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Meer-Montag #65 Alles blitzblank: Putzerfische

Wir haben hier auf Steady schon über viele große und bekannte Tierfamilien gesprochen. Wale, Haie und Schildkröten sind uns allen zu großen Teilen bekannt und wir lernen gern Neues über sie. Heute möchte ich dir aber Fische vorstellen, die in fast allen Ozeanfilmen zu sehen sind, aber nur selten im Fokus stehen. Dabei haben sie eine ebenso wichtige Rolle zu erfüllen wie unsere Allstars, die den Dokumentarfilmen ihre Titel geben. Sie erledigen wichtige Carearbeit, sind sozusagen im Gesundheitssystem tätig und haben eine effiziente und ressourcenschonende Art des Transports entdeckt. Es geht um Putzerfische. 

Dieser Sammelbegriff steht für mehrere Familien und Arten. Sie haben gemeinsam, dass sie die Haut größerer Tiere von Parasiten oder kranken Hautstellen befreien. Putzerlippfische haben dafür im Riff einen festen Ort, an den die “Kunden” kommen, wenn sie eine Reinigung wünschen. Körpersprachlich wird ausgehandelt, dass der Putzerfisch in diesem Moment nicht als Nahrung dient. Denn auch Raubfische machen von dem Service Gebrauch und einige lassen sich sogar das Innere des Mauls putzen. Für sie liegt der Vorteil ganz klar darin, dass Nahrungsreste und damit gesundheitsgefährdende Bakterien entfernt werden. Der Putzerfisch hingegen findet Nahrung, ohne danach suchen zu müssen. Manche von ihnen bedienen pro Tag über 2000 Fische und vertilgen fast 5 Parasiten pro Minute. [1] Da kommt am Ende eine ganze Menge zusammen. 


Putzerlippfische findet man im tropischen Indo-Pazifik. In der Karibik jedoch haben andere Fische diese spezielle ökologische Nische besetzt: einige Arten von Putzergrundeln (z.B. Elacatinus genie). Diese Grundel ist sogar äußerlich dem Lippfisch ähnlich, was ein Hinweis darauf sein könnte, dass die blau-gelbe Färbung mit dem auffälligen dunklen Streifen entlang der Körpermitte ein Zeichen dafür sein könnte, dass man als Putzkraft wertvoller ist als als Snack. 

Die Forschung an Putzerfischen hat bereits spannende Erkenntnisse gebracht, die uns erkennen lassen, wie faszinierend und intelligent diese Tiere sind. Sie eignen sich besonders gut, um Symbiosen und Dynamiken in Kooperationen zwischen verschiedenen Spezies besser zu verstehen. Für die Entwicklung einer stabilen Kooperation wird allgemein angenommen, dass Partner wiederholt interagieren und sich an das Verhalten des jeweils anderen erinnern. Doch schafft das ein Putzerfisch, der mehr als 2000 Rifffische pro Tag säubert? Hierfür testete ein Team aus Forschenden 2002 den Putzerfisch L. dimidiatus und seinen pflanzenfressenden Kunden, den Doktorfisch Ctenochaetus striatus, auf ihre Fähigkeit, zwischen einem vertrauten und einem unbekannten Partner zu unterscheiden. Und tatsächlich hielten sich die Putzerlippfische vor allem in der Nähe von ihnen bekannten Doktorfischen auf. Das gilt als Nachweis individueller Wiedererkennung zwischen Arten. [2]

