Stellen wir in Italien in diesen Tagen das Fernsehen an oder schlagen eine Zeitung auf, sehen wir nichts anderes als entfesselte Vatikanisten, die versuchen, einander in Diskussionsrunden zu übertrumpfen: der Papst und China, der Papst und Putin, der Papst und Trump, der Papst und die Frauen, der Papst und die Homosexuellen, der Papst und die Kinder. Es gibt Brandreden von Kardinälen, die den verstorbenen Papst geißeln und ihm vorwerfen, sich als Popstar geriert zu haben, ohne das auszusprechen. Es ist eine Kunst, die Kardinäle meisterhaft beherrschen, Kardinal Gerhard Ludwig Müller (Öffnet in neuem Fenster), der von Ratzinger ernannte einstige Präfekt der Glaubenskongregation, ein Rechtsaußen der Kirche, gewährte ein langes Interview (Öffnet in neuem Fenster), in dem er die von Papst Franziskus genehmigte Segnung von homosexuellen Paaren geißelt, die er zu einem Missverständnis erklärt. Ein anderer prophezeit ein kurzes Konklave und beschwört eine Kontinuität von Papst Franziskus Lehre, der nächste macht sich für einen Übergangspapst stark und alle sind auf der Suche nach einem Mikrophon, um ihre Meinung loszuwerden.
https://it.euronews.com/video/2025/04/30/incontri-pre-conclave-collegio-cardinalizio-al-lavoro (Öffnet in neuem Fenster)Als Journalist kann man in Rom gar nicht so schnell laufen, als dass ein Kardinal einem nicht ein Interview aufdrängen würde: 133 Kardinäle versuchen jetzt noch schnell ihre Positionen klarzumachen, denn in dem Konklave gilt das Schweigegebot: kein Internet, keine Zeitung, Radio oder Fernsehen - jeder Kontakt zur Außenwelt ist untersagt. Auch Papst Franziskus nutzte die Gelegenheit und hat in dem Vorkonklave eine Brandrede (Öffnet in neuem Fenster) gehalten, die nicht unwesentlich zu seiner Wahl beigetragen haben soll.
Und weil während des Konklaves auch die Ernährung der Kardinäle kurz gehalten wird - in den ersten drei Tagen gibt es vollwertige Mahlzeiten, in den nächsten fünf Tagen nur eine Mahlzeit und ab dem zehnten Tag nur noch Brot und Wasser - gibt es in Rom kaum ein gutes Restaurant, in dem nicht gerade ein Kardinal sitzt. Mich erinnert das an eine Begegnung mit einem afrikanischen Kardinal. Weil ich wusste, dass sie stets glücklich sind, wenn Journalisten sie interviewen, fasste ich mir ein Herz und sprach ihn an. Er deutete auf mein Journalistenschild und fragte mich, woher ich komme. „Aus Deutschland“, antworte ich. „Deutschland über alles“, sagte der Kardinal, ich sagte: „Oh“, und noch bevor ich ihn schockiert fragen konnte, wie er das meinte, lief der Kardinal lachend weiter. Danach wurde Ratzinger gewählt.
"Er will immer die Hauptperson sein: In der Kirche der Papst, bei der Hochzeit die Braut und auf der Beerdigung der Tote", hat Roberto Benigni mal über Berlusconi gesagt. Prompt konnte Trump, Berlusconis Bruder im Geiste, nicht der Versuchung widerstehen, sich als Papst zu inszenieren - ein Bild, das vom offiziellen Profil des Weißen Hauses geteilt wurde, was sogar bei der Bildzeitung, als Medium auch nicht unbedingt ein Hort des Anstands, Empörung auslöste: “Nächster Total-Ausfall: Trump macht den Papst!”
https://x.com/WhiteHouse/status/1918502592335724809 (Öffnet in neuem Fenster)In Italien kam das Bild natürlich auch nicht gut an. Der Vatikan war not amused, enthielt sich aber einer Reaktion - und erhoffte sich angesichts dieser Verunglimpfung des katholischen Glaubens möglicherweise eine Reaktion von Ministerpräsidentin Meloni (“Ich bin eine Mutter, ich bin eine Frau, ich bin Christin”) oder von Legachef Salvini, der sich normalerweise zu allem und allen äußert und vor laufenden Kameras stets so inbrünstig seinen Rosenkranz küsst, als ob er übermorgen ins Kloster eintreten wolle. Aber da kam - nichts.
Am 1. Mai soll ja der Arbeiterrechte gedacht werden - im sizilianischen Portella della Ginestra hatten sich am 1. Mai 1947 zweitausend Arbeiter und Bauern versammelt, um gegen Großgrundbesitz zu demonstrieren und den jüngsten Sieg des Volksblocks zu feiern, der kurz zuvor die Christdemokraten bei den Wahlen zur sizilianischen Regionalversammlung geschlagen hatte. Die Versammlung wurde vom sizilianischen Banditen Salvatore Giuliano (Öffnet in neuem Fenster) und seiner Bande niedergeschossen: elf Tote, sechzig Verwundete.
Hinter dem Attentat verbarg sich nichts anderes als das Bündnis zwischen der Mafia und dem italienischen Staat - ein Bündnis, so alt wie die Mafia selbst. Dieser Pakt ermöglichte im Jahr 1943 die Landung der Alliierten auf Sizilien, schlug mit dem Massaker von Portella della Ginestra 1947 die sizilianische Landarbeiterbewegung nieder und bestimmt auch heute noch das Schicksal Italiens.Hier ein wunderbares Foto von Letizia Battaglia, der Mutter meiner Freundin und Fotografin Shobha Angela Stagnitta, das sizilianische Landarbeiter im Jahr 1977 zeigt.

