Jahresendpanik/Petra Kelly Doku/Jodie en français/Siepmann Sprachbuch/ Carrère und Beigbeder/Exil-Bresse

Gestern fielen mir an unterschiedlichen Orten Fahrzeuge auf, die mit einem wirklich verrückten Tempo durch die Stadt fuhren, als wäre Godzilla hinter ihnen her. Am Steuer saßen Rentner, junge Frauen oder Männer, es war der Ausdruck des seltsamen Gefühls von auslaufender Sanduhr, wie es sich ja gerne mal zum Jahresende einstellt.
Nichts als Countdowns: Der Adventskalender ist ein Abzählspiel, jede zweite Website zählt die Sekunden bis Black Friday und bald beginnt der Zeitdruck mit den Paketen, die noch bis zum 24.12. beim Beschenkten ankommen sollen ( Servicehinweis: Eine Mitgliedschaft beim Siebten Tag oder ein Ticket für die Deutschlandreise von Was bisher geschah lassen sich auch digital verschenken)
An unserem Kühlschrank hängt der SZ-Jahreskalender, vom laufenden Jahr sind nur noch wenige Zentimeter übrig und der neue Kalender liegt schon im Regal. Alle wollen sich noch mal treffen, etwas abschließen oder vorbereiten – bevor, so scheint, mit dem Kalenderjahr auch die Zeit an sich endet.
Politisch kann man diese Empfindung gut nachempfinden, denn der Jahreswechsel illustriert gnadenlos, dass die Zeit schneller vergeht als Lösungen nachwachsen. Auch Trump, mit allen Tricks des Verkaufens vertraut, setzt die Ukraine mit sachfremden Deadlines unter Zugzwang. So führt uns der Krieg in der Ukraine die Abhängigkeit Europas vor Augen. Bald beginnt das vierte Kriegsjahr und trotz aller Sonntagsreden hat es viel zu lange gedauert, bis Russland energisch entgegen getreten wurde. Macron verspricht der Ukraine nun Kampfflugzeuge, aber gleich zu Beginn des Überfalls oder besser noch vorher, zur Abschreckung, wäre der bessere Zeitpunkt gewesen. Deutschland hat sich in der ganzen Zeit auch nicht mit Ruhm bekleckert. Viel zu lange dauerte es, bis jemand aus der Bundesregierung nach Kyiv reiste, bis die Schattenflotte Russlands gestoppt wurde. Das deutsche Haus und die russische Botschaft in Berlin sind weiterhin im Sinne Putins aktiv. In Krisenzeiten wie in diesen Tagen werden supranationale Institutionen gebraucht und gehört, der Nato-Generalsekretär und die EU-Kommission sind deutlicher und entschiedener als die nationalen Regierungschefs.
Die Zeit ist weder der deutschen Regierungskoalition gewogen noch dem fragilen französischen Exekutivexperiment. Man wird ganz schwindelig bei dem Gedanken, dass diese kurzatmigen, von Pleiten Pech und Pannen geplagten Amtszeiten sich noch jahrelang hinziehen sollen. Deren mangelnde politische Basis, die fehlende Begeisterung und nur lauwarme Zustimmung erklärt sich für mich aus fehlenden Zukunftsentwürfen oder Plänen.
Die Parolen der extremen Rechten finden auch deshalb so ein Echo, weil es in den anderen Lagern so still ist. Luisa Neubauer hat zurecht in Frage gestellt, ob es besonders weise ist, mit hohen Schulden fossile Industrien zu finanzieren, statt konsequent auf nachhaltige Produktion zu setzen. Aber die Bundesregierung agiert getrieben, nicht gestaltend. Der Herbst der Reformen kam und ging - warum hat man den überhaupt angekündigt, wenn dann doch nichts vorbereitet war?
Vielleicht stehen hinter dem großen Zaudern, der unsicheren Beobachtung der verrinnenden Zeit auch ungelöste Machtfragen: Es gibt einfach viel mehr Rentnerinnen und Rentner unter den Wählern als junge Leute. Zumutungen sind da nicht mehr so gerne gesehen. Mein Wohnort hatte vor einigen Jahren über den Bau einer dringend benötigten Straßenbahn abzustimmen - hier stehen eigentlich dauernd alle im Stau, denn es fahren zu viele Autos für die alte Stadt. Busse stehen auch im Stau, Fahrrad ist sehr gefährlich.
Eine Tram wäre also die beste Lösung, aber die Baustelle würde sich natürlich lange hinziehen,Lärm und Sperrungen verursachen. Also ging der Bürgerentscheid im Sinne des ewigen status quo aus, des morgendlichen Staus und des Parkplatzsuchverkehrs.
Ich muss manchmal an den COP15 Gipfel in Kopenhagen denken, als man dringlich über Erderwärmung diskutierte. Von den Zusagen der westlichen Länder, damals mit viel Drama und Theatralik inszeniert, ist nicht genug übrig geblieben. China hatte einen bescheidenen Stand. Der oberste Unterhändler lief mehr oder weniger ohne Begleitung durch die Hallen. Wenn er etwas verkünden wollte, gab es keine aufwändige Pressekonferenz, er verteilte DIN A 4-Zettel mit schlichtem Briefkopf. Damals glaubte kaum jemand daran, dass ausgerechnet dort der Pfad in Richtung nachhaltiger Energie eingeschlagen und gehalten würde, aber so kam es. Der Spiegel schreibt: “Im ersten Halbjahr 2025 wurden in der Volksrepublik laut einem Bericht des Analysehauses Wood Mackenzie neue Solarkraftwerke mit einer Spitzenleistung von insgesamt gut 212 Gigawatt (GW) in Betrieb genommen – also ungefähr der doppelten Kapazität der in Deutschland nach und nach über die vergangenen 25 Jahre hinweg installierten.”
