Willkommen im Newsletter der Superredaktion – die (fast) monatliche Ration konstruktive Perspektiven, positive Botschaften und konkrete Anpackmaterialien für Menschen mit Lust auf Zukunft.
Heute: Schädlicher Unsinn auf Social Media. Wo kommt er her? Wo geht er hin? Wie wird er uns gefährlich, und was kannst du dagegen tun? Spoiler: Das größte Problem ist nicht der Algorithmus. Es ist der Mensch.
Und bevor wir einsteigen, wie immer eine Handvoll guter Nachrichten aus aller Welt.
Inhalt
Froher werden. Die guten Nachrichten.
Stahlindustrie aufgeräumt
Tiefseebergbau abgesagt
Strompreise entkoppelt
Wärmepumpe verstanden
The Story of Quatsch: Aus dem Internet ins volle Leben
Der Durchschnittsmensch im Internet ertrinkt nicht in Desinformation.
The Science of Social Media Quatsch
Zahlreiche zahnarme Trolle
“Be water, my friend.” (Albert Einstein)
Quatsch-Geburtshilfe: Elitenkommunikation
Das Atlas-Netzwerk und ein Beispiel aus der deutschen Debatte
Lösung sein. Handreichungen fürs Selbermachen.
Freunde treffen. Die Empfehlungen des Monats.
Fun Facts
Hope Facts
Watt Facts
Nuke Facts
Shark Facts
Froher werden.
Die guten Nachrichten
Stahlindustrie aufgeräumt
Über 80 Prozent der Stahlwerke in China haben auf emissionsärmere Verfahren umgestellt (Öffnet in neuem Fenster) und damit ungefähr acht Kohlekraftwerke an Emissionen eingespart. Warum ist das wichtig? Weil die Stahlherstellung für 7 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich ist, und China für über die Hälfte der Stahlherstellung.
Tiefseebergbau abgesagt
Die Ratsversammlung der Internationalen Meeresbodenbehörd (ISA) im März hat, entgegen vieler Befürchtungen, ein weiteres Mal dem Tiefseebergbau eine Absage (Öffnet in neuem Fenster) erteilt – und sogar angekündigt, einem der Unternehmen, das womöglich etwas zu eifrig war in seinen Erkundungsdbemühungen in der Tiefsee, mit einer Ermittlung wegen Verdacht auf Vertragsbruch zu Leibe zu rücken. Warum ist das wichtig? Weil viel zu wenig Leute den Tiefseebergbau überhaupt als die massive Bedrohung für Arten-, Klima-, Meeresschutz auf dem Schirm haben, die er ist, und ein paar wenige, aber sehr mächtige Akteure großen Druck ausüben, trotzdem damit anzufangen. Wir haben schonmal was Größeres (Öffnet in neuem Fenster) dazu aufgeschrieben.
Strompreise entkoppelt
Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg von USA und Israel gegen den Iran verursacht Leid und Elend für eine Bevölkerung, die weiß Gott schon genug Leid und Elend hat aushalten müssen – aber er macht auch, wie man überall liest, UNSER BENZIN TEURER! Was er nicht im selben Maße verteuert, anders als der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine es zu Beginn tat, und das liest man seltener: Unseren Strom (Öffnet in neuem Fenster). Weil ganz Europa massiv in Windräder und Solaranlagen investiert hat und wir daher heute viel weniger Gas in der Stromerzeugung verbrauchen und viel mehr Sonne und Wind, die uns keiner verteuern kann. Wer sich ein bisschen in die Details rein-nerden möchte, wie das genau funktioniert, kann sich den Effekt für Deutschland hier (Öffnet in neuem Fenster) mit großer Ruhe und Sachlichkeit von Bruno Burger von den Energy Charts (Öffnet in neuem Fenster) am Fraunhofer ISE erklären lassen.
Wärmepumpe verstanden
Eine Mehrheit (Öffnet in neuem Fenster) der deutschen Hausbesitzer würde sich beim nächsten Heizungstausch für eine Wärmepumpe entscheiden – und zwar unabhängig von der politischen Überzeugung, und trotz monatelanger Kampagnen gegen die Technologie. Ja, richtig, das gilt auch für die Anhänger der einen Partei, bei der man es am wenigsten annehmen würde. Schlägt auf die lange Strecke womöglich doch noch die Physik die Ideologie? (Ja.)
