

In diesem Newsletter:
– Anne Lena Mösken, Stellvertretende Chefredakteurin bei der Freien Presse in Chemnitz (Foto), sorgt sich um die Pressefreiheit
– Andreas Große Halbuer über das Buch, in dem er seine Parkinson-Erkrankung verarbeitet
– neue Kurse von der Reporterfabrik, mit Jens Radü und Jovana Reisinger
- Und ein Call for Papers: Am 25. und 26. September ist der Reporter:innen-Workshop in Hamburg, wie immer beim SPIEGEL (Öffnet in neuem Fenster). Worüber müssen wir reden, wen sollen einladen, welchen Workshop möchtest DU anbieten? Schreib uns gern in den nächsten Tagen eine Mail mit deinen Vorschlägen.
Hallo zusammen,
kürzlich erschien die „Feindbild-Studie 2025“ vom European Centre for Press & Media Freedom. 127 Mal wurden Reporter:innen im vergangenen Jahr angegriffen, bedroht oder diffamiert. Dass sich die Zahl der körperlichen Angriffe seit 2024 halbiert hat, liegt einzig an einer neuen Zählweise.
Das Dunkelfeld ist riesig, schreiben die Forscher:innen, besonders dort, wo es starke rechtsextreme Strukturen gibt. Ich arbeite in Sachsen und weiß, worum es geht. Sachsen gehört immer wieder zu den Bundesländern mit den höchsten Fallzahlen.
Hier geht es zur interaktiven Karte (Öffnet in neuem Fenster), hier könnt ihr euch ein Bild machen davon, was Kolleg:innen bei der Arbeit erleben (Öffnet in neuem Fenster). Und das ist wichtig. Warum?
Erstens: Weil wir wissen müssen, was wir bei unserem Job riskieren. Weil wir nur dann wissen, wie wir uns schützen können. Und das ist enorm wichtig. Denn die Alternative kann nicht sein, dass wir nicht mehr auf Demos gehen, nicht mehr über AfD-Veranstaltungen berichten, uns nicht mehr trauen, über unbequeme Themen zu schreiben.
Zweitens: Weil wir uns an das Unerträgliche nicht gewöhnen dürfen. Verbale Hetze und körperliche Attacken gehören mittlerweile zum Grundrauschen unseres Berufs. Wenn Gewalt Alltag wird, verschiebt sich die Grenze dessen, was wir als „normal“ akzeptieren. Genau da beginnt die Pressefreiheit zu sterben.
Darüber müssen wir reden.
Herzlich
Anne Lena Mösken
Wie arbeitest du, Andreas Große Halbuer?
Andreas Große Halbuer, Jahrgang 1972, hat den klassischen Weg in den Journalismus genommen: Lokalzeitung, Politikstudium, Journalistenschule. Dann prägende Jahre bei WirtschaftsWoche, Capital und Financial Times Deutschland. Jetzt: politischer Korrespondent des Focus. Im Februar dieses Jahres erschien im Ullstein-Verlag seine Autobiografie „Das Ding in meinem Kopf“, die von seiner Parkinsonerkrankung handelt. Große Halbuer lebt mit seiner Familie in Berlin.

Du hast 2023 den Reporter:innen-Preis gewonnen mit einem Stück über deine Parkinson-Diagnose. Wie hat sich das für dich ausgewirkt?
Der Moment der Verleihung war ein Wendepunkt. Jahrelang hatte ich meine Erkrankung verheimlicht, jetzt stammelte ich im Licht der Scheinwerfer vor mich hin, ehrlich überrascht von so viel Zuspruch. Letztlich war es auch dieser Moment, der mir Kraft gegeben hat, ein Buch über meine Erkrankung zu schreiben. Und ja, es ist die härteste, beschissenste und doch zugleich schönste Geschichte, die ich jemals zu Papier gebracht habe. Denn am Ende ist es kein Buch über eine Krankheit geworden. Sondern ein Buch über das Leben.
Was war für dich der größte Unterschied beim Buchschreiben im Vergleich zu Reportagen?
Mein Fall ist ein Sonderfall. Generell jedoch muss das Sujet eines Buches die Kraft haben, den Autoren über einen langen Zeitraum zu fesseln. Wenn der Schreiber schon nach ein paar Wochen gelangweilt ist, wird es seinen Lesern nicht anders ergehen. Der große Rest ist Handwerk.
Wie läuft das Buch so, was ist die Resonanz?
Es läuft erfreulich gut, trotz der Schwere des Themas. Und die Resonanz der Leser ist überwältigend. Ich erhalte bewegende Zuschriften. Viele schreiben, der Text habe sie zu Tränen gerührt. Mich macht das glücklich. Die Reaktionen zeigen mir: Das Buch lässt nicht kalt. Es rauscht nicht so durch. Es hallt nach. Was kann es Schöneres geben? Und – die zweite große Lehre: Ich bin nicht allein. Wir sind viele. Da draußen gibt es erheblich mehr Menschen, die mit heftigen Einschränkungen und Schicksalsschlägen zu kämpfen haben als unsere auf Hochglanz polierte Mediengesellschaft glaubt.
Ein Dramaturgie-Trick?
Schnell weg mit schlecht geschriebenen Passagen, bevor sich der Autor an sie gewöhnt.
Was kann Reportage heute besser als vor 15 Jahren?
Im besten Fall bremst sie die branchenübliche Hektik ein wenig.
Ein Recherchetrick?
So viele Handyfotos machen, wie es die Situation erlaubt. Mir hilft das Anschauen beim Schreiben sehr.
Ein Schreibtick?
Ich schreibe gern nachts bei absoluter Ruhe.
Auf welchen deiner Texte bist du heute stolz?
Auf die Texte über Parkinson.
Gutes Redigieren heißt für dich?
Ehrlich sein gegenüber dem Autor, auch wenn es schmerzt.
Welchen Text eines anderen Autors oder einer anderen Autorin hättest du gern selbst geschrieben?
Keinen. Hätte ich sie geschrieben, wären sie anders geworden. Vermutlich schlechter.
Geheimtipp, der jeden Text besser macht?
Nicht geheim, aber effektiv: Den Text laut vorlesen.
Ein Buch, das dich journalistisch geprägt hat (und warum)?
"Arbeit und Struktur" von Wolfgang Herrndorf. Keiner konnte Kranksein besser in Worte kleiden als Herrndorf.
Dein Lieblingsbuch aus dem Bereich des erzählerischen Journalismus?
„Knife" von Salman Rushdie. Auch, weil er darin viel Blut, aber niemals den Humor verliert.
Neue Kurse der Reporterfabrik
Kommt, wir bauen eine Headline-KI (Jens Radü, Workshop 395, 10€) (Öffnet in neuem Fenster)
Im digitalen Journalismus entscheidet die Überschrift, ob eine Geschichte geklickt wird oder nicht. In seinem neuen Workshop zeigt dir Jens Radü gemeinsam mit den Teilnehmenden, wie du deine eigene Headline-KI bauen kannst, zugeschnitten auf deinen eigenen Stil.
Die Schriftstellerin Jovana Reisinger gibt Einblick in ihr Leben als Kolumnistin und die Frage, was es bedeutet, sich selbst dabei zum Thema zu machen. Reisinger spricht über die Kommerzialisierung des eigenen Lebens, die kreative, aber auch selbstausbeutende Seite dieser Arbeit. Zudem erklärt sie, wie eine Kolumne entsteht, wie man eine bekommt, die eigene Stimme findet und wo Verantwortung und Grenzen liegen, wenn Privates öffentlich wird.