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Was wäre, wenn Loyalität Integrität wird?

Noch einmal kurz zur Erinnerung:

Loyalität hat eine feste Definition:
Sie sagt aus, dass Loyalität bedeutet, im Interesse eines gemeinsamen höheren Zieles, die Werte (und Ideologie) des Anderen zu teilen und zu vertreten bzw. diese auch dann zu vertreten, wenn man sie nicht vollumfänglich teilt, solange dies der Bewahrung des gemeinsam vertretenen höheren Zieles dient.

Wir haben uns im letzten Artikel gefragt, woher wir eigentlich Loyalität kennen und warum sie bei uns Menschen so eine gravierende Rolle spielt. Dazu sind wir kurz in die Bindungstheorie eingetaucht. Wir haben neben persönlichen Beispielen, die das Ganze verdeutlichten sollten, einen Einblick genommen in die körperlichen Symptome, die sich zeigen, wenn wir gegen uns selbst handeln, weil wir die Werte und Ideologien des Anderen eben nicht vollumfänglich teilen. Wenn wir uns anpassen, verbiegen, unsere Werte verleugnen oder uns in Überlebensstrategien verfangen, ohne uns ihrer bewusst zu sein. Wir haben uns unsere emotionale Welt und unsere verräterischen Verhaltensweisen angesehen und haben uns gefragt: “Und jetzt?”.

Wichtig war zunächst einmal die Unterscheidung zwischen “Ich-Egoismus” und ich habe es mal “Selbst-Egoismus” genannt. Mit dem Selbst-Egoismus sind wir dem “uns selbst treu” sein, schon wesentlich näher gekommen. Damit entstand die Frage, ob wir den “Begriff” Loyalität uns selbst gegenüber überhaupt nutzen können.

Aber aus meiner Sicht verwirkt der Begriff Loyalität spätestens dann seine Gültigkeit, weil er eben in seiner Ursprungsdefintion darauf abzielt, “Anderen” zu folgen, auch wenn wir selbst damit nicht in Einklang stehen. Das bedeutet für mich, dass ich damit nicht gleichzeitig mir selbst gegenüber treu sein kann. Das wäre dann ein Begriffkonflikt.

Aber was dann? Jemand aus meinem LinkedIn Netzwerk schrieb einen Beitrag mit folgender Überschrift:

Was geht dir durch den Kopf, wenn du liest:

Ich schulde der Sache Loyalität. Nicht der Hierarchie.

Ich persönlich fand es interessant, dass Loyalität offensichtlich zunächst mit Hierarchie (als “Andere”) verknpüft wurde und dann auf die Sache reduziert wird. Von personenbezogen auf objektbezogen oder sogar systembezogen. Kritisch empfinde ich dazu das “Schulden”. Erkennst du die Loyalitätsverschiebung? “Ich halte die Loyalität zur Hierarchie (zu diesem System) nicht mehr aus, aber ich schulde Loyalität, also suche ich mir etwas, was ich besser ertragen kann - die Sache ansich. Damit begehe ich keinen Loyalitätsverrat und bin fein mit mir.”

Es gibt sehr unterschiedliche Alltagsdefinitionen bzgl. Loyalität und was damit gemeint sein könnte. Kaum eine bezieht sich auf die ursprüngliche Version.

Was steckt aber genau dahinter?

Der Loyalitätskonflikt

Wenn Menschen merken, dass sie mit “geschuldeter” Loyalität innerlich nicht mehr mitgehen können (wollen), haben sie zunächst ein großes Problem. Es gilt als Verrat nicht “loyal zu sein”. Verrat bedeutet Ausstoß und Ausstoß aus einer Gesellschaft war in unserer evolutionären Entwicklungsgeschichte ein Todesurteil. Das ist tief in uns verankert. Als “Säugetiere” sind auch wir Herdentiere und auf die Gruppe ansich angewiesen.

