von Stefan Hünl

Ein Moment der Wahrheit für die Republik
Wir schreiben den März 2026, und die Berliner Republik erlebt einen Moment der moralischen Zäsur. Der Fall der Moderatorin Collien Fernandes hat ein Schlaglicht auf die Abgründe sexualisierter digitaler Gewalt geworfen. Eine Realität aus Fake-Profilen, Deep-Fake-Sex-Pornos und massiven Morddrohungen. Doch während die Gesellschaft über den Schutz von Frauen debattiert, erleben wir im Kanzleramt einen rhetorischen Offenbarungseid.
Bundeskanzler Friedrich Merz reagiert auf das Leid einer Frau nicht mit Verständnis und Empathie, sondern mit der bewährten Taktik des Wegsehens und der Herablassung. Es ist die Stunde Null für ein System, das Gewalt gegen Frauen erst privatisiert und sie dann, wenn es politisch opportun erscheint, rassistisch instrumentalisiert.

Es folgen meine Fünf Takeaways nach der Regierungsbefragung zum Thema »Digitale und Analoge Gewalt gegen Frauen«.
Die Kunst des "Mansplaining" im Hohen Haus

In der Regierungsbefragung am 25. März 2026 wurde das Parlament Zeuge einer Machtdemonstration der besonders peinlichen Art. Als die Grünen-Abgeordnete Lena Gumnior den Kanzler für sein tagelanges Schweigen zur Rede stellte, konterte Merz mit einem Akt des klassischen "Mansplaining". Dass Gumnior mit 33 Jahren bereits eine promovierte Rechtswissenschaftlerin ist, schien den Kanzler wenig zu interessieren. Statt inhaltlich auf das Grauen der digitalen Gewalt einzugehen, versuchte er, ihre Expertise durch Verweise auf fehlende Dienstjahre zu diskreditieren. Ein billiger Reflex, um die eigene inhaltliche Leere zu kaschieren.
"Frau Kollegin, darf ich zunächst einmal festhalten, dass nicht nur die Frauen in diesem Land über dieses Thema diskutieren und sprechen, sondern auch viele Männer. [...] Und ich weiß nicht, wie lange Sie dem Deutschen Bundestag schon angehören."
Besonders entlarvend: Merz behauptet kühn, Männer würden dieses Thema "intensiv diskutieren". Es ist die Arroganz eines Mannes, der für einen Altherrenclub spricht, der in der Realität jedoch vor allem eines tut: Ausweichen.
Wer, außer den Betroffenen selbst, steht wirklich auf? Merz’ Versuch, sich als Teil einer reflektierten männlichen Debatte zu inszenieren, ist nichts weiter als eine Manöver, das den männlichen Status Quo schützen soll.
Rassismus als rhetorischer Rettungsanker

Wenn der Kanzler unter Druck gerät, greift er gerne und oft zur rassistischen Ablenkung.
Es ist eine groteske Inversion der Tatsachen, da der Auslöser der Debatte, der Fall Fernandes/Ulmen, keinerlei Migrationsbezug bietet:
Collien Fernandes ist eine migrantisierte Frau.

Der mutmaßliche Täter, Christian Ulmen, ist ein „weiß etablierter“, deutscher Mann aus Rheinland-Pfalz.

Dennoch schaffte Merz das Kunststück, das Thema Gewalt gegen Frauen im Plenum binnen Sekunden auf "Zuwanderergruppen" umzubiegen. Diese Sündenbock-Taktik ist brandgefährlich.
Indem Merz von "explodierender Gewalt" durch Migranten schwadroniert, projiziert er ein strukturelles, deutsches Problem nach außen. Es ist politisch bequemer, über Grenzschutz und Abschiebung zu dozieren, als sich dem hausgemachten Patriarchat zu stellen, das in deutschen Wohnzimmern und auf deutschen Servern wütet.
Merz nutzt den Schutz von Frauen als Deckmantel für rassistische Stimmungsmache – ein Muster, das man bisher eher aus dem Giftschrank der AfD kannte.
Die Realität vs. Das Merz-Narrativ
Die Faktenlage aus den Sicherheitsbehörden spricht eine Sprache, die in der Merzens Welt keinen Platz findet. Hier prallen statistische Wahrheiten auf gezielte Desinformation des Kanzleramtes:
• Statistik: 70 bis 80 % der Gewalt gegen Frauen findet im sozialen Nahraum (Partner, Ex-Partner, Familie) statt.
• Realität: Über 130 Femizide im Jahr 2024 zeigen: Der gefährlichste Ort für eine Frau ist das eigene Zuhause, nicht die dunkle Parkbank.
• Der Fall Fernandes: Der Täter ist kein „Zuwanderer“, sondern stammt aus der Mitte der Gesellschaft (Rheinland-Pfalz).
• Merz-Fiktion: Der Kanzler behauptet, ein „beachtlicher Teil“ der Gewalt sei importiert, und ignoriert damit den täglichen Terror in deutschen Beziehungen.
Indem Merz die tatsächlichen Gefahrenorte leugnet, verhöhnt er jedes Opfer, dessen Peiniger keinen Migrationshintergrund hat. Er verweigert den Frauen den Schutz, den sie dort bräuchten, wo sie am verletzlichsten sind.
Ein Blick in die Vergangenheit — Das Muster des Patriarchen

