Na toll, gleich bei Nocial Media Update #2 muss ich mich aus einem Leseloch melden. Da lande ich meistens, wenn ich ein extrem gutes Buch gelesen habe (in diesem, haha, Fall, war es Demon Copperhead (Öffnet in neuem Fenster)). Wieder raus geht’s für mich am besten mit einem Genrewechsel, weshalb es in dieser Ausgabe mehr Comics gibt. Und am Ende noch ein Trip vom Privatem ins Politische. Hoffnungsvoll nach vorn zu blicken ist gerade keine meiner leichtesten Übungen, aber weil ich nicht mehr doomscrolle, habe ich beim Katastrophendenken zumindest die Hände frei und kann basteln (s.u.). Ich hoffe, dir geht’s gut und du sorgst für dich und ausreichend (Nachrichten-)Pausen.
Deine Rike
Gelesen: Liebe Erde von War an Peas
(Öffnet in neuem Fenster)Dieser Comic hat mir meine Mundwinkel mit Schwung nach oben gezogen - mit Angelhaken. Es geht um die Erde, die im Arsch ist, was natürlich an den Menschen liegt, die rücksichtslos und scheiße sind. Das Duo War and Peas, bestehend aus Elizabeth Pich und Jonathan Kunz, zeigt das in Comics, die genau mein Humor sind: böse, trocken, top Pointen, top Texte. Ich habe sofort Seiten abfotografiert und an Freund*innen geschickt, weil das Buch eben nicht nur ein Spiegel der Schäbigkeit ist, sondern auch ein Stuhlkreis der lustigen Ambiguitätstoleranz-Selbsthilfegruppe. Comics von War and Peas gibt es hier (Öffnet in neuem Fenster)gratis, aber dann gern den Comic oder irgendwas anderes (Öffnet in neuem Fenster)Tolles kaufen. Ich empfehle “Liebe Erde” als Geschenk für alle Menschen mit ausgezeichnetem Humor, die zwar an der Welt verzweifeln, aber deshalb noch lange keinen Schlager hören würden.
Liebe Erde von War and Peas. Übersetzt von Christoph Schuler. Erschienen bei Edition Moderne. 22 Euro. Danke für das Rezensionsexemplar ❤️
Gelesen: Das Orakel spricht von Liv Strömqvist
(Öffnet in neuem Fenster)Das letzte Buch von Liv Strömquist fand ich nicht so toll, aber “Sie ist zurück!”, wie meine liebste Buchhändlerin Daniela mir prophezeite. Recht hatte sie. Nach Sternzeichen, einfach auch so gar nicht mein Thema, geht es hier um Selbstoptimierung. Strömquist stellt verschiedene Menschen vor, die im Laufe der Geschichte Selbstoptimierungs-Influencer*innen waren und macht an ihnen beispielhaft durchgehend folgenden Punkt: Weil es so schwierig ist, das große Gruselige (aka das Leben) zu akzeptieren, denken wir Menschen uns immer neue und immer mehr kleine Dinge aus, damit wir was zu kontrollieren haben. Und wenn wir versagen aka unglücklich, dick, krank oder tot sind, ist das nicht einfach so (aka das Leben), sondern unsere persönliche Schuld. Gnadenlos kritisch ist sie dabei, sehr lustig, und alle wissenschaftlichen Argumente von Soziolog*innen, Philosoph*innen etc. sind durch die Comicform einfach gut zu verstehen.
Am anstrengendsten und gleichzeitig am besten fand ich, dass ich mich zwischen den Stühlen befand. Ich habe Strömquists Punkte nachvollziehen können und auch ich möchte der Selbstoptimierung drohen: ÜBERTREIB NICHT DEINE ROLLE! Auf der anderen Seite habe ich aber auch ziemlich Angst vor Krankheit und Sterben, mache deshalb Kraftsport und Salate, bin in Therapie und einfach auch ziemlich gern glücklich. Beim Lesen wollte ich so gern Liv Strömquist, die kluge, arschcoole Autorin sein und nicht die Leute, über die sie schreibt. Meine Aufgabe beim Lesen war, mir gedanklich meinen eigenen Stuhl suchen, und das ist mühsamer als beim Lesen die ganze Zeit zu nicken, aber grundsätzlich eine gute Sache.
