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Theater, Berlin & More

Sonntag. Ein Tag der Ruhe – zumindest sollte er das sein. Doch wenn man abends ins Theater geht und anschließend einen Nachtzug nach Berlin nehmen muss, wird aus dem entspannten Winnetou-Tag schnell wieder ein kleines Abenteuer.

Kategorie: Persönliches (Lesedauer: ca. 4min)

Ein Tag zum Durchatmen

Ich liebe das Theater. Aber bevor ich dazu komme, gönne ich mir heute ausnahmsweise einen Tag weitgehend ohne digitale Ablenkung. Keine großen Aktivitäten, kein Kochen – wir verputzen die Reste vom Vortag. Ich schaue mir einen eindrucksvollen Film an über ein Dorf, das sich in der NS-Zeit gegen die Nazis wehrte, gehe kurz an die frische Luft. Ich habe zwar genug zu tun, aber ein Tag Pause schadet nicht. Solche Sonntage nenne ich „Winnetou-Tage": den ganzen Tag auf der Couch, altmodische Filme, die gemütlich und wenig anstrengend sind. Einfach gar nichts tun.

Irgendwann muss ich mich dann doch aufraffen und meinen Koffer packen. Heute Abend geht es erst ins Theater, danach direkt zum Bahnhof. Ich mache mich mal wieder auf den Weg nach Berlin.

Theater: Schiller trifft Gegenwart

Das Theater beginnt um 18 Uhr, wir sind mit den Mädels verabredet. Der junge Mann am Eingang scheint zu Späßen aufgelegt und will nicht einmal mein Ticket sehen. Draußen ist es eiskalt. Ohne Ticketkontrolle komme ich zu den anderen durch. Der junge Mann entpuppt sich als Thekenkraft und Produktionsleitung zugleich. Als wir eingelassen werden, zählt er lediglich die Personen und vergleicht sie wohl mit der Anzahl verkaufter Tickets.

Drinnen machen zwei gut aussehende, gut gekleidete junge Männer Liegestütze. Wir nehmen Platz, die Männer rennen raus, kommen wieder rein. Los geht's.

Ein rasantes Stück zu Schillers „Die Räuber". Die Geschichte hatte ich am Gymnasium im Deutschunterricht in diesen Reclam-Heftchen durchgearbeitet, aber sonst keinen wirklichen Bezug dazu. Ich wusste auch gar nicht, was mich heute erwarten würde. Die Mädels sagten, wir gehen ins Theater – und ich bin dabei, egal was gezeigt wird. Andere bereiten sich intensiv vor, kennen Charaktere und Darsteller*innen in- und auswendig. Ich erfahre meistens erst, worum es geht, wenn ich den Saal betrete.

Das Stück selbst ist fesselnd, künstlerisch hochwertig und regt zum Nachdenken an. Es wechselt ständig zwischen altmodischer Sprache à la Schiller und modernen Aussagen mit Parallelen zu unserer heutigen Zeit – mit Musikeinlagen, Tanz, Dramatik, persönlichen Geschichten. Zwischendrin google ich sogar den Originaltext, um zu schauen, ob sie tatsächlich die Originale zitieren. Definitiv sehenswert.

Ich will nicht spoilern. Wer es sich anschauen möchte, darf sich hier informieren:

https://studio-trafique.de/event/raueber-gastspiel-jan26/ (Öffnet in neuem Fenster)

Die Kunst des knappen Timings

Nach dem Theater gehen wir noch um die Ecke etwas trinken. Es ist 19:45 Uhr, mein Zug Richtung Berlin fährt um 20:45 Uhr. „Das wird aber eng", sagt eine der Mädels. Aber ich bin es gewohnt, so knapp zu reisen – vielleicht ist es auch einfach Routine. Bevor ich eine Stunde am Bahnhof rumstehe und auf den Zug warte, kann ich auch noch 30 Minuten mit den Mädels ein heißes Getränk genießen und nette Gespräche führen. Ich nutze die Zeit, die mir geschenkt ist, möglichst effizient. Vor meinem Outing war das nicht so. Aber wenn man anfängt, bewusster zu leben, wird das umso bedeutender.

