Unsere Autorin macht Klar Schiff: in der Bude und ihrem inneren Tempel

Die Leute klagen ja immer über diese Hektik in der Vorweihnachtszeit. Ich zuallererst. Sobald jemand einen Termin mit mir machen will, lege ich theatralisch die Hand an die Stirn und rufe: „Lass uns das lieber im Januar machen! Da haben wir doch alle mehr Ruhe und nicht so einen Stress.“ Äh, welchen Stress jetzt genau? Als ich mich vorhin durch meinen schokobraunen Kalender blätterte, um mir einen Überblick über mein aufregendes Leben zu verschaffen, stellte ich fest, dass ich im Dezember sehr wenig Dates und sehr viel Zeit habe. Der Januar hingegen ist schon jetzt so pickepackevoll mit aufgeschobenen Terminen, Verabredungen, Deadlines und To do‘s, dass mir jetzt schon ganz schlecht wird. Ich habe mehr als zwei Termine pro Woche, was in meiner Welt sehr eng getaktet ist! Aber naja, um den Januar kümmern wir uns im Januar. Jetzt ist Dezember, und ich liebe ihn über alles. Ich habe so viel Zeit, dass ich sogar genügend Zeit habe, mich um so privilegierte Projekte zu kümmern wie die Sperrnächte. Man nennt sie auch die Dunkelnächte, weil die zwölf Tage zwischen dem 8. und 20. Dezember die dunkelsten des ganzen Jahres sind. Sie dienen der persönlichen Inventur, dem Klarschiffmachen, sie sind quasi eine Art Betriebsabschluss für das alte Jahr. In der Landwirtschaft werden die Sperrnächte genutzt, um alles winterfest zu machen. Manche Menschen holen ihr Zeug rein, schaffen Ordnung, sperren Altes weg oder lassen Dinge los, um möglichst mit leichtem Gepäck weiterzuziehen in ihrem Leben. Es ist die Zeit, in der man Projekte abschließen, Rechnungen begleichen und alles beenden sollte, was man nicht mit rüber ins neue Jahr schleppen möchte. Das gilt auf praktischer wie persönlicher Ebene. Tage, in denen wir zurückblicken dürfen, dankbar für das, was war, was wir erleben, woran wir wachsen durften, was gut war, was doof war, was wir vergeigt oder versäumt haben, und was wir für immer abhaken können. Jede der zwölf Sperrmächte steht für einen Monat des ausklingenden Jahres. Wir haben also genug Zeit, uns step by step von jedem einzelnen Monat zu verabschieden. Nicht, um melancholisch in ihm zu verharren, sondern um uns zu verneigen, unseren Knicks zu machen und dann ohne emotionales Übergepäck weiterzuziehen.
Ich habe Kleiderschränke aufgeräumt, alte Kartons zum Recyclinghof gebracht, hab Unterlagen sortiert, endlich den Strafzettel überwiesen und alles entsorgt, was ich nicht mehr brauche. Da fällt mir ein: Die Sperrnächte fangen ja erst morgen an. Ob das trotzdem schon gilt? Man kann