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APOKALYPTISCHE SCHLAGER, FLIEGERALARM UND QUEERNESS

SACHBUCH-KRITIK (Öffnet in neuem Fenster)-&-MUSIK-KOMMENTAR (Öffnet in neuem Fenster)

„Der ESC war im Laufe der Jahrzehnte mal mehr, meist weniger nah dran am Pop-Mainstream. Avantgarde war er nur in ausgewählten Momenten. Vieles wirkt mit zeitlichem Abstand grotesk, albern, deplatziert oder seltsam; anderes hingegen überraschend anrührend.“

Ja, was so klingt, als könnte es auch um One-Night-Stands, Ex-Beziehungen oder Weihnachtsfeste mit der Familie gehen, dreht sich in der Tat um den Eurovision Song Contest, der ja nicht immer so hieß. Seit wann der so heißt, sich die ihn ausrichtende und mit ständigen Regelanpassungen auch in der Theorie unterhaltsam haltende EBU (European Broadcast Union) als Marke begreift und was überhaupt alles so ins Einzugsgebiet fällt, erläutert Blogger, Vlogger und Journalist Lukas Heinser in seinem ESC-Buch.

Erschienen ist Das kleinste Buch zum größten Musikereignis kürzlich bei FISCHER Taschenbuch und wir stellen fest: so klein ist es gar nicht. Also, schon, aber mit knapp vierhundert Seiten nahezu à la suhrkamp-taschenbuch-wissenschaft-Buch-Druck-Größe auch umfangreich. Was Heinser, als Assistent des deutschen Kommentators (erst Peter Urban, seit 2024 Thorsten Schorn) ausgewiesener ESC-Experte, in neun so schmissig gespielten wie erhellenden Kapitel auf die Buchbühne bringt, ist schon (r)echt beeindruckend und kann sich gar ganz ohne Windmaschine sehen lassen.

Zunächst erläutert Heinser was der ESC außer ESCapismus ist und kann (und nicht kann oder will, wobei das im Grunde das gesamte Buch hindurch so ein Wechselbad der Fakten und Gefühle ist) – auch für ihn, Stichworte: Münchener Freiheit, Kommentare, Verbundenheit, Stefan Niggemeier, Peter Urban – und beschreibt seine Erfahrungen vor Ort, was ein spannender Blick hinter die Kulissen ist. Dies immer prosaisch und solide pointiert. Heinser wäre sicherlich ein guter Reise-Journalist/Autor/Romancier. Je ein Kapitel sind der Schweiz, Österreich und Deutschland gewidmet. Nicht fehlen darf der Beitrag zum „ESC als queeres Event“, in dem u. a. beschrieben wird, wie sehr die Musikveranstaltung, die in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag feiert und noch lange nicht in Rente zu gehen scheint, ein Zuhause für Queers sein kann:

Zitat aus dem Buch von Lukas Heinser, ein Klick führt zum Instagram-Beitrag (Öffnet in neuem Fenster)
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Ebenso räumt er mit der „Mär vom »unpolitischen ESC«“ auf, der immerhin mit politischem Hintergrund ins Leben gerufen wurde. So ist das Buch eben nicht nur ein musikalisches, sondern auch ein sehr politisches. Was uns dann doch überraschte – und arg freute. Zumal Lukas Heinser den Mix aus Spaß und Ernst, ESC-Statistik und Polit-Analyse gut hinbekommt. Manch Weltereignis bekommt gar eine ganz neue Note.

Natürlich sind da auch ein paar Aufreger enthalten, denen Heinser ohnehin ein separates Kapitel widmet. Da bezieht er sich allerdings eher auf „Störer“ wie Joost Klein... Whoa! Ja, nehmt's hin. Dessen latent (?) ausgestrahlter Antisemitismus (Öffnet in neuem Fenster) und seine „Haltung“ gegenüber der israelischen Sängerin Eden Golan sind schlicht räudig und haben uns einen sehr feinen ESC- und Europa-Song versaut. (Ebenso 2024 haben sich Bambie Thug und einige andere beinahe unentschuldbar unmenschlich verhalten (Öffnet in neuem Fenster), aber das nur am Rande.) Und dass Nemo den ESC-Pokal aus Protest gegen Israel und das Vorgehen im Gaza-Streifen bzw. Iran zurückgeschickt hat, ist an performativer Lächerlichkeit kaum zu überbieten.

