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Der Durst der Eichhörnchen im Frühling

Willkommen im Newsletter der Superredaktion – die monatliche Ration konstruktive Perspektiven, positive Botschaften und konkrete Anpackmaterialien für Menschen mit Lust auf Zukunft. Heute mit der Vermessung des Zusammenhangs zwischen schlimmen Wettern und der Aufheizung der Welt. Außerdem wie immer mit guten Nachrichten zum Einstieg, und mit Eichhörnchen.

Froher werden

Grüner Islam

Indonesien ist das Land mit dem weltweit größten Anteil (Öffnet in neuem Fenster) an Menschen, die nicht an einen menschengemachten Klimawandel glauben, während seine Hauptstadt so schnell im Meer versinkt, dass sie umgezogen werden muss. Indonesien ist auch die Geburtsstätte des “Green Islam” (Öffnet in neuem Fenster). Das ist eine Bewegung, die die Pflicht zum Schutz der menschlichen Lebensgrundlagen aus dem Koran herleitet.

In den letzten zehn Jahren hat der Ulema-Rat, die höchste religiöse Autorität des Landes, zahlreiche Fatwas, also religiöse Rechtsgutachten, ausgesprochen, die sich um die Verantwortung von Muslimen für Natur und Umwelt drehen, und die Istiqlal-Moschee in Jakarta – die größte Moschee Südostasiens – war das erste von der Weltbank zertifizierte “grüne” Gotteshaus der Welt.

Sonniger Bruder

Und wo wir gerade bei Religionen sind: 2015 veröffentlichte Papst Franziskus seine Umwelt-Enzyklika Laudato Si’ mit dem wundervollen Untertitel “Über die Sorge um das gemeinsame Haus”. In ihrer Deutlichkeit im Bezug auf Klima- und Naturschutz war das ein kirchengeschichtlicher Wendepunkt. Seine Anordnung (Öffnet in neuem Fenster) aus dem letzten Jahr, den Vatikan vollständig auf Solarenergie umzustellen, trug den nicht weniger schönen Titel Fratello Sole, “Bruder Sonne”.

Nun ist das Projekt abgeschlossen (Öffnet in neuem Fenster) – seit einigen Wochen wird die Vatikanstadt ausschließlich mit Elektrizität aus eigenen Solarkraftwerken betrieben. Sie ist damit der neueste Staat in einer illustren Reihe (Öffnet in neuem Fenster) mit Albanien, Bhutan, Nepal, Paraguay, Island, Äthiopien, der Demokratischen Republik Kongo und fast Norwegen, die ebenfalls alle schon komplett durch sind mit der Energiewende.

Elektrisches Afrika

Überhaupt wächst Solarenergie ja rasend schnell – aber bisher deutlich weniger schnell in der Region der Welt mit der meisten Sonne (Öffnet in neuem Fenster), in Afrika nämlich. Das könnte sich aber gerade ändern, dank sogenannter “Mini-Grids (Öffnet in neuem Fenster)”.

Das sind kleine, vom landesweiten Netz unabhängige Stromnetze, die unter anderem Dank immer günstigerer Solarmodule gerade in abgelegenen ländlichen Gebieten in Afrika einen Boom erfahren, also dort, wo über 80 Prozent der weltweit fast 700 Millionen Menschen ohne Zugang zu Elektrizität leben. Dabei handelt es sich um eine weitere Technologie, die zeigt, wie in ärmeren Ländern der ganze altmodische fossile Quatsch einfach übersprungen werden könnte.

Und dabei werden dann ganz nebenbei und für wenig Geld Menschen mit Strom versorgt, die bisher nie welchen hatten, mit all den positiven Folgen für Wohlstand, Bildung, Gesundheit, Teilhabe, Klima, die da mit dranhängen.

Jetzt aber zu den Eichhörnchen

  • Eine einfache physikalische Gesetzmäßigkeit erklärt, warum die Klimakrise für sowohl zu viel als auch zu wenig Regen sorgt.

  • Die Attributionsforschung kann den Zusammenhang zwischen einzelnen Extremwetterereignissen und der Klimakrise immer öfter verlässlich beziffern.

  • Diese Entwicklung hilft dabei, große Verschmutzer für konkrete Klimaschäden rechtlich haftbar zu machen.

Von Februar bis April gab es in Deutschland so wenig Regen wie seit 1931 nicht mehr, und die Eichhörnchen fielen von den Bäumen (Öffnet in neuem Fenster)

Eichhörnchen sind sehr niedlich, und sie werden dir wahrscheinlich eher im Kopf bleiben als alles andere, was wir hier aufgeschrieben haben. Aber die Trockenheit hatte natürlich auch noch andere, womöglich weiter reichende Konsequenzen als ein paar dehydrierte Nager, insbesondere für die Landwirtschaft (Öffnet in neuem Fenster) (sorry, Eichhörnchen!).

