Reskis Republik kommt heute halb aus Polen, genauer gesagt aus dem ehemaligen Ostpreußen, der Gegend, aus der die Familie meines Vaters stammt. Hier ein Bild des Sees, an dem ich in diesem Augenblick sitze und der wirklich jeden, jeden Abend so aussieht:

Overtourism bedeutet hier, dass fünf Leute am See sind, in diesem Fall dem Wulpingsee (Öffnet in neuem Fenster), einer der vielen Seen der ermländischen Seenplatte. (Ostpreußen bestand aus dem katholischen Ermland (Öffnet in neuem Fenster), der Heimat der Familie meines Vaters, und aus dem protestantischen Masuren (Öffnet in neuem Fenster)). Die Masurische Seenplatte ist viel bekannter - und auch überlaufener. Den Besuch von Danzig habe ich mir dieses Mal gespart, denn dann hätte ich auch in Venedig bleiben können. Hier ein Foto, das mir meine Freundin und Reisebegleiterin aus Danzig geschickt hat:

Ich bin in Polen, weil ich für ein neues Buch recherchiere und weil die Kulturstiftung Borussia (Öffnet in neuem Fenster) in Olsztyn (Allenstein) wieder eine Veranstaltung organisiert hat, an der ich die Ehre hatte, teilzunehmen. Die von ihnen verlegte Übersetzung meines Buches „Ein Land so weit“ über die Geschichte meiner ostpreußischen Familie ist in Polen mit dem Titel „Daleki kraj“ (Öffnet in neuem Fenster) 2008 erschienen - und beschreibt eine inzwischen auch in Polen fast verschwundene Welt. Ich bin jedes Mal sehr bewegt, wenn ich hier bin und sehe, wie sehr sich die polnischen Leser von meiner (unserer) Geschichte berührt fühlen.
Bei der anschließenden Diskussion ging es viel darum, ob wir als Europäer durch den grassierenden Nationalismus bedroht sind - was wohl auch daran liegt, dass in Polen soeben ein rechtskonservativer Nationalist sein Amt (Öffnet in neuem Fenster) als Staatspräsident angetreten hat. Er hat die Losung “Polen zuerst” ausgegeben und wird es der Regierung Tusk schwer machen. Es ist erstaunlich, wie die Rechtspopulisten auch hier bei ihren Wählern trotz des offensichtlichen wirtschaftlichen Booms (Öffnet in neuem Fenster) in Polen erfolgreich das Gefühl des Abgehängt-Seins stimulieren können. Sie haben schon wieder den rechten Besteckkasten ausgepackt, mit Abtreibungsverbot (Öffnet in neuem Fenster), Hetze gegen Migranten, Beschränkungen der Justiz und der Medien.
Das vereinte Europa ist unsere größte Errungenschaft - und das habe ich in meiner eigenen Lebensgeschichte erfahren: Meine Eltern wurden aus Ostpreußen und Schlesien vertrieben, ich bin in Deutschland aufgewachsen, habe in Frankreich studiert, lebe in Italien und habe mit Mühe die doppelte 🇩🇪🇮🇹 Staatsbürgerschaft erreicht. Und diese Errungenschaft dürfen wir uns wir uns nicht nehmen lassen. Nicht von Putin, nicht von Trump, nicht von Vance und all den anderen Irren.

Der gefährlichste Teil meiner Recherche bestand übrigens darin, Sonnenblumen an einer polnischen Landstraße zu fotografieren. Bin nur knapp mit dem Leben davongekommen. Weil ich schnell genug in den Straßengraben gesprungen bin.
Jedes Mal, wenn ich hier bin, besuche ich die Wolfsschanze (Öffnet in neuem Fenster) und schaudere angesichts der bemoosten Bunker des sogenannten Führerhauptquartiers. (Zu Hitlers Jahren dort ist gerade das Buch von Felix Bohr “Vor dem Untergang” (Öffnet in neuem Fenster)erschienen).
Bei der Anfahrt bemerkte ich im Augenwinkel ein Plakat, das zum Besuch des Erlebnisparks Mazurolandia (Öffnet in neuem Fenster) einlud. Ich hielt es für eine Art Fantasialand mit Riesenrutschen und Bällebad. Weit gefehlt. Mazurolandia ist so etwas wie Hitlers Hüpfburg. Kein Witz: Zu besichtigen ist hier- neben “originalen Ruinen des Zweiten Weltkriegs” - Hitlers Gemüsegarten, in dem sich der Führer seine Zeit vertrieb: “Als Hitler bereits wusste, dass er die Sowjetunion nicht schnell erobern würde und einige Zeit in der Wolfsschanze leben würde, wurde die Unterkunft nicht nur zweimal erweitert, sondern es wurde auch ein „Gemüsegarten” für ihn gebaut, in dem frisches Gemüse angebaut wurde, da der Führer des Dritten Reiches Vegetarier war – er aß kein Fleisch. Der „Gemüsegarten” befand sich 400 Meter in direkter Linie vom Bunker von Hitler entfernt und Zeugenaussagen von Augenzeugen legen nahe, dass der Führer des Nationalsozialismus oft in den Garten ging, um mit seiner Hündin Blondi spazieren zu gehen.” (Originaltext Mazurolandia) Schön dazu dieser Kommentar (Öffnet in neuem Fenster) auf Tripadvisor: “Hat sich für den Preis nicht gelohnt. (…) Feldhaubitzen neben Alpakas, Wolfsschanze neben Kreuzritterburg (war auch noch geschlossen).”
Und auch der Wolfsschanze würden mehr Museumspädagogik und weniger Folklore, Militaria und Pappkameraden gut tun: Hier wird das misslungene Attentat auf Hitler nachgestellt.