Zig Zahlen

Dass derlei Verhalten nicht verfangen muss, konnten wir im letzten Jahr erleben, als zwar halbe Delegationen und ein Teil des Publikums, manch Medien und „normale Menschen“ wie leider auch ein nicht geringer Teil der queeren Community gegen Yuval Raphael schossen. Immerhin einer Überlebenden des grausamen, niederträchtigen, widerwärtigen, feigen Massakers der Hamas an 1.200 Israelis, Jüdinnen und Juden. Ihr famoser Song „New Day Will Rise“ landete 2025 verdient auf Rang zwei.

Screenshot Instagram @ranalkalay (Öffnet in neuem Fenster)
Screenshot Instagram @ranalkalay

Ähnliches wiederholte sich nun gestern Abend zum Eurovision-Finale: Noam Bettan kam mit starker Stimme, solider Performance und dem wirklich guten Song „Michelle“ (Öffnet in neuem Fenster) ebenfalls auf Platz zwei. Ein schönes Fuck You Europas in Richtung all der Pedro Sánchez' dieser Welt und all der Boykott-Bananenhirnbirnen (Öffnet in neuem Fenster). Zum Thema Boykott schreibt natürlich auch Lukas Heinser ein wenig, nicht nur bezogen auf Israel, sondern allgemein Boykottdrohungen (Öffnet in neuem Fenster) und -wünsche so wie zu manch Widerspruch und Doppelmoral. Knackig erläutert er, warum der „Russland wurde ausgeschlossen, Israel aber nicht“-Ruf nicht verfängt und unsinnig ist. (Wir empfehlen das Buch ausdrücklich Michael Lüders (Öffnet in neuem Fenster).)

Siegerin des Abends: Dara aus Bulgarien (erster Sieg überhaupt für das Land) // Foto: © SWR, EBU/Corrine Cumming
Siegerin des Abends: Dara aus Bulgarien (erster Sieg überhaupt für das Land) // Foto: © SWR, EBU/Corrine Cumming

Den Sieg gestern Abend strich für uns überraschend aber durchaus gegönnt Dara aus Bulgarien für ihren Banger „Bangaranga“ (Öffnet in neuem Fenster) ein. Zum zweiten Halbfinale soll sie sich noch beschwert haben, dass sie die Startnummer eins hätte, die ihr Nachteile bescheren könnte, kommentierte Thorsten Schorn am Donnerstagabend. Das würde es allerdings kaum in das „Aufreger“-Kapitel schaffen. Fällt wohl eher in die Kategorie Aufregung, Nervosität, etc. (Öffnet in neuem Fenster) Natürlich hat Lukas Heinser auch hiervon reichlich Beispiele im Instrumentenkasten. Die Kontroverse um die „Nase von Damiano David“ (Måneskin, Siegerband 2021), hingen schon. Wieso nicht aber seine „Beule“ in der Hose damals? Egal, allein der Gedanke daran... Egal! Fokus.

Das Moderationsduo für den 70. Eurovision Song Contest, Victoria Swarovski (l.) und Michael Ostrowski stehen bei einer Pressekonferenz zum Eurovision Song Contest (ESC) 2026 vor dem Logo der Veranstaltung. Der ESC 2026 findet vom 12. bis 16. Mai 2026 in Wien statt.

© SWR/Roland Schlager/APA/AFP
Stimmiges Moderationsduo für den 70. Eurovision Song Contest in Wien, Victoria Swarovski (l.) und Michael Ostrowski // © SWR/Roland Schlager/APA/AFP

Sein ESC-Buch, das immer wieder Musik- und Anspieltipps kennzeichnet und mit einer Playlist auftritt (Öffnet in neuem Fenster) (nicht zu verwechseln mit Jannis’ Playlist von Uwe Benner allerdings, zu dem Querverlag-Roman gibt’s aber auch bald unsere Gedankentöne), beschließt Heinser mit einem maximal augenzwinkernden und fundierten Kapitel darüber, wie mensch den ESC gewinnen könnte. Oder eben auch einfach nicht. „Einfach mal nicht machen“ ist so ein Gedanke, der sich bei aller Positivität doch durchs Buch zieht. Wer den »Grand Prix Européen de la Chanson« schon länger verfolgt, weiß, wie aufrichtig und wichtig dieser Rat ist.

