Ahoi zum heutigen Meer-Montag und lasst und kurz feiern, dass das hier seit 20 Wochen (!) läuft! Vor Kurzem durfte ich ein kleines Abenteuer erleben und Kegelrobben für ein Forschungsprojekt fotografieren. Daraus ist ein sechs Seiten langer Artikel entstanden, den ich gern teilen möchte. Für heute wird es so sein, dass nur ein Ausschnitt meines Erfahrungsberichts für alle lesbar sein wird. Den ganzen Artikel können dann die Steady-Mitglieder sehen, die mich mit ihrem monatlichen Beitrag sehr dabei unterstützen, genau so etwas zu recherchieren und zu schreiben. Ich habe große Ideen im Kopf und bin jetzt auf der Suche nach ähnlichen Abenteuern und Gesprächspartner*innen rund um die Themen Kegelrobben und Ostsee. Drückt mir also gern die Daumen, dass das Projekt weiterläuft. Und nun viel Freude beim Lesen!
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Ich sitze an diesem Dienstagmorgen im Auto Richtung Boltenhagen, die Sonne scheint und ich habe lauthals den Soundtrack des Disney-Films “Frozen” mitgesungen. Auch den klappernden Außenspiegel des Autos habe ich auf einem Rastplatz mit Gaffatape “repariert”, der hält jetzt sicher wieder 10 Jahre und so habe ich Zeit, mich gedanklich auf den Tag vorzubereiten. Vor einigen Monaten erreichte mich eine E-Mail von Lena Hohls vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Mecklenburg-Vorpommern mit der Bitte, eine Petition zur Aufklärung des Todes von über 40 Kegelrobben in der Ostsee zu teilen. Ich hatte von diesen schrecklichen Funden bereits gehört: innerhalb kürzester Zeit wurden vor allem an der Ostküste Rügens immer wieder tote Kegelrobben gefunden. Sie schienen äußerlich gesund und gut genährt zu sein, weshalb die Todesursache während einer Obduktion festgestellt werden musste. Bei einigen Tieren lag anschließend der Verdacht nahe, dass sie ertrunken waren. Grund dafür könnten Reusen im Gebiet der Totfunde sein. Bei dieser Art zu fischen wird in der Nähe des Grundes eine Art Trichternetz aufgestellt, in das die Fische hinein, aber nicht wieder herausfinden. Um ungewollten Beifang zu verhindern, gibt es die Möglichkeit, die Reuse mit einem Einschwimmschutz auszustatten, der dafür sorgt, dass z.B. Robben nicht durch den Eingang passen, um sich am reich gedeckten Tisch der bereits gefangenen Fische satt zu essen. Die Pflicht, einen solchen Einschwimmschutz zu nutzen, gab es bereits im Greifswalder Bodden aber nur bis zu einer bestimmten Grenze.
Doch Meere haben keine Grenzen.
Natürlich bewegen sich Lebewesen über unsere fiktiven, auf gezeichneten Karten festgehaltenen Grenzen hinaus und somit ist es wichtig, Schutzmaßnahmen größer und flächendeckender zu denken. Die Ausweitung der Nutzung dieses Einschwimmschutzes an Reusen war also das primäre Ziel der Petition. Mit Erfolg: Ab März 2025 müssen alle Reusen in ganz Mecklenburg-Vorpommern mit geeigneten Einschwimmsperren ausgerüstet sein, sodass Robben nicht in die Fanggeräte geraten und dort sterben.
Ich bin aber heute nicht auf dem Weg zu einer toten Robbe, sondern ganz im Gegenteil. Lena Hohls hat mich eingeladen, mit ihr auf die Wismarer Bucht zu fahren und die Robben auf der Sandbank direkt zu beobachten. Einmal pro Woche fährt sie mit ihrem Kollegen Karsten Schweichhart hierfür auf dem Ausflugsschiff “MS Seebär” mit, um den Menschen an Board spannende Fakten über Kegelrobben zu erzählen, sie über Schutzmaßnahmen aufzuklären und für die Bedeutung dieser Tiere im Ökosystem zu sensibilisieren. Außerdem fotografiert Lena die Robben für ihr laufendes Forschungsprojekt „Kegelrobben im Blick“, das von der Norddeutschen Stiftung für Umwelt und Entwicklung (NUE) gefördert wird. Bereits im Vorjahr konnte sie ihr Projekt “Schutz der Kegelrobben in der Wismarbucht” erfolgreich abschließen.

Kegelrobben haben ein individuelles Fellmuster: während die Weibchen überwiegend silbergrau mit dunklen Flecken sind, ist das Fell der Männchen eher dunkel mit hellen Flecken. Dieses Muster ist wie unser menschlicher Fingerabdruck von Individuum zu Individuum unterschiedlich und bleibt ein Leben lang, auch nach dem Fellwechsel, erhalten. Anhand der Fotos und des Fellmusters können mit der Methode der Foto-Identifikation einzelne Tiere erkannt und vor allem wiedererkannt werden. Somit werden wichtige Daten erhoben, um Aussagen darüber treffen zu können, wie viele Tiere sich in dem Gebiet aufhalten und wie viele es vielleicht zu einem längeren oder wiederkehrenden Aufenthalt nutzen. Besonders die Sandbank “Lieps”, zu der die MS Seebär fährt, dient den Tieren als Ort, an dem sie sich z.B. während des Fellwechsels ausruhen und sonnen können.
