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Bürgerbankchaos – 7 Meinungen und 4 Plätze

Ausgabe vom Mittwoch 10. September 2025 – Sonntags nur für Club Mitglieder.

Eine Bank reist durch Altentreptow – Demokratie auf Rollen, Richtung unbekannt.

In Altentreptow steht die Demokratie nicht still. Sie hat Rollen. Vier quietschende Gummiräder. Und heißt offiziell Bürgerbank. Ein Möbelstück, das angeblich den Bürgerwillen sichtbar machen soll, tatsächlich aber eher für Kreislauftraining sorgt. Die Bürgerbank ist kein Ort, sie ist ein Abenteuer. Ein Mysterium. Ein Mythos mit Holzlatten. Wer sie finden will, muss früh aufstehen, bequemes Schuhwerk tragen und seine Erwartungen an demokratische Grundrechte lieber zu Hause lassen.

Illustration im Erna-Schippel-Stil: Frau Pusemuckel steht wütend auf einer Holzkiste vor dem Rathaus und schwenkt Papiere. Um sie herum herrscht Aufregung: Ein Mann telefoniert hektisch, ein älterer Herr schreibt Notizen, eine Frau wirkt entsetzt, und ein Hund schaut neugierig. Titeltext: ‚Bürgerbank verschwunden!
Die Bürgerbank ist weg! Wieder. Altentreptow sucht, Frau Pusemuckel tobt – und Erna hat die ganze Geschichte. Lies die neue Satire jetzt exklusiv!

Diese Bank wandert nämlich. Jede Woche. Manchmal sogar täglich. Heute vorm Rathaus, morgen vorm Netto, übermorgen am Parkplatz vom Asia-Imbiss und letzte Woche, ich schwöre, stand sie direkt vorm Friedhof. Symbolik kann diese Stadt ja. „Demokratie in Bewegung“, sagt Frau Pusemuckel stolz, die Kleinstadt-Kanzlerin mit dem immer gleichen Perlenkettchen und dem Hang zu Leuchtturmprojekten, die sich konsequent verlaufen. „Irrsinn in drei Akten“, sagt Gisela Grabowski, frisch blondierte Dauerwellenfraktion und Vorsitzende des Komitees gegen alles, was nicht schon immer so war. „Training fürs Bauhof-Team“, sagt Manfred Muffke, selbst ernannter Immobilieninvestor mit genau einer Garage ohne Dach, die er seit drei Jahren auf ImmoScout anbietet. Und ich, Erna, sage: Diese Bank fährt mehr Kilometer als die gesamte Stadtvertretung zusammen.

Die verschwundene Veranstaltungsfee

Früher war das alles einfacher. Früher gab’s Heidi. Heidi war die Veranstaltungsfee der Stadt, die einzige, die alles zusammenhielt. Sie wusste, wann welcher Flohmarkt stattfand, wer den Schlüssel fürs Bürgerhaus hatte, welcher Bäcker die belegten Brötchen sponserte und wo die Bank stand. Heidi war die heimliche Bürgermeisterin ohne Amt. Und dann, eines Tages, legte Heidi die Ordner weg, stellte ihre Kladde hin, sah Frau Pusemuckel tief in die Augen und sagte: „Ich bin raus. Ich schlepp’ doch nicht noch die Bank durch die Stadt.“ Seitdem herrscht kulturelles Vakuum. Altentreptow sucht seitdem händeringend jemanden, der die Veranstaltungen organisiert. Gesucht wird vorzugsweise eine fitte Rentnerin mit guter Hüfte, hoher Leidensfähigkeit, belastbar, flexibel, kreativ und mit der Fähigkeit, auf Zuruf Bierbänke zu falten. Teilzeit, Mindestlohn, keine Zusatzrente, aber dafür darf man gratis den Sonnenschirm der Demokratie halten. Bewerbungsgespräche bitte direkt bei Frau Pusemuckel – vorausgesetzt, man findet die Bank.

Operation Bank Move

Das Bauhof-Team hat inzwischen eine eigene Abteilung gegründet: Operation Bank Move. Jeden Dienstagmorgen ziehen zwei Männer, ein Bollerwagen und null Plan los. Die offizielle Anweisung lautet: „Bank heute vor das ehemalige Schuhgeschäft stellen – Bürgernähe!“ Um zehn Uhr steht die Bank vorm Asia-Imbiss. Um elf Uhr am Spielplatz. Um zwölf Uhr dreißig neben der Bushaltestelle. Um vierzehn Uhr wieder vorm Imbiss, weil der Bollerwagen platt ist. „Wir üben das noch“, sagt der Vorarbeiter und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Man muss ja Prioritäten setzen. Hier wird Demokratie getragen, nicht organisiert. Altentreptow hat’s geschafft: Wir haben den ersten Sitzplatz entwickelt, für den man ein Navi braucht. Das Problem: Die Koordinaten gibt’s nicht. Der Standort wird streng geheim gehalten. „Damit niemand die Demokratie stört“, vermutet Meister Munter, treuer Leser, Bank-Poet und inoffizieller Chronist der Altentreptower Irrungen. Ich sage: Damit niemand seine Fragen stellt.