The Story of Quatsch: Aus dem Internet ins Leben.
Das Thema des Monats
Der Durchschnittsmensch begegnet Desinformation im Internet viel seltener, als wir denken – und ändert seine Meinung dadurch noch seltener.
Gesellschaftlich relevant wird Quatsch aus dem Internet erst durch Elitenkommunikation – also dann, wenn Politik, Medien und andere öffentliche Akteure ihn für die Stimme “des Volkes” halten, und ihn dadurch erst relevant machen.
In Ländern, in denen Parteien und Leitfiguren parteiübergreifend auf dem Boden wissenschaftlicher Grundlagen stehen, bleibt der Quatsch in seinen digitalen Nischen.
Wir haben “recherchiert” (bei Facebook das Hashtag #Klimalüge eingegeben und den erstbesten reichweitenstarken Beitrag herausgegriffen) und das hier gefunden:

Es handelt sich natürlich um hanebüchenen Quatsch. Um welchen Quatsch genau ist jetzt erstmal egal. Klima ist halt irgendwie gelogen, der selbstgewisse Mann im Bild soll uns nur zur Veranschaulichung dienen: Mehr als 16.000 Likes. 340.000 Aufrufe. Der Beitrag wurde darüberhinaus über 5.500 mal geteilt. Fürs deutsche Facebook wirkt das erstmal ganz schön viel, für ganz schön wenig Aufwand und Substanz.
Was sagen uns solche Zahlen, wenn wir sie als Barometer für einen gesellschaftlichen Zustand betrachten wollen? Werden wir alle durch Klima-Quatsch im Internet zu Klimaleugnern gemacht? Beziehungsweise: Natürlich nicht wir Guten, aber doch bestimmt die anderen?
Je genauer man hinschaut, desto komplizierter wird die Antwort, aber wir sagen nicht zu viel, wenn wir mysteriös murmeln: UNFASSBAR! WAS WIR JETZT ENTHÜLLEN, HÄTTEN VIELE NIE ERWARTET!
Der Durchschnittsmensch im Internet ertrinkt nicht in Desinformation.
Wenn wir auf die 340.000 Male schauen, die dieses Video gesehen wurde, wissen wir nicht, wie viele Menschen es gesehen haben. Theoretisch könnte es nur ein Einzelner gewesen sein! Ein besonders fleißiger halt, ein echter Fan.
Wir wissen auch nicht, mit wem und von wie vielen der Post geteilt wurde – hat er dadurch Menschen erreicht, die das Video sehen und dann deshalb plötzlich sagen, ja, wow, krass, stimmt, schon irgendwie voll die Lüge mit diesem Klima?
Oder hat er umgekehrt Menschen genau deshalb erreicht, weil sie ohnehin schon überzeugt sind, dass das mit diesem Klima auf jeden Fall gelogen ist?
Zum Glück sind wir nicht auf Mutmaßungen allein angewiesen. Wir haben reichlich Wissenschaft – und die hat dazu ein paar Dinge zu sagen, die so kaum in unserem Reden über Social Media vorkommen.
The Science of Social Media Quatsch
(auf Englisch spricht man das übrigens “Kwotsch” aus)
Über folgende Feststellungen herrscht in der Forschung ein hoher Grad an Einigkeit – zusammengefasst aus sehr vielen Studien in einem umfassenden Literaturreview des Reuters Institute (Öffnet in neuem Fenster) der Oxford University sowie einem Überblickspaper in Nature (Öffnet in neuem Fenster):
Durchschnittliche Social-Media-User kommen in ihrem Social-Media-Alltag nur sehr selten mit Desinformation in Kontakt.
Diese wenigen Kontakte mit Desinformation machen wiederum bei den meisten, die sie haben, einen verschwindend kleinen Anteil der Feeds aus.
Die Feeds wiederum stellen nur einen kleinen Anteil der gesamten Informationsdiät der Menschen, für die das soziale Umfeld und ganz reguläre Medien nach wie vor ebenfalls eine große Rolle spielen.
Die Feststellung, dass viele inzwischen in Befragungen soziale Medien als wesentliche Nachrichtenquelle angeben, steht dazu nicht im Widerspruch, wenn man mitdenkt, dass Nachrichtenquellen insgesamt im Leben der allermeisten Menschen keine allzu große Rolle spielen (und natürlich auch seriöse Nachrichtenquellen auf den sozialen Medien präsent sind).
