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LebensSpuren #9: Närrische Zeiten

Faschingswochenende. Eine rote Nase. Und die Erinnerung daran, dass Lachen manchmal das Einzige ist, was wirklich zählt.

Im Fernsehen läuft eine Prunksitzung. Narren in bunten Kostümen, laute Musik, schnelle Witze. Emi schaut hin, runzelt die Stirn, schüttelt den Kopf. Zu viel. Zu laut. Zu wirr.

„Des versteh ich net", sagt sie und lehnt sich zurück.

Ich schalte um. Suche etwas Ruhigeres. Doch der Fasching hängt noch in der Luft, irgendwo zwischen Konfetti und Karnevalsrufen. Und dann habe ich eine Idee.

Ich hole zwei rote Clownsnasen hervor, die seit Jahren in einer Schublade liegen. Eine setze ich mir auf. Die andere halte ich Emi hin.

Sie mustert mich. Schweigt. Dann huscht ein Lächeln über ihr Gesicht.

„Für mich?"

„Für dich."

Emi mit Clownsnase
Wenn eine Clownsnase reicht

Sie nimmt die Nase, dreht sie in den Händen, setzt sie vorsichtig auf. Und dann passiert es: Sie lacht. Nicht laut, nicht überschwänglich. Aber echt. Ein Lachen, das von innen kommt.

Ich lache mit. Wir sitzen da, zwei Menschen mit roten Nasen, und für einen Moment ist alles leicht.

Ein guter Freund hat mir mal gesagt: „Wenn sonst nichts bleibt, bleibt der Humor."

Die Situation lässt sich oft nicht ändern. Die Demenz nicht aufhalten, die Müdigkeit nicht wegzaubern, die Verunsicherung nicht einfach löschen. Aber die Haltung dazu können wir wählen.

Humor ist kein Verdrängen. Er ist auch kein Schönreden. Er ist eine Form von Nähe. Von Leichtigkeit im Schweren. Von Menschlichkeit, die sich nicht unterkriegen lässt.

Hermann Hesse schrieb einmal: „Sich wegwerfen können für einen Augenblick, Jahre opfern können für das Lächeln einer Frau, das ist Glück."

Vielleicht ist es genau das. Ein Augenblick. Eine rote Nase. Ein Lächeln, das bleibt.

Emi mit Clownsnase und guter Selle im Hintergrund
Lachen verbindet

Früher war der Hofnarr der Einzige am Hof, der dem König die Wahrheit sagen durfte. Mit einem Lachen auf den Lippen und einer Glocke am Hut sprach er aus, was sonst niemand wagte.

Eine unterschätzte Rolle. Denn Humor schafft Raum. Für Ehrlichkeit. Für Verbindung. Für das, was sonst zu schwer wiegt, um ausgesprochen zu werden.

In der Pflege ist es ähnlich. Manchmal braucht es die rote Nase, um über die Treppe zu lachen, die nicht mehr geht. Um über die vergessene Frage zu schmunzeln, die zum zehnten Mal kommt. Um gemeinsam zu kichern über das Chaos, das der Alltag manchmal ist.

Nicht, weil es lustig ist. Sondern weil es verbindet.

Emi mit Kapitänsmütze auf
Kapitänin ihres Lebens

Emi trägt die Clownsnase noch eine Weile. Dann legt sie sie behutsam ab, schaut mich an und sagt: „So isch's recht."

Ich nicke. Ja, so ist es recht.

Die Faschingssendungen laufen weiter. Aber wir brauchen sie nicht mehr. Wir haben unseren eigenen närrischen Moment gefunden. Einen, der passt. Der Ruhe lässt und trotzdem Freude schenkt.

Lachen ist kein Luxus. Es ist manchmal das, was uns durch den Tag bringt. Das, was verbindet, wenn Worte fehlen. Das, was bleibt, wenn sonst vieles geht.

Vielleicht ist das die eigentliche Narretei: zu glauben, man müsse in der Pflege immer ernst bleiben. Manchmal ist es die rote Nase, die den Weg öffnet. Für Nähe. Für Leichtigkeit. Für das, was wirklich zählt.

Oma Maria (100 Jahre alt) und Emi (95)
Oma Maria (100) und Emi (95) - zwei Schwestern, die das Leben kennen

Kennst du solche Momente auch? Momente, in denen Humor hilft, wenn sonst nichts mehr geht?

Wenn dir diese Geschichte ein Lächeln geschenkt hat, freuen wir uns, wenn du uns weiter begleitest. LebensSpuren erscheint alle paar Wochen hier.

Kategorie Leben im Alter