Die Methode der Foto-Identifikation wird weltweit bei vielen Tierarten genutzt, um Individuen zu bestimmen oder auch Wanderrouten nachzuvollziehen. So gibt es beispielsweise die Plattform Sharkguardian.org (Öffnet in neuem Fenster), die als Citizen Science Projekt läuft. Das bedeutet, dass Tauchende oder Schnorchelnde Personen ihre Fotos von Walhaien dort hochladen können, ohne Meeresbiologie studiert zu haben. So können auch Freizeitsportler*innen zur Forschung beitragen und die Datenbasis deutlich erhöhen.
Ein besonders anschauliches Beispiel hierfür sind Walhaie, die größten Fische auf unserer Erde, die bis zu 20 Meter lang werden. Wie viele andere Arten in unserem Ozean sind sie vom Aussterben bedroht: in den letzten 75 Jahren haben wir über 50% der weltweiten Population verloren. Und je weniger Tiere es gibt, desto schwieriger wird es, sie zu erforschen. Der Körper des Walhais ist gräulich und mit unzähligen Punkten und Streifen übersät. Genau diese Punkte bilden, wie bei den Kegelrobben, ein individuelles Muster, das anhand von Fotos erkannt und unterschieden werden kann. Bei meiner Recherche fand ich die Geschichte des Meeresbiologen Brad Norman, der ebenfalls solch eine Online-Datenbank zur Identifikation von Walhaien anhand von Fotos erstellte. Der australische Meeresbiologe gründete 1995 die Meeresschutzorganisation Ecocean und begann, seine Datenbank mit ersten Fotos von Walhaien zu füllen. Er erkannte, dass die friedlichen Haie eine “Flagship Species” für den Meeresschutz sein könnten. So nennt man Tierarten, die in der breiten Öffentlichkeit besondere Aufmerksamkeit generieren und somit für die fortlaufende Finanzierung für Forschungsprojekte sorgen können. Das beste und wohl bekannteste Beispiel ist der Panda für den World Wide Fund for Nature (WWF), der es sogar ins Stiftungslogo geschafft hat.
Brad Norman fand heraus, dass es einen Körperteil der Walhaie gibt, an dem der Unterschied im Muster der Punkte besonders groß war: der Abschnitt an der Seite des Tieres direkt hinter den Kiemen vor dem Ende der Brustflosse. Über die Jahre wertete er tausende Bilder aus und untersuchte per Hand, ob sich die Muster wiederholten. Eine unglaublich anstrengende und auch fehleranfällige Arbeit. Starren wir lange auf solche Muster, fängt unser Gehirn an, uns Streiche zu spielen und sieht Punkte, wo vermutlich keine sind. Schlechte Bildqualität unter Wasser bei wenig Licht und mit möglichen Reflexionen machen die Aufgabe noch schwieriger. Denn der Biologe nutzte nicht nur eigenes Bildmaterial, sondern auch das von Tourist*innen, die auf ihren Tauchtouren Walhaien begegneten. Einer davon war Jason Holmberg, der nach solch einem Erlebnis 2003 mehr über die faszinierenden Tiere herausfinden wollte und auf die Forschungsarbeit von Ecocean stieß. Er selbst war Softwareentwickler und hatte die Idee, eine bessere und übersichtlichere Datenbank zu programmieren. Schnell kam ein weiterer Forscher mit in das Projekt: ein Freund von Jason Holmberg aus Studienzeiten, Zaven Arzomanian, arbeitete für die NASA. Dort analysierte er neue Sternenkonstellationen anhand von Fotos, die das Hubble Teleskop machte. Doch nicht mit dem bloßen Auge, er nutzte hierfür einen Algorithmus, der ihm die Arbeit erleichterte und den er für das Walhai-Projekt adaptieren konnte.
Heute ist die Foto-Identifikation von Walhaien ein riesiges Citizen Science Projekt. Mittlerweile wurden bereits über 11.000 Individuen aus 50 Ländern identifiziert. All diese Sichtungen trugen dazu bei, mehr über Walhaie herauszufinden und waren zum Teil dafür entscheidend, dass der Walhai von der International Union for Conservation of Nature (IUCN) 2016 als “stark gefährdet” eingestuft wurde. Wieder einmal zeigt sich, dass wir vor allem das schützen können, was wir kennen. Utopisch schön ist der Gedanke, dass wir in unserer Welt davon ausgehen, dass erst einmal alles schützenswert ist und mit mehr Rücksicht zu behandeln ist. Aber in der Realität ist es nötig, dass viele Menschen gemeinsam Daten und damit auch Argumente sammeln, um gewohnte Praktiken der Menschen zu reglementieren und somit zu verhindern, dass ganze Populationen verschwinden, bevor wir es überhaupt merken.