Und gerade bei Social Media steht der Entertainmentfaktor für die meisten deutlich im Vordergrund. Wenn ich also alle Jubeljahre mal nach Nachrichten suche und das dann auf Insta tue anstatt auf tagesschau.de (Öffnet in neuem Fenster), ist das immer noch ein Tropfen in einem Meer aus Katzenmemes, Schminktipps, Choreos, Reaction-Videos, Challenges und Urlaubsbildern von Freunden.Winzige Minderheiten mit bereits vorhandenen extremen Haltungen erzeugen den weit überwiegenden Teil der Interaktionen mit extremen Inhalten. Wie so oft verschleiert der Durchschnitt wichtige Details. Nicht nur ist die durchschnittliche Zahl der Kontakte mit Desinformation sehr niedrig; wenn man sich die Verteilung dieser Kontakte nach politischer Haltung anschaut, wird eine extreme Schieflage sichtbar:
Gut 6 Prozent der YouTube-User waren 2020 für knapp 80 Prozent der Ansichten von extremistischen Kanälen verantwortlich (Nature (Öffnet in neuem Fenster));
von 2016-2019 sah 1 Prozent der US-Bürgerschaft 85 Prozent aller geposteten impfskeptischen Inhalte (Nature (Öffnet in neuem Fenster))
10 Prozent der US-User sahen 98 Prozent der von russischen Influencer-Accounts im Rahmen der Wahl 2016 ausgespielten Inhalte. (Nature (Öffnet in neuem Fenster))
In der freien Wildbahn sind Echokammern äußerst selten. Das extreme Ende des Spektrums ist der einzige Teil des digitalen Raums, in dem es tatsächlich gelungen ist, die Existenz von etwas festzustellen, dass dem vielzitierten Konzept der Echokammer einigermaßen nahekommt – also ein in sich geschlossener Medienraum, in dem ich ausschließlich Informationen ausgesetzt bin, die meine eigene Einstellung bestätigen.
Es besteht ein großes Missverhältnis zwischen ihrer Präsenz in der öffentlichen Debatte und ihrer Präsenz in der Realität.
Die USA sind Spitzenreiter in Sachen politisch einseitige Echokammern, dort bewegen sich bis zu 10 Prozent der Menschen in solchen weitestgehend geschlossenen Medienräumen. In Europa sind es um die 5 Prozent.
Die allermeisten Menschen haben jedoch eine durchaus diverse Mediendiät, und in allen untersuchten Ländern konsumiert eine überwältigende Mehrheit der Leute überhaupt keine Nachrichten online.(Reuters (Öffnet in neuem Fenster))
Die Unterform der “Filterblase” – also eine Echokammer, die entsteht, weil Algorithmen uns in sie hineinsortieren – ist trotz vieler Versuche bisher sogar nirgendwo nachgewiesen worden, denn:Die Algorithmen drücken die Feeds in der Praxis bisher eher in eine moderatere Richtung.
Wirklich wahr! Unter anderem sogenannte “Deaktivierungsstudien” auf verschiedenen Plattformen – also solche, die einer Stichprobe von “normalen” Nutzenden eine Vergleichsgruppe gegenüberstellen, deren Feeds wie in der guten alten Zeit einfach chronologisch und algorithmusfrei aufgebaut sind – fanden regelmäßig, dass der “selbstgemachte” Feed in der Tendenz mehr extreme politische Inhalte enthielt als der vom Algorithmus kuratierte. Das stärkt die Hypothese, dass Menschen vor allem dann in Echokammern sitzen, wenn sie es sich so aussuchen, und zwar weil sie bereits extreme Haltungen haben, nicht umgekehrt.
Das heißt alles ganz und gar nicht, dass die sozialen Medien harmlos sind und es keinen Handlungsbedarf gibt – wir reden hier explizit über die Verbreitungswege von Desinformation, nicht über Sucht, Körperbilder, Geschlechterbilder, Aufmerksamkeitsdefizite, Depressionen, Monopolisierung der digitalen Öffentlichkeit (Öffnet in neuem Fenster), Datenschutz, digitale sexualisierte Gewalt, Hassrede und was da noch alles begründete Zweifel weckt an der Förderlichkeit unregulierten Social-Media-Gebrauchs für unser aller Wohl.