Die Lösung kann nicht darin bestehen, die Marktwirtschaft und die Demokratie aufzugeben, um Klimaziele, innovative Wirtschaftsbranchen und Zukunftspolitik zu fördern, aber über die Ursache der Dauerkrisen, die ganz Europa erleidet und bestaunt, reden - das müsste man schon: Die Regierungen europäischer Nationalstaaten rutschen von einer Krise in die andere, reden sich selbst schlecht und geben mangels politischen Kapitals jeden Plan für die Zukunft auf. Vielleicht probiert man es mal umgekehrt. Zeit für große Vorhaben ist jedenfalls da, nach wie vor. Das ist ja der Witz mit der Zeit: Nach diesem Jahr kommt ein frisches neues, nach dem siebten Tag der achte. Zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens haben wir alle Zeit der Welt.
Durch völligen Zufall bin ich beim Zappen in diese Doku von Doris Metz über das Leben von Petra Kelly, der Mitgründerin der Grünen, geraten. Ich hatte zwar noch präzise, eher gemischte Erinnerungen an Kelly, aber ewig nicht mehr an sie gedacht. Damals war ich im Fanclub Peter Glotz und leicht genervt vom Pathos, mit dem Kelly nach meiner Erinnerung arbeitete.
Erst als ich den immer interessanten Lukas Beckmann hörte, auch Otto Schily und Joseph Beuys, ließ ich mich auf die Sache ein – es war eine faszinierende Reise in eine offenere politische Landschaft, mit neuen Methoden und neuen Gesichtern. Ich hatte auch die Umstände ihrer Ermordung vergessen, dass ihr Mörder und Lebensgefährte Gerd Bastian vielleicht eine Stasi-Enthüllung zu befürchten hatte. Es ist keine Dokumentation, die man leichten Herzens oder mit einem klaren Urteil beendet, zu viele Wege führen von den hier behandelten Themen und Lebensläufen in unsere heutige Gegenwart, jede Menge verpasster Abzweigungen leider auch.
So ermüdend einfallslos, wie unsere Politik derzeit erscheint, hätte es nicht sein müssen.
https://www.arte.tv/de/videos/101372-000-A/petra-kelly-act-now/ (Öffnet in neuem Fenster)
Der Spracherwerb ist nach wie vor ein großes Thema in der schwierigen Gestaltung der deutsch-französischen Partnerschaft. Die üblichen Lehrbücher habe ich jedenfalls nicht in besonders gter Erinnerung. Einmal kaufte Maman Dupont für einen Kindergeburtstag mit zehn Kindern eine Flasche Orangensaft, eine einzige. Solche Szenen warfen Fragen auf, die den Lernstoff überschatteten.
Der Osnabrücker Romanist Dirk Siepmann hat nun ein zeitgemäßes und sehr unterhaltsames Buch über die gesprochene, gesungene und regional so unterschiedliche französische Sprache geschrieben. Es geht um den Wandel der Sprache, um Redewendungen, Manierismen und Zitate – ein guter Stadtplan, um sich in der manchmal komplizierten und dynamischen französischen Sprachpraxis nicht zu verlaufen. Darin findet sich auch eine witzige Darstellung der Fähigkeiten und Grenzen von Chat GPT - einer Anwendung, der ich neulich entnahm, dass zu den großen innenpolitischen Rivalen von Otto von Bismarck ein gewisser Willy Brandt zählte.
In der vorvergangenen Woche war mein Geburtstag - auch auf diesem Weg herzlichen Dank für all die guten Wünsche - und vor wenigen Tagen hatte auch Jodie Foster Geburtstag. Sie macht ja immer mal etwas Neues. In diesem Jahr hat sie ihre erste Rolle in einem rein französischen Film – Vorfreude ist gestattet!
https://www.youtube.com/watch?v=KpzA_iXOsSI&t=449s (Öffnet in neuem Fenster)Nun hat es mit dem Prix Goncourt für Emmanuel Carrère doch nicht geklappt. Mich hat das nicht erstaunt, denn sein Buch ist eher eine Familienchronik als ein Roman, die der Goncourt nun mal auszeichnet- und ich finde, Carrère ist ein besserer Journalist als ein Romancier, aber dennoch lese ich Kolkhose mit Vergnügen. Die unablässige Werbetour Carrères war allerdings schwer auszuhalten - er war einfach überall, in jedem französischen Medium und jeder Buchhandlung. Manchmal wirkt die französische Öffentlichkeit, als gäbe es nur ein Thema, nur einen Menschen.
https://www.youtube.com/watch?v=Jswou6es9JQ (Öffnet in neuem Fenster)In der vorigen Woche hatte Was bisher geschah (Öffnet in neuem Fenster) einen Auftritt im Podcastfestival im Bremer Universum, es war sehr schön. Da ein Teil meiner Familie aus Bremen stammt, hatte ich das Glück, meinen munteren Onkel Ingo zu begrüßen und später auch meine Cousine Lisa und ihren Partner. Sie arbeitet in einer spannenden Tierzuchtsinitative die sich um die Aufzucht von Bressehühnern am Niederrhein verdient macht. Das sind dann keine Bressehühner mehr, denn die Vögel dürfen sich nur in der Bresse so nennen, aber lecker sind die Exil-Bresse dennoch. Und das beste, die Website hat auch Rezepte:
https://brudertier.bio/bruderhahn/rezepte/coq-au-vin (Öffnet in neuem Fenster)Kopf hoch,
ihr
Nils Minkmar
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