Kurz vor 10 Uhr bin ich in Boltenhagen angekommen, parke mein Auto, kaufe ein viel zu kurzes Parkticket und begebe mich auf die Suche nach der MS Seebär. Kurze Zeit später erkenne ich sie anhand der anderen wartenden Menschen und der guten vorherigen Beschreibung von Lena Hohls, nach der ich nun Ausschau halte. Wie sie zu den Robben kam, hatte sie mir bereits vorher per E-Mail erzählt. Etwa fünf Jahre zuvor wurde sie darauf aufmerksam, dass beim BUND M-V ehrenamtliche Robbenbetreuende gibt, die im Falle einer strandenden Robbe angerufen werden können. Sowohl Kegelrobben als auch Seehunde kommen immer wieder an Strände oder in Häfen, um sich dort zu erholen und zu schlafen. Selbstverständlich ist dies für viele Passanten, die vielleicht noch nie eine Robbe in Freiheit gesehen haben, spannend. In Zeiten von WhatsApp-Status und Instagram Stories ist die Versuchung groß, das beste und dichteste Foto zu schießen. Um also die Rast der Robbe möglichst zu schützen, gibt es Menschen, die einen Raum rund um das Tier absperren, neugierige Menschen aufklären und so für Verständnis und Rücksichtnahme sorgen. Da Lena in Strandnähe wohnt, war es für sie ein sinnvoller Schritt, sich zu solch einer Robbenbetreuerin ausbilden zu lassen. Ein Jahr später hat sie dann begonnen, in einem lokalen Naturschutzverein als Schutzgebietsbetreuung eines Europäischen Schutzgebiets zu arbeiten. Als Rangerin war sie für einen 20 km langen Küstenstreifen zuständig und auch hier gehörte es zu ihren Aufgaben, eventuell strandende Robben und die schaulustigen Menschen rund herum zu begleiten. 2022 fing Lena an, für den BUND auf dem Fahrgastschiff MS Seebär, an dessen Pier ich nun warte, mitzufahren und Urlaubsreisende über die Robben, die sie auf der vorgelagerten Sandbank sehen konnten, aufzuklären. Schnell begann sie aus eigenem Interesse, bei diesen Ausfahrten die Robben zu fotografieren. Durch ein vorheriges Forschungsprojekt zur Foto-Identifikation von Kegelrobben vom Meeresmuseum in Stralsund, von dem sie bereits 2016 gehört hatte, kannte sie diese Methode. Die Begegnungen mit den Tieren häuften sich, die Faszination stieg und so auch die Erkenntnis, dass es an der deutschen Ostseeküste großen Bedarf gibt, die Kegelrobben besser zu schützen. Vor allem der Freizeitbootsverkehr und das Spannungsfeld mit der Fischerei sind zwei Bereiche, in denen die Bedürfnisse und die Bedeutung der Tiere häufig nicht gesehen oder akzeptiert werden und in denen es noch viel Aufklärung und Mediation braucht. Als freiberufliche Referentin für Meeresschutz möchte Lena Hohls hier eine Schnittstelle sein und dazu beitragen, dass ein friedliches Miteinander an unserer Küste möglich wird.
Voll bepackt erkenne ich sie direkt an ihrem Teleobjektiv. Aber auch das breit grinsende Gesicht ist mir schon etwas vertraut, da wir uns vor einigen Wochen kurz im Ozeaneum in Stralsund am “Tag der Robbe” getroffen und kennengelernt haben. Schon an diesem Tag hat Lena unglaublich viel Wissen mit mir geteilt und ich hätte ihr noch stundenlang zuhören können. Für mich gibt es kaum etwas Schöneres und Inspirierendes, als Menschen zu erleben, die mit voller Leidenschaft über ihr Thema erzählen. Und genau dafür treffen wir uns heute wieder. Doch Lena hat beunruhigende Nachrichten: als sie grad schon einmal zur Sandbank hinüber schaute, lag dort keine einzige Robbe! Vermutlich durch ein Boot gestört sind alle Robben ins Wasser geflüchtet und niemand kann vorhersagen, wann sie sich wieder sicher genug fühlen, um an Land zurückzukehren. Aber bis wir auf dem Wasser und in der Nähe der Robben sein werden, ist noch mehr als eine Stunde Zeit. Wir bleiben also hoffnungsvoll. Als die Bootscrew kurz vor Abfahrt extra noch einmal auf das Dach des Kapitänshäuschens klettert und Ausschau hält, gibt es Erleichterung: ein paar Robben liegen bereits wieder auf der Sandbank! Bis wir dort sind, stehen die Chancen gut, dass es noch mehr werden.
Wir gehen also an Board, begrüßen den Kapitän, suchen uns einen Platz auf der richtigen Seite des Boots und starten unser heutiges Abenteuer.
Ob wir Robben gesehen haben und per Foto-Identifikation sogar welche von vorherigen Ausfahrten wiedererkannt haben, erfahrt ihr als Steady-Mitglied. Danke für jede Unterstützung, um weiterhin kreativ und unabhängig Kunst machen zu können.