Aber es widerspricht vielem von dem, das wir, wenn wir über die schädlichen Einflüsse von Social Media sprechen, inzwischen als Gemeinplätze betrachten. Hier hat sich der öffentliche Diskurs ziemlich weit vom wissenschaftlichen Sachstand entfernt.
Wir gehen regelmäßig davon aus, dass viele Views und viele Likes zum Beispiel auf klimaskeptischen Desinformations-Inhalten quasi zwangsläufig zu einer Präsenz in sehr vielen Feeds führen und dass der Algorithmus dafür der wichtigste Komplize ist; dass Präsenz im Feed automatisch Wirkung auf Gesinnung, Haltung und Handlung bedeutet; und die sozialen Medien damit der zentrale Treiber von Wissenschaftsfeindlicheit, Klimaleugnerei, Polarisierung in der Gesellschaft sind. Dabei machen wir implizit für jeden Schritt in dieser Kette ganz schön viele Annahmen, die zu weiten Teilen nicht haltbar sind.
Auf den Punkt gebracht: Reichweitenstarke Posts mit Quatsch drin sind in den meisten Fällen Scheinriesen gesellschaftlicher Relevanz; weder stehen sie dafür, was “das Volk” denkt, noch ändern sie für sich genommen erkennbar etwas daran, was “das Volk” denkt.
Zahlreiche zahnarme Trolle
Das Beispiel der versuchten russischen Einflussnahme auf die US-Wahl 2016 mag zwar schon ein bisschen in die Jahre gekommen sein, aber es ist symptomatisch. Wahrscheinlich erinnerst du dich auch noch an den Skandal. Vielleicht hast du sogar noch ungefähr die Zahl im Kopf: Russische Trolle von der sogenannten “Internet Research Agency” erreichten mit ihren manipulativen Trump-freundlichen Botschaften im Vorfeld der Wahl allein auf Facebook mehr als 120 Millionen US-Bürgerinnen und Bürger, so Facebook selbst in der Anhörung (Öffnet in neuem Fenster) vor dem US-Kongress 2017.
Ziemlich sicher erinnerst du dich nicht daran, dass diese Inhalte nur vier Tausendstel des gesamten auf Facebook ausgespielten Contents ausmachten, wie man dort ebenfalls nachlesen kann.
Oder dass 70 Prozent der Kontakte mit diesen Inhalten auf Twitter auf nur 1 Prozent der Nutzer entfielen – also zwar viele Views, aber wenig Reichweite produziert haben, zwei Dinge, die wir allzu leicht verwechseln: Wie vor langer Zeit ganz oben erwähnt, sind sowohl Views als auch Shares trügerisch, weil sie keine Rückschlüsse darüber erlauben, ob 1000 Leute für 1000 verantwortlich sind oder 30 für 1000 – ich kann als Einzelmensch einen Inhalt beliebig oft anklicken oder teilen.
Oder dass die Kontakte stark unter republikanischen Nutzern konzentriert waren, die man eigentlich nicht mehr von Trump überzeugen musste. Die Zahlen kommen aus dieser (Öffnet in neuem Fenster) seriösen Studie, die (ebenso wie diese (Öffnet in neuem Fenster) hier) im Nachgang keinerlei Auswirkungen auf Meinungen oder Wahlabsichten bei Menschen feststellen konnte, die mit den Inhalten auf Twitter in Kontakt gekommen waren.
Du brauchst aber jetzt kein schlechtes Gewissen haben, dass du dich nicht erinnerst, du hattest keine Chance – weil nämlich kaum jemand über diese Aspekte berichtet hat. War halt weniger spannend. Es ist natürlich trotzdem ein Skandal. Aber einer, der allem Anschein nach beim Versuch der Einflussnahme geblieben ist.