Sarah Engels performt ihren Song "Fire" beim ESC-Finale am 16. Mai 2026 in Wien // Foto: © SWR, EBU/Corrine Cumming
Sarah Engels performt ihren Song "Fire" beim ESC-Finale am 16. Mai 2026 in Wien // Foto: © SWR, EBU/Corrine Cumming

Er beschreibt auch, wie es immer wieder zu Ähnlichkeiten kommen kann (12 Töne, hallo Arnold!, und sieben innerhalb einer Tonart), was eine Rückung ist (durchaus einige Musiktheorie im Buch), etc. Ähnlichkeiten konnten wir auch gestern Abend feststellen. So schien der griechische Beitrag ein halbgarer Abklatsch von Käärijäs „Cha Cha Cha“, jedenfalls in Ton und Style. Nur Spaß machte der Grieche nicht.

Nach Belgien und Albanien dachten wir uns, wie gut es ist, dass mensch mehrfach null Punkte vergeben darf. Dänemark (es ist nicht nur das Kettenhemd (Öffnet in neuem Fenster)!), Tschechien (Öffnet in neuem Fenster) (habt ihr euch die Entourage angeschaut?), Australien (Delta Goodrem sah in der Tat ein wenig aus wie Celine Dion (Öffnet in neuem Fenster)) und noch ein paar andere waren unsere persönlichen Favoriten. Nicht auf den Sieg, aber was die Song-Zugewandtheit angeht. Und natürlich Israel sowie Österreich (Öffnet in neuem Fenster) (dazu gleich mehr).

https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/1b413baa-c44f-4e9a-8e02-0f88992ba1f2 (Öffnet in neuem Fenster)

Die Ukraine schlägt sich im Krieg offenbar gerade besser, als gestern Abend (Öffnet in neuem Fenster) in der Abstimmung. Malta sah sexy aus, sang okay, wenngleich der Beginn der relativ öden Balladen-„Bella“ (Öffnet in neuem Fenster) uns an einen der früheren Bond-Songs erinnerte, wir kommen nur nicht drauf welchen. Was war da mit Italien? Hä? Zumal die, na, sagen wir mal verhaltene Reaktion nach Eingang des Publikumsvotings hart unsympathisch daherkam. Großbritanniens Look Mum No Computer überzeugte Publikum und Jury mit „Eins Zwei Drei“ (Öffnet in neuem Fenster) ungefähr so sehr, wie Keir Starmer. Wieso Finnland als Favorit galt, war Zweidritteln von uns ein Rätsel, die jetzige Platzierung scheint schon realistischer (der Sänger sieht aus, als seien Tyrion Lannister und Rob Stark ineinandergelaufen).

Der Latzhosen-Mann aus Norwegen brachte Spaß (Öffnet in neuem Fenster) in einen alles in allem musikalisch doch oft düsteren Abend mit einem Ticken zu viel Gequake (was nicht nur eine nicht so Eurovision-affine Freundin ganz richtig anmerkte).

Apropos düster:

„Die 1990er waren für Österreich nicht die glücklichsten Jahre beim Song Contest, [...]“ – dies trifft nun leider auch auf den gestrigen Abend zu. Bedauerlich, war Cosmó mit „Tanzschein“ doch eine der stärksten Nummern. Aber auch dies: Eben kein „typischer ESC-Song“. Doch: Was macht einen solchen aus? Der Frage wird immer wieder nachgegangen und warum es eine wirkliche Formel nicht gibt, erläutert Heinser ebenfalls (es kommen gar Wissenschaftler zum Zuge!). Übrigens haben wir festgestellt, dass alle Titel mit eindeutig deutschen Anteilen schlecht abschnitten: Dear Britain hat's mit 1-2-3 im Titel (so übrigens ebenfalls der Titel von Annette Ditterts neuem Buch, also Dear Britain - queer review folgt), Sarah Engels vertrat Schland und der Österreicher sang deutsch (und die Schweiz hat schon im Halbfinale die Segel gestrichen). Ja, mei, sei’s drum, machste nix.

