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Warum Journalisten nicht gerne über ihre Fehler sprechen

Liebe Freundinnen und Freunde von Übermedien,

als Journalisten ist es unser Job, über die Fehler von anderen zu berichten. Aber über unsere eigenen? Das fällt schon deutlich schwerer. Ein kurzer Korrekturhinweis unter dem Text und die Sache ist in vielen Redaktionen erledigt. Bei Zahlendrehern oder falschen Namen mag das noch ausreichen – aber was ist mit Fehlern, die man nicht so einfach im Text anstreichen kann?

Darum geht’s: Journalisten sprechen zu selten über ihre eigenen Fehler

Es hat sich eingebürgert, dass Medien Korrekturhinweise unter ihren Texten veröffentlichen – selbst die „Bild“ hat einen eigenen Korrekturen-Liveticker (Öffnet in neuem Fenster). Wirklich gravierende Fehler oder Dinge, die sich nicht so einfach mal korrigieren lassen, stehen da aber selten drin. Wenn es zum Beispiel um einseitige Berichterstattung oder fragwürdige Themen- bzw. Expertenwahl geht. Und auch sonst höre ich nicht so oft von Journalisten oder Redaktionen, die öffentlich ihre Fehler zugeben.

Ein Beispiel: Als die ARD im Dezember 2024 Thilo Mischke als neuen Moderator ihres Kulturmagazins „titel, thesen, temperamente“ präsentierte, wurde diese Wahl von vielen Autorinnen und Künstlerinnen massiv kritisiert (Öffnet in neuem Fenster): Mischke habe sich in der Vergangenheit mehrfach sexistisch geäußert. Zu dieser Kritik äußerte sich die ARD aber inhaltlich erst gar nicht. Dann ließ sie Mischke einfach fallen. Was es bis heute nicht gibt (Öffnet in neuem Fenster): eine Stellungnahme zu den Fragen, wie es überhaupt zu dieser Fehlbesetzung kommen konnte und wie das künftig vermieden werden soll.

Das Problem: Menschen verlieren das Vertrauen in Journalismus

Ziemlich spannend fand ich deshalb die neue Folge unseres Podcasts „Nice & Nötig“ (Öffnet in neuem Fenster), in dem meine Kollegin Annika Schneider mit Felix Rohrbeck spricht. Er hat sich intensiv mit der Fehlerkultur im Journalismus beschäftigt und glaubt: Wenn Redaktionen öfter erklären würden, wie es zu Fehlern kommt, würden das Vertrauen in Medien gestärkt.

Wenn sich Medienschaffende hingegen so präsentieren, als würden sie uns allen die Welt erklären können und dabei selbst keine Fehler machen, dann ist das nicht nur arrogant. Es führt auch dazu, dass Menschen ihnen immer weniger Glauben schenken.

Felix Rohrbeck sagt dazu im Podcast:

„Wenn wir Fehler machen, die nicht beabsichtigt sind, hat das keinerlei Auswirkungen auf das Vertrauen in den Journalismus. Wenn Menschen aber davon ausgehen, dass wir das mit Absicht gemacht haben und da eine böse, manipulierende Absicht dahintersteht, schlägt das richtig rein beim Vertrauen.“

Warum also gehen Journalisten nicht offener mit ihren Fehlern um? Schließlich ist ein Journalismus, dem die Leute nicht vertrauen, ziemlich wenig wert.

Rohrbeck glaubt, dass viele Kollegen einfach Angst haben. Davor, dass sie das Vertrauen ihres Publikums erst recht zerstören, wenn sie auch noch offen zugeben, dass sie ihren Job an einer Stelle nicht gut gemacht haben. Dabei würden die wenigen Beispiele, die es dazu gibt, aber eher das Gegenteil zeigen.