Was du vermutlich auch nicht auf dem Schirm hast: Es gibt zwar erkennbare Zusammenhänge zwischen Social-Media-Gebrauch und zunehmender Hassrede sowie mit Vertrauensverlust in demokratische Institutionen – aber auch zwischen Social-Media-Gebrauch und demokratischer Teilhabe, politischem Wissen und größerer Meinungsvielfalt. Diese Auswirkungen sind je nach Region und Kontext unterschiedlich gemischt und gewichtet, und zwar ziemlich heterogen. Es gibt jedenfalls keinen erkennbaren Trend, nach dem eine größere Social-Media-Durchdringung in einer Gesellschaft mit größerer Polarisierung einherginge, das geht durchaus in beide Richtungen, so das zentrale Ergebnis eines systematischen Reviews (Öffnet in neuem Fenster) von über 500 Studien aus aller Welt..
Die Quintessenz all dieser Erwägungen: Die Haltungen und Meinungen von Menschen zu ändern ist echt nicht so einfach.
Es in großem Maßstab über die Sozialen Medien zu tun, ist allem Anschein noch eine ganze Ecke schwieriger: Die Effekte sind bestenfalls klein, und in den allermeisten Fällen schon wenige Tage nach der Intervention nicht mehr messbar.
“Be water, my friend.” (Albert Einstein)
Wir Menschen sind also stur. Und das ist eine gute und eine schlechte Nachricht zugleich, weil sie natürlich bedeutet, dass auch Initiativen wie die unsere, die den Schutz der Lebensgrundlagen und der Artenvielfalt und die Freude an einer sauberen, gesünderen, gerechteren klimaneutralen Zukunft in die Mitte der Kultur hineintragen will – dass also auch die Superredaktion sich darauf einstellen muss, dass es hier nur um eine Politik des steten Tropfens gehen kann. Um einen gemeinsamen Marathon, um eine kollektive Anstrengung über Zeit, bis wir den Kipppunkt erreichen, an dem das Neue dann plötzlich sehr schnell um sich greift und das Normale wird. Nicht um die eine virale Kampagne, die das Ruder spektakulär herumreißt.
Wir sind darüber auch immer wieder ein bisschen erleichtert, weil es den Druck von der einzelnen Intervention nimmt, die großartigste aller Zeiten zu sein – sei es eine Kampagne, ein Buch, ein Film, ein Post, ein Newsletter, zum Beispiel dieser hier. Er ist einer von vielen, und das weiß er auch.
Wer schonmal wandern war in den Bergen kennt diese hübschen und irgendwie rührenden Steinmännchen auf der Passhöhe. In vielen Regionen nimmt man vor dem Anstieg einen Stein mit und legt ihn oben auf dem Häufchen ab, wenn man es geschafft hat. Jeder Stein ein Mensch, der eine Herausforderung überwunden hat, jeder Stein ein verdienter Ausblick ins nächste Tal, alle Steine zusammen ein Denkmal.
So ist das. Unsere Aufgabe ist, selber einen schönen Stein auf den Pass mitzubringen. Und möglichst vielen anderen Lust zu machen, das auch zu tun.
(Der Wanderverein der fossilen Lobby kommt ohne Stein auf unsere Passhöhe gewandert, ein jedes seiner Mitglieder nimmt einen unserer sorgfältig aufgeschichteten Steine mit ins Tal, sie singen Lieder von Kid Rock und tragen High-Tech-Jacken aus Plastik.)
Quatsch-Geburtshilfe: Elitenkommunikation
Aber wenn das Überzeugen nun so schwer ist, wie kommt es dann, dass dir immer wieder auch gut informierte, eigentlich vernünftige Leute begegnen, die dir von ihren Zweifeln berichten, ob E-Autos überhaupt wirklich besser sind als Verbrenner?
(Sind sie (Öffnet in neuem Fenster) – schon ein 2020 in D angemeldeter ein Stromer generiert über seine gesamte Lebenszeit, inklusive Herstellung und Entsorgung, 40 Prozent weniger CO2 als ein Öltimer, und die Ersparnis wird naturgemäß umso größer, je sauberer der Strom in Deutschland wird.)
Die denken, dass Deutschland ja kaum zur Klimakrise beiträgt im Vergleich zu [anderes Industrieland einsetzen, in der Regel China] und deswegen auch weniger Verantwortung für Veränderungen hat?
(Erstens unlauter gerechnet – wir sind pro Kopf (Öffnet in neuem Fenster) ziemlich gleich auf – und zweitens rennt China (Öffnet in neuem Fenster) inzwischen weltweit am schnellsten Richtung Transformation, chinesische Emissionen (Öffnet in neuem Fenster) steigen schon seit fast zwei Jahren nicht mehr, und es mehren sich die Anzeichen, dass sie sogar schon systematisch zu sinken begonnen haben. Von den massiven Auswirkungen der günstigen chinesischen Technologien auf die Energiewende im Rest der Welt ganz zu schweigen.)
