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#21 | Oktober 25: Mein Gym, die 90er und die Leistungsgesellschaft

👋 Hallo ihr Lieben,

Gerade habe ich eine Aufnahme mit der Autorin Beatrice Fral abgeschlossen, die im Frühjahr 2025 ihr neues Buch entromantsiert euch veröffentlicht hat. Ich war extrem aufgeregt, die Technik machte Probleme und Beatrice hatte einen Anschlusstermin, was keine Pufferzeit ermöglichte. Aus lauter Angespannheit hab ich dann super viel gequasselt und sie viel zu wenig zu Wort kommen lassen. 🤦‍♀️ Ich muss sie unbedingt nochmal einladen und ihr mehr Redezeit geben.

📢 Schreib mir doch mal: Welches Thema interessiert dich, geht dir nicht mehr aus dem Kopf oder bringt dich zum Nachdenken? verbittert-mail@web.de (Öffnet in neuem Fenster)

🎁 Ansonsten kann ich schon mal verraten, das Beatrice ein Verlosungsexemplar von Entromantisert euch spendiert hat. 🎉 Alle meine Mitglieder und Newsletter-Abonennt:innen kommen durch eine einfache Nachricht per Mail (oder DM auf Insta) in den Lostopf. Ich freu mich, wenn du dein Glück versuchst. 🍀 📅 Einsendeschluss ist der 31. Oktober 2025

Noch ne Frage: Weihnachten steht vor der Tür und ich überlege eine kleine Auflage von verbitterten T-Shirts zu produzieren. Würde dir das gefallen? Brauch mal deine Meinung.

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Hier sind meine FLINTA-Empfehlungen:

01

Über den Roman 📕 Gym habe ich meiner Podcast-Freundin von 🎙️ DIE LESERINNEN (Öffnet in neuem Fenster)letztens in einer Nachricht geschrieben:

„Lese gerad Gym. Nein! ich atme es ein.“

Die Protagonistin fängt nach einer Zäsur in ihrem alten Job, eine Stelle als Tresenkraft im Fitty an. Sie mixt Eiweiß-Shakes und putzt. Das MEGA-GYM wird ihr Wohlfühlort, sie liebt die glänzenden Oberflächen und im Gegensatz zu ihrem alten Job, trägt sie Null Verantwortung. Sofort konnte ich mich in sie hineinversetzen. Die Sehnsucht nach dem Geruch von gereinigten Oberflächen und die Reduktion der ganzen Komplexität, keine Entscheidungen, keine Konflikte. Einfach morgens zur Arbeit gehen und Erdbeermilch mit Eiweißpulver und Sellerie anrühren.

Natürlich steht hinter ihrem Lebenswandel ein Geheimnis. Sie hat ihren alten gut bezahlten Job für den sie hochausgebildet ist und indem sie sich über Jahre hochgearbeitet hat, nicht freiwillig aufgegeben. Sie hat die Kontrolle verloren. Vielleicht geht es darum in diesem Buch. Im MEGA GYM beginnt sie zu trainieren und es verläuft anders als ich es erwartet hatte. Sie wird nicht zur Bauch-Beine-Po Beauty Queen, sondern sie stemmt. Sie betreibt immer härteres Bodybuiling und wurde immer kräftiger, breiter, muskolöser.

Ich wuchs über mich hinaus.
Plopp, plopp, plopp.
Ging so aufrecht wie noch nie.
Rücken gearde, Schultern zurück, Brust raus.
Ich war so breit, so breit.
Ich nahm keinen Raum ein, ich war der Raum.
Ich spürte die Kraft, wenn ich die Treppen hochstieg, wenn ich Obst schnitt, wenn ich Getränkekisten im Lager verräumte.
Schob ich die Shakes über den Tresen, musst ich aufpassen, dass sie nicht überschwappten.
Alles war so leicht.
Alles gehörte mir.
Niemand kam an mich heran.

(Gym. S.132)

In dem Kontrollwahn der Protagonistin kann ich auch meine Sehnsucht nach Kontrolle ausleben und der Körper spielt dabei natürlich eine riesige Rolle. Der Roman zeigt dabei eine ganz anderes Körperbild, als das, was wir durch Gesichts-Shapewear (Öffnet in neuem Fenster), Jeans-Kampagnen (Öffnet in neuem Fenster), Skinny-Tok und Ozempic-Hype (Öffnet in neuem Fenster) um die Ohren gehauen bekommen. Was wäre wenn wir bärenstark wären, wenn wir Schränke wären, an die sich niemand rantraut? Aber natürlich ist die Sehnsucht nach Kontrolle über den Körper eben nur ein Symptom, ein Stellvertreter für ein ganz anderes Problem. ⭐️⭐️⭐️ Große Leseempfehlung!

02
Doku-Serie "Being Franziska van Almsick”

📺 Misogynie & Ausbeutung in den Medien der 90er/00er

Die Nullerjahre sind noch gar nicht so lange her – und doch wirkt vieles wie aus einer anderen Welt. Waren wir wirklich so blind? Zwei aktuelle ARD-Dokus zeigen, wie gnadenlos Frauen und queere Menschen medial verwertet und ausgebeutet wurden.

1. Being Franziska van Almsick (Öffnet in neuem Fenster)

Die 3-teilige ARD-Doku über die Karriere von Franzi van Almsick ist kein feministisches Portrait, aber auch keine glorifizierende Sportlerinnen-Doku. Sie zeigt, wie misogyn die Medienlandschaft der 90er und 2000er war (und immer noch ist?). Man möchte kotzen, wenn man sieht, wie eine 16-Jährige Leistungsschwimmerin, die gerade den Weltrekord gebrochen hat, sexualisiert wird. Wie distanzlos Reporter ihr auflauern, wie sie ihren Körper zur Ware erklären. Die Doku entlarvt den doppelten Maßstab, der je nach Geschlecht angelegt wird – und macht sprachlos, wie normal das alles damals war.