Zweimal Tee, ein Glas Wein – und ich bestelle mir eine heiße Schokolade mit Sahne. „Was machst du denn in Berlin?", fragen die anderen. Ich erzähle vom ZDF, von der Dokumentation “Verbotene Liebe”, die am Dienstag ausgestrahlt wird. Dass wir morgen früh in Oranienburg an einer Schule den Film vorstellen und im Plenum besprechen. Dass ich am Dienstag zu einer Preisverleihung eingeladen bin und als Role Model ausgezeichnet werden soll. Ich erfahre aber auch endlich mal wieder, was bei den anderen so los ist.

Um 20:20 Uhr mache ich mich auf den Weg. Um 20:35 Uhr erreiche ich den Bahnhof, hole mein Gepäck aus dem Schließfach und gehe zum Gleis. Beim REWE besorge ich mir noch eine Kleinigkeit für unterwegs – man weiß ja nie, ob das Bistro im ICE geöffnet ist. Um 20:40 Uhr stehe ich am Gleis, in diesem Moment fährt der Zug ein. Planmäßige Abfahrt: 20:45 Uhr. Planmäßige Ankunft Berlin Hauptbahnhof: 01:05 Uhr. Als Nachteule komme ich lieber spät an, als extrem früh raus zu müssen. So habe ich den Tag wenigstens optimal ausgenutzt.

Spiegelglatte Ankunft

Die Anreise in Berlin wird wieder einmal spannend. Vom Hauptbahnhof muss ich noch hoch in den Norden nach Brandenburg. Mit den Öffis sieht es mau aus, also entscheide ich mich für ein Taxi – in der Hoffnung, dass das ZDF die Kosten übernimmt. Von Spandau aus ist die Strecke etwa gleich lang wie vom Hauptbahnhof, also steige ich in Spandau aus und spare hoffentlich 15 Minuten.

Als ich das Bahnhofsgebäude verlasse, lege ich mich fast der Länge nach hin. Gerade noch bekomme ich mich stabilisiert, und ich spüre, wie mir ein Schock durch Mark und Bein geht. Es ist spiegelglatt, man kann sich kaum bewegen. Ich sehe Menschen, die sehr zögerlich einen Fuß vor den anderen setzen. Links von mir ist der Taxistand – keine 100 Meter, aber die muss man erst mal schaffen. Irgendwie komme ich heil dort an und bin froh, als ich im Auto sitze.

Als ich dem Fahrer mein Ziel nenne, schaut er mich ungläubig oder vielleicht auch ängstlich an. Alles ist glatt. Er schlägt vor, über die Autobahn zu fahren, weil die kleinen Landwege vermutlich nicht gestreut sind. Ich kenne mich hier nicht aus und stimme zu. Die veranschlagte Fahrtzeit von 30 Minuten wird zu 50 Minuten. Auf der Autobahn liegt die Maximalgeschwindigkeit bei 70 km/h. Neben uns rutscht ein Transporter gefährlich durch die Gegend. Von der Autobahn runter bewegen wir uns stellenweise mit 16 km/h.

Ankunft im Eis

Es ist 1:45 Uhr, als wir am Hotel in Oranienburg eintreffen. Der Fahrer hält in einer Parkbucht am Straßenrand, deren Kopfsteinpflaster vollständig zugefroren ist. Als ich aussteigen will, mache ich fast einen Satz und fühle mich wie in einem Zeichentrick-Film. Aber ich schaffe es ohne Sturz, verabschiede den Fahrer höflich und bedanke mich für sein Durchhalten.

Nächste Herausforderung: Schlüssel finden. Die Nacht-Box soll sich auf der Rückseite des Hotels befinden. Also einmal mit Pinguinschritten und schwerem Koffer bei eisiger Kälte und Schneeregen den Hintereingang suchen. Ich bin furchtbar kälteempfindlich, mir fallen fast die Finger ab. Box Nr. 1 – mit Eisfingern irgendwie das Zahlenschloss richtig öffnen, bis eine Karte mit Zimmernummer zum Vorschein kommt. Noch drei Etagen mit dem Fahrstuhl, und endlich angekommen.

Ich werfe alles von mir, wasche mich nochmal gründlich und gehe ins warme Bett. Wecker auf 7:30 Uhr gestellt. Es ist 2:10 Uhr, als ich das Licht ausmache.

Aber ich freue mich auf die Schule morgen.

Kategorie Persönliches

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