299.585.505,32 Euro. Neun Ziffern, zwei Kommastellen – und ein Kontinent, der sich damit ein Netzwerk finanziert hat, das sich zur Verteidigung der Wahrheit berufen sieht. Mit diesem Budget wurden in den vergangenen Jahren in der Europäischen Union über 100 Projekte1 gefördert, die sich in Teilen, meist aber vollständig, der Bekämpfung von „Desinformation“ verschrieben haben. 74.614.010 Euro davon flossen in 37 Projekte, die ausschließlich oder mit besonderer Intensität diesem Ziel gewidmet sind.

Was sich hier formiert, ist kein wissenschaftliches Kuratorium, keine bloße Förderlandschaft, keine abgrenzbare Anti-Fake-News-Strategie. Es ist ein systemischer Komplex – ideologisch, institutionell und ökonomisch. Ein Disinformationskomplex, der längst mehr ist als die Summe seiner Projekte: ein regulatorisches, diskursives und infrastrukturelles System zur Erzeugung, Verwaltung und Sanktionierung von Wahrheit im 21. Jahrhundert.
Ein Komplex, der in wachsendem Maße behauptet, die Demokratie zu schützen – und dabei beginnt, ihre Grundarchitektur zu unterwandern.

Die große Selbstbeauftragung
In den Ausschreibungen heißt es, es gehe um Resilienz. Um Schutz. Um „Hybridbedrohungen“, „infodemische Risiken“, „epistemische Sicherheit“. Und doch ist die primäre Wirkung nicht Schutz, sondern Definition: Dieser Komplex ist kein Reaktionsapparat auf eine externe Gefahr. Er ist eine produzierende Instanz, ein Definitionsmonopol, das sich selbst mit dem Gegenstand erschafft, den es bekämpft.
Die EU-Forschungs- und Förderstruktur hat mit chirurgischer Präzision ein Netz aus Universitäten, Thinktanks, NGOs, Medienunternehmen, Plattformpartnern und Start-ups geschaffen, das nicht auf Antwort, sondern auf Reproduktion angelegt ist: auf die stetige Verstärkung des Phänomens, dessen Lösung man sich verschrieben hat.
Die Zirkularität ist dabei kein Betriebsunfall – sie ist Strukturmerkmal:
Wissenschaftler publizieren Studien zur Bedrohung durch Desinformation.
NGOs verarbeiten diese Studien in Schulungen, Aufklärungsplattformen, Aktivismusformaten.
Medien, oft direkt an den Projekten beteiligt, zitieren die NGO-Berichte und belegen damit ihre Relevanz.
Politiker berufen sich auf diesen öffentlichen Diskurs, um neue Förderlinien, gesetzliche Eingriffe oder Aufsichtsinstrumente zu legitimieren.
Die nächste Förderphase beginnt mit einem erneuerten Bedrohungsnarrativ – wissenschaftlich validiert.
Was hier sichtbar wird, ist keine offene Wissensgesellschaft, sondern ein rückgekoppeltes Interventionsregime, das auf epistemischer Reproduktion beruht.

Die moralisch-technokratische Fusion
In klassischer Systemtheorie bezeichnet man solche Strukturen als autopoietisch: Systeme, die sich selbst erzeugen und reproduzieren. Doch der Desinformationskomplex der EU ist mehr als das. Er ist eine moralisch-technokratische Allianz, eine Verbindung aus normativer Mission und datenbasierter Steuerung. Es ist diese Mischung aus moralischer Dringlichkeit („die Demokratie ist bedroht“) und digitaltechnischer Präzision („wir können toxische Narrative erkennen“), die ihm seine Durchschlagskraft verleiht.
Denn mit ihr wird ein neues Paradigma erzeugt: Die Verteidigung der Wahrheit wird technologisiert – und ihre Kriterien externalisiert. Die Frage, was wahr ist, wird nicht mehr im diskursiven Raum entschieden, sondern durch Indikatoren, Dashboards, Vertrauensmetriken, maschinelle Risikoanalysen. Wahrheit wird nicht mehr erstritten, sondern gemessen. Und wer misst, definiert.
Diese epistemische Externalisierung ist das heimliche Machtzentrum des Komplexes.
