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Die gedemütigte Frau

Werkstattfassung

Die Frau stellt ihr Rad unter die Platane.

Ein Volkswagen wird auf den einzig freien Stellplatz vor der Bäckerei gelenkt.

Die Frau geht in die Bäckerei.

Vom Beifahrerplatz stemmt sich ein Mann heraus auf den Gehsteig.

Eine Frau nimmt vor der Bäckerei auf einem Stuhl platz.

Ein Mann, der aus dem Volkswagen, tritt in den unsichtbaren Strahlenkegel des Tür Sensor. So geht die Tür der Bäckerei für ihn auf. Er geht hinein.

Die Frau geht aus der Bäckerei.

Die drei noch im Volkswagen verbliebenen Insassen bewegen ihrer Lippen.

Die Frau packt eine Papiertüte in den Korb auf ihrem Gepäckträger.

Der Baum verliert ein Blatt.

Die Tür der Bäckerei öffnet sich. Heraus tritt ein Mann. Er geht zum Volkswagen. Er öffnet die Beifahrertür. Er quetscht sich hinein. Er schließt die Tür.

Die Frau fährt mit dem Rad fort.

Eine Frau steht von ihrem Platz auf.

Sie kommt mit der Verkäuferin ins Gespräch über deren schlanke Figur. Sie lobt die Verkäuferin für ihre Figur. Die beteuert dafür keine Anstrengung unternehmen zu müssen. Ihr fällt das zu. Einfach so.

Der Paketbote hält mit seinem Lieferwagen vor der Bäckerei. Der Lieferwagen blockiert den Volkswagen. Der Volkswagen-Fahrer hupt. Der Lieferwagen-Fahrer fährt zwei Meter vor. Der Volkswagen-Fahrer packt aus und fährt sich und seine Passagiere außer Reichweite. Der Lieferwagen-Fahrer rangiert den Lieferwagen in die frei gewordene Parklücke.

Die Verkäuferin hat sogar ein Kind. So sagt sie und dass sie dennoch nicht aus dem Leim gegangen ist.

Eine Frau verabschiedet sich von der Verkäuferin. Sie geht in die Seitenstraße. Sie geht über den Steg. Da bleibt sie kurz stehen. Die rechte Hand hat sie auf dem Handlauf des Geländers. Das ist ein glänzendes Edelstahlrohr, auf dem sich kleine Fliegen sonnen.

Die Hand einer über den Steg weitergehenden Frau vertreibt die Fliegen auf dem Handlauf. Über das Geländer rankende Brombeerranken vertreiben die Hand einer Frau, einer unglücklichen Frau, einer gedemütigte Frau, der es schwer fällt, nicht unförmig zu sein, nicht aus dem Leim zu gehen.

Sie ist jetzt nicht mehr eine Frau. Sie ist jetzt die eine Frau. Die gedemütigte Frau.

Und die Verkäuferin ist jetzt nicht mehr nur die Verkäuferin. Sie ist nun die gelobte Frau. Die gelobte Frau demütigt Kraft ihrer mühelosen Figur jene Frau mit maßlose Figur.

Die maßlose, gedemütigte Frau macht sich ein Bild von der gelobten Frau mit der mühelosen Figur, wie diese vor einem brotbepackten Regal und hinter einer überquellenden Kuchentheke ihre Arbeit tut. Und wie sie dabei nascht. Folgenlos.

Die rechte Hand der gedemütigten Frau hüpft den Handlauf entlang über brombeerranken und vertreibt dabei kleine Fliegen.

Mit dem Steg endet das Geländer. Mit dem Geländer endet der Handlauf. Mit dem Handlauf enden die Brombeerranken und die kleinen Fliegen schwimmen durch die feucht-schwüle Luft um den Kopf der Frau.

Ein Wagen fährt vorüber. Und gleich noch einer. Die Frau wartet und steht und wartet. Sie schaut links. Sie schaut rechts. Sie wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn. Dann schaut sie sich den schweißglänzenden Handrücken an. Sie wischt ihn sich an ihrer Bluse über der Hüfte trocken.

Jetzt kommt kein Wagen. Die Frau geht. Sie geht behäbig und vorsichtig. Sie ist sich jedem ihrer Schritte sicher.

