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Meer-Montag #37 - Ein Moor am Meer

Auf der Suche nach Naturschutzgebieten an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns und Menschen, die mir etwas darüber erzählen können, stoße ich im August auf eine Führung in den Karrendorfer Wiesen. Das Gebiet liegt nördlich der Stadt Greifswald und ist für mich in weniger als einer halben Stunde erreichbar. Also packe ich mein Fernglas und die Kamera ein und mache mich auf den Weg. Auf dem Parkplatz warten bereits andere Interessierte und gemeinsam werden wir in den nächsten drei Stunden von zwei Personen durch die Landschaft geführt, die zurzeit ihren Bundesfreiwilligendienst auf der Insel Koos leisten. Diese Vogelschutzinsel grenzt direkt an die Karrendorfer Wiesen an und wird seit 2016 von der Succow Stiftung betreut. Mitarbeitende und Freiwillige setzen sich seit 1998 für Klimaschutz, Schutzgebiete, zukunftsfähige Landnutzung und die Nachwuchsförderung ein. Hier in unserer Region ist die Stiftung vor allem wegen ihres Einsatzes für den Erhalt und die Wiedervernässung von Mooren bekannt, da sie in Kooperation mit der Universität Greifswald und dem Institut für Nachhaltige Entwicklung der Naturräume der Erde das Moor Centrum in Greifswald betreut.

Moore können einen bedeutenden Beitrag zum Klimaschutz leisten, da sie große Mengen CO2 speichern. Hierfür müssen sie allerdings nass sein, sodass sich die abgestorbenen Pflanzenreste nicht weiter zersetzen, wobei das gespeicherte CO2 wieder an die Luft abgegeben wird. Um Gebiete für die Landwirtschaft nutzbar zu machen, wurden im letzten Jahrhundert allerdings mehr als 90% der deutschen Moore trockengelegt. Mit messbaren Folgen: Der Torf schwindet, setzt große Mengen Treibhausgase wie CO2 und Lachgas frei und verliert seine Fähigkeit, Wasser zu speichern. Im Jahr 2020 entsprach das durch die Trockenlegung freigesetzte CO2 in Deutschland 7,5% der gesamten nationalen Treibhausgase. Es wird nun höchste Zeit, dem entgegenzuwirken. Neben Maßnahmen zur Wiedervernässung im Inland können auch Lebensräume am Übergang vom Land zum Meer renaturiert werden und somit dafür sorgen, dass Moore als Kohlenstoffspeicher erhalten bleiben. Wir begeben uns heute also ins Küstenüberflutungsmoor.

Ein Moor wird als solches definiert, wenn es eine Torfschicht von mindestens 30cm aufweist. Doch wie entsteht ein Moor eigentlich? Sterben Pflanzen ab, werden sie von verschiedenen Lebewesen zersetzt. Diese benötigen hierfür Sauerstoff, der in der Luft reichlich vorhanden ist. Unterwasser können diese Zersetzungsprozesse allerdings nicht vollständig ablaufen, wodurch die abgestorbenen Pflanzenteile und das in ihnen enthaltene CO2 konserviert werden und sich nach und nach in festen Schichten ablagern, die Torf genannt werden. All das passiert extrem langsam: Ein Moor wächst nur 1 mm pro Jahr! Wird dieses Moor nun trockengelegt, um die Fläche zum Beispiel zum Anbau von Getreide zu nutzen, gelangt Sauerstoff an die Pflanzenreste und die Zersetzung schreitet voran: wesentlich schneller als der Aufbau des Moores gedauert hat. Dabei wird das CO2, das sich in den Resten befindet, freigesetzt und gelangt in die Atmosphäre. Außerdem entsteht sehr nährstoffhaltiger Hummus und das Moor sackt ab. Die gesamte Landschaft verändert sich, da die ans Moor angepassten Pflanzen nicht mehr die für sie nötigen Standortbedingungen vorfinden und von anderen Arten ersetzt werden.

Küstenüberflutungsmoore bilden eine besondere Kategorie unter den Mooren. Vor dem 19. Jahrhundert gab es jede Menge davon an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns. Durch saisonale Überflutungen des Meeres entstehen Salzgraswiesen mit immer wieder unterschiedlichen Ausprägungen von Röhrichten, Wasser- und Schlammbereichen. Sie bieten einen wertvollen Lebensraum für zum Teil seltene Pflanzen- und Tierarten.
Das Gebiet der Karrendorfer Wiesen wurde ab dem Mittelalter anfangs mit Schafen, später auch mit Rindern beweidet. Das Gewicht der Tiere und das Niedertreten der Landschaft führte zur Ausbildung dieses speziellen Moortyps. Um die Flächen noch intensiver nutzen zu können, wurde allerdings zuerst ein flacher Sommerdeich und in den 1970er Jahren ein höherer Winterdeich gebaut. Zusammen mit den seit dem 15. Jahrhundert immer wieder erweiterten Entwässerungsgräben waren die Karrendorfer Wiesen nun von den natürlichen Überschwemmungen abgeschirmt und die Menschen konnten die Bewässerung vollständig regulieren, um hier beispielsweise Getreide anzubauen. In den Jahren 1993 und 1994 wurde vieles davon innerhalb eines Restaurierungsprojekts rückgängig gemacht: Deiche wurden zurückgebaut, Gräben größtenteils aufgefüllt und das natürliche System der Wasserläufe möglichst wiederhergestellt.