2. Die Kübelböck-Story – Eure Lana Kaiser (Öffnet in neuem Fenster)

Auch Daniel Küblböck wurde Anfang der 2000er Jahre zur Projektionsfläche für Liebe und Hass. In der DSDS-Staffel von 2002 war er gerade einmal 16 Jahre alt und wurde als der Junge, der Lipgloss trägt und bauchfrei auftritt brutal verspottet und in den Medien verheizt.
Die Doku zeigt, wie toxisch die Showmechanismen waren (und sind?) und wie wenig Rücksicht auf die Psyche eines Teenagers genommen wurde. Besonders eindrücklich: die Szene, in der Daniel nach dem Rauswurf seiner engsten Bezugsperson (Grazia) eine Panikattacke bekommt – und die Kamera einfach draufhält. Michelle Hunziker rief empört ihrem Regisseur zu: „Ich mach da nicht mehr mit!“

👉 Beide Dokus zeigen die Ambivalenzen des Postfeminismus der 90er und 00er zwischen female Empowerment und der tiefen Misogynie und Queerfeindlichkeit, die in unserer Medienkultur verwurzelt ist. Umso wichtiger ist feministische Aufarbeitung.

🎙️ Mehr dazu diskutiere ich in Folge 36 | Hit me one more time (Öffnet in neuem Fenster)von Verbittert talentlos – hört gern rein!

03

Emilia Roig bei Nano Talk – „Kooperation statt Konkurrenz (Öffnet in neuem Fenster)

Konkurrenz, Wettbewerb, Durchsetzungsfähigkeit – das alles gilt als „männlich“ und prägt nicht nur den Kapitalismus, sondern auch unser gesellschaftliches Denken. Genau deshalb ist „Kooperation statt Konkurrenz“ ein feministisches Thema.

Wenn Friedrich Merz von Sozialtourismus 🤮 oder Lars Klingbeil von fleißigen Frühaufstehern 🙄 (Öffnet in neuem Fenster)spricht, steckt dahinter immer der Gedanke, dass Solidarität, Hilfe und Kooperation verdient werden muss – durch Leistung.

Doch feministische Alternativen sind komplexer, als das Patriarchat einfach abzulehnen. Sind Hierarchien und Konkurrenz immer schlecht? Ich bin feministischen Stimmen wie Emilia Roig sehr dankbar, dass sie es schaffen, nicht nur über den Tellerrand patriarchaler Automatismen zu schauen, sondern auch ganz praktische und nachvollziehbare Handlungsalternativen aufzuzeigen.

Im NanoTalk wird Emilia Roig gefragt, wie sie bei ihrem eigenen Sohn auf die Lust auf Wettbewerb und Gewinnen reagiert. Sie erklärt, dass sie sich annähert, indem sie über das Gefühl der Stärke mit ihm spricht. Was ist es, was uns stark fühlen lässt? Was fühlt sich daran so gut an? Dass wir andere dominieren? Das Erreichen eines Ziels? Von anderen gesehen zu werden?

📚 Buch-Tipp: Für Unlearn Patriarchy (1) (Öffnet in neuem Fenster) hat Emilia Roig den Aufsatz Unlearn Liebe beigesteuert. Sehr zu empfehlen!

Bonustipp
Die Möllner Briefe - Kino Zukunft Berlin | Friedrichshain

Wenn du kannst, dann guck dir unbedingt „Die Möllner Briefe“ (Öffnet in neuem Fenster) im Kino an. In der Doku von Martina Priessner geht es um einen rassistisch motivierten Brandanschlag in Mölln, der drei Leben kostete. Den betroffenen Familien wurden daraufhin aus ganz Deutschland Solidaritäts- und Beldeidsbekundungen geschickt, die sie aber nie erreichten, weil sie von der Stadt Mölln nicht übergeben, sondern archiviert wurden.

Der Überlebende des Anschlags Ibrahim Arslan hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht über Rassismus in Deutschland aufzuklären. Von Rassismus betroffene Menschen erleben nicht nur Gewalt, sondern auch das, was Arslan den zweiten Anschlag (Öffnet in neuem Fenster) nennt: die Leugnung von rechter Gewalt, Täter-Opfer Umkehr, unterlassene Hilfe und die Aneignung und Umdeutung von Erinnerung.

Dieser Film tut weh, aber rechte Gewalt in Deutschland ist real und wir müssen uns dem stellen, widersetzen und weich bleiben.

Ibrahim Arslan (Öffnet in neuem Fenster) spricht unter anderem an Schulen in ganz Deutschland. Die Stadt Mölln hat ihn nie angefragt, aber vielleicht kannst du das in der Klasse deines Kindes anregen oder du bist selbst Lehrer:in oder hast noch Kontakt zu deiner alten Schule…

Bleibt unbequem. Eure Susi!

Alle Folgen nach Thema in Spotify-Playlists sortiert zum orientieren, weiterleiten und empfehlen 👉

🎙️ Wut & Widerstand (Öffnet in neuem Fenster)

🎙️ Care-Arbeit & Mutterschaft (Öffnet in neuem Fenster)

🎙️ Popkultur & Patriarchat (Öffnet in neuem Fenster)

🎙️ Toxische Männlichkeit (Öffnet in neuem Fenster)

🎧 Die nächste Folge von VERBITTERT TALENTLOS erscheint am Do 16.10.25 |
51. 🍇 Rape-Culture und toxische Romantik | mit Beatrice Frasl

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