Wo es nichts als Frieden, Softness und diese eine Wahrheit gab: Nach der Dunkelheit kommt immer das Licht


Wenn dein liebster Mensch geht, fühlt sich das für die, die bleiben, oftmals so an, als würde man selbst auch ein bisschen sterben. Manchmal ist man verzweifelt, manchmal fühlt man nichts als Leere, manchmal zittert das Herz, dann will man schreien vor Wut, und manchmal weiß man gar nicht, wo man seinen Schmerz hinschieben soll. Man sieht der Welt unbeteiligt dabei zu, wie sie sich weiterdreht. Dabei ist alles, was man sich in diesen Momenten wünscht, nur eines: die Zeit nochmal zurückdrehen zu können.
So ging mir das, als ich vor dreieinhalb Jahren in diesem monströsen Hotel in Antalya lag, an die Decke starrte und meinen Puls nicht mehr fühlte. Draußen vorm Fenster sang der Muezzin, die Sonne ging über Side auf, in mir drinnen aber blieb es dunkel. Papi war gestorben. In einer türkischen Nacht, weit weg von seinem schwarzen Ledersessel, seinen geliebten Schlappen und der Sportschau am Samstagabend. Und die leise Angst, die ich all die Jahre immer mal wieder verspürt hatte, die Sorge um seine schnaufende Brust, bewahrte mein Herz nicht im geringsten vor diesem Schock. Wenn es soweit ist, gibt es nichts, was dich darauf vorbereitet. Denn für den Tod gibt es keine Generalprobe.
Später sollte ich eine Trauerrede halten. Auf dich, Papi? So einen bedächtigen Text vortragen, wohlgewählte Worte des Abschieds? Mit denen wir dein Leben nochmal angemessen würdigen, auf jedes Jahrzehnt zurückblicken und unsere Trauer über deinen plötzlichen Tod vortragen? Du warst doch noch da, hier unter uns wie zuletzt in deinem schwarzen Auto auf dem Weg zum Flughafen. Als du noch sagtest, du hättest eigentlich gar keine Lust auf diese Reise, die daraufhin beleidigt beschloss, deine letzte zu werden.
An all das musste ich denken, als ich nun mit meiner Mutter zurückkehrte ans Meer. Nicht nach Antalya, nein, Mami lud mich ein nach Fuerteventura. Die Insel, auf der sie sich nicht so allein fühlt, seit sie allein ist. Es war ihr zärtliches Dankeschön, weil ich an ihrer Seite war damals in ihren dunkelsten Stunden. Nicht zögerte und einen Flug buchte, als es meinem Vater plötzlich so schlecht ging. Mitten in der Nacht saß ich im Flieger nach Antalya, in den Händen ein Zettelchen mit Telefonnummern: Deutsche Botschaft, Versicherungen, Krankenkasse, ADAC. Damals ahnte ich nicht, was uns bevorstand. Ahnte nicht, dass ich meinen Vater nie mehr wiedersehen würde. Ich betrat um 1 Uhr nachts die Hotellobby, in der meine Mutter in einem kleinen Sessel auf mich wartete, voller Sorge und mit hundert Fragezeichen hinter der Stirn. Ich weiß noch, wie wir noch ein paar Minuten so sitzen blieben, ein Glas Wasser tranken, besprachen, was zu tun, zu klären, woran zu denken sei. Wir hielten uns an den Händen, machten uns gegenseitig Hoffnung, sagten Sachen wie: „Das wird schon wieder, alles wird gut, er ist doch eine Kämpfernatur“, was man eben so sagt, wenn man etwas braucht, woran man sich festhalten kann. Wir ahnten ja nicht, dass exakt in diesem Moment zehn Kilometer entfernt in einer privaten Klinik mein Vater starb und niemand anrief. Erfahren hat meine Mutter von seinem Tod erst am nächsten Morgen, und ich werde nie das Bild vergessen, als sie kurz darauf leise an mein Zimmer klopfte und nach 56 gemeinsamen Jahren von einem Moment auf den nächsten nichts mehr so war, wie es mal war.
Und nun standen wir wieder zusammen am Meer wie damals an den Tagen nach Papis Tod, als wir in den Sonnenuntergang über dem Mittelmeer starrten, fassungslos über alles, was geschehen war. Dreieinhalb Jahre zwischen damals und heute, zwischen diesem kühlen türkischen November und diesem heißen April auf Fuerteventura, der einfach nur samtweich zu uns war. Meine Mutter wieder so glücklich zu sehen, so ausgeruht, geheilt, voller Frieden und hungrig aufs Leben, war das schönste Geschenk, dass sie mir nachträglich machen konnte.
Manchmal sitze ich in meinem Sessel mit dem Handy auf dem Schoß, darin meine Mitbringsel von dieser Woche am Atlantik. Fotos von acht Tagen auf der Insel mit Stränden, so weit wie das Meer dahinter. Dann klicke ich mich verträumt durch all die Bilder, und alles ist wieder da: wir Zwei barfuß auf unserem täglichen Marsch zum