Zwischen Erkenntnis und Rahmung
Wer die Projektlandschaft im Detail betrachtet, erkennt ein feinmaschiges, bürokratisch perfekt austariertes Netz. Projekte wie AI4Deliberation, AI4Trust oder WHAT-IF erschaffen algorithmische Plattformen, um Bürgerdiskurse zu „simulieren“, Desinformationsrisiken zu erkennen und Kommunikationsräume mit präventiver KI abzusichern. Sie nennen sich deliberativ, partizipativ oder resilient – operieren aber in Strukturen, die vor allem eine Funktion haben: Kontrolle.

Ob als Dashboard, Sentimentanalyse, Risikokarte oder Fact-Checker-in-the-loop – stets geht es darum, digitale Kommunikationsprozesse steuerbar zu machen. Wahrheit wird zur Infrastruktur, Meinung zur Variablen im Modell. Bürgerbeteiligung wird nicht als Risikoabschätzung verstanden, sondern als Parameteroptimierung.
Die semantische Auflösung: Wenn „Deliberation“ zum Spiel wird
Ein besonders aufschlussreiches Beispiel ist das Projekt AI4Deliberation. Hier sollen „Online-Governance-Games“ entwickelt werden, die durch KI moderiert werden – ein Verfahren, das auf den ersten Blick demokratisch wirkt, aber bei näherer Betrachtung wie eine Simulation partizipativer Prozesse erscheint. Die Deliberation wird zum Interface, der Diskurs zur Interaktionseinheit. Es geht nicht mehr um das Ringen um Wahrheit, sondern um die performative Stabilisierung eines Systems, das sich Legitimation durch Partizipationsdesign erschafft.
Diese ästhetisch neutrale, technisch saubere Oberfläche überdeckt, dass es sich bei vielen Projekten wie AI4Dignity oder vera.ai (Öffnet in neuem Fenster) um die Vorbereitung einer automatisierten Ordnung des Sagbaren handelt. Die Ethik wird eingebaut wie ein Plug-in. Normative Voraussetzungen werden in Datenmodelle gegossen. Und der technokratische Imperativ: We must act because the data say so – ersetzt den öffentlichen Diskurs durch engineering-basierte Politikfolgenabschätzung.
Falsche Objektivität, richtige Finanzierung
Projekte wie DisAI, FARE_AUDIT oder SMIDGE demonstrieren die Tiefe dieses Paradigmenwechsels. Ihre Methodik basiert auf Indikatoren, die in ihrer Konstruktion bereits die Diagnose vorwegnehmen. Der Filter wird zum Beweisinstrument, die Klassifikation zur Wirklichkeit. Dabei wird nie gefragt, wer klassifiziert. Nie diskutiert, wer die Grenzwerte definiert, nach denen etwas als „toxisch“, „manipulativ“ oder „desinformierend“ gilt.
Die epistemische Frage wird technokratisch umgangen. Die politische Implikation jedoch ist fundamental: Die Entscheidung, was als gefährlich gilt, wird nicht mehr öffentlich getroffen, sondern algorithmisch operationalisiert. Die Demokratie wird damit von einem Diskursprojekt zu einem Überwachungskomplex im “Soft-Modus”.
Und dennoch: Der wissenschaftliche Glanz bleibt. Denn die Förderung kommt nicht trotz, sondern wegen dieser epistemischen Flachheit zustande. Ein Projekt, das keine Bedrohung identifiziert, wäre ein Förderfehlschlag. Erkenntnis wird zum Nachweis der Finanzierungswürdigkeit. Der Publication Bias ist eingebaut.
Kognitive Architekturen des Misstrauens
Ein ganzer Cluster von Projekten widmet sich dem Thema Vertrauen und Misstrauen. EnTrust, MISTRUST, RESDEM und URiBMD untersuchen psychologische, soziologische und kulturelle Dynamiken, die das Vertrauen in Institutionen gefährden könnten – wobei die Rolle staatlicher oder medienpolitischer Fehlentscheidungen kaum analysiert wird. Misstrauen wird häufig pathologisiert: Wer zweifelt, ist nicht kritisch, sondern beeinflussbar.
Die Projekttitel suggerieren Offenheit, doch die Methodik verrät den Zweck: Die Bürger sollen durch bessere Kommunikation, durch Vertrauenstechnologien, durch Narrative und „affektive Pluralisierung“ (vgl. ENCODE) resilienter gemacht werden. Doch gegen was? Gegen falsche Informationen – so die Prämisse. Aber wer entscheidet, was falsch ist?