Auch finde ich die Flut an technischen Details über die Dicke und Konsistenz der Betonwände entbehrlich. Aber der Hit ist der Souvenirladen, wo man sich neben Stahlhelmen auch T-Shirts, Basecaps und Handtücher mit der Wolfsschanze in Fraktur kaufen kann.

Und mit dem Werwolf (Öffnet in neuem Fenster) kommen wir über einen kleinen Umweg wieder zurück nach Italien, besser gesagt in die nördlichste Stadt Italiens, wie sich München gerne sieht. Da lud das “Bellevue di Monaco” (Öffnet in neuem Fenster), “Wohn- und Kulturzentrum für Geflüchtete und interessierte Münchnerinnen und Münchner im Herzen der Stadt” zu nichts Geringerem als zu einer “Mafia-Night” ein - denn in Deutschland ist die Mafia ja wie wir wissen, kein Problem, sondern Pop.

Nach einem Protestbrief (Öffnet in neuem Fenster) des Münchener Kulturvereins rinascita e.V. (Öffnet in neuem Fenster)wurde die Veranstaltung glücklicherweise abgesagt. Allerdings klang die Begründung (Öffnet in neuem Fenster) eher so, als hätte die Verantwortung allein bei den Jugendlichen gelegen, die auf dieses Thema der Party gekommen seien. Dabei gab es professionell gestaltete Links und Posts. Und wenn das Thema der Party jetzt der „Werwolf” ist, sollte man vielleicht deutlich machen, dass es sich dabei auch nicht um einen harmlosen Begriff handelt: Er wurde von den Nazis benutzt (Öffnet in neuem Fenster), um junge Menschen zum Kampf für sie zu ermutigen. Jetzt wird statt einer Mafia-Night also eine Werwolf-Nacht, pardon Werwölf*innen-Nacht (Öffnet in neuem Fenster) veranstaltet. Sie wird mit diesen Worten beworben: »Die ursprüngliche Version des Spiels wurde in den 1980er Jahren in Russland entwickelt und wird dort «Mafia» genannt. Statt Werwölfen gab es dort Verbrecher, die nachts Leute „eliminieren“. Bei uns wurde das Spiel auch durch die kommerziellen Kartenspiel-Varianten «Die Werwölfe von Düsterwald», sowie «Werwölfe Vollmondnacht» bekannt.«
Wer solche Folklore verbreitet, soll sich nicht wundern, wenn sich Jugendliche von Rechten angezogen fühlen.
Und was passiert in Venedig, der kleinen Stadt im Wasser? Nein, dort diskutiert man nicht über einen Eintritt von 100 Euro, wie die Süddeutsche etwas irreführend titelte (Öffnet in neuem Fenster). Der Vorschlag war eine Provokation seitens Setrak Tokatzian (Öffnet in neuem Fenster), Juwelier und Präsident der Vereinigung der Geschäftsleute von San Marco. Er wollte damit klarmachen, dass ein Eintrittsgeld niemanden davon abhält, Venedig zu besuchen. Hier ein Foto von dem Gondel-Traghetto in San Tomà - das von den Touristen dank Google als billige Möglichkeit entdeckt wurde, für nur zwei Euro in einer Gondel den Canal Grande zu überqueren. Das bedeutet, dass Venezianer diese Möglichkeit nicht mehr nutzen können - denn eigentlich sind diese Gondelfähren als öffentliche und von der Stadt Venedig gesponserte Transportmittel für die Venezianer gedacht, die sich auf diese Weise lange Umwege ersparen sollen.
Egal ob fünf oder hundert Euro: Eine Stadt ist kein Erlebnispark. Und, nein, anders als die Süddeutsche schreibt (Öffnet in neuem Fenster), hat die Unesco niemals empfohlen, Venedig auf die Liste des gefährdeten Welterbes zu setzen. Leider.

“In überfüllten Reisezielen helfen langfristig nur Beschränkungen. Um den Andrang zu steuern, müssen Städte etwa die Zahl an Kreuzfahrtschiffen und Hotelbetten begrenzen”, sagt der von der SZ zitierte Tourismusforscher. Ja, darauf sind wir in Venedig natürlich auch schon gekommen. Nur stimmt von den politisch Verantwortlichen niemand zu. Ganz im Gegenteil. Nachdem man in Rom verkündete, für Rom einen Sonderstatus anzustreben, gewissermaßen als Stadtstaat - hat der Regionalpräsident des Veneto, Zaia, genau das auch für Venedig gefordert. Jetzt könnte man meinen: Super! Endlich wird Venedigs Sonderrolle anerkannt. Zu früh gefreut: Wie immer geht es darum, Venedigs Sonderrolle auszunutzen, für das Festland. Denn in diesem Fall würde zu Venedig auch das die Stadt umgebende Festland gehören, bis hin nach Padua.
Im Wesentlichen verbirgt sich dahinter also wie immer heiße Luft: Demnächst soll der neue Regionalrat des Veneto gewählt werden. Und da braucht man jede Stimme.
In diesem Sinne grüßt Sie herzlich, Ihre Petra Reski
Wenn Ihnen mein Newsletter gefällt, freue ich mich sehr über Weiterempfehlungen (Öffnet in neuem Fenster) - und natürlich über neue Ehrenvenezianer!
Insofern Sie keine Aversion gegen Social Media haben sollten, finden Sie mich auch auf Twitter (Öffnet in neuem Fenster), auf Facebook (Öffnet in neuem Fenster) und auf Instagram (Öffnet in neuem Fenster).
Den Kontakt für Lesungen und Vorträge finden Sie hier (Öffnet in neuem Fenster).