegt der Staub zermahlener Tabletten, in den Haaren hängt der Geruch von Apfelmus. Ich pflege gerade, sage oft Danke, ich liebe dich, und bis morgen. Am Ende des Tages ist noch ein bisschen was von mir selbst übrig und ich kann mich unterhalten, hier schreiben, ausruhen.
Gerade weiß ich nicht, ob es bald zuende sein oder es noch länger so bleiben wird. Es ist aber auch nicht am wichtigsten. Am wichtigsten ist, dass es schmerzfrei und würdevoll bleibt. Und für mich möchte ich, dass ich nicht alles gebe, sondern am Abend noch weiß, wer ich bin.
Zwei Wochen später dann:
Es ist überstanden. Nun brauche ich Zeit und mehr Schnee, der mir die Augen kühlt. Ich bin traurig, habe die Unordnung von Wochen zu Hause und -
Es ging alles sehr schnell und war viel. Mein Kopf ist inzwischen schon fast hinterher gekommen. Mein Herz liegt noch irgendwo auf der Fensterbank und denkt, es gibt gleich Kaffee.
Meine Supervisorin meint, ich solle darüber schreiben. Ich dürfe außerdem benennen, wie schwer es für mich manchmal ist, über so Persönliches zu berichten.
Ich bin schlecht darin, über so etwas zu schreiben, wenn es passiert. Es muss erst eine feine Schicht Staub über allem liegen, bis ich daraus etwas machen kann, das erzählt werden darf. Aber so lange kann ich nicht mehr warten. Habe schon zu lange auf das Schreiben verzichtet, weil - und hier sagt meine Supervisorin, darf ich nicht darüber sprechen, weil es der Anstand verlangt. Zu gern würde ich sagen: Weißt du, die Wahrheit ist… wir haben eine Wohngemeinschaft gegründet, mit dem Bestreben, daraus einen Ort für Künstler*innen zu machen und es hat nicht geklappt. Nun wohnen mein Mann und ich hier an diesem Ort und es ist sehr schön. Die Nachbar*innen sind lieb, das Viertel divers, jede Woche gibt es Veranstaltungen um die Ecke und irgendwann werden hier wohl mal wieder Menschen ein- und ausgehen, aber es wird keine Wohngemeinschaft mehr sein. So weit, so unspektakulär. Über das Spektakuläre, wie es dazu kam, soll ich nicht sprechen. Und das mache ich auch nicht. Nur so viel: Es ist nun alles sehr warm und genau so, wie es von Anfang an sein sollte.
Aber wovon ich eigentlich erzählen wollte, ist vielleicht traurig, doch es gehört dazu. Zu uns allen.
Das Sterben ist kein vorhersehbarer Prozess. Es ist immer anders. Und auch ich bin jedes Mal anders. Ich fühle anders, rede anders. Allein die Kniffe und kleinen Handgriffe vom letzten Mal sind gleich. Auch die Trauer lässt sich nicht planen. Ich wusste, es würde mit mir nicht viel los sein und gab mir Zeit. Ich lag einen Tag im Bett, einen auf dem Sofa. Ich saß einen im Sessel und am vierten Tag ging ich stundenlang durch den Schnee, bis mir meine Beine fast abfielen.
Wenn man all dem einen Sinn entnehmen möchte, dann den, dass es am Ende darauf ankommt, mit wem wir unsere Zeit verbringen und mit wem nicht. Wer da ist, wer fragt. Wer handelt und nicht fragt. Wer rumkommt und still eine Lasagne abgibt und wieder geht. Wer schweigt. Wer verschwindet. Wen wir lieben, wen wir mögen. Wen wir zu uns hindurch lassen und wie viel wir selbst zu geben bereit sind.
Jedes Mal wirft es diese Fragen auf. Wie will ich leben? Läuft gerade halbwegs alles gut oder bin ich falsch abgebogen? Wo ist es kalt? Wo ist es warm? Wenn mein Leben jetzt zu Ende ginge, dann wäre ich traurig. Denn ich habe das Gefühl, dass die besten Tage noch vor mir liegen und ich echt enttäuscht wäre über all den Stress bisher. Trotz des schlimmen Großen Ganzen, das immer existiert, freue ich mich auf die Dinge im Kleinen, das mein Leben ist.
Bist du noch bei mir? In mir sitzt auch immer das nagende Gefühl, zu viel Raum einzunehmen. Daher klopfe ich den Text auf seinen Mehrwert ab. Ist er literarisch genug? (Nein.) Gibt er Hinweise und Rat? (Nein.) Ist er witzig? (Um Himmels Willen, nein.) Ist er hoffnungsvoll? Vielleicht. Aha!
