In den letzten Monaten wurde das Gefühl immer stärker, dass sich bei der Arbeit etwas in mir verhakte. Ich schleppte mich rein, ich schleppte mich raus und dazwischen schleppte ich mich durch die Aufgaben meines Tages. Es sind nicht viele Stunden, sagte ich mir. Es ist ein guter Job, wiederholte ich mantraartig und bemühte mich, dabei nicht sofort ein Aber anzuschließen. Je länger das so ging, desto größer wurde das Aber, desto schwerfälliger waren meine Gedanken und desto härter kämpfte ich, meinen Fokus zu halten. Wenn ich neue Aufgaben übernahm oder schlicht welche erledigte, erschien es mir, als würden sich meine gutgelaunten Worte langsam über grobes Schmirgelpapier schieben, das kleine Löcher in eine schimmernde Hülle riss, bis das Klar, kann ich das machen angekratzt in die Welt hinaus fiel.
Ich kenne diese Widerstände aus Beziehungen, Freundschaften und Liebschaften, aus Wohnsituationen und natürlich von meinen verzweifelten Versuchen, diese Sache mit dem Alkohol auf die Reihe zu bekommen. Sie sind immer da, wenn ich mich bemühe, zu funktionieren, den Frieden nicht zu stören und meine Bedürfnisse nicht zu ernst zu nehmen. Sie sind da, wenn ich versuche, das Richtige zu sagen, einen Streit beizulegen, obwohl ich noch sauer bin, oder einem Menschen, den ich nicht liebe, zu sagen, dass ich ihn liebe.
Als ich mit dem Trinken aufhörte, stellte sich etwas ein, das ich nur aus vorherigen nüchternen Phasen kannte: Etwas in mir begann zu fließen. Je weniger ich versuchte, diesen großen dunklen Teil meiner Innenwelt zu verstecken, desto ehrlicher wurde ich zu mir selbst und zu anderen. Zunächst erschien mir meine neu gefundene Ehrlichkeit wie eine Notwendigkeit: Ich brauchte sie, um meine Nüchternheit zu schützen. Gegen offensichtliche Widerstände zu arbeiten, mich anzupassen und zu verleugnen, war schlicht eine Gefahr für mein Leben. Mir ein langfristig nüchternes Leben aufzubauen war dabei nicht nur eine innere Motivation, sondern verlieh auch jeder neuen Grenze eine starke Legitimation.
Zu erst fiel jede Menge Offensichtliches weg: Meinen verhassten Job kündigte ich. Eine Freundschaft, in der ich nie zu Wort kam, ließ ich ausschleichen. In meiner damaligen Beziehung wurde ich ehrlicher, bis wir beide merkten, dass wir nicht mehr zueinander passten. Ich verließ Situationen, in denen ich mich nicht wohl fühlte, schneller und verschob meinen Fokus mehr auf Menschen und Tätigkeiten, die mir Kraft gaben. Und siehe da: Mein Leben wurde weniger anstrengend.
Doch alte Gewohnheiten sind hartnäckig und die meisten Umstände nicht objektiv gut oder schlecht. Und, wie viele von uns, lebe ich schon so lange mit meinen Widerständen, dass sie zu einer kaum differenzierbaren Unterströmung geworden sind. Leben ist nun einmal anstrengend. Fühlen kann nun einmal unangenehm sein. Beziehungen sind halt Arbeit. Und wie zur Hölle soll ich eigentlich entscheiden, was erforderlich ist: Muss ich die Situation verändern oder meine Sicht darauf?
Als ich aus der Reha kam, drängten sich mir mit großer Macht zwei Fragen auf: 1. Führe ich meine Beziehung weiter? 2. Bleibe ich in meinem Job? Auf beide Fragen erschien mir die Antwort alles andere als klar. Die Beziehung war nicht toxisch - Er ist ein guter Typ, den ich sehr mag. Er ist lieb und schlau, wir verstehen uns gut, streiten kaum und nach ein paar Startschwierigkeiten konnte ich mir immer mehr vorstellen, mir ein Leben mit ihm aufzubauen. Mein Job ist ebenfalls nicht toxisch: Ich arbeite in einem spannenden, sich ständig verändernden Feld; er bringt sogar ein bisschen Prestige, ist gut bezahlt und im Team (sowohl im Kleinen wie auch im Großen) sind alle unheimlich nett.
Und trotzdem entschied ich mich gegen beide.
Was einkehrte, als sich der Staub gesetzt hatte war: Ruhe. Es ist eine besondere, beinahe magische Ruhe, die sich dort ausbreitet, wo vorher Dissonanz war. Sie ist da, wo ein Gespräch nicht einfach endet, sondern wo es Klarheit und Verständnis schafft. Sie ist da, wo wir ein lange verleugnetes Bedürfnis endlich ernstnehmen. Sie erlaubt es uns, die Konsequenzen, die sich aus einer schwierigen Entscheidung ergeben, zwar zu sehen, aber uns nicht mehr so sehr vor ihnen zu fürchten, dass wir erstarren. Für mich ist sie das beste Signal dafür, dass eine Entscheidung richtig war.
Wenn die Ruhe da ist, dass wir uns für das Richtige entschieden haben, wird auch die Frage weniger dringlich, ob wir die Situation oder unsere Sicht darauf verändern müssen. Auch hier ist die Erfahrung der Nüchternheit eine nützliche Blaupause: Natürlich musste ich mich verändern, um nüchtern zu bleiben. Natürlich galt es, an meinen Glaubenssätzen über Alkohol zu arbeiten und natürlich war es manchmal unangenehm. Doch ich tat all das, weil ich die Sache ansich wollte. Einfach gesagt: Die Arbeit an etwas ist weniger aufreibend, wenn ich ihr Ergebnis will. Und die Ruhe dabei ist mein Kompass.
Glennon Doyle über psychische Erkrankungen
Vor ein paar Tagen erschien ein Interview mit der US-Amerikanischen Autorin Glennon Doyle in der Elle, in dem sie nach ihrer Sicht auf psychische Erkrankungen gefragt wurde. Wir haben den Ausschnitt für euch übersetzt - Das ganze Interview haben wir euch weiter unten verlinkt.
Ich stelle immer wieder fest, dass jene Menschen, die ich am meisten mag - die ich für die interessantesten halte, die am meisten für die Welt tun; die kreativsten, die freundlichsten, die leuchtenden Menschen - oft Menschen sind, die in irgendeiner Form psychisch krank sind. Viele kommen zur Sucht, weil sie eine tiefe Sensibilität oder eine Sehnsucht nach etwas haben, das anders ist als das, was sich im Alltag zeigt. Die Lücke zwischen der Akzeptanz von dem, was ist, und der Sehnsucht nach mehr - auch wenn das dazu führen kann, dass wir diese Sehnsucht mit Dingen stillen, die uns auf lange Sicht schaden - ist die Kunst, die Philanthropie und der Aktivismus. Wir können nach Dingen streben, die uns verletzen, aber wenn wir das für uns gelöst haben, bleibt noch immer dieses Streben. Und das entpuppt sich als alles, was in der Welt gut ist. Ich glaube, dass Menschen, die tief fühlen oder Ängste haben, oft einfach nur aufmerksam sind. Wenn man aufmerksam ist, gibt es eine Menge, worüber man sich Sorgen machen kann. Abgesehen davon können [psychische Krankheiten] ein echter Brocken sein.
https://www.elle.com/culture/celebrities/a42029479/glennon-doyle-podcast-we-can-do-hard-things-untamed-career/ (Öffnet in neuem Fenster)