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Unrast #12: Unterwegs in Leipzig

Nostalgie kriecht.

Meine Liebe für endlose Spaziergänge hat in Leipzig begonnen. 2004. Manche Strassenzüge standen noch halb leer. Ich war gerade hergezogen, kannte kaum jemanden und wohnte ab vom Schuss im Osten der Stadt. Mit Musik auf den Ohren und der Kamera in der Jackentasche mäanderte ich durch Viertel, die ich heute oft nicht mehr erkenne.

Trotzdem fühlt sich dieser Ort an einem verkaterten Sonntag noch immer ein wenig wie Zuhause an. Vor ein paar Stunden stand ich noch auf der Tanzfläche der Ilse und tanzte mit alten Bekannten zu Songs von 2005.

Ich starte meinen Spaziergang gegen den Kater am Augustusplatz. Als ich hier studierte, hing an der Fassade des Universitätsgebäudes noch ein grosses Relief von Karl Marx. Drinnen fuhr ein Paternoster, es roch nach altem Sperrholz und kaltem Rauch – ein Geruch, der mich immer an Asbest denken liess. Heute steht hier ein glänzender Glasbau, der an die Kirche erinnern soll, die hier früher einmal stand.

Am Ring-Café vorbei, weiter über den Wilhelm-Leuschner-Platz. Wo lange eine Brache war, wächst ein neues Gebäude in die Höhe. Der Sandhaufen, den ich hier letztes Jahr fotografiert habe, hat es angekündigt. Noch ohne Fassade verstellt es bereits den Blick auf die DDR-Bauten mit ihren alten Leuchtreklamen und rot-weissen Markisen. Da drüben war einmal ein kleiner Klub, in dem ich Bands wie die Hidden Cameras und Yacht live gesehen habe.

Durch einen Torbogen schlüpfe ich in die Härtelstrasse – eine der Strassen mit dem besten Licht der Stadt. Schneereste kleben an den Fassaden. In einem der Häuser hatte ich mal ein Vorstellungsgespräch. Und ging dann doch nach Berlin.

Mensa am Peterssteinweg, das Gebäude der Geisteswissenschaften, gegenüber die Albertina. Wie viele Stunden habe ich hier verbracht, ohne zu ahnen, was für ein Privileg es war, mich zwischen Büchern zu verlieren. Aus einer offenen Tür weht der Geruch von Kaffee und Suppe. Wir gingen lieber nebenan, in das kleine Café der HGB.

Bei der GFZK laufe ich in den Park. Die Teiche sind gefroren. Ich denke an einen Morgen vor vielen Jahren, nach einer langen Frostperiode: Männer bargen tote Fische aus dem Wasser, legten sie in grossen Haufen ans Ufer, wo sie langsam auftauten.
Heute rodeln Kinder jede noch so kleine Kuppe hinunter. Weiter hinten, am Elsterflutbecken, ziehen Schlittschuhläufer ihre Kreise.

Die Sonne scheint, doch der Wind bläst mir kalt ins Gesicht. Ich ziehe den Schal über meine Ohren. Biege ab in Richtung Waldstrassenviertel. Das Haus, in dem ich einmal gewohnt habe, sehe ich nur aus der Ferne. Ob der Bass, den ich bei meinem Umzug im Keller vergessen habe, dort noch liegt?

An der Villa beim Rosental komme ich dieses Mal nicht vorbei. Eigentlich schaue ich bei jedem Besuch nach ihr. Stattdessen stehe ich wenig später hoch oben auf dem Wackelturm. Die Sonne geht langsam unter. Vor mir liegt Leipzig, ganz flach und weit.

Kategorie Unterwegs