Inzwischen hat sich die Trockenheit gelegt (Öffnet in neuem Fenster). Im Austausch haben wir eine ganze Reihe von vollgelaufenen Kellern, abgedeckten Dächern, gesperrten Zugstrecken, umgestürzten Bäumen und von Hagelkörnern verletzten Menschen bekommen (Öffnet in neuem Fenster).

Ist das noch Wetter, oder ist das schon Klima?

Teil 1: Wahrscheinlichkeiten. Ein Grundkurs in Extremwetterphysik.

Ganz allgemein lässt sich diese Frage zunächst mithilfe der Herren Clausius und Clapeyron beantworten, zweier Physiker, nach denen folgende einfache thermodynamische Gleichung (Öffnet in neuem Fenster) benannt ist:

Abbildung einer physikalischen Formel.

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass das für dich so nicht unmittelbar einleuchtend sein sollte: Aus dieser Gleichung ergibt sich, dass Luft für jeden Grad, den sie wärmer wird, 7 Prozent mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann. Dieser Anstieg ist exponentiell, wird also immer steiler – der Sprung von 4°C auf 5°C ist damit deutlich kleiner als der von 25°C auf 26°C. Ein Grad mehr Wärme wirkt sich dementsprechend in warmen Regionen viel stärker aus als in kalten.

Für die Differenz zwischen der in der Luft enthaltenen Feuchtigkeit und dem “Platz”, den sie für weitere Feuchtigkeit zur Verfügung hat, hat die Wissenschaft den schönen Begriff “Dampfhunger” geprägt. Solang die Luft Dampfhunger hat, will sie weitere Feuchtigkeit aus der Umgebung aufnehmen. 

Diagramm: Wasserdampfgehalt der Luft

Der renommierte Klimawissenschaftler Stefan Rahmstorf nennt diese Gesetzmäßigkeit ein “Rezept für Katastrophen” und erklärt ihre Konsequenzen für unseren Alltag sehr anschaulich und ausführlich im Spiegel (Öffnet in neuem Fenster)

Hier die Kurzfassung: Solange die Luft noch Feuchtigkeit aufnehmen kann, zieht sie Wasser aus Böden, Pflanzen, Wäldern. Das erhöht das Risiko für Dürren und die Ausbreitung großflächiger Brände (Öffnet in neuem Fenster). Doch die Feuchtigkeit ist nicht verschwunden – sie fällt irgendwann wieder runter, nämlich wenn die Luft abkühlt und damit sozusagen, siehe oben, eine Magenverkleinerung bekommt. Und das umso heftiger, je mehr Feuchtigkeit zuvor aufgenommen wurde. 

Kommt dir also wieder mal jemand mit: “Wie jetzt, erst soll der Klimawandel schuld daran sein, wenn es nicht regnet, und dann daran, dass es zu viel regnet? Entscheidet euch mal! LäCHeRLiCh!” – dann kannst du ganz ruhig auf die Herren Clausius und Clapeyron verweisen: Zu wenig und zu viel Wasser sind zwei Seiten derselben Medaille.

Teil 2: Kausalitäten. Die Geburt der Attributionsforschung.

Jetzt sagst du vielleicht, ja kann ja sein, aber Starkregen und Trockenheit hat es doch schon immer gegeben. Und wie wollt ihr mir beweisen, dass dieses konkrete Eichhörnchen nicht auch ohne Klimakrise vom Baum gefallen, dieser Keller nicht auch ohne Klimakrise vollgelaufen wäre?

Vielen Dank für die Frage, das ist eine gute Frage, danke nochmal für diese sehr gute Frage.

Dass die Physik der Erderwärmung extremes Wetter wahrscheinlicher macht, wissen wir dank Clausius und Clapeyron schon seit dem späten 19. Jahrhundert. Aber über den Einfluss der Klimakrise auf ein konkretes Wetterereignis hätten wir bis vor einer verhältnismäßig kurzen Zeit nichts Seriöses sagen können. 

Das hat sich geändert – durch eine wissenschaftliche Revolution, die 2004 mit der Veröffentlichung der ersten sogenannten “Attributionsstudie” begann. Das war die Geburtsstunde der Attributionsforschung – der Zuordnungswissenschaft also.