Die gedemütigte Frau ist auf der anderen Straßenseite angekommen. Hinter ihr fährt ein Radfahrer vorüber. Mit jeder Radumdrehung streift das Vorderrad am Schutzblech. Von der Frau nimmt der Radfahrer keine Notiz. Den nervt das Schleifgeräusch an seinem Vorderrad.

Vor der geschlossenen Bahnschranke stoppt er sein Rad. Er steigt vom Sattel. Er steht zwischen Lenker und Sattel. Die Querstange führt durch seinen Schritt. Er beugt sich vornüber. Er hantiert am Schutzblech.

Der vierzehn Uhr fünf fährt vorüber. Der Radfahrer schaut auf. Er schaut auf seine Armbanduhr. Es ist vierzehn Uhr zehn. Alles heute fünf Minuten später. Die Schranke hebt sich. Der Radfahrer ist am Vorderrad noch nicht fertig. Er stellt sich auf eines der Pedale, tritt das Rad in Gang und hüpft auf den Sattel.

Ein Radfahrer tritt in die Pedale. Es geht leicht bergan. Das Vorderrad schleift am Schutzblech. Wie alle Tage. Denn wenn er zu Hause ankommt, stellt er sein Rad in die Garage. Was kümmert ihn dann das Schleifen. Bis zur nächsten Fahrt ist das vergessen.

Vor der nächsten Abzweigung geht es ein wenig abwärts. Er muss nach links. Da geht es dann wieder aufwärts. Steil. Also braucht er Schwung und tritt ordentlich in die Pedale. Er will jetzt nicht halten. Auch wenn das Auto da vorne rechts Vorfahrt hätte. Die hätte es, wenn es schneller daher käme. Der Radfahrer schert vor dem Auto auf die Bergstraße ein. Die nächsten dreihundert Meter klebt es hinter dem Radfahrer. Fürs überholen ist kein Platz.

Als der Radfahrer auf den Gehweg wechselt und vor einem Tor stoppt, beschleunigt der Wagen. Der Radfahrer sieht den Wagen vorüberfahren. Er sieht ihm nach.

„Sie fahren…“, so steht das über der elektronischen Anzeigetafel in Richtung Ortsausgang, „37 km/h“. Die Tafel formt die 37 aus roten Leuchtpunkte. Es soll auch grüne Leuchtpunkte geben. Es hat sie noch keiner jemals gesehen.

Der Autofahrer sieht die elektrische Anzeige nicht. Er schaut starr voraus auf sein Ziel. Das liegt irgendwo hinter der Straße, zwischen den Häusern und nach dem Ortsende. Er hat freie Bahn. Nichts hindert ihn. Auch keine rote 37.

Er will heim zu seiner Frau. Und da ist noch seine Tochter. Aber die spielt mit Puppen und geht ins Ballett. Sie geht nicht mit ihm auf den Fußballplatz. Ganz sicher nicht. Das nächste Kind wird ein Junge. Ganz sicher. Das nimmt sich der Mann noch vor. So, als hätte er das zu bestimmen. So, als gäbe es für ihn noch eine zweite Chance.

Ewald steht in der Einfahrt zu seinem Grundstück. Die Verdammten Mülltonnen müssen bis an die Straße geschafft werden. Restmüll, Biomüll, Papier. Heute ist Papier dran. Als er dasteht, aufgegestützt auf die grünen Tonne, da heult der Motor auf. Das ist der, der gerade das Ortsschild passiert. Bei Ewald macht die Straße einen leichten Knick nach links. Gleich hinter seiner Einfahrt. Da tun sie immer mal noch langsam. Dann heulen die Motoren. Und manchmal kracht’s anschließend. Wenn einer die Spur nicht halten kann. Oder der Gegenverkehr auch nicht.

Der Autofahrer, der zu seiner Frau will, der lässt es noch mal so richtig krachen. Und dann ist da noch die Frau vom Ewald. Die ist schon ein bisschen komisch. Die will das ja auch schon letzte Nacht im Schlaf gesehen haben. Dass es heute wieder kracht. Und jetzt hat es gekracht. Das hat er Ewald gehört, da stand er noch vor seiner Einfahrt. Da will ich mal warten, was geschieht, denkt sich der Ewald. Dazu setzt er sich auf das Mäuerchen. Dann denkt er an seine Frau und dass die mal wieder recht behalten hat. Ewald rollt mit den Augen. Jetzt glaubt sie fest daran, dass sie das zweite Gesicht hat, denkt er sich dazu. Wenn man lange und oft genug schwarz sieht, da kommt auch irgendwann die Nacht und gibt einem Recht.