Oder die der Überzeugung sind, dass Wärmepumpen in Altbauten nicht funktionieren und/oder 150.000 Euro kosten?
(Beides (Öffnet in neuem Fenster) falsch (Öffnet in neuem Fenster). Natürlich gilt: Je besser gedämmt, desto effizienter, aber das ist unabhängig davon, ob man mit Öl oder Gas oder Strom heizt. Und insbesondere mit den aktuellen Fördermöglichkeiten rechnet sich eine Wärmepumpe oft schon nach wenigen Jahren. Wenn selbst der ADAC so argumentiert, muss ja wohl was dran sein…)
Wieso kennen so viele von uns die irreführenden Geschichten, die zu großen Teilen in den Sozialen Medien aufgekocht, aufbereitet, wiedergekäut werden, obwohl wir ihnen dort kaum begegnen, wenn wir nicht gezielt danach suchen?
Wir haben festgestellt, dass Quatsch aus dem Internet mit großer Wahrscheinlichkeit nicht direkt aus den Bildschirmen in Millionen Gehirne schwappt.
Wir haben nicht festgestellt, dass der Quatsch sich nicht auf anderen Wegen aus dem digitalen Raum heraus in den breiten gesellschaftlichen Diskurs hineinbahnt, um dort Unheil anzurichten.
Auch hier gibt uns die Wissenschaft ganz gute Hinweise, wie das funktioniert. Das Schlüsselwort heißt Elitenkommunikation, ein Befund, der in der Forschung (Öffnet in neuem Fenster) zu Klima und COVID besonders gut dokumentiert ist:
Dafür, dass Quatsch aus dem Internet in die breite gesellschaftliche Debatte gerät, ist nicht erheblich, wie viele unterschiedliche Menschen den Quatsch auf den sozialen Medien sehen, sondern welche – und was sie dann außerhalb der sozialen Medien mit dem Quatsch machen.
Case in point: Nur ein einstelliger Prozentsatz (Öffnet in neuem Fenster) der Deutschen ist noch regelmäßig auf X unterwegs; trotzdem bekommen wir regelmäßig mit, wer was auf X gesagt hat, weil weite Teile der Berichterstattung in den klassischen Medien nicht ohne die Einbettung von “Soundso schrieb auf der Plattform X”-Verweisen auskommen.
Wir, a.k.a “das Volk”, mögen nicht mehr auf der Plattform sein – aber die 8 Prozent, die noch regelmäßig dort sind, sind nicht irgendwelche 8 Prozent, sondern eine hochgradig reaktive Mischung vor allem aus Politik und Journalismus auf der einen Seite und politisch extremen Lautsprechern, Trollen und Bots (Öffnet in neuem Fenster) auf der anderen.
Das Atlas-Netzwerk und ein Beispiel aus der deutschen Debatte
Wenn der Gründer eines Thinktanks im libertären Atlas-Netzwerk, finanziert von fossilen Milliardären und einem Mineralölkonzern, auf X erzählt, dass sein Schornsteinfeger (!) ihm gesagt habe, eine Wärmepumpe für sein Haus würde 150.000 Euro kosten und dafür Beifall von den erwartbaren Claqueuren erhält, ist das vielleicht nicht egal. Aber so richtig nicht egal wird es erst dann, wenn das Handelsblatt über seine Schornsteinfegeranekdote schreibt.
Darüberhinaus brauchte es in diesem speziellen Fall auf seiten der Politik nicht einmal einen Geburtshelfer, um dieses Narrativ in die politische Debatte zu heben, weil er die Stimme erwartbarer Claqueure für die Stimme “des Volkes” hält – das konnte der Mann selbst erledigen. Er saß zu diesem Zeitpunkt für eine Partei in Regierungsverantwortung im Bundestag, sein Name ist Frank Schäffler, und er hat in einem interessanten, wie nennt man das heutzutage, self-own in einer großen deutschen Talkshow erwähnt, dass er selbst sich selbstverständlich schon eine Wärmepumpe bestellt hat. (Das alles kannst du nachhören in diesem (Öffnet in neuem Fenster) schönen Hörstück.)