Bei der Führung wandern wir entlang des noch vorhandenen Fährdamms durch die Wiesen. Rechts von uns ist das Ufer des Greifswalder Boddens, an dem sich Graugänse tummeln und einige Kiebitze zu sehen sind. Auf der anderen Seite weiden Kühe und erhalten damit nicht nur die offene Landschaft, die bodenbrütende Vögel brauchen, sondern verdichten zusätzlich den Boden. Was in anderen Ökosystemen ein Problem ist, ist hier hilfreich: der von den Rindern heruntergetretene Boden wird schneller wiedervernässt und hält somit den Kohlenstoffdioxid unter Verschluss. Auf unserem Weg durch die Wiesen begegnen uns jede Menge Limikolen. Unter diesem Begriff werden mehrere Watvögel zusammengefasst, die für Laien und ornithologische Anfänger*innen wirklich schwer auseinanderzuhalten sind. Zum Glück werden wir von den Expert*innen geführt, die uns Grünschenkel, Alpenflussläufer und Große Brachvögel durch das Spektiv zeigen. Und dann entdecken wir mehrere schwarz-weiße Vögel, von denen ich wirklich noch nie zuvor gehört hatte und die mich ab der ersten Sekunde faszinieren: Kiebitzregenpfeifer. Die kleinen, wunderschönen Vögel mit dem im Prachtkleid auffälligen schwarzen Bauchlatz brüten in der arktischen Tundra, zum Beispiel in Nordsibirien. Hier bei uns machen sie Rast auf ihrem bis zu 8000km weiten Zug in südlichere Winterquartiere. Kiebitzregenpfeifer sind oft allein unterwegs, um in Ruhe ihrer Beute aufzulauern und waschen ihre Nahrung sogar gelegentlich, bevor sie sie fressen.

So schlendern wir von Entdeckung zu Entdeckung durch die Karrendorfer Wiesen. Wir sehen einen Wanderfalken und einen Baumfalken, die sich in der Luft nicht ganz einig sind, Graugänse, die von zwei Seeadlern aufgescheucht werden, einen Turmfalken bei der Jagd und Bartmeisen, die blitzschnell im Schilf verschwinden. Lässt man den Blick mehr in die Ferne schweifen, sind Kormorane auf einer kleiner vorgelagerten Insel im nun glitzernden Greifswalder Bodden auf der einen und sich sammelnde Kraniche auf der anderen Seite zu sehen. Und auch, wenn auf dieser Führung besonders die ornithologisch Interessierten, also die Bird Nerds unter uns, auf ihre Kosten kommen, erhalten wir auch einen Blick auf eine pflanzliche Besonderheit in diesem Gebiet. An einer bestimmten Stelle wurden vor Kurzem etwa 30 Individuen der Frühen Melde entdeckt. Diese seltene Pflanze erträgt salzige Flächen und kommt in Deutschland nur an der Vorpommerschen Ostseeküste vor. Beim Betrachten der enorm weiten und oft schlecht zugänglichen Flächen, die uns umgeben, ist es erstaunlich, dass diese kleine Pflanze gefunden wurde!

Unsere Führung endet an der Brücke zur Insel Koos. Hier dürfen nur die Schutzwarte hin. Sie zeigen uns zum Abschluss noch jede Menge Ufer- und Rauchschwalben, die unter der Brücke und über dem Uferbereich nach Insekten jagen. Ich habe heute mit dem Küstenüberflutungsmoor eine mir bisher völlig unbekannte Landschaft kennengelernt und habe erneut sehen können, wie schnell wir Menschen ein Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringen können. Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber die Ausrede des Unwissens auch nicht länger nutzen. Renaturierung und die Wiedervernässung von Mooren sind Aufgaben, für die unsere Generationen die Verantwortung tragen und die einen von vielen Beiträgen dazu leisten kann, unseren CO2 Ausstoß zu verringern, um die Klimakrise nicht weiter zu befeuern. All das sind Themen, die manchmal so groß wirken, dass es schwer ist, einen Punkt zu finden, an dem wir individuellen Menschen etwas tun können. “Wie soll ich als Person denn die Klimakrise aufhalten?” ist manchen vielleicht schon durch den Kopf gegangen. Doch der Besuch dieses Moores und das Wissen um die Bemühungen, es wieder dem Ausgangsstatus nahezubringen, helfen, es greifbar zu machen. Dort können wir uns informieren und austauschen, lernen und uns vernetzen, es weitererzählen und unterstützen. Denn so allein sind wir nicht und niemand von uns soll allein das Klima retten. Wenn wir wissen, was uns umgibt, fällt es schon viel leichter, Ansatzpunkte zu finden, ganz konkret sinnvoll zu helfen. 


Die Succow Stiftung betreut neben den Karrendorfer Wiesen auch andere Schutzgebiete. Auf der Website der Succow Stiftung könnt ihr aktuelle Termine für Führungen und Aktionen finden. Die Karrendorfer Wiesen können aber auch ohne Führung besucht und auf den aufgewiesenen Wegen erkundet werden.

Kategorie Meer-Montag

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