Zuerst kommt die Polizei. Die ist gerade vorüber, da kommt auch schon dem Ewald seine Frau zur Einfahrt gelaufen.

Nein. Sie hat es nicht gleich gesagt. Sie hat es vorausgesagt. Und dass der ein Kind hatte. Hatte? Ja. Denn der ist jetzt tot. Die schicken einen Hubschrauber, sagt dem Ewald seine Frau. Sagst du das auch voraus? Nein, ich höre noch gut. Es macht wlap, wlap in der Luft. Die schicken einen Hubschrauber. Und schon fliegt der über sie hinweg, zieht eine Schleife und dreht auf die freie Wiese hinter Ewalds Haus bei.

Den hätten die sich sparen können, meint die Hellsichtige. Der ist Brei.

Aber der Brei atmet noch. Er blubbert Blut. Die Leute aus dem Hubschrauber haben heute ganz tolle Möglichkeiten. Die halten den Brei beieinander und am Leben. Lebendig ist, was blubbert.

Der Brei wird aus dem Blech gepellt und über die Wiese in den Hubschrauber geschafft. Der Trupp aus Notarzt, Rettungssanitätern und Brei zieht vorbei an der Liesel. Die Liesel gehört Ewalds Bruder. Der ist Landwirt und Liesel sein Liebling. Die Liesel schaut und kaut und schaut und kaut wieder. Ihr Kopf folgte dabei dem eilig über ihre Weide gehenden Trupp. Das muss in den Augen der Liesel komisch wirken. Zweibeiner tragen einen Futtertrog mit Brei. So sieht das die Liesel. Und die denkt sich ihren Teil. Und die freut sich über den kühlen Luftzug, der gleich einsetzt, wenn der Hubschrauber wieder durchdreht. Zuvor reißt aber die Liesel noch ein paar große Grasbüschel von ihrer Weide, um das ewige kauen nicht unterbrechen zu müssen. Als der Hubschrauber sich in die Lüfte schraubt, da hebt die Liesel ihren Kuhkopf. Und der Hubschrauber schraubt sich hinauf und verschwindet als winziger Punkt im fernen, blauen Himmel. Und die Liesel lässt er zurück und auch den Ewald und dem Ewald seine hellsichtige halb irre Frau.

Dann ist da noch der Radfahrer. Der sitzt inzwischen hinter dem Haus auf der Gartenbank neben seiner Frau. Zwischen den beiden geht ein Kaffeepott hin und her. Und während sie Kaffee schlürfen überkommt sie das Knattern aus heiterem Himmel und ein rotierender Schatten bewegt sich über sie hinweg. Und der Schatten erreicht bald auch die maßlose gedemütigte Frau. Die steht auf ihrem winzig Balkon und gießt die ortsüblichen Geranien. Der Schatten lässt sie aufschauen. Ein Reflex auf der Suche nach ungewöhnlichem Geschehen in ihrem gewöhnlichen Leben. Ihre Hände, die mit den maßlosen Fleischfingern, legt sie über den winzigen, verkniffen Augen an die Stirn. Nur wieder so ein Knatterding, denkt die gedemütigte Frau. Bald werden in einer Kirche Kerzen angezündet und vor einem Erdhügel Kränze niedergelegt. Aber das hat nichts mit ihr und ihren Geranien zu schaffen. Da bleibt alles wie gewohnt. Sie bleibt die maßlose, gedemütigte Frau in ihrer kleinen Wohnung mit dem winzigen Balkon.

Als die Verkäuferin durch das Fenster der Bäckerei nach draußen schaut, da verliert der Baum ein Blatt. Daneben rotiert ein ferner Schatten über den Himmel. Der sieht aus wie einer dieser fallenden, trudelnden Samen. Die Verkäuferin, die wir die gelobte Frau nennen, nimmt es als Zeichen für den kommenden Herbst. Sie freut sich auf den Feierabend. Sie freut sich auf die Tochter. Sie freut sich auf den Mann. Sie freit sich darauf, mit ihm noch einen Jungen zu zeugen.

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