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Patriarchy Chicken

Mia geht Männern nicht aus dem Weg

Neulich erlebte ich einen weiblichen Bonding-Moment, als mir Jen, eine neue Freundin von Kathrin, erzählte, dass sie aufgehört habe, Männern aus dem Weg zu gehen. »Omg!« rief ich, »Ich habe auch aufgehört, Männern aus dem Weg zu gehen!« Sofort tauschten wir Erfahrungen aus: Wie hoch die Verletzungsgefahr ist. Was passiert, wenn einer nicht zur Seite gehen will. Wie man mit der Wut umgeht.

Das Spiel ist nicht ganz neu – die britische Historikerin Charlotte Riley hat es vor ein paar Jahren auf ihrem Weg zur Arbeit erfunden und es Patriarchy Chicken getauft. Es war eine schockierende Erkenntnis für mich: Ich gehe den ganzen Tag Männern aus dem Weg, ohne es überhaupt zu merken.

Während Frauen zickzack laufen, Hindernisse umkreisen, ausweichen und sich in einem ewigen Tanz der Rücksicht verausgaben, pflügt ein Mann ungestört auf einer geraden Linie durch die Menge, die sich vor ihm erwartungsgemäß teilt wie die See.

Natürlich steckt dahinter selten eine böse Absicht. Männer sind ganz einfach darauf sozialisiert, so viel Raum einzunehmen, wie sie brauchen, um schnell und bequem durchs Leben zu kommen. Frauen hingegen lernen von frühster Kindheit an, sich zurück zu nehmen, sich klein zu machen, Platz zu machen. Patriarchy Chicken stellt dieses Ungleichgewicht spielerisch in Frage. Die simple Prämisse: Ich habe genauso viel Recht, hier zu sein, wie ein Mann.

Patriarchy Chicken Spielregeln

Die erste und größte Schwierigkeit beim Patriarchy Chicken besteht darin, dem starken Impuls zum Ausweichen zu widerstehen. Du wirst einen inneren Widerstand spüren, der den Männern völlig unbekannt ist, weswegen sie erst einmal klar im Vorteil sind.

Du kannst das Spiel auf unterschiedliche Arten spielen; Du kannst zum Beispiel wie zufällig an ihm vorbei schauen, als würdest du hinter ihm nach etwas Ausschau halten. Wenn er annehmen kann, dass es nicht deine Absicht war, dich ihm in den Weg zu stellen, wird dein Gegner – oder Mitspieler, je nachdem, welche Art von Feministin du bist – oft in letzter Sekunde einlenken.

 Wenn du den Blickkontakt hältst, gibt es zwei Schwierigkeitsstufen: mit Lächeln und ohne. Lächeln verwirrt ihn, denn du sendest damit widersprüchliche Botschaften: Dein Lächeln ist freundlich, weiblich, unterwürfig. Dein Geradeausgehen ist selbstsicher, männlich, dominant.

Wenn du in seine Richtung schaust, ohne zu lächeln, dich also wissentlich auf einen Dominanzkampf mit ihm einlässt, wird eine Konfrontation unausweichlich. Denn dann geht es um sein Ego. Und neuerdings auch um deins.

 Alles läuft sensorisch in so einem Moment. Männern nicht aus dem Weg gehen ist ein ganz eigener Sport, etwas sehr körperliches, energetisches. Du machst dich gerade, machst dich groß, schiebst die Brust vor, hebst das Kinn, versteinerst den Blick, konzentrierst die Kraft in deinem Torso und schiebst sie vor dir her wie einen unsichtbaren Panzer. Es kommt natürlich, wie bei allem, auch darauf an, ob du jung bist, oder groß, oder alt, oder weiß, oder schön.

