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Rettung unter Segel

 

Von Südost kommend rauscht die 46-Fuß-Slup unter voller Segelmontur die sechzehn Meilen über die Kvarner Bucht, passiert Kap Kamenjak, die Südspitze Istriens. Der Leuchtturm Porer steht schon im Abendlicht der Junisonne als die SUNMANU auf kleiner Welle an ihm vorüberfliegt nach Nordwesten. Genua und Großsegel setzen den leichten Nordost, der über Land strich, tadellos in Fahrt um.

Die Stimmung unter den Damen und Herren an Bord ist wie sie nun mal ist nach zwei Wochen voller sonniger Erlebnisse zwischen den Inseln Dalmatiens und obendrein bei einer so rauschend flotten Fahrt. Der Abstand zum dicht bewaldeten Istrien beträgt vielleicht eineinhalb Meilen.

Neben dem Ruder hockend bin ich auf die ideale Segelstellung zum Wind konzentriert, als Uschi weiter vorn im Cockpit plötzlich mit einem Ruck aufsteht und ruft: »Schau mal, sind die in Not, oder was?« Aller Augen folgen der Richtung, in die sie zeigt.

Etwa auf halbem Weg zwischen uns und der dunkel bewaldeten Küste dümpelt ein flaches Motorboot in dem kleinen Seegang. Ein schnittiges offenes Boot etwa vier Meter lang mit Windschutzscheibe aber gänzlich ohne Fahrt. Auf dem Vordeck steht ein dunkelhaariger Mann in Badeshorts und winkte heftig mit beiden Armen. Im Cockpit steht ein zweiter und macht das Gleiche. Kein Zweifel: Diese Art von Winken mit ausgebreiteten Armen gilt international als Notsignal.

»Das ist ein Notsignal,« stellt Hartmut trocken fest. »Aber was fehlt ihnen denn?«

»Da müssen wir halt hin und fragen,« schlägt Uschi vor.

»Jetzt, wo es so schön läuft? Die Kiste schwimmt doch. Scheint niemand verletzt zu sein.«

»Aber sie winken doch so. Die müssen einen Notfall haben!«

Jetzt trägt der Wind Rufe der beiden zu uns herüber. Klingt Italienisch und dann verstehe ich ein Wort, das alles klärt: »Gasolina!«

»De ham koan Sprit mehr,« übersetzt Hartmut.

»Okay, wir haben zwar auch kein Benzin dabei, aber schauma mal. Klar zur Wende! Wir segeln an dem Boot auf neuem Kurs vorbei, machen noch ein Wende und dann einen Aufschießer.«

Die Crew besetzt die Winschen wie wir es in den vergangenen zwei Wochen praktiziert hatten. Ich schätzt die Entfernung zum nächsten Wendepunkt ab, lasse das Schiff noch ein paar Längen laufen. »Reee!« Ich lege das Ruder rum, das Schiff dreht flott, die Segel knattern wild und füllen sich auf dem anderen Bug sogleich wieder. Die Winschen klickern und wir sind auf einem Kurs, der achtern an dem Boot vorbeiführt.

»Wir werden vielleicht eine Schleppleine brauchen. Hier gibt es doch die fünfzig-Meterleine in der Kiste. Mach das Ende an der Heckklampe fest, und halte das andere wurfbereit.« Gudula macht sich an die Arbeit.

Die beiden Typen dort drüben lassen die Arme sinken. Im Näherkommen werden die Gestalten deutlicher: Zwei gut gebaute braungebrannte Burschen, vermutlich keine dreißig.

»So meine Damen, da habt Ihr die armen Kerle aus der Nähe! Klar zur Wende!«

Die SUNMANU schießt an dem Motorboot vorbei. »Reee!« Dahinter lege ich wieder Ruder, das Schiff dreht durch den Wind, ich lass wieder Wind in die Segel und kann direkt auf das Boot zuhalten.  

Es funktioniert überraschend gut. »Klar zum Aufschießer!

Die SUNMANU kommt etwa sechs Meter neben den Motorboot zu stehen. Jetzt muss es schnell gehen. Der Wind beginnt die SUNMANU zu vertreiben. Der Kerl auf dem Deck ruft nun: »Il serbatoio è vuoto, siamo senza benzina. Puoi aiutarci?« Das ist der Moment Gudulas. Sie spricht perfekt Italienisch. Ich verstehe aber auch so.

»Wir haben kein Benzin aber wir können Euch schleppen.« Fragende Gesichter. Gudula übersetzt.

»To Pula per favore?«

»Pula? Nein, das geht nicht. Zu kompliziert. Nach Veruda, das geht leicht.« Nach Pula hinein hätten wir den Motor gebraucht und eine Menge Zeit verloren.

»Veruda, si si. Molto bene.«

»Schmeiß die Leine rüber, schnell!«

Die Leine fliegt auf das Vordeck des Motorbootes. Der Typ greift sie sich.

»Festmachen schnell! Pronto, rapido!« brülle ich rüber und mach mit beiden Händen ein Zeichen, das »Knoten« heißen soll. Die SUNMANU fällt schon wieder ab, das heißt Wind kommt in die Segel, sie müssen nur   dicht geholt werden, um Fahrt aufzunehmen. Der Typ fingert das Ende durch die Bugklampe des Motorbootes. Es sieht so aus, als mache er einen passablen Knoten.

»Schoten holen, wir nehmen Fahrt auf!« Die Winschen klickern und die Genua und das Groß füllen sich. Die SUNMANU neigt sich wieder etwas nach Lee und zieht los.

Kategorie Verlorene Meilen

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