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Pink Pony Club…

Die meisten Menschen kennen dieses Gefühl wenn ihnen ein Song sofort in Herz und Mark schießt, ganz direkt unerwartete Emotionen auslöst. Das ist es was gute Popmusik ausmacht. Sie ballert uns ins Gemüt, erzeugt Gänsehaut und löst Assoziationen aus.


Bei mir ist so ein Song „Pink Pony Club“ von Chappell Roan in dem sie die Story des „Small Town Girl“ erzählt, das in einem queeren Club in L.A. ihr Zuhause findet, ihre Identität, ihre „chosen family“:

I know you wanted me to stay

But I can't ignore the crazy visions of me in L.A.

And I heard that there's a special place

Where boys and girls can all be queens every single day.

I'm having wicked dreams of leaving Tennessee

Hear Santa Monica, I swear it's calling me

Won't make my mama proud, it's gonna cause a scene

She sees her baby girl, I know she's gonna scream.

"God, what have you done?

You're a pink pony girl, and you dance at the club," oh mama

I'm just having fun

On the stage in my heels, it's where I belong, down at the

Pink Pony Club, I'm gonna keep on dancing at the

Pink Pony Club, I'm gonna keep on dancing down in

West Hollywood, I'm gonna keep on dancing at the

Pink Pony Club, Pink Pony Club.


Ich höre diese Lyrics mit dem eingängigen Piano Intro und fühle mich sofort auf die Tanzfläche eines vollgestopften Clubs katapultiert.

Wir befinden uns in Wien, ca. 2007 und der Laden ist bis zum Bersten gefüllt mit bunten, schillernden, sexuell aufgeladenen, gut gelaunten Menschen, die die Zeit ihres Lebens haben.

Der Club könnte das Badeschiff sein oder das Wirr Untergrund oder die Fluc Wanne.

Die Party heißt „LessTalkMoreRock“ und ich halte die Fäden in der Hand, denn mein Beruf zu der Zeit ist DJ und Partyveranstalterin. Außerdem bin ich noch vieles mehr: Musikerin, denn ich singe in zwei bis drei Bands und manchmal traue ich mich auch mich „Künstlerin“ zu nennen, denn ich male, bastle, schreibe, dichte, performe und gestalte mir das bunte Leben, das ich mir immer erträumt habe.

Ein wichtiger Teil davon ist Hedonismus. Feiern, Tanzen, Ausschweifung sind mir wichtig, sie sind mein Lifestyle. Ich bin neugierig, hungrig und kann nicht genug kriegen. Von allem.

MakeUp, extravagante Outfits, Rausch, Liebhaber*innen...

Viele Erinnerungen an diese Lebensjahre sind wie eine fluffige Wolke, die aus Glitzer, Konfetti, klebrigen Drinks und feuchten Küssen besteht.

Ich war berüchtigt dafür eine Glitzerspur durch die Clubs der Stadt zu ziehen, das bedeutet überall wo ich auflegte, fand sich Glitzer in und am CD Player der Anlage wieder.

Um eines gleich vorweg zu nehmen: ich bin so irrsinnig froh, dass ich diese Erfahrungen machen durfte, denn ich hatte die Möglichkeit meinen Hunger zu stillen. Das bedeutet nicht, dass ich nie mehr hungrig bin, aber ich bin nicht mehr so gierig wie damals.

Ich kann mich ganz klar an diesen einen Moment erinnern als ich am DJ Pult der Fluc Wanne in Wien stand, das sich etwas erhöht über der Tanzfläche befindet. Ihr sah auf mehreren hundert tanzenden Menschen hinunter, die ich mit jedem Song noch mehr in Euphorie versetzte, eine menschliche Woge von Glückseligkeit. In diesem Moment wurde mir völlig klar, dass das hier ein Kapitel meines Lebens sein würde, das ich irgendwann hinter mir lassen würde. Dass „Parties veranstalten“ keine endlose Karriere sein und dass ich irgendwann etwas völlig anderes machen würde. Obwohl ich sicherlich ziemlich besoffen oder drauf (oder beides) war in diesem Moment, kann ich mich an diesen Gedanken und dieses Bild sehr klar erinnern.

Fast 20 Jahre später habe ich mir eine Karriere als Köchin, Autorin und Gastronomin aufgebaut und veranstalte zwar keine Parties mehr, aber Dinnerabende. Die Musik spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle, das Essen ist in den Vordergrund gerückt.

Doch werfen wir nochmal einen Blick auf das Mädchen aus dem „Pink Pony Club“, der sich so in jeder Stadt zu jeder Zeit befinden könnte:

Ich lebe ein queeres Leben bevor ich weiß was queer bedeutet, ich küsse und gehe ins Bett mit wem ich will, manchmal auch mit Mehreren gleichzeitig. Ich übe mich in Non-Monogamie obwohl ich keine Ahnung davon habe, ich sehe meinem hotten Boyfriend dabei zu wie er den hotten Boyfriend einer meiner besten Freundinnen leidenschaftlich küsst, während ich wild mit ihr knutsche und wir mitten auf der Tanzfläche unsere Brüste anfassen. Meine Freundin B. mit der ich die meisten der Parties in Wien veranstaltete, scherzten immer, dass unsere Parties so gut besucht sind, weil wir unsere Gäste sehr persönlich „betreuen“ bzw. eine hohe Schmusequote mit unseren Stammgästen haben.