Und was passiert in Venedig - außer dass die Stadt während dieser nicht enden wollenden Feiertage niedergerannt wurde? Da enthüllten Ermittler gerade eine sehr einträgliche Zusammenarbeit zwischen einem venezianischen Tabakhändler und Taschendieben. Aufgefallen war, dass viele Kreditkarten direkt nach dem Diebstahl in einem Tabakladen am Campo San Salvador eingesetzt wurden. Also installierten die Ermittler Wanzen und Videokameras und entdeckten eine fruchtbare Zusammenarbeit der Taschendiebe mit dem Tabakhändler: In Italien verfügen Tabakhändler über das staatliche Monopol, Tabakwaren und Steuermarken zu verkaufen, wofür sie keinen Kassenbeleg ausstellen müssen. Der Tabakhändler stellte also dem Kreditkartenlesegerät eine Summe in Rechnung und zahlte den Taschendieben die Hälfte des Gewinns in bar aus. Stets wurde eine Summe eingesetzt, die unter der liegt, bei der die Kreditkarte einen Pin verlangt. Laut Ermittlungen nahmen Taschendiebe und Tabakhändler so monatlich 10 000 Euro ein. Besonders beliebt seien amerikanische Kreditkarten gewesen, weil die ein höheres Limit ohne Pin-Code haben.

(Ocio al tacuin ist venezianisch) Die Zusammenarbeit verlief so harmonisch, dass die beiden Tabakhändler, es handelt sich um Vater (82) und Sohn (51), den einzelnen Taschendieben sogar Noten gaben: “Hier kommt die Beste von allen”, hieß es, wenn eine besonders geschickte Taschendiebin mit einem Stapel Kreditkarten das Geschäft betrat. Um sich für die Zukunft zu rüsten und auch mal Urlaub machen zu können, sei bereits ein weiterer Mitarbeiter in die Technik mit den Kreditkarten und dem fingierten Verkauf der “Waren” des Staatsmonopols eingewiesen worden.An Ideen für die Zukunft mangelt es in Venedig also wirklich nicht.
Zum Schluss etwas Erhabenes: Am Freitag fand in Venedig im Theater Malibran die - gefeierte - Premiere von “Der Protagonist” (Öffnet in neuem Fenster) statt.

Ezio Toffolutti (Öffnet in neuem Fenster), verantwortlich für Regie, Bühnenbild und Licht, siedelte Kurt Weills Oper in den expressionistischen Zwanzigerjahren an, der Entstehungszeit des Protagonisten (Öffnet in neuem Fenster): “Ich habe an diese besondere Zeit gedacht, als in der die Kunst der Avantgarde blühte: Otto Dix und Max Ernst... Eine Hommage an die Maler, mit denen ich aufgewachsen bin. Als Student der Akademie ging ich jeden Mittwoch kostenlos ins Guggenheim, dort hat sich mein Geschmack gebildet.”

Ezio Toffolutti war es auch, der einst das venezianische Theater Malibran nach jahrzehntelanger Schließung mit Carlo Gozzis (Öffnet in neuem Fenster) Liebe zu den drei Orangen wiedereröffnete. Sein nächstes Projekt (Öffnet in neuem Fenster)ist das einzige Theaterstück von Giacomo Casanova, Le Polemoscope: “Zu Casanovas 300. Geburtstag sind viele Initiativen geplant, um an ihn zu erinnern. Aber ihn selbst lässt man nicht zu Wort kommen. Es ist wichtig, sein Theaterstück auf die Bühne zu bringen, dafür suche ich Produzenten.”
(Das Stück, wie sollte es anders sein, handelt davon, dass zwei junge französische Offiziere während des Österreichischen Erbfolgekrieges 1748 versuchen, eine junge italienische Gräfin zu verführen, die mit einem älteren Herrn in Cremona verheiratet ist. Einer der beiden, der Graf von Gissor, beobachtet die junge Frau im Theater mit einem Polemoscope, einem Fernglas mit Prismenlinsen, mit dem man seitlich sehen kann, ohne den Blick zu bewegen, um sie nicht öffentlich zu kompromittieren. Casanova schrieb es 1791 als Tragikomödie für ein Theater in Teplitz.)
So weit die Neuigkeiten aus Reskis Republik. Herzlichst grüßt Sie aus Venedig, Ihre Petra Reski
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