Erst die mediale Verstärkung durch klassische Medien und prominente Akteure macht aus den Nischeninhalten auf den Plattformen also gesellschaftlich relevante Themen.
Die Mechanismen dahinter sind gut dokumentiert: Journalismus und Politik neigen dazu, Engagement – also Likes, Shares und Kommentare – mit Relevanz zu verwechseln. Also, nicht nur die neigen dazu – das tun wahrscheinlich die meisten (nach der Lektüre dieses Newsletters hoffentlich ein paar weniger).
Aber wenn das bei denjenigen passiert, die einen großen Teil der Verantwortung dafür tragen, welche Themen in einer Gesellschaft wie diskutiert werden, ist diese Dynamik besonders verheerend. Was ursprünglich nur eine kleine, hochaktive Minderheit beschäftigte, wird plötzlich zum vermeintlichen „gesellschaftlichen Diskurs“.
Und so entsteht ein Kreislauf, in dem die mediale Aufmerksamkeit den Quatsch weiter legitimiert und verstärkt – bis er schließlich auch diejenigen erreicht, die ihn sonst nie wahrgenommen hätten.
Und das, sagt die Forschung (Öffnet in neuem Fenster) weiter, passiert vor allem dort, wo die Themen besonders stark entlang von Parteilinien sortiert sind. Ob Klima oder Corona: In Ländern, in denen Eliten – Parteien, Parlamentarierinnen, Leitfiguren – Desinformation normalisieren oder sogar aktiv befeuern, um sich von anderen Akteuren abzugrenzen, wird sie gesellschaftlich relevant. In Ländern, in denen parteiübergreifend Einigkeit über die Grundlagen wissenschaftlicher Erkenntnisse herrscht, ist das öffentliche Klima entsprechend weniger vergiftet – nicht weil die Menschen dort weniger auf Social Media sind, sondern weil dort niemand Wichtiges den Quatsch aus seinem digitalen Kämmerlein herausholt und salonfähig macht.
Lösung sein.
Handreichungen fürs Selbermachen
Wobei, heute vielleicht erstmal eine Handreichung fürs Selbernichtmachen. Wenn du eine Person bist, die als Brücke funktionieren kann zwischen dem digitalen Raum und der herkömmlichen Öffentlichkeit – jemand mit Reichweite, mit Vorbildfunktion, mit vielen und/oder wichtigen Augen und Ohren auf sich – und du stößt auf einen empörenden Post mit sehr vielen Klicks und Links und Likes und Shares, und du denkst, ohje, in welcher Gesellschaft leben wir hier eigentlich:
Überleg dir gut, ob es sich wirklich um einen relevanten Fund handelt, oder ob du ihn nicht vielleicht am besten ignorierst, anstatt ihm künstliche Relevanz zu verschaffen, indem du dich mit ihm einlässt. Und Einlassen kann in diesem Fall auch widersprechen heißen, denn damit trägst du unter Umständen Quatsch weiter in deine eigenen Kreise, die sonst nie davon erfahren hätten.
Wir verlassen mit dieser Hypothese den Bereich der wissenschaftlichen Nachweisbarkeit, aber wir sind bereit, uns wie folgt aus dem Fenster zu lehnen: Unsere Gesellschaft wäre eine deutlich bessere, wenn entscheidende, öffentlich sichtbare Menschen aus Politik, Medien und Popkultur weite Teile der Aufreger, die ihnen auf Social Media begegnen, einfach ignorieren würden. Das sind nicht unsere Angelegenheiten. Auch wenn die Zahlen unter den Posts manchmal danach aussehen.
Sollen die sich doch gegenseitig anbrüllen in ihren digitalen Kämmerlein und uns damit in Ruhe lassen.
Und wenn du dich dafür engagierst, die negativen Auswirkungen von Desinformationen einzuhegen, im Kleinen oder im Großen:
Ein entscheidender Hebel liegt dort, wo wie oben beschrieben aus Nischenthemen erst wirklich große Aufreger gemacht werden. Nicht beim Versuch, jeden einzelnen Post im Feed zu bekämpfen.