Das Orakel spricht von Liv Strömquist. Übersetzt von Katharina Erben. Erschienen im avant-verlag. 25 Euro
Gelesen: Wie später ihre Kinder
(Öffnet in neuem Fenster)Dafür, dass die Buchtipps dieses Mal ein bisschen leichter sein sollten, sind sie es nicht. Dieses Buch hier am wenigsten. Wie später ihre Kinder findet in einer fiktiven Kleinstadt Frankreichs statt und erzählt von denen, die sich ihr Leben lang abrackern, ohne vom klebrigen Fleck zu kommen, der nach Alkohol, Gewalt, Arbeits- und Sprachlosigkeit riecht. In vier Episoden von 1992 bis 1998 geht es hauptsächlich um Anthony und Hacine. Anthonys Vater ist gewalttätiger Trinker und seine Mutter hält mit stoischer Stärke die Fahne hoch. Hacines Mutter ist in Marokko und sein Vater schuftet in Heillange, ohne jemals akzeptiert zu sein. Aber auch allen anderen in Heillange geht es scheiße, weshalb am Stadteingang auch ein Schild stehen könnte, das der Autor für uns hochhält: Willkommen im Schwitzkasten der Hoffnungslosigkeit. Mathieu legt uns diese Stimmung völlig unkommentiert zum Lesen hin, Soziologie als Pageturner sozusagen. Es ist schrecklich beklemmend, traurig, wütend und unglaublich gut erzählt. Jeder Zwei-Jahres-Sprung endet mit einem besonderen Ereignis (Party, Beerdigung, Festivitäten zum 14. Juli und Fußball-WM 98), in dem elektrisierender Trubel und immer auch ein bisschen Hoffnung steckt. Dass die Hoffnung aber zeitnah zeigt, wohin wir sie uns stecken können, sollte spätestens jetzt klar sein, und ich empfehle dieses Buch nicht trotzdem, sondern deshalb.
Wie später ihre Kinder von Nicholas Mathieu. Übersetzt von Lena Müller und André Hansen. Erschienen bei Hanser Berlin. 14 Euro
Produkt des Monats: AoK Klarmacher
Bist du schon mal in einen Laden gegangen und hast dich für ein Gesichtswaschgel entschieden, weil du damit so gute Nasenblasen machen kannst? Ich auch nicht. Für das AoK Klarmacher Waschgel mit weißem Tee habe ich mich wegen das Preises und der leichten Fancygkeit (weißer Tee!) entschieden. Bis ich beim Waschen zufällig dieses Superfeature entdeckte! Mit dem Gel das Gesicht einschäumen, wie bei Kaugummiblasen für einen abgeschlossenen Bereich sorgen, nur eben mit der Nase, und:

Habe ich Instagram vermisst?
Ja. Aus Gewohnheit und z.B. als ich auf dem Flur heftig erschrak, weil ich kurz dachte, mein Kind sei von Aliens entführt worden.

DIY zum Valentinstag: Fleischpeitschenblumen
Pfeifenputzer an der Perle befestigen und oben ab der Perle ca. 0,5 cm umknicken
Aus dem Rest Pfeifenputzer 5 Blütenblätter formen, unten zusammenwurschtelnd und die Blütenblätter hübsch zurechtbiegen
Mit einem halben Zahnstocher durch die Perle und die Blume pieksen und dann in die Wurst
In eine Vase stellen

Zack, Newsletter zu Ende! Wenn er dir gefallen hat und du mich mit einer kleinen Spende unterstützen magst und kannst, klicke einfach auf die Kaffeetasse. Dann kaufe ich mir ein Buch oder neues Gesichtswaschgel oder einen superguten Stift, mit dem ich deinen Namen in mein Herz schreibe.