Diese Frage bleibt strukturell unbeantwortet – und doch ist sie die zentrale. Denn alle Projekte, ob sie nun Narrative kartieren, visuelle Vertrauensmechanismen untersuchen (VISUALTRUST) oder „Jiu-Jitsu“-Strategien gegen Impfgegner trainieren (JITSUVAX), basieren auf einem Vorwissen, das nie zur Disposition steht: Dass die Desinformation gefährlich ist, dass sie identifizierbar ist – und dass sie von „außen“ kommt.
Die Außenfeind-These
Projekte wie ARM, ATHENA, SAUFEX oder DIGIACT bedienen ein geopolitisches Narrativ: Desinformation kommt von Russland, China, autokratischen Regimen. Die Demokratien hingegen verteidigen sich – durch Monitoring, Visualisierung, strategische Kommunikationsinfrastruktur. Doch hier entsteht eine paradoxe Situation: In dem Maße, in dem Demokratien sich zur Verteidigung gegen Informationskrieg rüsten, übernehmen sie selbst die Instrumente, die sie eigentlich kritisieren: semantische Kontrolle, politische Rahmung, Inhaltsregulierung, Zensur durch Moderation.
So wird aus der Schutzbehauptung eine Architektur der Gegenaufklärung – und aus der Verteidigung ein Vorwand zur normativen Steuerung von Diskurs.
Fact-Checking, Gamification und die neue Moralphysik
Faktenprüfung, wird in Projekten wie Co-Inform, WeVerify oder MediaFutures zum modularisierten Verifikationsdienst. Start-ups, Künstler und Datenwissenschaftler sollen gemeinsam an der Verteidigung der Wirklichkeit arbeiten – mit Visualisierungen, Plug-ins, didaktischen Interventionen. Der Zugang zur Welt wird mediendidaktisch choreografiert. Die Realität erscheint nur noch in jenen Formaten, die systemkonform validiert wurden.
Was entsteht, ist eine neue Moralphysik: Ein sozio-technisches System, das eine Welt erschafft, in der Wahrheit nicht mehr Ergebnis von Streit ist, sondern eine Konvergenz aus Datenmodell, Förderantrag und Ethikpapier.
“Die Wahrheit” als Infrastruktur
Die Wirklichkeit dieses Apparats lässt sich nicht an einzelnen Projekten festmachen, sondern nur an seiner Gesamtarchitektur. Der Komplex besteht nicht aus den Akteuren, die er hervorbringt – sondern aus den Verbindungen, die er zwischen ihnen etabliert:
Forschungsprojekte
Projekte wie AI4Trust, vera.ai (Öffnet in neuem Fenster) oder WHAT-IF entwickeln technische Infrastrukturen zur algorithmischen Erkennung von „toxischen Narrativen“, „problematischen Inhalten“ und „Informationsanomalien“.
Sie schaffen Klassifikationssysteme, Risiko-Indizes und automatisierte Frühwarnmechanismen für Desinformation.
Universitäten
Zentral beteiligt sind Forschungseinrichtungen wie die Vrije Universiteit Amsterdam, die LMU München, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), die Universität Kopenhagen oder das Kempelen Institute of Intelligent Technologies.
Diese Hochschulen agieren zunehmend als strategische Projektträger für politische oder sicherheitspolitisch konnotierte Forschung.
Sie sind oft Teil größerer EU-Konsortien und produzieren dabei nicht nur Grundlagenforschung, sondern auch technische Werkzeuge mit regulatorischer Anschlussfähigkeit.
NGOs /NPOs
Organisationen wie EU DisinfoLab, Tactical Tech, oder First Draft übernehmen operative Funktionen im Desinformationskomplex.
Sie betreiben Monitoring, organisieren Trainings, erstellen Policy-Empfehlungen und fungieren als Intermediäre zwischen Wissenschaft, Politik und Plattformregulierung.
Einige NGOs haben zudem offiziellen „Trusted Flagger“-Status und melden Inhalte direkt an Plattformen oder Behörden.
Cluster
Zusammenschlüsse wie das European Digital Media Observatory (EDMO) oder nationale EDMO-Hubs konsolidieren Forschung, NGO-Aktivitäten und Plattformberatung.
Sie übersetzen technische Forschungsergebnisse in praxisnahe Handlungskataloge, Trainingsprogramme und politische Positionspapiere.
Medienpartner
Öffentlich-rechtliche und transnationale Medienhäuser wie ARD, Deutsche Welle, ZDF usw. verbreiten die daraus resultierenden Narrative über ihre Kanäle.