 Je maskuliner der Mann, desto eher kann er erwarten, dass ich du ihm aus dem Weg gehst. Ein großer, breiter, raumgreifender Körper hat eine sofort überzeugende Dominanz; er ist stärker als du. Ein Mann mit einem solchen Körper kann sich ganz ohne Nachzudenken darauf verlassen, dass du ihm Platz machst, oft schon seit frühster Jugend. Wenn dieser Mann ein freundliches Gemüt hat, spürst du, dass ihm das gar nicht bewusst ist – er weiß nicht, wie ein Leben sich anfühlen würde, indem ihm nicht alle aus dem Weg gehen, genau so wenig, wie du dir bis gestern noch eine Welt vorstellen konntest, in der Männer dir aus dem Weg gehen.

Wenn du nicht ausweichst, ist er überrascht. Dann erinnert er sich an seinen beeindruckenden Körper, bleibt stehen, neigt sich ein wenig zu dir herab, wie zu einem Kind und winkt dich mit einem Lächeln und einer großzügigen Handbewegung an sich vorbei, als säße er in einem großen Auto und ließe aus purer Freundlichkeit eine Fußgängerin die Straße passieren.

Er macht dir zwar Platz, aber es ist klar: diese Straße gehört ihm.

Manche lenken nicht ein. Mit manchen wirst du zusammenprallen. Meist resultiert so ein Match in ein Unentschieden (beide bleiben stehen).

 Jen erzählt, dass sie neulich schon kurz davor war, sich mit einem zu schlagen. Es ist soweit, mein erster Fight, dachte sie elektrisiert, während das Adrenalin in ihren Körper schoss. Der Typ ließ sich dann aber doch nicht darauf ein.

Sie sagt, ihre Therapeutin unterstütze sie darin, Männern nicht mehr aus dem Weg zu gehen, aber sie musste ihr versprechen, dass sie sich nicht auf einen Kampf einlassen wird, bevor sie nicht mindestens ein Jahr Boxtraining hinter sich hat.

Laut Charlotte Riley geht es beim Patriarchy Chicken nicht um Wut. Doch natürlich kann es eine Herausforderung sein, nicht wütend zu werden, wenn dir klar wird, dass deine Bewegung im öffentlichen Raum so viel stärker von Gender Stereotypen reglementiert ist, als du dachtest.

Die Wut, die ich fühle, wenn ein Mann erwartet, dass ich ihm aus dem Weg gehe, ist nicht nur meine Wut. Die Wut ist kollektiv. Viele von uns sind wütend, wütend über ihr eigenes, jahrelanges Ausweichen, über die inhärente Botschaft: egal, wie viel du kannst oder weißt oder geschaffen hast in deinem Leben, egal, wie viel Respekt du dir verdienst, Männer – alle Männer, reich und arm, erfolgreich und erfolglos, gebildet und ungebildet – werden immer noch erwarten, dass du ihnen aus dem Weg gehst.

Wir fantasieren über eine Welt, in der wir uns kollektiv weigern, Männern aus dem Weg zu gehen. Man sollte eine Aktion machen, sagt Jen, wir verabreden uns auf einer großen Straße, wir gehen zusammen los, kilometerweit, ohne auch nur einem einzigen Mann aus dem Weg zu gehen.

Natürlich wäre es eine schönere, friedlichere Welt, wenn sich die Typen in dieser Hinsicht an den Frauen orientieren und nicht umgekehrt. Ein Feminismus, der einfach nur maskulines Verhalten imitiert, kann nicht die Antwort sein. Es wäre eine bessere Welt, wenn wir alle einander Platz machen würden.

Aber ich bin überaus pessimistisch. Die allermeisten Männer haben wenig bis kein Interesse, ihre Privilegien zu hinterfragen. Wenn Patriarchy Chicken eins zeigt, ist, dass wir gegenderte Verhaltensweisen vollkommen unbewusst performen. Und wie kann man erwarten, dass Leute, die ihr Verhalten sowieso schon nicht hinterfragen wollen, ein Verhalten hinterfragen, von dem sie nicht mal wissen, dass sie es haben?

Kategorie Bi-Weekly

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