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Gefühlte Wahrheiten

Gefühlsmanagement mit Mia

Ich sitze in einem Meeting und rede darüber, wie ich den Alkohol dekonstruiert habe. Wie ich ihn kaputt analysiert habe, bis er keine Macht mehr über mich hatte. Wie ich ihn so gründlich intellektuell seziert hatte, bis er den schlimmsten aller Tode starb: Tod durch Irrelevanz. 

Nach dem Meeting kommt ein Freund zu mir und sagt: »Ey, ich wollte dich die ganze Zeit schütteln. Fühl doch mal Sachen. Du kannst nicht immer nur Geist sein, du kannst doch nicht immer nur denken.« 

Ich verstehe durchaus, wo er herkommt. Er ist ein GenX Mann und gehört zu den Leuten, die sich den Zugang zu ihren Gefühlen erst spät im Leben und nicht aus Spaß, sondern aus Notwendigkeit angeeignet haben, wie eine Fremdsprache im Exil. Ich komme aus der anderen Ecke. Ich musste lernen, dass meine Gefühle nicht meine Identität ausmachen. 

Früher war ich ein Bündel unkontrollierbarer Gefühle und fand das nicht nur unproblematisch, sondern sehr schick. Ich war eine Dramaqueen und zeigte das in meinem Tinder-Profil. Weil ich Emotionalität als tiefsinnig und kreativ begriff. Und weil ich Rausch mag. Und was ist besser, als den Rausch im eigenen System kochen zu können? 

Als meine Therapeutin mir sagte, dass es nicht so gut ist, wenn Gefühle mein Leben bestimmen, fand ich das naiv und unrealistisch und wenig erstrebenswert. Heute finde ich nichts besser als Gefühlsmanagement. Im Sinne von: Ich bin der Boss und die Gefühle arbeiten für mich. Nicht umgekehrt. Das soll überhaupt nicht heißen, dass ich mich für die eiskalte, technokratische Diktatur des Intellekts einsetze. Ich mag Gefühle, ich mag meine Leute auch immer gerne emotional. Ich heule bei jeder zweiten Deo Werbung und ich habe sehr gerne angenehme Gefühle, auch wenn sie irrational scheinen. Aber ich wahre auch gerne eine freundliche Distanz. Emotionale Nüchternheit nennen manche das.  

Als ich das erste Mal in ein Meeting ging, hatte das nichts, aber auch gar nichts mit Gefühlen zu tun. Hätte ich auf mein Herz gehört, wäre ich mit Mat in den Park gegangen, Bier trinken. Aber ich entschied mich gegen mein Gefühl. Beste Entscheidung ever, wie ich heute weiß. 

Auch heute noch geben mir meine Gefühle hundertmal am Tag schlechte Ratschläge: Abends um elf zwei Packungen Tofiffee essen, einem Ex schreiben, den ich romantisiere, obwohl er mich mies behandelt hat, mich in einer Kommentarspalte streiten oder dem Lack des SUV, der mich gerade fast umgebraucht hätte, eine lange, teure Narbe mit meinem Haustürschlüssel zu verpassen. 

Würden meine Gefühle mein Leben beherrschen, wäre mein Leben eine einzige Shitshow.

Ich würde selten bis nie Sport machen, mich schlecht ernähren, meine Finanzen wären ein unbeherrschbares Chaos, ich würde permanent anderen Leuten erlauben, meine Grenzen zu missachten, ich wäre mit irgendeinem Typen zusammen, der mich wie eine Mischung aus Hausangestellte und Sexpuppe behandelt und ich würde — so sicher wie das Amen in der Kirche — noch trinken. 

Wir Millennials sind ja eine sehr gefühlige Generation. Und wir haben gute Gründe, denn unsere Eltern und Großeltern haben mit ihrem fehlenden Emotionsmanagement niemandem einen Gefallen getan. 

Früher war hart und unemotional sein eine hohe Tugend. Gefühle waren immer weniger Wert als Geist. Der männlichste Typ im Dorf war definitiv der, der am wenigsten Gefühle zeigte. Leute, die Hemmungen hatten, ihre Kinder zu schlagen, galten als Waschlappen. Männer mit Gefühlen hatten ein gravierendes Image Problem. Ist ja auch logisch, wie soll man auch 6 Millionen Juden töten, wenn man gleichzeitig Gefühle zulässt. 

Frauen durften schon ein bisschen gefühlig sein, aber in Maßen. Und nur wenn die Freude der unbezahlten Sorgearbeit galt, die Liebe innerhalb der Ehe blieb, die Traurigkeit, nur wenn sie gut aussah und Wut lieber einfach gar nicht.  Therapie machen hieß noch in der Generation vor uns gescheitert zu sein. 