Wir feiern eine „Antichrist“-Vorweihnachtsparty und verkleiden uns als Engelchen und Teufelchen. Sie trägt ein weißes Negligee mit puscheligen Bündchen, Engelsflügel und einen unschuldigen Gesichtsausdruck. Ich trage ein bodenlanges, enges Abendkleid aus schwarzem Satin, auf die Stirn geklebte Hörner, die im Licht der Discokugel rot glitzern und ein diabolisches Grinsen.

Zusammen flirten wir mit einem Typen, der von der Gesamtsituation etwas überfordert scheint, das Ganze könnte auch eine Szene aus einem Musikvideo sein.

Am Ende des Abend nehme ich einen jungen Mann mit nach Hause, dessen Markenzeichen Katzenohren sind und ein Frack. Es kann auch sein, dass noch zehn andere Menschen mit zu mir fahren und wir eine „Hutparty“ feiern, bei der wir alle Hüte und Perücken meiner umfangreichen Sammlung tragen und die Namen unserer Lieblingsbands an meine Zimmerwand schreiben.

Geschmust wird immer.

Unsere Parties sind nicht das, was ich wesentlich später auf Sex-Parties und in einschlägigen Berliner Clubs erlebt habe. Gevögelt wird zuhause oder maximal in toten Winkeln oder versteckten Ecken des Backstage Bereichs, vielleicht auch auf den Toiletten, durchaus. Aber die Stimmung ist trotzdem extrem sexuell, euphorisch, ekstatisch.

Wir zelebrieren Pop und Rock und uns. Wir feiern Britney Spears genauso als unsere Göttin wie Freddy Mercury oder Daft Punk. Wir sind alles: Emo, Electro, Glam, Punk, you name it.

Boys and girls can all be queens every single day.

„Toxic“ ist unser „Schnaps-Song“, während der 2 -3 Mal am Abend läuft, gibt es Wodka für 1 € am Tresen. Wir bauen überdimensionale Torten mit Acid Smileys aus denen ein hotter Boy in Reizwäsche herausspringt. Wir verkleiden uns als Goldmarie und Pechmarie, dafür lassen wir uns extra Kostüme nähen von unserer Freundin, die bei Raf Simmons an der Angewandten Modedesign studiert. Wir sind echt committed.

Das nächste Motto, der nächste Flyer, das nächste LineUp, ich lebe für die Party.

Die Zeit zwischen den Parties verbringe ich mit Gelegenheitsjobs aller Art, die mir eine Krankenversicherung bescheren und mich an die unmöglichsten Orte und in die unmöglichsten Situationen bringen, ich sage nur was ist eine wahre Künstler*innenbiografie um nicht mindestens einmal für Aktfotos bezahlt worden zu sein? Aber über die Abenteuer zwischen haselnussig duftenden Mannerwaffeln, kiloweise Faschiertem und Designersofas schreibe ich ein anderes Mal.


Das Bett als Erholungsort ist ein wichtiger Ruhepol, dort wird Pizza gegessen, Ofen geraucht (österr. für Joints) und mehr geschmust.

Das mit den DJ Gigs und Parties verdiente Geld wird in Vinyl investiert und in neue Outfits, Stiefel für 5 € vom Naschmarkt Flohmarkt und Designermäntel von geheimen Lagerverkäufen.

Das Leben gleicht einer unendlichen Party.

Bis sie vorbei ist.

Im Sommer 2013 beschließe ich den „Pink Pony Club“ zu verlassen.

Alles passiert ganz plötzlich. Ich entwickle eine Nachtleben Allergie. Ich bekomme zwar keine Pusteln auf der Haut, aber ich halte es auf einmal nicht mehr aus mir die Nächte in stickigen Clubs um die Ohren zu schlagen. Alkohol langweilt mich, Drogen langweilen mich, Menschen unter Einfluss von Alkohol und Drogen gehen mir auf die Nerven. Meine Feierlust ist gesättigt. Ganz plötzlich, so überraschend, dass ich selbst nicht damit gerechnet hätte.

Sicherlich hat es auch damit zu tun, dass ich etwa zwei Jahre früher das Kochen für mich (wieder) entdeckt habe und das erste Mal das Gefühl hege eine Leidenschaft gefunden zu haben, die mich lange nicht loslassen wird, die mich fordert und bei der ich mich exponentiell weiterentwickeln kann. Es zieht mich in die Küche und weg vom DJ Pult und für beides ist einfach kein Platz.

Im August 2013 lege ich das letzte Mal auf. In Wien. Beim Technocafé im Volksgarten Pavillon.

Ich habe nie zurückgeschaut. Und die Glitzerspur wurde irgendwann vom Wind Of Change verweht.

Doch wenn ich dieses eine Lied höre, denke ich an alles zurück was ich damals erleben durfte...

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