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Kurzgeschichte TROPES & PLACES 5/12

TROPES & PLACES
Kurzgeschichte 5/12
Fake Dating in Venedig

Für 2026 habe ich mir vorgenommen jeden Monat eine Kurzgeschichte zu schreiben und auf meinem Steady-Account zu veröffentlichen. Das übergreifende Thema ist auch gleichzeitig der Arbeitstitel und lautet: Tropes & Places. Jede Geschichte bedient eine andere, populäre Romance-Trope. Außerdem werden 12 Sehnsuchtsorte besucht: Städte und Regionen, die man gerne entdecken möchte. Wir reisen gemeinsam hin und lernen überall ein neues Paar kennen! :)

Die Mai-Geschichte führt uns in meine absolute Lieblingsstadt auf der Welt: Venedig! Ich war schon siebenmal dort und kriege einfach nicht genug von der Magie dieses Ortes. Angefangen hat meine Faszination für die Lagunenstadt mit dem Kinderbuch “Der Herr der Diebe” von Cornelia Funke. Ich habe mich gefragt, wie wohl ein erwachsenerer Herr der Diebe aussehen könnte. Herausgekommen ist Bruno, die Hauptfigur dieser Kurzgeschichte. Er ist ein Kleinkrimineller aus dem Stadtteil Cannaregio und bei seinem letzten Job lief leider so gar nichts nach Plan. Jetzt muss er untertauchen und vorgeben, jemand anderes zu sein.

In dieser Kurzgeschichte geht es um die Trope Fake Dating, also um eine vorgetäuschte Beziehung. Mit wem die Bruno eingeht, um seine eigene Haut zu retten, das erfahrt ihr, wenn ihr weiterlest ...

(Anm.: Diese Geschichte umfasst 6.153 Wörter, was ca. 24 Buchseiten entspricht. Bei einem durchschnittlichen Lesetempo, wirst du sie in etwa 25 Minuten lesen. Viel Spaß!)

Bruno & Chiara: Fake Dating in Venedig

Die Blondierung riecht entsetzlich und ich habe schon wieder vergessen, wie lange das Zeug einwirken muss. Hatte ich nicht erst vor zwei Minuten nachgesehen? Stöhnend fische ich den Karton wieder aus dem Mülleimer neben dem Waschbecken.

„Fünfzehn bis fünfundzwanzig Minuten...“, lese ich von der zerdrückten Pappe ab. Wie lange habe ich das Zeug jetzt schon auf dem Kopf? Zehn Minuten? Oder doch schon zwanzig?

Verdammt, nimm dich zusammen, Bruno!

Ich stemme die Hände auf den Rand des Waschbeckens. Von dem scharfen Geruch des Haarbleichmittels wird mir regelrecht schlecht. Aber diese winzige Toilette hat kein Fenster und ich werde einen Teufel tun, die Tür zu öffnen. 

Frustriert betrachte ich mich im trüben Glas des Spiegels. Immerhin, die Wunde an meiner Lippe hat aufgehört zu bluten. Den Schlag gegen die Schläfe habe ich scheinbar auch ohne größere Spuren weggesteckt, obwohl mein Schädel noch immer brummt. Vielleicht habe ich heute zumindest etwas Glück und die Schwellung wird nicht allzu offensichtlich. Das würde mir helfen unterzutauchen.

Dass dieser ganz harmlose Job für Federico damit enden würde, dass ich meine Haarfarbe ändere, hatte ich nicht erwartet. Wer hätte auch ahnen können, dass ein einziges popeliges Gemälde, einen ganzen Clan auf den Plan ruft? 

Nun... wenn ich so darüber nachdenke...

Federico wird es wohl gewusst haben. Deswegen hat er mich angeheuert, anstatt seinen Scheiß selbst zu stehlen. Dieser alte Gauner!

Meine Kopfhaut beginnt auf eine ungute Art zu prickeln, während ich mir zum hundertsten Mal wünsche, dass ich seinen Auftrag abgelehnt hätte. 

„Hey!“ Jemand rüttelt an der Tür. „Sind Sie bald fertig da drin?“

„Schlechte Muscheln!“, brülle ich zurück und huste laut. Soll der doch denken, dass ich mich hier drin übergebe. Das verschafft mir noch etwas Zeit. 

Wenn ich denn überhaupt noch welche habe.

Es ist gut möglich, dass da draußen nicht irgendein Tourist darauf wartet, sich zu erleichtern, sondern dass mir bereits ein Trupp von der Camorra oder von der Nouva Mala del Branta auflauert. Wenn meine Lage nicht so verdammt knifflig wäre, würde ich es vielleicht sogar amüsant finden: Ich weiß nämlich nicht einmal mit welcher Seite der Mafia, ich mich angelegt habe. Das ist das Level an Blauäugigkeit, mit dem ich in diesen Job gestartet bin. 

Ich seufze.

Wie kann man nur so ein naiver Trottel sein?

Als es wieder an der Toilettentür rüttelt beuge ich mich tief über das Waschbecken. So tief, dass ich mit der Nase beinahe die kalte Keramik berühre. Der Wasserhahn ist viel zu niedrig montiert für dieses Unterfangen, trotzdem versuche ich die Blondierung, so gut es eben geht, auszuwaschen. Die Flüssigkeit, die von meinem Schopf rinnt brennt auf meiner wunden Haut und ich kneife die Augen fest zusammen, damit mir das Zeug nicht die Netzhaut verätzt. Gesund ist dieser Scheiß bestimmt nicht. Noch ungesünder ist es aber für einen Gangster die Familienschätze eines anderen Gangsters zu stehlen – und sich dabei erwischen zu lassen. 

Es hatte alles so vielversprechend angefangen. Giacomo hatte mich am Nachmittag in einen schmalen Ausläufer des Canal Grande gebracht. Wir dachten, das wäre clever. Im regen Wasserverkehr des Tages erregt ein kleines Motorboot nicht so viel Aufmerksamkeit wie in der mucksmäuschenstillen Nacht. Ganz beiläufig hatte mein Kollege mich zu der Anlegestelle auf der Rückseite des Pallazzo gebracht. Es waren nicht mehr als ein paar Stufen, auf die ich schnell gesprungen war. Danach war ich über das Tor in den ummauerten Garten geklettert und hatte alles so vorgefunden wie angekündigt: Die Fensterläden des Palazzos waren allesamt geschlossen gewesen. Keine Menschenseele war mir begegnet als ich durch den kleinen Giardino zum Dienstboteneingang gehuscht war. Federico hatte eines der Hausmädchen geschmiert, damit sie die Tür unverriegelt lässt. Von ihr war ihm auch versichert worden, dass heute niemand zuhause sein würde. Die Familie verbringt gerade ein paar Wochen auf ihrem Weingut bei Asolo, hatte es geheißen.

Der ganze Clan.

Alle.

Also alle außer der hysterischen Nonna, die aus irgendeinem Grund alleine in Venedig zurückgeblieben war und mich attackierte, sobald ich das Bild aus dem Rahmen geschnitten hatte. Mit einer gottverdammten Bettpfanne! Wie in einem schlechten Film!

Kategorie Tropes & Places

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