Wow, 50 fühlt sich wirklich wie ein kleines Jubiläum an. Wir haben in den letzten 12 Monaten viele Tierarten und Ökosysteme kennen gelernt. Auch Gefahren und Herausforderungen für den Ozean sind uns begegnet und wir haben viel darüber erfahren, wie Naturschutz ganz konkret aussehen kann. Bei meinen Recherchen und dem Kontakt zu Menschen, die sich für den Schutz von Tieren und Biotopen einsetzen, kam ich immer wieder an Punkte, an denen es kein Richtig oder Falsch gab und an denen es schwierig war, die Komplexität aller Faktoren zu überblicken. Einige solcher Fälle möchte ich euch heute vorstellen und zeigen, wie schwierig es ist, sich in diesem Themenfeld zu bewegen und wie oft wir viel zu sehr von unseren eigenen Privilegien im Denken eingegrenzt werden.
Wie ihr wisst, habe ich mich in diesem Jahr sehr viel mit Kegelrobben beschäftigt und Einiges über sie gelesen. Aus Mangel an vielfältiger deutscher Literatur lese ich seit vielen Wochen “Where the Seals sing” von Susan Richardson. Es ist ein großartiger Wissensschatz, allerdings sprachlich eine echte Herausforderung. In diesem Buch las ich zum ersten Mal konkreter von der Stromgewinnung durch Gezeitenkraftwerke bzw. Turbinen, die durch den Tidenhub Strom erzeugen. Diese funktionieren wie Unterwasser-Windräder: anstatt Wind fließt das Wasser im Rhythmus von Ebbe und Flut durch die Turbinen, die diese Energie umwandeln. Grundsätzlich wird dies als nachhaltige Alternative zu zum Beispiel Kernkraft gesehen. Wir nutzen etwas, das sowieso da ist, super! Grüner Strom, voll umweltfreundlich! Zack, Thema erledigt.
So einfach ist es leider nicht, denn das Wasser des Meeres ist natürlich nicht leer. In ihm tummeln sich Tierarten, von denen wir vielleicht noch gar nicht wissen, dass sie existieren. Unterwasserturbinen können, wenn sie keine entsprechende Schutzvorrichtungen besitzen, zu tödlichen Kollisionen mit Meeressäugern führen. Außerdem sind auch sie nicht völlig störungsfrei. So tragen sie zum Unterwasserlärm bei, der zwar geringer als bei Schiffen ist, aber trotzdem existent. Dieser Lärm kann bei Schweinswalen oder Kegelrobben die Kommunikation und das Jagdverhalten stören. Klare Sache, oder? Sofort verbieten zum Schutz der Tiere. Thema erledigt, oder? Oder?! Nun beginnen wir, uns im Kreis zu drehen. Denn wo ziehen wir die Grenze, wo sind Kompromisse noch auszuhalten und wo beginnen unsere wirtschaftlichen Interessen die Gefahren für einzelne Tiere auszuradieren? Eine Frage, die ich hier heute nicht beantworten kann, die mich ab jetzt aber in all meinen Abwägungen begleiten und für eine gute Prise Realität sorgen wird.

Bei meinem zweiten Beispiel geht es um meine Lieblingstiere: Haie. Dass das Fangen, Töten und Handeln von Haien, bzw. einiger ihrer Körperteile ein weltweites Problem ist, ist bekannt. Wir haben dabei riesige Fischtrawler vor Augen, die tonnenweise Haie aus den Meeren ziehen. Jeden Tag. Auch hier in Europa. Und dass wir dagegen vorgehen müssen, ist selbstverständlich. Doch auch einzelne Fischer, zum Beispiel in Indonesien sind für den Tod unzähliger Tiere verantwortlich und versorgen den die Nachfrage nach Haiflossen in großem Maße. Doch Tierschutz ist oft ganz eng mit Empathie den Menschen gegenüber verknüpft: würde diesen Fischern das Jagen von Haien von einem auf den anderen Tag verboten werden, hätten sie und ihre Familien kein Einkommen mehr. Außerdem würden sie dann Wege finden, auf illegale Weise weiter zu fischen und dabei sich und das Ökosystem noch mehr in Gefahr bringen. An dieser Stelle möchte ich euch das “Project Hiu”, gestartet von Madison Stewart, vorstellen, das exemplarisch für viele Bemühungen steht, die lokale Bevölkerung in einen Wandel mit einzubeziehen und ihnen statt Grenzen zu setzen, Möglichkeiten an die Hand zu geben, selbst aktiv zu werden. Das „Projekt Hiu“ (Hiu ist das indonesische Wort für Hai) ist eine Initiative, die Haifischfangboote und die einheimischen Besatzungsmitglieder anheuert und sie in eine ganz andere Art von Einkommenserwerb einbindet: Tourismus. Neben Tagesausflügen und Wochenreisen werden die Boote und ihre einheimische Crew außerdem an Forschungsaufgaben beteiligt. Bereits in vielen Orten auf der Welt ist die Erkenntnis angekommen, dass ein Hai lebendig wesentlich mehr wert ist als seine toten Flossen. Haitourismus ist ein aufsteigendes Business, bei dem die Community vor Ort den Wert des Ökosystem vor ihrer Haustür und dessen Erhalt immer öfter ökonomisch längerfristig betrachtet.

Was vielleicht nach einem Happy End klingt, ist aber ein neues Gedankenkarussell rund um den moralischen Kompass. Denn wie viel Tourismus kann ein Ökosystem aushalten? Wie stellt man sicher, dass sich alle Akteure ethisch korrekt verhalten, die Tiere nicht mit Futter anlocken und somit in ihrem natürlichen Verhalten stören oder sie sogar verfolgen und bedrängen, wie es viel zu oft beim Whale Watching der Fall ist? Und wie vermeiden wir es, uns als weiße Helden zu aufzuführen, die den Menschen am anderen Ende der Welt die Welt erklären wollen? Ich glaube, dass einzelne Initiativen wie “Project Hiu” einen guten Weg finden, die Community einzubinden, ohne ihnen etwas aufdrücken zu wollen. Aber das Gesamtproblem des Handels mit Haiflossen wird es nicht lösen.
So schön es wäre, aber es gibt keine einfachen Lösungen für komplexe Probleme. Wir Menschen werden weiterhin mehr und machen uns breit. Unser Bedarf an Nahrung, Energie und Ressourcen steigt und somit auch der Druck auf die Natur. Sie zu schützen, schaffen wir nur mit viel Fingerspitzengefühl, Diplomatie, Zusammenarbeit und vielen vielen Kompromissen. Ich finde das äußerst frustrierend aber merke immer wieder auf neue Weise, dass mein manchmal naives und einfaches Denken nicht mit der Realität des Naturschutzes vereinbar ist. Es gibt noch so viel zu Lernen, also fangen wir besser schnell damit an. Deshalb: danke, dass ihr hier mitlest und hoffentlich in jeder Woche etwas für euch mitnehmen könnt.

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Susan Richardson: Where The Seals Sing (Öffnet in neuem Fenster)
Project Hiu: Website (Öffnet in neuem Fenster)