Die Empathielosigkeit des Kanzlers ist kein Betriebsunfall, sondern die konsequente Modernisierung einer tief verwurzelten patriarchalen Geisteshaltung.
Ich muss daran erinnern:
1997 stimmte Friedrich Merz gegen die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe. Damals war ihm die "Heiligkeit der Ehe" wichtiger als die körperliche Unversehrtheit der Frau.
Heute hat er seinen Habitus lediglich aktualisiert. 1997 schützte er das Private vor dem Gesetz, 2026 schützt er das nationale Narrativ vor der hässlichen Wahrheit des einheimischen Sexismus. Diese Kontinuität der Ignoranz lässt tief blicken. Es ist kein Wunder, dass Abgeordnete wie Robin Wagener im Plenum klare Worte finden mussten:
"Als Mann schäme ich mich dafür, wie wenig Empathie und klare Entschlossenheit Sie angesichts der krassen sexualisierten Gewalt zum Ausdruck bringen."
Kulturkampf statt Prävention

Hinter der Fassade der vermeintlichen "Sicherheitspolitik" betreibt die Regierung Merz einen gnadenlosen Kahlschlag gegen die Zivilgesellschaft. Während der Kanzler vorgibt, Frauen schützen zu wollen, streichen seine Minister die Mittel für ebenjene Projekte, die Gewalt verhindern könnten.
Familienministerin Karin Prien rechtfertigt Kürzungen bei "Demokratie leben!" damit, das Programm sei zu "linksliberal" — als ob der Schutz der Demokratie ein parteipolitisches Hobby wäre. "Linksliberal" ist halt nicht "rechtskonservativ", beides sollte aber in einer streitbaren Demokratie nebeneinander existieren dürfen. Priens Argument entlarvt sich rasch als Heuchelei, wenn der "Demokratie Leben!" aufgrund eines politischen Bias Mittel gekürzt werden und die Mittel der "Republik21" verdoppelt werden. Eine "Denkfabrik" (wobei das Denken in dem Kontext äußerst fragwürdig ist), deren Ziel es ist jeglichen Widerstand gegen eine Zusammenarbeit mit der rechtsextremen AfD zu beseitigen und eine Art MAGA-ähnlichen Zustand zu beschwören. Das sind bereits faschistische Grundtendenzen.
Apropos faschistische Tendenzen: Innenminister Alexander Dobrindt entzog dem Projekt "Radikale Töchter" die Förderung. Der investigative Verdacht liegt nahe: Die Gründerin des Projekts hatte zuvor eine erfolgreiche Petition gegen Merz gestartet. Merz selbst quittierte die Kritik an den Kürzungen bei der Amadeu Antonio Stiftung süffisant mit der Bemerkung, es sei ein "gewünschtes Ergebnis", Organisationen, die der Opposition nahestehen, finanziell auszutrocknen. Das ist keine Sicherheitspolitik, das ist nackte, rachsüchtige Machtpolitik auf dem Rücken der Schwächsten.

