Heute haben wir Franzi vom Pink Cloud Kollektiv zu Gast im SodaKlub. In der Folge erzählt sie uns, dass sie in ihrer frühen Nüchternheit ein Buch geschrieben hat. Wir freuen uns sehr, dass wir einen Auszug aus »Schattentänze« im Newsletter mit euch teilen können. Das Buch könnt ihr hier kaufen (Öffnet in neuem Fenster).

Es war einmal nicht weit vom Hier und Jetzt, ein kleines Vöglein. Ein zarter Flaum deutete bereits auf das prächtige Gefieder hin, welches es ausbilden würde. Das Vöglein befand sich allerdings nicht in einem behaglichen Nest, so wie andere Vöglein in seinem Alter, nein, es befand sich auf dem Boden, denn leider hat der Wind es aus seinem Nest gefegt. Das Vöglein hatte Glück im Unglück, denn wie durch ein Wunder überlebte es den Sturz und landete auf moosigen Untergrund. Hier war es ganz weich gebettet und konnte sich von dem Sturz erholen.
Leider hat es seither seine Vogelfamilie nicht mehr gesehen und hätte sie wahrscheinlich auch gar nicht erkannt, denn durch den Sturz vergaß das Vöglein ganz und gar, dass es ein Vöglein war. Und weil es hier unten auf dem Boden neben einem kleinen Strauch saß, hielt es diesen für seinen stummen Bruder. Das Vöglein dachte, es sei ebenfalls ein Strauch und wie sein großer Bruder wollte es sich fest im Boden verankern. Sein großer Bruder versorgte das Vöglein auch mit allem, was es brauchte, denn hin und wieder ließen sich schmackhafte Insekten auf dem Strauch nieder und an ihm wuchsen leckere Beeren. Das freute das Vöglein und es fehlte ihm an nichts.
Das Vöglein spürte, wie ihm Wurzeln wuchsen, tiefer und tiefer in den Boden hinein, genau wie bei seinem Bruder, dem Strauch. Durch den moosigen Untergrund auf dem es stand hindurch, durch die oberste Erdschicht und weiter und weiter ins Erdinnere gingen seine Wurzeln. Aus dem Vöglein wurde langsam ein Vogel und prächtiges Gefieder zierte seinen Vogelkörper. Seine Flügel wuchsen und wuchsen und der Vogel merkte mehr und mehr, dass er sich doch ganz arg von dem Strauch zu unterscheiden schien. Er konnte mit seinen befiederten Ästen wild flattern, der Strauch konnte das nur mithilfe des Windes. Das wunderte den Vogel sehr.
Eines Tages kam ein anderer Vogel herbeigeflogen und ließ sich auf dem Strauch nieder. „Hey Du“ zirpte er „hast Du Lust auf ein Tänzchen mit mir? Der Himmel ist heute so klar und schön und der Wind weht ganz angenehm, komm doch mit in die Luft!“ Der Wurzelvogel war ganz verwundert über dieses Angebot, der Vogel müsste doch eigentlich sehen, dass er fest im Boden verankert ist. „Nein, danke, das ist nett, aber Du siehst doch, dass ich fest im Boden verankert bin.“ Der andere Vogel näherte sich dem Wurzelvogel und beäugte dessen Krallen. Er konnte keine Spur einer Wurzel erkennen und schaute dem Wurzelvogel anschließend in die Augen. „Ich kann nichts sehen, wie bist Du denn im Boden verankert?“ „Na, wie wohl“, sagte der Wurzelvogel, völlig entnervt. „Natürlich über meine Wurzeln. Sie gehen bis tief ins Erdinnere hinein, wie jedes Wesen ja wohl unschwer erkennen kann.“, „Ähm…nein“ entgegnete der andere Vogel „..also ich kann es nicht erkennen, vielleicht stimmt etwas nicht mit meinen Augen?“, „Mag sein, es tut auch gar nichts zur Sache, wohl oder übel musst Du Dir einen anderen Spielgefährten suchen.“
Und so verabschiedete sich der andere Vogel etwas wehmütig vom Wurzelvogel und flog weiter seines Wegs durch die Luft. Der Wurzelvogel dachte häufig an diese besondere Begegnung zurück und fing ein wenig an, an seinen Wurzeln zu zweifeln.