Dein Engagement ist besser aufgehoben, wenn es zum Beispiel klare Hausregeln für Redaktionen, Pressestellen, Parteien fordert. Das Mantra muss sein – neben der üblichen Sorgfalt in der Quellenprüfung, die natürlich auch hier selbstverständlich sein sollte: Viele Klicks ist nicht gleich Relevanz.
Es wäre schön, wenn wir alle mehr Routine darin entwickeln würden, hier sorgfältig zu prüfen und Scheinriesen auszusortieren. Aber das gilt zuallererst für diejenigen, deren Auftrag und Verantwortung und Superkraft es ist, die öffentliche Debatte zu kuratieren.
Derselbe Gedankengang legt nahe, dass wir am Social-Media-Ende der Wirkungskette eventuelle regulativen Bemühungen auf die sehr kleine Gruppe richten sollten, die ständig anheizt und Inhalte über mehrere Plattformen schiebt – nicht auf die breite Masse der Social-Media-Nutzer.
Freunde treffen.
Die Empfehlungen des Monats
Fun Facts

Ein Kreis hauptberuflich lustiger Menschen hat ein neues, tägliches, unabhängiges Nachrichtenformat ins Leben gerufen, das man sich live vor Ort und im Internet ansehen kann: Fun Facts (Öffnet in neuem Fenster). Eine absurde Anzahl guter Leute (Öffnet in neuem Fenster) macht mit, darunter Marc-Uwe Kling, Sarah Bosetti, Luisa Neubauer, Karoline Herfurth, Pheline Roggan, Saša Stanišić, Siegried & Joy….
Hope Facts

Ebenfalls viele gute Leute – teilweise dieselben! – haben sich hier unter der Herausgeberschaft von Julien Gupta von der Treibhauspost (Öffnet in neuem Fenster) in einem Buchprojekt zusammengefunden: Was wir meinen, wenn wir Hoffnung sagen (Öffnet in neuem Fenster). Sie erzählen aus sehr unterschiedlichen Perspektiven davon, wie sie unter widrigen Bedingungen hoffnungsvoll bleiben, und was das überhaupt für sie bedeutet.
Watt Facts

Hannah Ritchie, Datenwissenschaftlerin bei Our World in Data (Öffnet in neuem Fenster), hat ein Werkzeug/Spielzeug/Lehrstück gebaut: Does that use a lot of energy? (Öffnet in neuem Fenster) Damit kannst du dir ganz nach Bedarf veranschaulichen, welche Bestandteile deines Alltags im Vergleich wieviel Energieverbrauch und -kosten verursachen. Wetten, dass da ein zwei überraschende Befunde dabei sind?
Nuke Facts

Es gibt viele schöne Diagramme dazu, wie Jahr für Jahr die großen Analyse-Institute aufs Neue in ihren Prognosen das Wachstum von Wind- und Solarenergie deutlich unterschätzen. Jetzt haben wir ein neues schönes Diagramm bekommen, aus einer wissenschaftlichen Studie zu Atomkraft-Wachstumsprognosen. Das sieht genauso aus – nur halt umgekehrt. Von wegen Renaissance. Energieexperte Tim Meyer hat das Beharrungsvermögen der Geschichte von der ewig ganz kurz bevorstehenden Goldenen Ära der Atomenergie auf LinkedIn (Öffnet in neuem Fenster) schön aufbereitet.
Shark Facts

Und zuletzt: Dem Autor dieser Zeilen sind Tiere emotional weitestgehend egal, er ist ein Unmensch. Es ist deswegen ein besonderes Verdienst der britischen Autorin Katherine Rundell, dass sie ein Tierbuch geschrieben hat, das er nicht mehr weglegen kann. Warum die Giraffe nicht in Ohnmacht fällt (Öffnet in neuem Fenster) ist der doofe deutsche Titel, denn von allen wunderbaren Anekdoten und Vignetten ist der Grund, aus dem die Giraffe nicht in Ohnmacht fällt, so ziemlich die am wenigsten spannende.
Es sind 22 kunstvolle Text-Portraits bedrohter Arten, die das Wunderbare, das Kuriose und das Zerbrechliche der Schöpfung und unserer Beziehung zu ihr unmittelbar spürbar machen – und dem Publikum einen klaren Auftrag mitten ins Herz pflanzen. Leseprobe (auf Englisch): Consider the Greenland Shark (Öffnet in neuem Fenster).
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