Die Bürgerversammlung ohne Ort

Neulich wollten sie eine Bürgerversammlung machen. So richtig mit Publikum, Mikrofon und vielleicht sogar belegten Brötchen. Dann fiel auf: Niemand wusste, wo. „Wir brauchen einen zentralen Platz“, schlug Gisela vor. „Geht nicht“, antwortete Pusemuckel. „Heidi ist weg.“ Seitdem macht man’s so: Man informiert die Bürger, dass sie informiert werden, sobald bekannt ist, wo die Bürger informiert werden. „Das schafft Transparenz“, sagt Pusemuckel stolz. In der Praxis läuft’s wie folgt: Der Standort der Bürgerbank wird nur auf einem Aushang an der Bürgerbank selbst bekanntgegeben. Digitalisierung nach Altentreptower Art. Wer zur falschen Zeit am falschen Ort ist, hat Pech gehabt. Demokratie auf Zuruf, Version 1.0.

Giselas Patellasehne und der Bürgerbank-Live-Ticker

Gisela hat inzwischen eine Patellasehnenentzündung vom Bankensuchen. „Drei Kilometer hab’ ich letzte Woche gemacht, alles wegen dieser Bank!“, keuchte sie mir neulich entgegen. Ich zuckte die Schultern. „Letztes Sichtungsprotokoll: Getränkemarkt.“ Das Protokoll führt übrigens Balduin, unser notorischer Dauerprotestierer und Administrator der Facebook-Gruppe „Bürgerbank aktuell – wir sitzen dran“. Er veröffentlicht täglich einen Live-Ticker: „Tag 14 ohne Sitzplatz. Bank zuletzt gesichtet: hinterm Altglascontainer.“ 74 Kommentare, 63 davon empört. Die restlichen elf stammen von Muffke, der versucht, Investoren für seine Garage zu finden.

Die digitale Bürgerbank

Pusemuckel selbst hat inzwischen die nächste Idee geboren: die digitale Bürgerbank. Fördermittel sollen beantragt werden. „Das wird eine App“, erklärt sie, als wäre sie Steve Jobs von der Tollense. „Mit Live-Tracking. Sie sehen jederzeit, wo die Bank gerade steht!“ „Und die Demokratie?“, fragt Meister Munter trocken. „Die tracken wir gleich mit“, antwortet Pusemuckel, völlig ernst. Der Förderantrag liegt beim Landkreis. Bearbeitungszeit: frühestens 2028. Bis dahin bleibt alles wie immer: Wer die Bank findet, darf mitreden. Der Rest ist raus.

Das Begräbnis der Bürgerbeteiligung

Letzte Woche stand die Bank vorm Friedhof. „Symbolisch“, sagt Pusemuckel mit ernster Miene. „Für was?“, fragt Gisela. „Für das Begräbnis der Bürgerbeteiligung.“ Keiner lacht. Nicht mal Muffke. Aber Balduin hebt den Zeigefinger und sagt: „Wir brauchen eine zweite Bank.“ „Oder“, murmelt Meister Munter, „wir brauchen eine Versammlung.“ „Geht nicht“, sagt Pusemuckel leise. „Heidi ist weg.“

Ernas Schlusswort

Und genau da liegt der Hund begraben. Es gibt in Altentreptow keinen zentralen Ort mehr, weil niemand da ist, der ihn organisiert. Veranstaltungen hängen in der Luft, die Bürgerbank rollt durch die Stadt wie ein verirrter Einkaufswagen, und die Kleinstadt-Kanzlerin redet über Partizipation, während sie stillschweigend hofft, dass möglichst wenige tatsächlich teilnehmen. Es ist ein System aus Bewegung ohne Richtung, eine Symphonie aus Aktionismus und Bollerwagen, eine Mischung aus Bürgernähe und Bürgerfernhaltung. Und irgendwo dazwischen sitzt Heidi in ihrer neuen Stadt, auf einer Bank, die seit 1978 nicht bewegt wurde, trinkt Cappuccino und denkt: „Die spinnen, die Tollensetaler.“

Nächste Woche soll die Bürgerbank angeblich vor der Sparkasse stehen. „Symbolik“, sagt Pusemuckel stolz. Ich sag’s, wie’s ist: In Altentreptow haben wir keinen Stillstand. Wir haben rollende Verantwortung. Demokratie auf Rädern. Nur ohne Richtung.

Mit Amtswitz und Aufpassblick
Ihre Erna Schippel
Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.

Altentreptow, Mittwoch, 10. September 2025
© Erna Schippel 2025 – Alle Texte/ Personen sind frei erfunden und urheberrechtlich geschützt.

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