Häufig sind sie selbst Teil der Projekte oder wirken als Multiplikatoren für EDMO- und NGO-Positionen.
Plattformen
Unternehmen wie Twitter/X, Meta, TikTok oder YouTube stehen unter regulatorischem Druck, die Erkenntnisse aus den genannten Strukturen in ihre Moderations- und Löschpraxis zu integrieren.
Sie arbeiten direkt mit NGOs und EU-Projekten zusammen, um „Desinformation“ zu identifizieren und zu bekämpfen – oft auf Basis diffuser, wissenschaftlich nur schwach validierter Kriterien.
So entsteht ein epistemisches Ökosystem, das nicht die Vielfalt des Diskurses stärkt, sondern ihn über formalisierte Indikatoren reduziert. Nicht die Wahrheit wird verteidigt – sondern ihre Simulakren.
Die Grundlage dieses sich selbst verstärkenden Systems ist die selektive Finanzierung. Projekte wie AI4Dignity (Öffnet in neuem Fenster), AI4Deliberation (Öffnet in neuem Fenster) oder das European Digital Media Observatory (EDMO) (Öffnet in neuem Fenster)werden mit Millionenbeträgen ausgestattet. Sie sollen nachweisen, wie gefährlich Desinformation sei – ein Forschungsauftrag, der keine offene Frage stellt, sondern eine Bedrohung als axiomatische Wahrheit voraussetzt.
Die Studie AI4Dignity – AI and Extreme Speech (Öffnet in neuem Fenster) operiert genau in diesem Modus. Sie behauptet, automatisierte Systeme seien notwendig, um "extreme speech" im Netz zu erkennen, thematisiert jedoch kaum die demokratietheoretischen Gefahren solcher Systeme. Der Bericht präsentiert Ethik als Feigenblatt für automatisierte Inhaltskontrolle und vermischt Begriffe wie „extreme“, „toxisch“ und „desinformierend“ ohne konzeptionelle Schärfe. Dass hier ein regulatorisches Instrumentarium legitimiert wird, bleibt unkommentiert – und wird so zur stillen Akklamation politischer Macht.
Gleichzeitig zeigt eine andere von uns analysierte Studie, "COVID-related misinformation migration to BitChute (Öffnet in neuem Fenster)", exemplarisch, wie selektiv diese Forschung mit Realität umgeht. Die Autoren untersuchen gelöschte YouTube-Videos – allerdings ohne Zugang zu deren Inhalt. Die Analyse basiert allein auf Videotiteln und Metadaten. Dennoch werden weitreichende Schlussfolgerungen gezogen: dass alternative Plattformen ein Risiko seien, dass Gegenmaßnahmen nötig seien, dass diese Migration „beobachtet“ und eingehegt werden müsse. Die wissenschaftliche Evidenz bleibt dünn, der politische Nutzen groß.
Technokratische Simulation von Erkenntnis
Der erkenntnistheoretische Gehalt vieler dieser Studien bleibt fragwürdig. So auch bei der Arbeit „Classification aware neural topic model for COVID-19 disinformation categorisation (Öffnet in neuem Fenster)“ (CANTM). Hier wird ein KI-Modell vorgestellt, das Desinformation „automatisch“ erkennen soll. Grundlage ist ein manuell annotierter Datensatz mit gerade einmal mittlerer Übereinstimmung (Cohen’s Kappa: 0,46). Die Forscher filtern „schlechte Annotatoren“ einfach aus – und erklären die Ergebnisse anschließend zur wissenschaftlichen Basis für automatisierte Inhaltsbewertung. Eine performative Wahrheit entsteht: Ein Modell beweist, was es zu beweisen hatte – weil es nur mit Daten trainiert wurde, die seiner Behauptung dienen.
Auch andere Studien, etwa „On the Impact of Dataset Size: A Twitter Classification Case Study (Öffnet in neuem Fenster)“, operieren in diesem Zirkelschluss. Sie testen, wie viele Daten man benötigt, um Tweets als „relevant“, „irrelevant“ oder „schädlich“ zu klassifizieren – ohne je zu fragen, wer eigentlich mit welcher Autorität diese Begriffe definiert. Die Gesellschaft wird zum Datensatz, die Demokratie zur Funktion eines neuronalen Netzes.