Neben den Arten, die an einer festen Putzstation arbeiten, gibt es auch jene, die mit größeren Tieren umher reisen. Schiffshalter sind mit den Makrelen verwandt und schlanke Fische, bei denen sich der Vorderteil der Rückenflosse im Laufe der Evolution zu einer Saugplatte umgewandelt hat. Diese Platte besteht aus mehreren Reihen Lamellen, die von einer Hautausstülpung umrundet werden. Schwimmt der Schiffshalter selbst, liegen die Lamellen flach an. Sobald er aber an einer Oberfläche andockt, zieht der Fisch die Muskeln im Saugnapf zusammen, wodurch sich die Lamellen nach oben aufrichten. Es entstehen luftleere Räume zwischen den Lamellen, die einen Unterdruck erzeugen und den Fisch fest an seinem Wirt halten. Mit dieser Technik können Schiffshalter sich von unten an große Meerestiere, wie Wale, Haie oder Rochen anheften und sich energiesparend fortbewegen. Eine detaillierte Analyse zeigte, dass Schiffshalter bevorzugt genau jene Körperstellen ihrer Wirte aufsuchen, an denen der Wasserwiderstand für sie am niedrigsten ist. [3]

Auch, wenn Schiffshalter sich von Parasiten auf der Haut ihrer Mitfahrgelgenheit ernähren könnten, geht es sogar einfacher. Bei jeder Mahlzeit, die das große Tier zu sich nimmt, fallen Reste an, die dem Schiffshalter oft direkt ins Maul gespült werden. Außerdem bietet solch ein Hai oder auch ein beeindruckend großer Mantarochen einen gewissen Schutz vor anderen Raubfischen. Lange wurde davon ausgegangen, dass die Beziehung eher einseitig ist und zugunsten des Schiffshalters ausfällt. Doch 2025 filmte ein Team um Toshiaki Mori in einem Aquarium Interaktionen zwischen einem Segelfisch und einem Schiffshalter, die eindeutig als Putzverhalten zu deuten waren. Es handelt sich also vielleicht doch um eine gegenseitige Beziehung. [4]

Eine neue Studie aus diesem Jahr sorgt derzeit für Aufmerksamkeit und wurde auch mir schon mehrfach in meine Social Media Timeline gespült. Forschende dokumentierten, dass Schiffshalter gelegentlich in die Kloakenöffnung von Mantarochen eindringen. Nachdem ein Taucher das Eindringen zufällig filmte, forschten die Wissenschaftler*innen weiter nach und entdeckten mehrere solcher Beobachtungen. Sie stießen sogar auf eine Dokumentation, laut der ein Schiffshalter in die Kiemenspalten eines Rochens eingedrungen war und mehrere Fälle, in denen Rochen Kiemenverletzungen vorwiesen, die eventuell ebenfalls von Schiffshaltern verursacht wurden. [5]

Dieser Fisch mit der außergewöhnlichen Saugplatte hat sich in der allgemeinen Ansicht also vom Mitfahrer zum Pfleger zum Parasiten entwickelt und zeigt uns, wie komplex symbiotische Beziehungen sein können. Durch sein Leben im offenen Ozean ist es schwer, ein komplettes Bild seines Verhaltens zu zeichnen. Und mit jedem kleinen Puzzlestück, das neugierige Menschen dem Bild hinzufügen, verstehen wir wieder ein bisschen mehr von dem, was unter der Wasseroberfläche verborgen ist. 

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[1] A. Grutter, 1996, Parasite removal rates by the cleaner wrasse La broides dimidiatu (Öffnet in neuem Fenster)

[2] S. Tebbich, R. Bshary, A. Grutter, 2002, Cleaner fish Labroides dimidiatus recognise familiar clients (Öffnet in neuem Fenster)

[3] Yunxin Xu et.al (Öffnet in neuem Fenster)., 2021, Understanding of remora's “hitchhiking” behaviour from a hydrodynamic point of view (Öffnet in neuem Fenster)

[4] T. Mori, et. al., Symbiotic cleaning relationship between a sailfish (Istiophorus platypterus) and remoras (Remora osteochir) (Öffnet in neuem Fenster)

[5] E. A. Yeager, et. al., 2026, Hiding in Plain Sight: Evidence of Echeneidae Cloacal and Gill Diving Behavior in Manta Ray Hosts

Kategorie Meer-Montag

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