Wenn der Kanzler Frauen allein lässt
Friedrich Merz ist der Prototyp eines politischen Systems, das Frauenrechte nur als rhetorische Manövriermasse begreift. Er belehrt fachlich überlegene Kolleginnen, er instrumentalisiert migrantisierte Opfer für rassistische Erzählungen und er entzieht der Präventionsarbeit die Lebensgrundlage.
Wenn es darauf ankommt, Strukturen aufzubrechen, die Missbrauch ermöglichen, zieht sich dieser Kanzler in die Schmollecke der "ehrenrührigen" Beleidigung zurück.
Was sagt es über den Zustand dieser Republik im Jahr 2026 aus, wenn der Schutz von Frauen nur dann Gewicht hat, wenn er in das Raster einer rechten Kulturkampf-Agenda passt?
Wollen wir wirklich einen Kanzler, für den Empathie eine Schwäche und Rassismus eine Strategie ist?
https://www.funfacts.de/merz-weg-button (Öffnet in neuem Fenster)Die Antwort auf diese Frage wird entscheiden, ob wir eine Gesellschaft bleiben, die Frauen wirklich schützt oder eine, die sie im entscheidenden Moment der Wahrheit erneut allein lässt.
Analyse der Regierungsbefragung & Gewaltprävention (März 2026)
Zu Takeaway 1 & 2: Die Regierungsbefragung vom 25. März 2026
Deutschlandfunk (25.03.2026): „Regierungsbefragung: Merz sieht ‚explodierende Gewalt‘ in Deutschland“. (Dokumentation der Aussagen zum Migrationsbezug und der Replik an Dr. Lena Gumnior).
[URL: deutschlandfunk.de/merz-regierungsbefragung-gewalt-maerz-2026]
Tagesspiegel (25.03.2026): „Im analogen und digitalen Raum: Merz sieht Zusammenhang zwischen Gewalt und Zuwanderung“. (Bericht über die Kritik der Opposition an der rhetorischen Verschiebung des Themas).
[URL: tagesspiegel.de/politik/merz-gewalt-digital-analog-zuwanderung]
Zu Takeaway 3: Der Fall Fernandes/Ulmen & Kriminalstatistik
SRF News (19.03.2026): „Virtuelle Vergewaltigung: Collien Fernandes erhebt Vorwürfe gegen Ex-Mann“. (Hintergründe zur Anzeige wegen Deepfake-Pornografie).
[URL: srf.ch/news/international/fernandes-ulmen-digitale-gewalt]
Deutschlandfunk Kultur (20.03.2026): „Identitätsdiebstahl und digitale Gewalt: Der Fall Fernandes“. (Einordnung der Tatmotive im sozialen Nahraum vs. politische Instrumentalisierung).
[URL: deutschlandfunkkultur.de/fall-fernandes-digitale-gewalt-kontext]
Bundeskriminalamt (BKA) / Frauenhauskoordinierung: „Bundeslagebild Häusliche Gewalt 2024/2025“. (Statistischer Beleg: Über 70 % der Gewalt gegen Frauen geschieht durch (Ex-)Partner).
[URL: frauenhauskoordinierung.de/fakten/statistiken-gewalt-2024]
Zu Takeaway 4: Historischer Kontext (1997)
Deutschlandfunk (Archiv): „Vor 25 Jahren: Als der Bundestag die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe beschloss“. (Beleg für das Abstimmungsverhalten von Friedrich Merz gegen die Reform).
[URL: deutschlandfunk.de/archiv-vergewaltigung-ehe-abstimmung-1997]
Zu Takeaway 5: Mittelkürzungen & Förderung von „Republik21“
Stiftung Aktive Bürgerschaft (24.03.2026): „Bund will Programm ‚Demokratie leben‘ grundlegend umbauen“. (Bericht über die geplanten Kürzungen durch das Ministerium von Karin Prien).
[URL: aktive-buerschaft.de/demokratie-leben-umbau-prien]
Campact Blog (22.01.2026): „R21: Mit Spahns Millionen gegen die Brandmauer?“. (Recherche zur massiven Erhöhung der Fördermittel für die Denkfabrik Republik21).
[URL: campact.de/blog/republik21-finanzierung-kritik]
Deutscher Bundestag (Drucksache 21/2889): „Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage zur institutionellen Förderung der Denkfabrik R21“. (Offizielle Bestätigung der Fördersummen).
[URL: dserver.bundestag.de/btd/21/028/2102889]
Ergänzende Zitate aus der Regierungsbefragung (25.03.2026)
Friedrich Merz zu Dr. Lena Gumnior (Bündnis 90/Die Grünen):
"Frau Kollegin, darf ich zunächst einmal festhalten, dass nicht nur die Frauen in diesem Land über dieses Thema diskutieren und sprechen, sondern auch viele Männer. Und ich gehöre dazu. [...] Und ich weiß nicht, wie lange Sie dem Deutschen Bundestag schon angehören, aber wir haben als Union bereits in der letzten Periode Schutzlücken identifiziert."
Robin Wagener (Bündnis 90/Die Grünen) an den Bundeskanzler:
"Als Mann, Herr Bundeskanzler, schäme ich mich dafür, wie wenig Empathie und klare Entschlossenheit Sie angesichts der krassen sexualisierten Gewalt zum Ausdruck bringen. Es sollte nicht auf den Mut der Opfer ankommen, sondern auf die Kraft des Rechtsstaates."
Friedrich Merz zur Kriminalitätsentwicklung:
"Wir müssen über die explodierende Gewalt sprechen, und wir müssen dabei auch über Zuwanderergruppen sprechen, die ein völlig anderes Frauenbild in unsere Gesellschaft tragen."
MRZLCK🥚🥚
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