(Öffnet in neuem Fenster)Durch die verrückte Welt zur Wahl
Wir hatten vor 10 Jahren mal einen Architekten beauftragt, der damals schon im Stress war. Beim Sprechen verschluckte er halbe bis ganze Sätze, jammerte dabei viel und war immer auf dem Sprung. Nach Fertigstellung des Projekts habe ich nichts mehr von ihm gehört, bis ich aus Langeweile meinen WhatsApp-Status anguckte. Dort regte er sich über fehlende Parkplätze in der Innenstadt auf. Ich dachte, dass ich keine Autos in Innenstädten eher gut finde, aber naja. Nicht naja war, dass er kurz darauf nach dem Mord in Aschaffenburg oberstumpf typische AfD-Narrative bediente. Ich schrieb ihm:
“Sie benutzen den Mord an zwei Menschen für Ihre Wut auf “Körnerfresser”? Ich hoffe für Ihre Kundschaft, dass Sie beruflich weiter denken als politisch und für Sie, dass Sie einfach nur gehackt wurden.” Das war jetzt keine Einladung zum Dialog, aber dass er in diese Angst ein kleines Kind und einen mutigen Erzieher mit reinzieht, das ist so schäbig, dass mein Verständnis flöten geht, und zwar nicht die ersten zwei Strophen der Nationalhymne.
Ja, mit der Welt klarzukommen wird immer schwieriger. Ich schnall auch nur ca. die Hälfte, und während ich in dieser verrückten Welt hilf- bis hoffnungslos herumirre, fährt dröhnend ein AMG vor, mit verdunkelten Scheiben und einer Greta-Zopf-Atrappe im Kofferraum. Aus dem Auto steigt ein dickhosiger Typ und winkt mich zu sich. Muskelstark aufgepumpt, ready für Stress. Er findet sich unfassbar geil, denkt, er weiß alles und ist bemüht, mir das Gefühl zu geben, als wäre ihm nichts wichtiger als meine Sicherheit. Dafür macht er mir extra Angst und denkt sich schnell noch viele andere Bedrohungen aus. Und wie er so redet, kann ich mir gut vorstellen, wie er mir, wenn ich anderer Meinung bin als er, mit seinem AMG langsam über den Mund fährt, immer wieder.
Das einzige, was mir mit diesem Typen Gutes passieren könnte, wäre, dass es nicht so doll auf mich regnet, wenn er mit seinen abstehenden Muskelarmen vor mir geht. Und das wäre einfach Zufall. Fazit: Wer mit so einem Typen zusammen ist, mag auch: sich verarschen lassen und immer weniger zu melden haben.
Also winke ich ab und gehe zu den Leuten, denen ich gefahrlos meine Meinung sagen kann, auch wenn es nicht ihre ist. Die finden, dass Menschenrechte für alle gelten. Die, die nicht für ihren eigenen Vorteil lügen, die sich selbst immer wieder hinterfragen und ernsthaft und langfristig versuchen, es für so viele wie möglich so gut wie möglich zu machen.
Du hast es dir vermutlich schon gedacht: Der Muskelprotz ist klaro die AfD und die anderen Leute sind demokratische Parteien. Erstere sind die, gegen die ich demonstriere, letztere die, die ich wähle. Mach das auch!

*Der Architekt hat sich übrigens nicht zurückgemeldet. Man munkelt, er sitzt auf dem Rücksitz eines AMG und sucht einen Parkplatz.
**Wichtig: Es gibt auch basisdemokratische Muskelmenschen, die Fahrrad fahren, es gibt auch Linksextremisten, die pumpen und/oder dicke Autos mögen, und alle können jedes Geschlecht haben, das sie wollen. Und es gibt auch dünne, kleine Männer, die so viel Angst schüren, dass wir sie offiziell Nazi nennen dürfen. Sorgen wir dafür, dass das so bleibt.