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Die richtige Angst

Collage in rot und blauen Tönen, mit Gesicht in der Mitte.
Collage Ausschnitt August 2026 © Kristina Klecko

Wenn alles gleichzeitig passiert, ist die Verlockung groß, alles gleichzeitig verarbeiten zu wollen. Dann rege ich mich nach links und rechts auf, greife nach Anfängen und Enden, drehe mich im Kreis, finde keinen Ausweg, finde zu viele Auswege, übertreibe, gebe auf.

Manchmal erinnere ich mich, dass ich mit dem Schreiben das Durcheinander entwirren kann. Manchmal vergesse ich trotzdem, wie das Schreiben funktioniert. Wenn es gut läuft, erinnere ich mich an das, was ich in meinen Schreibkursen sage: Wir schreiben Schritt für Schritt, nichts wird übersprungen. Das System funktioniert.

Schritt eins: Themensuche. Was frustriert dich heute besonders?

Heute frustriert mich, wie schnell aus einer nötigen Kritik am Vorgang rund um Die Anstalt eine inhaltliche Kritik des Liedes Keine Angst von Danger Dan wurde.

Schritt zwei: Annäherung. Was willst du am Ende unbedingt gesagt haben?

Ich will am Ende unbedingt gesagt haben, dass es mir nicht um die Qualität oder die Brauchbarkeit des Liedes als Anleitung geht und auch, dass ich nicht weiß, wann der richtige Moment gewesen sein wird Achtung zu rufen, dass ich diesen Moment aber lieber nicht verpassen würde.

Schritt drei: Schreiben.

Ist überhaupt etwas passiert? War es wichtig? Was wird hier plötzlich so groß ausgebreitet? Was hat die echte Welt davon?

Die ZDF-Satire-Sendung Die Anstalt wollte den Umgang mit dem Rechtsruck in der Gesellschaft thematisieren, die Frage stellen, ob ein Lied, wie das des Rappers Danger Dan dafür geeignet sein kann. Die Vorbereitungen zur Sendung liefen und lange sah es aus, als würde es eine Sendung wie jede andere werden. Dann aber griff die Geschäftsleitung relativ kurzfristig, nur wenige Tage vor der Aufzeichnung, in die redaktionelle Freiheit der Anstalt ein und lud den Musiker wieder aus. Die Redaktion war damit nicht einverstanden und veröffentlichte auf Instagram ein entsprechendes Statement.

Es folgten Solidaritätsbekundungen mit Danger Dan – und Gegenbekundungen.

Einige riefen: Zensur!

Andere riefen: Das Lied sei eine Aufforderung zu Gewalt – und sowieso keine gute Kunst, und belegten am Songtext, warum die Entscheidung des ZDF richtig war.

Ich rief: Wir sind doch nicht im Deutsch-Leistungskurs, in dem wir unsere bescheidenen Kenntnisse der Stilmittel für eine literaturwissenschaftliche Analyse zusammenraffen!

„Aber Moment mal: Wer ist dieses ‚wir‘, das in kritischen Texten immer wieder auftaucht?“ Claire Dederer, Monsters, eig. Übers.

Das “wir” ist oft ein “ich”, will es aber nicht verraten.

Wir ist ein Notausgang. Wir ist billig. Wir ist die Gelegenheit, sich der persönlichen Verantwortung zu entziehen und gleichzeitig in die Rolle der obersten Instanz zu schlüpfen. (…) Wir ist eine Illusion.“ Claire Dederer, Monsters, eig. Übers.

Ich war nicht im Deutsch-LK, sondern in einer Realität, in der ich mich noch gut an den Buchhandelspreis erinnerte. Damals hatte der Kulturstaatsminister Weimer die Entscheidung einer unabhängigen Jury aufgehoben und Buchhandlungen von der Preisvergabe ausgeschlossen, weil dem Verfassungsschutz zu diesen Buchhandlungen bis heute nicht näher benannte Erkenntnisse vorlagen. Oder an den Verlagspreis, bei dem der Minister gleich entschieden hat, er werde von nun an die Preisträger persönlich aussuchen. Ich dachte daran, was ich über die Dreißigerjahre in der Sowjetunion gelesen habe und über die Nullerjahre (Öffnet in neuem Fenster) in Russland, was in den USA passierte und was im Programm der AfD für Sachsen-Anhalt steht.

"(...) nichts beginnt einfach so an einem bestimmten Datum und einem bestimmten Ort. Das alles hat an vielen Orten und zu vielen verschiedenen Zeiten begonnen, von denen einige sogar vor deiner Geburt liegen, in fremden Ländern und in den Köpfen anderer Leute." Julian Barnes, Der Lärm der Zeit, übers. v. Gertraude Krueger

Mich interessierte nicht die Qualität des Liedes, noch nicht einmal die künstlerische Freiheit von Danger Dan. (Natürlich ist diese nicht bedroht, wenn er in einer Sendung nicht auftreten darf!) Aber: Die redaktionelle Freiheit der Anstalt wurde eingeschränkt. Die Geschäftsleitung hat kurz vor knapp reagiert. Ein angeblich nicht „sendbares Lied“ hat es ziemlich nah an eine Veröffentlichung geschafft. Was ist passiert? Das hätte ich gern diskutiert.

Es stimmt: Ich sitze auf meinen Erlebnissen und Erinnerungen – und ziehe meine Schlüsse daraus. Ich weiß nicht, ob diese richtig sind, ebenso wenig wie ich weiß, wann der richtige Moment ist, zu handeln oder was zu tun wäre. Ich weiß nur, dass es unrealistisch ist, keine Angst zu haben. Abgesehen davon, dass manche Menschen mehr Angst haben müssen als andere, wenn sie sich öffentlich äußern: Angst haben wir alle. Die Frage ist nur: Habe ich die richtige Angst?

Meine Angst ist, dass Deutschland ins Autoritäre (Öffnet in neuem Fenster) kippt, wenn für Entscheidungen, um die früher mehrere gerungen haben, plötzlich eine Person ausreicht. Auch dass wir florierende Wirtschaft und Demokratiefähigkeit verwechselt haben. Nicht zuletzt habe ich Angst davor, zu übertreiben, „drüber“ zu sein.

Noch mehr Angst habe ich allerdings davor, gar nichts zu merken (Öffnet in neuem Fenster), mich nicht zu bewegen (Öffnet in neuem Fenster), zu spät zu sein.

Und dann: Wenn nichts passiert, habe ich zumindest den Mut-Muskel trainiert, schadet auch nie.

Danke, dass du mitliest! ♥️

Mit diesem Text verabschiede ich mich in eine kurze Sommerpause und bin im September, mit neuer Sendezeit an jedem zweiten Sonntag, wieder zurück.

Viele Grüße

Kristina

Beischrift

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und tschüss

Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

Kategorie Alltag & Politik

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