Das heißt: Auf der einen Seite wollen wir dieses diffuse Gefühl nicht mehr, dass sich Loyalität irgendwie falsch anfühlt und auf der anderen Seite haben wir aber Angst diese Loyalität zu verraten. In dem Fall verschieben wir dann die Loyalität auf etwas, was noch nah genug dran ist, aber nicht mehr das in den Mittelpunkt stellt, was uns innerlich noch größere Schwierigkeiten macht. Dabei versuchen wir möglichst abstrakt zu bleiben, weil “persönlichkeitsbezogen” ist noch gefährlicher. Das nennt man einen inneren Loyalitätskonflikt

- zwischen deinen eigenem inneren Empfinden und der “Schuld” Anderen Loyalität zu schulden, -

wählen zu müssen. Das ist mega stressig für unseren Körper und erschöpft uns zunehmend.

Der Obergau bei vielen Menschen ist es, wenn sie noch zwischen zwei Stühlen sitzen:

Zwei unterschiedliche “Andere” erwarten von uns Loyalität für eine höhere Sache.

Das bezeichnen wir mal (nur zur Unterscheidung) als äußeren Loyalitätskonflikt. Denn obwohl er natürlich auch in dir selbst stattfindet und letztendlich auch ein innerer Konflikt ist, kommt es vielen Menschen so vor, als ob sie vor zwei Entscheidungen im außen stehen. Sie registrieren nicht, dass es wiederum ein innerer, eigener Konflikt ist. Ein Beispiel dafür wäre, dass deine Familie von dir Loyalität erwartet und du für deine Familie da sein sollst und dein Arbeitgeber gleichzeitig von dir Loyalität in Form von einem hohen Arbeitseinsatz bis in die tiefen Abendstunden verlangt.

Ganz ehrlich? In beiden Fällen kannst du nur verlieren, weil du die ganze Zeit unter Strom stehst, um es allen recht zu machen:

  • deiner Familie

  • deinem Arbeitgeber

  • dir selbst (wobei die meisten dann darauf tatsächlich verzichten, weil sie glauben, dass sie mit den anderen beiden Loyalitäten schon genug zu tun haben - ein fataler Irrtum)

Was passiert? Wir versuchen, dass was uns am meisten innere Schwierigkeiten macht, loszuwerden. In meinem obigen Beispiel durch Verschiebung der Loyalität. Das ist vermutlich noch die einfachere “Lösung”. Zwischen den Stühlen zu stehen, lässt sich nicht so leicht lösen, solange man sich an die Loyalität gegenüber Anderen gebunden fühlt.

Abgesehen davon, dass du dich selbst verrätst und auf jeden Fall zu kurz kommst. Wenn du zwischen den Stühlen stehst, wird auch noch (meistens die Familie) zu kurz kommen. Du wirst es niemandem recht machen können. Das führt zu weiteren Konflikten, die sich dann tatsächlich im außen zeigen (handfeste Streits, Kritik, Vorwürfe, Schweigen, etc.).

Wo wir schon bei den Reaktionen anderer sind:

Mit welchen Reaktionen musst du rechnen?

Eines ist dir bestimmt auch bekannt. Wenn du die Erwartungen Anderer nicht erfüllst (also nicht loyal zur Verfügung stehst), hagelt es (stille) Vorwürfe, Unverständnis und Ablehnung. Aber vor genau dieser haben die meisten Menschen hervorgehend aus der Bindungstheorie schon Angst. Sie kommen nun in massive innere Konflikte, weil sie auf jeden Fall vermeiden müssen, abgelehnt zu werden. Ihre Überlebensmuster werden noch stärker aktiviert. Das kann je nach Strategie von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich aussehen. Wenn dazu noch Glaubenssätze kommen (und die haben wir häufiger, als uns selbst lieb ist), wie z.B.:

Nur wenn ich loyal bin, bin ich wert, dazuzugehören.

Wenn ich mich anpasse, dann werde ich geliebt.
Wenn ich funktioniere, dann wird man mich wertschätzen.

dann verstärken sich unsere Bemühungen “loyal zu sein”. Denn die Angst (Existenzberechtigung, Daseinsberechtigung, Liebes- und Anerkennungeberechtigung, etc.) lässt uns fügsam und gehorsam sein. Oder wir verstärken unsere Kontrolle, unsere Perfektion, unser Leistungsaktionismus.