Diese geradezu hysterische Furcht von Emotionen hat, so behaupte ich einfach mal, einen Großteil der Menschen ziemlich krank gemacht und war der Verarbeitung unseres generationsübergreifenden Trauma alles andere als zuträglich. 

Im neunzehnten Jahrhundert waren es die Anhänger:innen der Romantik-Bewegung, die sich gegen die Kälte und Technokratie der Aufklärung und der rationalen Weltsicht ihrer Elterngeneration wendeten. Man wandelte melancholisch auf Friedhöfen herum, schrieb Gedichte über den Mond, glaubte mit kindlichem Trotz wieder an Mystik und Gespenster und natürlich an die romantische, alles transzendierende Liebe. Die Romantiker:innen fanden, dass die Innenwelt des Individuums der Dreh- und Angelpunkt der Welt sein sollte. 

Im Grunde sind die Millennials die Romantiker:innen des 21. Jahrhunderts.

Auch wir rebellieren gegen die Technokratisierung (den Kapitalismus), auch wir idealisieren die Natur (kein Millennial über 39, der nicht ein Haus in Brandenburg renovieren will), auch wir wenden sich der Mystik und der Neo-Spiritualität zu, auch wir verwandeln die romantische Liebe in eine Art Kult,  auch wir stellen die Innenwelt der Individuen über alles andere. 

Wir sind geradezu besessen davon, all unsere Eigenheiten und Spleens und psychologischen Vorgänge zu benennen und zu pathologisieren und von anderen abzugrenzen. Jede:r hat irgendwas. Gehst du fremd, bist du ein Narzisst. Findest du dich zu fett, hast du Körperdysmorphie. Nerven dich laute Geräusche, bist du hochsensibel. Verliebst du dich immer in Lederjacken, hast du ein Bindungstrauma. Und das alles kann, alles muss! man natürlich auch behandeln, therapieren, optimieren.

Alles, was nicht lustige Katzenvideos sind, wird mit Content Notes versehen, damit nicht ausversehen irgendwo irgendwer etwas Unerwünschtes fühlt. In sozialen Medien kann es keine Meldung über Tod oder Krankheit oder Gewalt geben, bei der nicht ein in seiner achtsamen Wokeness beleidigter Millennial vorwurfsvoll nach einer Triggerwarnung verlangt. Der empörte Unterton, der immer in einer solchen Forderung mitschwingt, legt nah: Hier geht es nicht um sowas wie Umgangsformen (und auch nicht um Retraumatisierung) Sondern darum, dass wir glauben, wir hätten ein Recht auf spezifische Gefühle. Und ein Recht darauf, vor ungewollten Gefühlen geschützt zu werden. Und die Umwelt soll sich unseren Befindlichkeiten unterordnen.

Jede Splittergruppe will ihren eigenen Safe Space, ihre schallisolierte Wattezelle innerhalb der echten Welt. Wir haben so viele Möglichkeiten, unsere Gefühle zu modifizieren, dass es irre wäre, davon keinen Gebrauch zu machen. Es wäre irre, noch jemals traurig zu sein. 

Auch die romantische Liebe und die Partnerwahl basiert nach dem Wegfall der wirtschaftlichen Notwendigkeit heute einzig und allein auf Gefühlen. Was die Soziologin Eva Illuoz als das »Regime emotionaler Authentizität« bezeichnet. Während die Gefühle bis weit ins 19. Jahrhundert hinein noch die Folge festgelegter sozialer Rituale und gesellschaftlicher Kodexe war, sind sie heute die wichtigste, wenn nicht einzige Voraussetzung für eine Beziehung.

Das bedeutet: das Individuum muss sich ständig selbst befragen, um herauszufinden, was die Wahrheit ist. Denn nichts ist wahrer als die eigenen Gefühle. 

Der Schritt in die gefühlte Wahrheit ist nicht weit.

Und dagegen ist erstmal ja auch gar nichts einzuwenden. Wir sind zutiefst emotionale Wesen und es macht keinen Sinn, konstant gegen die eigenen Gefühle anzuleben. Emotionen sind körperliche Empfindungen, und als solche sind sie natürlich auch erstmal wahr, also unbestreitbar.

Wir sind nicht für das Abstrakte geschaffen. Wir sind Körper. Wir nehmen das ernst, was uns selbst betrifft, was uns wehtut und erfreut, die Sonne, die uns aufs Gesicht scheint, den Nachbarn, der uns anlächelt. Wir kommen gut klar mit dem Konkreten, das wir mit unseren eigenen fünf Sinnen wahrnehmen können. Aber das Abstrakte entgleitet uns schnell. Und Gefühle sind leicht manipulierbar. Besonders wenn einer gesellschaft unbegrenzte Massenkommunikation und elaborierte Technologien zur Verfremdung der Realität zur Verfügung stehen. 