Er beobachtete die anderen Vögel, wie sie durch die Lüfte sausten und spürte in sich eine Sehnsucht es ihnen gleichzutun. Doch immer wenn er wild mit den Flügeln flatterte, um ebenfalls einen Flug zu starten, hatte er das Gefühl, dass seine Wurzeln nur noch tiefer in die Erde wuchsen. Er kam beim besten Willen nicht vom Fleck. Es ließen sich immer mal wieder Vögel auf dem Strauch nieder, um mit ihm zu plaudern und ihn auf eine Reise durch die Lüfte einzuladen, doch der Wurzelvogel verneinte jedes Mal, wenn auch von Mal zu Mal zögerlicher.
Einige Vögel berichteten ihm von fantastischen Reisen an ferne Orte. Der Wurzelvogel, der immer neben dem Strauch stand, wusste gar nicht wie es außerhalb seiner derzeitigen Perspektive aussehen möge und wurde ganz neugierig und sein Herz rief immer lauter, dass es mit den anderen Vögeln losfliegen wolle, um Abenteuer zu erleben, durch die Lüfte zu sausen und frei zu sein, denn dazu sei er doch geboren, er sei doch ein Vogel. Doch immer, wenn der Wurzelvogel seinem Herzen folgen wollte, erlebte er das gleiche Spiel: Seine Wurzeln hielten ihn fest im Boden verankert und schienen bei jedem Flugversuch nur noch tiefer zu wachsen. Und da er seinem Herzen nicht folgen konnte und für immer hier neben dem Strauch verwurzelt zu sein schien, wurde er irgendwann ganz traurig und verlor seinen Appetit. Sogar die schmackhaftesten Würmer ließ er einfach weiterziehen, sehr zu deren Freude. Irgendwann gab der Wurzelvogel seine Flugversuche ganz auf, legte sich hin und wurde ganz, ganz ruhig. Sein ganzer Körper fiel in eine weiche Entspannung und der Wurzelvogel fiel in eine angenehme Trance.
Wie in einem Traum sah er sich selbst als kleines Vöglein aus dem Nest fallen. Er sah wie das kleine Vöglein neben dem Strauch stand, ihn fortan als seine Familie betrachtete und sein wollte wie er. Er sah wie das kleine Vöglein immer nur an dieser einen Stelle stand und er sah, wie dem kleinen Vöglein Wurzeln zu wachsen schienen, von außen nicht sichtbar. Und nun wusste der Wurzelvogel was zu tun war. Er ging zu dem kleinen Vöglein, zu seinem kleinen Ich und begrüßte es freundlich. Das Vöglein schaute ihn etwas verängstigt und skeptisch, aber auch neugierig, an. Er erklärte dem kleinen Vöglein, was mit ihm geschehen war, dass er aus dem Nest gefallen sei und dieser Strauch ihm zwar Schutz und Nahrung gebe, er aber nicht von der Art des Strauches sei. „Die Wurzeln“, sagte der Wurzelvogel, „die sind gut, damit Du hier im Schutz des Strauches groß und stark werden kannst, aber sie existieren nur in Deinem Kopf. Du kannst jederzeit fliegen, wenn Du Dich stark genug fühlst und Dein Herz es verlangt.“
Als der Wurzelvogel aus der Begegnung mit seinem inneren kleinen Vöglein erwachte, hatte sich etwas verändert. Er konnte die Krallen vom Boden weg bewegen. Er glaubte es kaum, doch es war so – er begann zu rennen, mit den Flügeln zu schlagen und hob ab. Das allererste Mal in seinem Leben hob er ab und flog. Er glitt durch die Lüfte und traf seinesgleichen. Er war frei. Und doch wusste er, immer wenn er seine Wurzeln vermisste, konnte er zurückkehren, zu seinem Bruder, dem Strauch, um dort, in einer Traumreise, seine Wurzeln wieder zu spüren.