Angst spielt im Konstrukt der Loyalität eine massive Rolle. Das konnten wir auch in der Pandemiezeit hervorragend auf allen diversen Seiten beobachten. Alle forderten Loyalität - da war keine Seite besser oder schlechter als die andere. Sie alle taten es mit Angst. Und wenn du dich heute mal genau umschaust: Überall wird mit Angst gespielt, damit die Menschen loyal folgen. Loyalität ist und bleibt ein Machtkonstrukt, dass man herrlich nutzen kann, weil es so tief in uns verankert ist. Da hilft auch kein Ignorieren oder eine Begriffsveränderung oder eine Verschiebung auf ein anderes Objekt.

Und Angst erfährst du nicht nur im Privatleben, sondern auch subtil oder sogar direkt im Job. Es schwebt immer die Angst über der Unloyalität, dass du den Job verlieren könntest. Bloß nicht aufmucken. Schnell ducken. Oder aber die Macht, das Sagen behalten und möglichst die Kontrolle, die Vorherschaft behalten. Das machen, was die Anderen von einem verlangen oder eben dafür sorgen, dass die anderen das tun, was man braucht, damit die Angst gedeckelt bleibt. Sich verbiegen, damit man dazugehört. Unterordnen, gehorchen, gegen die eigenen Werte verstoßen. Es ist völlig egal. Ich habe eine Führungskraft gehabt, die über mich ihre Macht ausgeübt hat, mich angeschrien hat, mir mit Kündigung gedroht hat und wenn ein Vorstand etwas wollte, ganz hektisch in Panik ausbrach, alles dreifach kontrollierte, super schnell alles brauchte (bloß nicht warten lassen) und gebückt, dienend sich auf dem Weg machte. Auf der einen Seite die Loyalität mit Druck (aus Angst) einfordernd und auf der anderen Seite (aus Angst) der Loyalität folgend.

Das kann soweit führen, dass du dich (wie ich es gerade beschrieben habe) anschreien lässt, dass du vor allem loyal still hältst, Handlungen durchziehst, die du selbst abgrundtief verabscheust, nur um nicht den Job zu verlieren, der für viele Menschen wiederum die Existenz bedeutet. Wie einfach sich doch diese Angst um Existenzverlust gegen uns richten lässt! Sie ist wie ein Freifahrstschein und wir glauben auch noch hilf- und machtlos zu sein. Aber diese Ohnmacht, diese Machtlosigkeit, dieser innere Konflikt macht uns krank!

Und eines lass dir gesagt sein: Loyalität zeigen, ist kein Schutz. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich trotz meiner Loyalität gekündigt wurde. Es haben sich Menschen von mir abgewandt und mich stehen gelassen, obwohl ich alles für sie getan habe, obwohl ich innerlich schon lange diese Loyalitätskonflikte gespürt habe. Ich habe genau das bekommen, was ich mit dieser Loyalität eigentlich dachte, behalten zu können. Ich habe versucht, mit dieser Loyalität mein Leben unter Kontrolle zu halten. Ich habe gedacht, wenn ich Anderen gegenüber loyal bin, dass ich dann geliebt, anerkannt und geschätzt werde für meine Loyalität.

Genau das Gegenteil ist der Fall: Ausgenutzt, missbraucht, gedemütigt, verletzt, betrogen, verachtet …

Wieviele Familien sind an einem Loyalitätskonflikt gescheitert? Wieviele Arbeitsverträge wurden trotz Loyalität des Arbeitnehmers (auch nach 45 Jahren Zugehörigkeit) gekündigt? Wieviel “Freundschaften” sind trotz Loyalität zerbrochen? Und wieviele Menschen wurden aufgrund von Loyalität missbraucht, betrogen, gedemütigt, verachtet?