Was will der Text?
Ich will mich melden. Ich will sagen: Es gibt mich noch. Und nein, leider habe ich während der Pause nichts Allzuschönes getan. Mein Roman blieb liegen. Aber ich habe eine Kurzgeschichte begonnen, deren Ende mir seit Wochen nicht einfällt. Ich habe eine Ausstellung begleitet, Schreib-Workshops gegeben und einen wilden Halsbandsittich im Garten beherbergt. Thymian, Rosmarin, Salbei und Minze liegen unter Schnee bedeckt. Die Johannisbeere ist vielleicht eingegangen. Die Rosen blühten nur selten. Im Keller sind drei Regale verschimmelt, die Zimmerpflanzen wurden von Läusen befallen. Mein Kalender für dieses Jahr ist seegrün, ich habe im Januar drei Kugelschreiber leergeschrieben. Ich habe “Stranger Things” gesehen und freue mich auf die neuen Folgen “Bridgerton”. Mein Roman-Manuskript habe ich ausgedruckt, ich arbeite inzwischen jeden Tag einige Seiten durch. Das Ende steckt in meinem Kopf. Ich will nichts anderes tun, außer die Geschichte zu beenden. Und Musik hören, Animal Crossing zocken, lesen, Filme gucken und neue Rezepte ausprobieren.
Was ich höre: The True Faith (Öffnet in neuem Fenster)
Toll beim aus dem Fenster sehen und nach drei Stunden spüren, dass alles irgendwann für eine Weile okay wird.
Was ich lese: Naomi Krupitsky - Die Familie (Öffnet in neuem Fenster)
Ich mag Krupitskys Stil und wie sie unausgesprochene Konflikte zwischen den Figuren im Text nicht formuliert, sondern sie zum Motor der Geschichte macht.
Was ich sehe: Ein Kind zur Zeit (Öffnet in neuem Fenster)
Eine Geschichte über Verlust, Bewältigung und Heilung, in der sich die Figuren in ihrer Überforderung nicht zerfleischen, sondern Zeit für sich einfordern. Kein Drama, dafür Emotionen.
Das schlimme Große Ganze und der kleine wirkmächtige Kreis, in dem das eigene Leben stattfindet, existieren gleichzeitig. Es ist gemütlich und manchmal sehr scheußlich und traurig. Wir sprechen nicht oder selten über den Tod, aus Angst, dass er geschieht. Aber er wird.
Ich hoffe, wir haben alle noch viel Zeit, um unsere Romane zu beenden, Kinder großzuziehen, Johannisbeeren zu ernten, die Vögel zu füttern, die Wunschnachbarn bei Animal Crossing zu bekommen, die letzte Staffel “Bridgerton” durchzusuchten, im Dezember vier Pfund zuzunehmen, einen Kalender für das nächste Jahr zu kaufen, uns auf Konzerten zu begegnen, die kommende Ausstellung zu besuchen, die Made in der Kirsche rechtzeitig zu entdecken, Schnee zu schippen, die Steinsammlung aus dem letzten Ostsee-Urlaub im heimischen Wald freizulassen, den Tee zu trinken, bevor er kalt wird, die Bücher zurück in die Bibliothek zu bringen, das Kaffeehigh auszunutzen, wieder mit dem Sport anzufangen, die Wände zu streichen, neue Bettwäsche zu kaufen, mal wieder auf dem Friedhof vorbeizuschauen, die Silberfischchen im Keller zu akzeptieren, Newsletter zu lesen, Künstler*innen zu unterstützen, das Buch nicht zu Ende zu lesen, wenn man es nicht will, gegen Nazis zu sein, zum Schuster zu gehen, Ugly Crying im Kino zu betreiben, Rezensionen über etwas schreiben, das uns gefällt, im Tierheim ehrenamtlich Katzen zu streicheln, in kleinen unabhängigen Buchhandlungen einzukaufen, vergessen, die Mülltonnen rechtzeitig an die Straße zu stellen, eine persönliche Kolumne über den Umgang mit Trauer zu schreiben und um Unterstützung bitten, Verletzlichkeit auszuhalten, einfach oder schwer weiterzumachen.
We are made of ghosts, we grievers, and those spirits are forever beside us, as a protective force, part of the web of consciousness that interconnects all things. We can find strength in our collective losses, as long as we can free ourselves from the gravitational pull of the trauma and move forward, all our ghosts in tow, into this beautiful waiting world.
Nick Cave, Red Hand Files, Issue #354 (Öffnet in neuem Fenster)
Bis bald
Eure Jae
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