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Mia hat einen ganz normalen Tag

Heute ist Freitag und es ist mein siebenter Nüchternheitsgeburtstag. Er bedeutet mir mehr als mein sogenannter biologischer Geburtstag, was hauptsächlich daran liegt, dass er mich im Gegensatz zu meinem biologischen Geburtstag nicht stresst. 

Letztes Jahr habe ich meinen Soberversary vergessen, und wurde erst zwei Tage später daran erinnert, als mich jemand im Büro fragte: Wie lange bist du jetzt nochmal nüchtern? 

Ich fände es wunderbar, wenn ich meinen biologischen Geburtstag auch vergessen könnte. Ich bin kein Fan von Jahrestagen. Sie sind verbunden mit einem Druck, an einem gewöhnlichen Tag etwas besonderes zu fühlen, mit dem Bedürfnis nach klaren Linien, die es im Leben nicht gibt. Die tollen Sachen an der Nüchternheit fühle ich entweder permanent (wie das Aufwachen ohne Kater) oder sie kommen eines zufälligen Tages überraschend zu mir (Das erhabene Gefühl, Nein gesagt zu haben, trotz Angst vor sozialer Strafe, und dann auf eine Art allein zu sein, die neu ist: Allein mit mir selbst, einer Person, die mich beschützt; das erste Mal ein Gefühl ausgehalten zu haben, das mich zu Tode ängstigt und erfahren, dass es mich wider Erwarten nicht umbringt, sondern sogar ein bisschen erfrischt zurücklässt, wenn es vorbei gezogen ist).

Solche Highlights sind toll, aber sie kommen unerwartet und sie lassen sich nicht planen. 

Das beste an der Nüchternheit ist, wenn gar nichts besonderes passiert. Das beste ist die Normalität. Dass es nichts aufregendes mehr ist, klar im Kopf zu sein. Dass es nichts besonderes mehr ist, keine Angst mehr zu haben, dass es nichts besonderes mehr ist, meine eigenen Grenzen zu kennen und zu halten. Dass es nichts besonderes mehr ist, eine Arbeit zu machen, die ich liebe und mir ausgesucht habe.

Der Erfolg eines Lebens misst sich ja nicht an den seltenen Highlights, wie einer Buchpremiere, oder einer lang geplanten Reise, oder dem Hochzeitstag oder sonst einem Ausnahmeevent. Sondern daran, wie der Alltag aussieht. An den tausend kleinen Einzelheiten, die immer wieder passieren. 

Mein nüchterner Geburtstag ist wie alle anderen Tage dieses Sommers: Ich wache auf und trinke Kaffee mit dem Boyfriend, wir gehen schwimmen und entscheiden, dass es wahrscheinlich das letzte Mal dieses Jahr sein wird, weil der See Mitte August immer umkippt und schon mehr als ein bisschen muffig riecht. Ich fahre nach Hause und schreibe einen Text fertig, an dem ich diese Woche gearbeitet habe, und freue mich zum tausendsten Mal darüber, dass ich letztes Jahr zehn-Finger-Tippen gelernt habe, weil ich mich manchmal wirklich allein deswegen zum Schreiben bringen kann, weil ich das rhythmische Geklacker meiner Finger auf der Tastatur so geil finde. Ich gehe Pasta einkaufen und denke zum zehnten Mal diesen Monat, dass ich wirklich mal mein Fahrrad putzen sollte und mache es dann doch nicht. Ich fahre nach Hause und esse eine Nektarine und schneide eine Podcast Folge. Ich telefoniere mit Anita. Ich mache Sprachnachrichten mit Natalie und Mika. Ich lackiere mir die Fingernägel und wasche mir die Haare und dann fahre ich zum Meeting. 

Alles langweilige, häusliche, unspektakuläre Dinge. Alltag. Der beste Alltag, den ich mir vorstellen kann. Ich habe Arbeit, ich habe Baustellen, ich habe Ängste, ich habe Sorgen, aber ich habe kein Problem. Alles ist exakt, wie es sein soll. 

Wenn der gewöhnlichste Tag der beste vorstellbare Tag ist – das ist Nüchternheit. Wahrscheinlich ist es sogar Glück. 

Love 🖤 Mia

Kategorie Bi-Weekly

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