Wenn die unbestreitbare Wahrheit der Gefühle mit einer absoluten Wahrheit gleichsetzen will, kann sich seit der Trump Ära mit sogenannten Alternativen Fakten helfen. Wer schonmal versucht hat, mit einem Coronaleugner oder Klimaleugner zu diskutieren, der wird schnell feststellen, wie frustrierend und isolierend es ist, wenn jemand auf Basis eigener Gefühle argumentiert. Und wenn man die gefühlte Wahrheit erstmal als Teil der eigenen Identität angenommen hat, kann keine Macht der Welt einen von dieser Überzeugung abbringen.

Die Übermacht der Gefühle ist nicht neu — eigentlich war ja quasi jeder Krieg Ergebnis der verletzten Gefühle mächtiger Männer — aber wenn es gesellschaftsfähig wird, gefühlte Wahrheiten als Fakten zu behandeln, haben wir ein Problem. 

Das ist kein Plädoyer gegen Gefühle.

Ich will gar nicht negativ klingen. Gefühle sind super. Und ich habe überhaupt nichts gegen Millennials und Wokeness. Es ist gut, dass wir uns selbst verstehen lernen und unsere Gefühle ernst nehmen. Gefühle sind wichtiges Navigationssystem. Sie sind unerlässlich beim Lernen, unerlässlich bei der Kommunikation und Zusammenarbeit und sie können außerdem mega Spaß machen. 

Aber in eine Welt, die immer komplexer und abstrakter wird und die gleichzeitig immer mehr Möglichkeiten bietet, die Gefühle zu manipulieren, ist es super wichtig, die Gefühle nicht ungecheckt zu lassen, ihren Ursprung und ihre Funktion kritisch zu hinterfragen, denn Gefühle sind nicht nur Natur. Sie sind nicht nur individuell. Sondern sie sind oft sozial konstruiert und kollektiv. Hass ist kein Gefühl, das einem Menschen innewohnt, es muss gelernt werden. Und was wir als das Gefühl Liebe klassifizieren, hat viel mit dem zu tun, was wir in unserer Kindheit als normal erlebt haben und fast gar nichts damit, was angenehm, gesund oder konstruktiv ist. 

Gefühle sind keine Fakten. Man kann auf einem Gefühl nichts Nachhaltiges aufbauen, kein Business und keine Ehe, denn Gefühle sind ihrer Natur nach flüchtig und volatil. Man darf Gefühle nicht dazu verpflichten, für langfristige Projekte gerade zu stehen, denn das können sie nicht. Sie sind im ständigen Wandel. Sie wollen spielen. Und sie müssen vor erwachsenen Verpflichtungen geschützt werden wie Kinder vor der Arbeit.

Gefühle sind Adjektive, Taten sind Verben. 

Und so nehme ich mittlerweile sehr ernst, was meine Therapeutin mir damals vergebens vermitteln wollte. Meine Gefühle sind immer mit dabei, sie werden einbezogen, ernst genommen und ausgedrückt. Ich kann mich um sie kümmern wie um ein bockiges, müdes Kind oder sie konsultieren wie spirituelle Wegweiser. Sie sitzen immer mit am Tisch und sie haben auch immer ein Mitspracherecht. Aber sie unterschreiben nicht meine Verträge, und sie handeln nicht in meinem Namen. 

Beim Schreiben gibt es die alte, klassische Regel: Show, don’t tell. Das bedeutet, um die Wahrheit von etwas zu schildern, bedienst du dich lieber den Verben als den Adjektiven. Eine solide Regel, die ich auch außerhalb von Texten gern befolge. Ich beurteile mich und andere nicht nach dem was sie sagen, sondern nach dem, was sie tun.

Und nochmal: ich liebe Adjektive. Ich war immer schon Maximalistin, was Adjektive betrifft. Ich will mein Leben mit sovielen Adjektiven wie möglich verschönern, sie dekorieren mein Heim, sie romantisieren meinen Alltag. Ich liebe den Kitsch, ich liebe Übertreibung und Drama, gib mir all das. Gib mir komplex, furios, leidenschaftlich, wild, vage, subtil, chaotisch, sanft, seidig, krachend, brutal, hinreißend, fulminant, opulent, verstörend, ekstatisch. 

Aber wenn die Verben nicht mit den Adjektiven mithalten können, ist das alles nur Show. 

Love 💙 Mia

Kategorie Bi-Weekly

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