Heute simulieren Forschende, darunter weltweit führend die von Friederike Otto (Öffnet in neuem Fenster) und Geert Jan van Oldenborgh gegründete World Weather Attribution Initiative (Öffnet in neuem Fenster), mithilfe von Klimamodellen tausende Jahre Wetter: einmal mit, einmal ohne das von uns Menschen zugeführte CO2. Mithilfe der so gewonnen Daten kann die Forschung oft sehr spezifische Aussagen machen, wie viel weniger wahrscheinlich und wie viel weniger intensiv ein gegebenes Ereignis ohne Klimakrise gewesen wäre.

Und das manchmal so schnell, dass die Ergebnisse noch während des laufenden Wetterereignisses veröffentlicht werden können. 

Die Erderhitzung wird in der Regel als weltweiter Durchschnittswert berechnet. Das hat nur sehr wenig damit zu tun, wie unterschiedlich die Menschen sie vor Ort erleben. Die Untersuchungen aus der Attributionsforschung geben uns die Möglichkeit, die Auswirkungen der Klimakrise ganz konkret und eindrucksvoll mit unseren eigenen Lebenserfahrungen zu verbinden.

Wir können heute sagen (Öffnet in neuem Fenster)

Illustration: Hitzetage pro Jahr in Deutschland. Heute: 50, ohne Klimakrise: 26

Teil 3: Verantwortlichkeiten. Ein Dreisatz für Recht und Gerechtigkeit.

So. Jetzt stell dir mal vor, ich bin für, sagen wir, 0,38 Prozent aller menschengemachten CO2-Emissionen seit dem Beginn der Industrialisierung verantwortlich. Und dann kommt Friederike Otto mit ihren Mistreitenden angeritten und zeigt mit einer Studie: Eine Flutkatastrophe F wäre ohne die Klimakrise nur halb so schlimm gewesen. 

Plötzlich lässt sich mit ein bisschen Dreisatz ausrechnen, welchen Anteil ich am Geldwert des entstandenen Schadens habe - nämlich 0,38 Prozent der Hälfte. Mit einem Mal haben wir ein ziemlich starkes Argument dafür, dass man mich für den Wiederaufbau des beschädigten Dorfes D mit zur Rechenschaft ziehen sollte. 

Das Prinzip dahinter heißt Verursacherhaftung: Wer es kaputt macht, soll es auch bezahlen (Öffnet in neuem Fenster).

Dieser Meinung ist auch eine wachsende Zahl von Gerichten überall auf der Welt. Das ist einer der Gründe, aus denen Otto und van Oldenborgh, die Gründer von World Weather Attribution und Pioniere der Attributionsforschung, vom Time Magazine in die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten (Öffnet in neuem Fenster) des Jahres 2021 aufgenommen wurden. 

Denn Ergebnisse aus der Attributionsforschung werden immer häufiger (Öffnet in neuem Fenster) in Gerichtsverfahren als Evidenz herangezogen, um Staaten und Konzerne in die Pflicht zu nehmen, wenn sie zu wenig gegen die Klimakrise tun, beziehungsweise zu viel dafür. 

Besonders spektakulär war das etwa im Fall der Klimaseniorinnen, die vor dem Europäischen Menschengerichtshof mit ihrer Klage Recht bekamen: Die Schutz- und Anpassungsmaßnahmen der Schweiz waren auch nach Ansicht des Gerichts unzureichend, um den immer häufiger und gefährlicher werdenden Hitzewellen zu begegnen. Ein Gesundheitsrisiko, insbesondere für ältere Frauen. Der sehenswerte Dokumentarfilm “Trop Chaud (Öffnet in neuem Fenster)” erzählt die spannende und mitreißende Geschichte dieses Prozesses.

Oder, nach zehn Jahren Verhandlungen erst vor wenigen Tagen entschieden, der womöglich noch folgenreichere Prozess des peruanischen Bauern Saúl Lliuya, der mit der Unterstützung der Organisation Germanwatch (Öffnet in neuem Fenster) gegen den deutschen Energieriesen RWE vor Gericht zog: Er warf dem Konzern vor, für ein gestiegenes Überflutungsrisiko für sein Haus verantwortlich zu sein und forderte, dass RWE sich entsprechend an den Kosten für einen Damm beteiligen sollte.

Das Gericht wies seine Klage zwar ab – weil ihm das Risiko für das Haus des Klägers zu gering schien. Doch es bestätigte: Grundsätzlich kann ein Konzern wie RWE für Klimaschäden und -risiken haftbar gemacht werden – selbst auf einem anderen Kontinent. Hätte ein Nachbar mit einem Haus in exponierterer Lage geklagt, wäre die Geschichte womöglich anders ausgegangen. 