Aber warum steigen wir nicht aus, wenn es uns doch nichts bringt (außer genau das, was wir ja eigentlich mit aller Kraft zu vermeiden versuchen)?

Schuldgefühle & Scham

Du hast bereits als kleines Kind etwas Entscheidendes gelernt. Wenn du dein kleines Ego damals hast sich durchsetzen wollen, dann wurdest du gebremst, blockiert, eingeschränkt, gestraft, missachtet. Dir wurde erklärt, dass du dich so nicht benehmen darfst. Dass du nicht dir selbst treu sein darfst, weil Andere Bedürfnisse haben, die du zu erfüllen hast. Dir wurde erklärt und gezeigt, dass Egoismus (der für kleine Kinder ganz normal ist auf ihrem Entwicklungsprozess) falsch ist und du “Schuld” daran bist, wenn sich die Eltern wegen dir aufregen, sich ärgern, Last haben etc. Vielleicht hast du auch Rücksicht auf deine Eltern nehmen müssen, früh Verantwortung für deine Geschwister oder sogar für ein Elternteil übernommen. Vielleicht war niemand deiner Bezugspersonen in der Lage dir deinen gesunden Narzissmus zuzulassen. Du wurdest ausgebremst oder hast dich selbst gezügelt, um nicht negativ aufzufallen und dich in das Familiensystem mit seinen Anforderungen zu fügen. So lerntest du neben Schuld, dich zu schämen, wenn du dann doch einmal “zu egoistisch warst”, “über die Stränge geschlagen hast”, “deine Gabe ausgelebt hast”, “zu sensibel warst”, “deine Gefühle gezeigt hast” oder irgendwas “hinterfragt hast”. Vielleicht kennst du sogar die Anordnung und Zurechtweisung:

Schäm dich! Wie kannst du nur so egoistisch sein?

Sprich, warum verhältst du dich uns gegenüber nicht loyal und tust, was wir von dir erwarten. Du machst es uns echt schwer. Und ohne dass du es heute bewusst merkst, spricht immer dann eine verinnerlichte Stimme zu dir, wenn du gerade versuchst, mal ein wenig dir selbst gegenüber treu zu sein: "Du bist egoistisch".

Und schon überschwemmen dich mehr oder weniger bewusste Schuldgefühle. Scham haben wir meist so unterdrückt, dass wir sie nicht mal wahrnehmen. Aber sie ist da. Sie frisst uns innerlich auf, da wir wieder etwas “Verbotenes” tun wollen. Also geben wir auf und fügen uns wieder.

Wenn es nicht deine eigene innere Stimme ist, dann bekommt jemand, der plötzlich eine Grenze im außen setzen will, massiven Gegenwind. Das wird von dem oder den Anderen nicht akzeptiert, da du damit für sie unberechenbar wirst und in ihrem funktionierenden System plötzlich störst. Du wirst unangenehm, lästig und anstrengend. Das wird dir dann mal eben schnell vermittelt und schon knickst du ein.

Ich kenne es privat und im Job und habe mich jedes Mal geduckt und wieder brav mit in die Erwartungen der anderen mit ihren Bedürfnissen eingeordnet. Oder ich habe geschwiegen und es über mich ergehen lassen. Immer und immer wieder. Innerlich hat meine Seele geschrien. Sie kann und will es nicht verstehen. Sie kennt nur sich selbst. Wir aber sind so verbogen, so von uns entfremdet, dass wir diese scheuen. Und dabei ist es völlig egal, ob wir narzisstisch reagieren, mit Fawn Response unsichtbar werden, in Perfektionismus oder High Functioning verschwinden oder uns mit allem möglichen anderem ablenken.

Vielleicht fragst du dich, ob du aus diesem Dilema aussteigen kannst, ohne Schuld und Scham zu fühlen. Die gute Nachricht ist, ja, du kannst. Die unbequeme Wahrheit: Der Weg entspricht nicht dem, was dir die spirituelle Szene teuer verspricht.

Falsche Loyalitäten verlassen – Der Prozess

Der teure und unnötige Weg

Kategorie Bewusstsein & Wandel

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