Die Illusion der Neutralität
Eine zentrale rhetorische Strategie im EU-Desinformationskomplex ist der Verweis auf „wissenschaftliche Objektivität“. Doch was objektiv scheint, ist häufig normativ aufgeladen. Studien wie die BitChute-Migration oder die COVID-News-Klassifikation der PLOS ONE-Studie verwechseln Korrelation mit Kausalität, setzen politische Ablehnung mit Desinformation gleich und stützen sich auf Blackbox-Klassifikatoren, deren Fehlerraten kaum thematisiert werden.
Besonders deutlich wird das in der Studie „Comparison between parameter-efficient techniques and full fine-tuning (Öffnet in neuem Fenster)“, die Klassifikationssysteme für Multilingual News analysiert. Auch hier: technische Exzellenz ohne politische Reflexion. Die Vorstellung, man könne per KI journalistische Inhalte auf „Framing“, „Manipulation“ oder „Genre“ klassifizieren, wird als neutraler Fortschritt verkauft – ohne zu thematisieren, dass solche Klassifikationen tief in Debatten über Meinungsfreiheit, Medienpluralismus und demokratische Diskurse eingreifen.
Der Wissenschafts-Förder-Kreislauf
Aus dieser Analyse ergibt sich ein strukturelles Problem: Die Wissenschaft, die Desinformation erforscht, ist in vielen Fällen nicht von außen beauftragt, sondern durch EU-Gelder existenziell in den Diskurs eingebunden. Sie bestätigt – teils mit fragwürdiger Methodik – die Gefahrenlage, die ihre eigene Finanzierung legitimiert. Der Verdacht eines Publication Bias ist nicht nur berechtigt, sondern empirisch belegbar: Fast alle untersuchten Studien enden mit der Forderung nach mehr Mitteln, mehr Regulierung, mehr technischer Aufrüstung. Kritik am Paradigma findet kaum statt – und wird, wenn sie auftaucht, systematisch marginalisiert. Dieser Zirkel ist nicht bloß ein akademischer Fehlanreiz – er ist ein politisch-medialer Machtkomplex, der in seiner Selbstdynamik zunehmend immun gegenüber Kritik wird.
Eine Auswahl – kein Einzelfall
Die behandelten Studien sind nur ein kleiner Ausschnitt aus einer wachsenden Flut an Projekten, Whitepapers, Policy Briefs und KI-Systemen, die im Rahmen der EU-Strategie gegen Desinformation gefördert werden. Sie alle eint ein zentrales Merkmal: die affirmative Reproduktion eines Problems, das sie selbst nicht unabhängig beobachten, sondern bereits in ihrer methodischen Grundstruktur als Gefahr voraussetzen.
Diese Studien sind weder wertlos noch irrelevant – aber sie müssen im Kontext ihrer politischen Einbettung gelesen werden. Ihre Aussagen sind nicht objektiv, sondern Teil eines diskursiven Rahmens, der Wahrheit zunehmend durch algorithmisch erzeugte Wahrscheinlichkeit ersetzt und Widerspruch als Störung pathologisiert.
Schlussbetrachtung: Vom Beweis zur Begründung – Wie die EU ihren Wahrheitsapparat legitimiert
Die europäische Forschung zu Desinformation ist längst nicht mehr primär Erkenntnisinstrument, sondern Bestandteil eines regulatorischen Wahrheitsregimes. Was als Schutz vor „Fake News“ begann, hat sich zu einem systemischen Kreislauf verfestigt – ein epistemisches Ökosystem, das seine eigene Notwendigkeit ständig reproduziert und damit die offene Gesellschaft, die es zu verteidigen vorgibt, zunehmend formalisiert, vermisst und entdemokratisiert.
Die analysierten Studien – sind exemplarisch für einen Forschungsbetrieb, der seine Legitimation aus dem Problem zieht, das er untersucht. Ihr gemeinsames Strukturmerkmal: die Simulation von Objektivität durch technische Verfahren, die normativ aufgeladen sind, ohne dies transparent zu machen. Wahrheit oder Lüge wird hier nicht mehr als diskursive Kategorie verhandelt, sondern als „toxisches Muster“ erkannt, als „Abweichung“ vom Algorithmus klassifiziert, als „epistemische Bedrohung“ kodiert.
Doch wer Wahrheit automatisiert, der verschiebt ihre Aushandlung vom Forum in den Serverraum, von der Gesellschaft in den Code. Und wer zugleich die finanziellen Mittel vergibt, um diese Infrastruktur zu bauen, kontrolliert nicht nur die Interpretation der Gegenwart, sondern die Architektur ihrer Zukunft.