Das ist ein  revolutionärer Präzedenzfall (Öffnet in neuem Fenster), der die Türen weit aufstößt für weitere Prozesse gegen fossile Konzerne. Die Frage, wer für Klimafolgen zahlt, ist damit keine moralische mehr, sondern eine juristische: Wer viel zerstört, wird viel bezahlen müssen. Zukünftig öfter, schneller – und gerichtsfest. Das sollten sich alle, die erwägen, heute noch in fossile Industrien zu investieren, sehr gut überlegen.

RWEs Anteil an den weltweiten historischen Emissionen beträgt übrigens 0,38 Prozent (Öffnet in neuem Fenster)

Der Konzern befindet sich damit auf Platz 44 der weltweit größten Verschmutzer.

Selber machen

Für Kühlung in der Stadt an zu heißen Tagen hilft mehr Grün (Öffnet in neuem Fenster). Wenn zuviel Wasser in die Stadt regnet, schützt vor Überschwemmung: Mehr Grün (Öffnet in neuem Fenster). Was aber sorgt für mehr Artenvielfalt in der Stadt und bindet obendrein CO2?

Es ist mehr Grün (Öffnet in neuem Fenster).

Platz für mehr Grün schafft man, indem man Löcher ins Pflaster macht. In den Niederlanden dürfen (Öffnet in neuem Fenster) das alle einfach so, wenn man sich dabei an ein paar Regeln hält. Aber auch hierzulande trifft der Gedanke des “Tegelwippen” auf manch offenes Ohr (Öffnet in neuem Fenster), ist also bestimmt auch bei dir vor der Tür einen Versuch wert.

Eine besonders interessante Form von mehr Grün sind sogenannte tiny forests - sehr eng mit heimischen Bäumen bepflanzte Flächen, die schon auf kleinem Raum ab 100 Quadratmetern zu artenreichen, widerstandsfähigen und nur minimal pflegebedürftigen Wäldchen werden können. Der Verein Miya Forest (Öffnet in neuem Fenster) unterstützt von Bürgerinnen und Bürgern initiierte Projekte dieser Art in ganz Deutschland.

Gegen die großen Verschmutzer hingegen kommen wir mit mehr Grün allein nicht an. Dort hilft, wir haben es gesehen: Klagen. Die zugehörigen Prozesse erfordern viel Sitzfleisch – und viel Geld. Dort kann deine Spende (Öffnet in neuem Fenster) helfen, auch auf systemischer Ebene einen Unterschied zu machen.

Und gegen niedliche vom Baum fallende Eichhörnchen hilft eine Schale mit frischem Wasser, in Baumreichweite aufgestellt.

Freunde treffen

“Strom geht uns alle an! Doch die Diskussion um seine Zukunft ist viel zu politisch.”

Wir schätzen den Energieexperten Tim Meyer schon lange als fachkundige, unaufgeregte und verlässliche Stimme in Fragen der Energiewende auf LinkedIn (Öffnet in neuem Fenster).

Für sein Buch Strom (Öffnet in neuem Fenster) hat Meyer nun einen Ton und eine Sprache gefunden, mit denen er seine Expertise so unterhaltsam und lesbar verpackt, dass es auch und gerade für interessierte Laien eine Freude ist. 

Buchcover "Strom" (Öffnet in neuem Fenster)

Meyer beleuchtet und erklärt in breitem Bogen die marktgetriebenen Kräfte hinter der Energierevolution, die gerade unaufhaltsam über den Planeten rollt, und deren nie dagewesenes Ausmaß hierzulande bisher noch zu wenig wahrgenommen wird. Dabei beweist er ein Händchen für anschauliche Erklärungen und hervorragende Visualisierungen komplexer Zusammenhänge. 

Strom liefert starke Argumente dafür, sich hoffnungsfroh und mit Elan in das Projekt einer besseren Zukunft zu werfen – Argumente, die ganz ohne ideologischen Firnis, erhobenen Zeigefinger und moralische Appelle auskommen. So ist die Lektüre bestens geeignet, über politische Lagergrenzen hinweg zu überzeugen. 

Wir wünschen uns das Buch auf die Schreib-, Nacht- und Geburtstagstische all der vernünftigen Konservativen und Liberalen da draußen, die am aktuellen Diskurs verzweifeln und auf der Suche nach Anregungen für eine neue, fundiert untermauerte, kraftvolle Erzählung für die Zukunft sind – wahlweise für die Bewahrung der Schöpfung, den Schutz unserer Lebensgrundlagen, den Erhalt von wirtschaftlichem Wohlstand und Freiheit, oder gar aus all diesen Gründen zugleich.

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