So geht’s besser: Formate für einen ehrlichen Austausch

Erst im September hatte etwa der ZDF-Journalist Elmar Theveßen einen großen Shitstorm an der Backe: Bei Markus Lanz stellte er einen Sachverhalt so verkürzt dar, dass er am Ende einfach falsch war. Erst nach ein paar halbgaren Erklärungen entschuldigte sich Theveßen schließlich richtig – „da hat er nur Anerkennung bekommen“, sagt Rohrbeck im Podcast.

Seine Idee: Medien sollten eigene Formate einführen, in denen sie offen und klar darüber reden, was nicht so gut gelaufen ist. Als Beispiel nennt er die öffentliche Blattkritik des „Spiegel“. Dabei darf der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen den „Spiegel“ im „Spiegel“ kritisieren (Öffnet in neuem Fenster).

Klar, das ist eine gute Idee. Ich denke aber, so formell muss man das gar nicht angehen. Diese öffentliche Blattkritik gibt es nämlich schon – und zwar jeden Tag auf Social Media. Die ist dort natürlich mal mehr und mal weniger fundiert, aber im Kern zeigt sie schon, was die Leute von der Berichterstattung halten. Sie müssen nur mal in die Kommentare unter dem „Spiegel“-Instagram-Post (Öffnet in neuem Fenster) zu Hitlers vermeintlichem Mikropenis schauen – Antworten der „Spiegel“-Redaktion auf das kritische Feedback werden Sie dort aber leider nicht finden.

Einen ziemlich guten Job macht meiner Meinung nach funk, das junge Angebot von ARD und ZDF: Auf Kritik in den Kommentaren wird schnell reagiert. Wenn Posts wegen Fehlern gelöscht werden, wird das transparent begründet. Es wird einfach ehrlich mit den Nutzern kommuniziert.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Wenn ich dort jeden Tag von einem Fehler lesen müsste, würde ich mich auf Dauer schon fragen: Soll ich denen überhaupt noch folgen? 

Was denken Sie?

Würden Sie Journalisten und Medien mehr Vertrauen schenken, wenn diese häufiger ihre eigenen Fehler zugeben würden? Oder würden Sie sich eher denken: Denen kann man offenbar gar nicht mehr trauen! Hören Sie sich doch mal die Podcast-Folge (Öffnet in neuem Fenster) mit Felix Rohrbeck an und schreiben Sie mir (Öffnet in neuem Fenster) Ihre Meinung.  

Was Sie am meisten interessiert hat

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Die Datenjournalisten der „Zeit“ haben vor kurzem ein Tool erstellt, mit dem sich ihre Leser im politischen Spektrum verorten können: links, rechts oder Mitte. Doch so einfach, wie man damit in der einen oder der anderen Ecke landet, ist das Ganze dann doch nicht. Martin Rücker hat aufgeschrieben, warum dieser politische Schnelltest grafisch irreführend und inhaltlich verkürzt ist. Den Text können Sie jetzt auch ohne Abo lesen.

Das Fundstück der Woche

Wussten Sie es schon? Die Generation Z bringt einen der „umstrittensten Trends der 2000er Jahre“ zurück! Das meldete (Öffnet in neuem Fenster) diese Woche jedenfalls der „Focus online“. Was mag es sein? Bauchfreie Tops? Übermäßig weite Schlaghosen? Bunter Lidschatten?


Ich kann Sie (und mich) beruhigen – es sind Gemeinschaftstische. Ja wirklich, angeblich ist es ein „Trend“ (und war es angeblich in den Nullerjahren), dass sich junge Leute gerne mit fremden Menschen an einen Tisch setzen. Und ja, anscheinend ist sich die „Focus online“-Redaktion für nichts zu schade – solange es Klicks bringt.

Erst ganz am Ende des Textes löst die Redaktion auf, warum genau es „umstritten“ sein soll, dass Restaurants jetzt Gemeinschaftstische anbieten: Manche Leute hätten eben gerne ihre Ruhe. Nun ja, ich auch – und zwar vor solchen inhaltsleeren Quatsch-Meldungen.

Viel Spaß mit Übermedien und ein schönes Wochenende

Ihre Johanna Bernklau

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Foto: Canva

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