https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/a9732302-ad85-4583-88e2-db8fcbd32e96 (Öffnet in neuem Fenster)

Ebenfalls „witzig“ in dem Zusammenhang: Daras „Bangaranga“ ist im Klang Sarah Engels' „Fire“ (Öffnet in neuem Fenster)durchaus ähnlich. Und wir sehen im Rahmen der Wertung: einmal oben, einmal unten (okay, Drittletzte). Aber überall gute Laune. Was ebenso für Lukas Heinsers ESC-Büchlein-Buch gilt, das wir euch unbedingt ans Herz legen möchten. Allein schon, weil es viele gute Fragen stellt und noch mehr tolle Antworten und somit die Wertschätzung für den Eurovision Song Contest mit allen Absurditäten wachsen lässt. Außerdem ist’s mit schönsten Illustrationen von Sophie Strauß versehen. Wir fühlen’s.

QR

PS: Zur Dokumentation 70 Jahre ESC – More Than Music lest ihr bald was. Schaut euch außerdem mal die Countdown-Folgen zu den beiden Semi-Finales an (Öffnet in neuem Fenster). Constantin Zöller, Caro Worbs und Miguel Robitzky sind ein Fest!

"Caro und Miguel sind große ESC-Fans und berichten über den ESC für die junge Generation", heißt es zum Bild zur 70-Jahre-ESC-Doku // © SWR/HR/NDR/WDR/DRIVE beta/ Benjamin Kahlmey
"Caro und Miguel sind große ESC-Fans und berichten über den ESC für die junge Generation", heißt es zum Bild zur 70-Jahre-ESC-Doku // © SWR/HR/NDR/WDR/DRIVE beta/ Benjamin Kahlmey

PPS: Im Halbfinale werden die nicht gesetzten Teilnehmer*innen fürs Finale ausgewählt. Bedeutet, wir hören und sehen die Songs, Artists und Performances ggf. zwei Mal. Uns ist zu Ohren gekommen, dass es da enttäuschte Verwirrung gegeben habe. #servicePS

PPPS: Zu Hubert Aiwangers Auftritt in der sehr sehenswerten und kontroversen hart aber fair-Sendung zum Eurovision soll hier nicht viel gesagt werden (Öffnet in neuem Fenster) (dazu noch mit Katja Ebstein, MASZ, Maria Popov und Ronen Steinke, der für seine Meinungsfreiheit für den Deutschen Sachbuchpreis 2026 nominiert ist (Öffnet in neuem Fenster), Caro und Miguel wurden aus Wien kurz zugeschalten). Doch finden sich im Buch reichlich Stellen, die wir gern anstreichen und ihm senden würden. Was kostet ein kleines Päckchen ins bairische Ausland?

IN EIGENER SACHE: Da unser reguläres Online-Magazin noch immer nicht wieder am Start ist, veröffentlichen wir vorerst hier. Mehr dazu lest ihr in unserem Instagram-Post (Öffnet in neuem Fenster) oder auf Facebook (Öffnet in neuem Fenster). Außerdem freuen wir uns immer, wenn ihr uns einen Kaffee spendieren wollt (Öffnet in neuem Fenster), durch unseren Merch stöbert (Öffnet in neuem Fenster) oder uns direkt via PayPal (Mail: info_at_thelittlequeerreview.de) unterstützen mögt.

Eine Leseprobe findet ihr hier (Öffnet in neuem Fenster).

Lukas Heinser: ESC – Das kleinste Buch zum größten Musikereignis (Öffnet in neuem Fenster); März 2026; 384 Seiten, mit Illustrationen von Sophie Strauß; ISBN: 978-3-596-52005-3; Fischer Taschenbuch; 15,00 €

Kategorie Sachbuch

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