Das ist kein Nebeneffekt. Das ist das System.
Die technokratisch-moralische Allianz, die sich hier formiert hat, basiert nicht auf Fehlentwicklungen, sondern auf einem tief eingebetteten politischen Paradigma: Die Idee, dass Wahrheit nicht verhandelt, sondern gesichert werden müsse. Dass Diskurse nicht frei, sondern resilient sein müssten. Dass Demokratien sich verteidigen, indem sie Widerspruch verwalten.
299.585.505,32 Euro – diese Summe steht nicht für eine einzelne Maßnahme, sondern für einen Paradigmenwechsel. Sie steht für eine neue Staatsform der Wahrheitsproduktion, in der politische Agenda, wissenschaftliche Evidenz und technische Infrastrukturen nicht mehr getrennt, sondern zirkulär verkoppelt sind.
Das EU-Fördersystem hat damit nicht nur ein Forschungsfeld erschaffen, sondern ein Wahrheitsdispositiv: Universitäten schreiben Studien über die Gefahr von Desinformation, NGOs übersetzen diese in Handlungsanleitungen, Medien verbreiten sie, Regierungen verweisen darauf – und die nächste Förderphase beginnt. Dieser Kreislauf ist keine Verschwörung, sondern eine sich selbst stabilisierende Konvergenz von Interessen, deren Output keine objektive Wahrheit ist, sondern politische Operationalisierbarkeit.
Wichtig ist auch: Ein erheblicher Teil der hier mit Millionenbeträgen entwickelten Anwendungen, Plattformen oder Studien verschwindet nach Projektende nahezu vollständig aus dem öffentlichen Diskurs. Viele Tools werden weder fortlaufend gepflegt noch in die Breite implementiert – sei es aus Mangel an Anschlussfinanzierung oder wegen begrenzter praktischer Relevanz. Was bleibt, ist oft eine temporär befüllte Projektwebseite, ein PDF-Report im EU-Register und ein Tool-Dummy auf GitHub. Die Ergebnisse, auf denen politische Maßnahmen fußten, geraten mit Ablauf des Förderzeitraums zunehmend in Vergessenheit – nicht etwa, weil sie widerlegt wurden, sondern weil sie epistemisch kaum tragfähig waren oder schlicht keinen gesellschaftlichen Nachfrageeffekt hatten. Damit manifestiert sich ein weiteres Element des Zyklus: Der Erkenntniswert vieler Projekte ist strikt an ihre Förderlogik gebunden – mit deren Ende sinkt auch ihr Wahrnehmungs- und Wirkungsradius. Die Wissensproduktion wird zur Projektware, ihre Halbwertszeit zur Dauer des Reporting-Zyklus.
Dies ist erst der Anfang der Analyse.
Die in dieser Analyse behandelten Studien und Projekte bilden lediglich ein Segment des Gesamtkomplexes. Sie zeigen, wie der wissenschaftliche Apparat in den Desinformationskomplex integriert wurde, wie akademische Legitimationsproduktion funktioniert – aber sie sind nicht das ganze System.
Denn die zweite Säule dieser Ordnung, die wir im kommenden Analyse auf diesem Blog beleuchten werden, ist zivilgesellschaftlich: NGOs, Stiftungen, „Trust & Safety“-Bündnisse, Fact-Checking-Konsortien und medienpädagogische Initiativen, die sich moralisch als Verteidiger der Demokratie inszenieren – und strukturell als Akzeleratoren eines Systems fungieren, das den Meinungskorridor engführt, den Diskurs formalisiert und die Abweichung delegitimiert.
Wir werden zeigen, wie stark diese Akteure über EU-Fördermittel gesteuert werden. Wie sie eng mit Plattformen, Regulierungsbehörden und Thinktanks vernetzt sind. Wie sie sich auf wissenschaftliche Evidenz berufen, die sie zum Teil selbst mitgestalten. Und wie sie unter dem Banner der Aufklärung dazu beitragen, eine neue digitale Infrastruktur der Kontrolle zu etablieren – samt Watchdogs, automatisierten Monitoring-Systemen und einer neuen Semantik des Verdachts.
Der Desinformationskomplex ist keine Verschwörung. Er ist eine Governance-Struktur, die Wahrheit zur verwaltbaren Ressource gemacht hat.
Er ist die stille Bürokratisierung des Dissens.
Teil 2 zu dem Desinformations-NGO Komplex folgt als nächstes…