Dies ist das automatisch erstellte Transkript zur aktuellen Folge “Wind und Wurzeln”.
Intro und Begrüßung
hauseins:
[0:00] Hauseins und Perspective Daily präsentieren Wind und Wurzeln.
Marina:
[0:08] Stellt euch vor, jemand würde euch jeden Tag eine Stunde eures Lebens stehlen. So geschickt, dass ihr es gar nicht bemerkt. Genau das passiert den Menschen in Michael Endes Momo. Sie hetzen von Termin zu Termin, arbeiten immer schneller und glauben, sie würden dabei Zeit sparen. Doch in Wirklichkeit verlieren sie Zeit. Die Zeitdiebe nehmen sich diese Zeit ganz unbemerkt. Diese Geschichte ist natürlich reine Fantasie. Aber dass Momo international so beliebt ist, jetzt sogar wieder neu verfilmt wurde, das liegt daran, dass die Geschichte von den Zeitdieben uns einen Spiegel vorhält. Vielleicht ist Momo auf eine Art aktueller denn je. Denn die Zeitdiebe von heute sind TikTok, Instagram und YouTube. Sie stehlen uns etwas, das fast noch kostbarer ist als unsere Zeit. Sie stehlen unsere Aufmerksamkeit.
Marina:
[1:01] Und genau wie bei Momo verändert sich das Leben der Menschen. Unser Leben dadurch radikal.
Marina:
[1:16] Hallo liebe Menschen, schön, dass ihr wieder da seid. Bevor wir heute loslegen, möchte ich euch von richtig guten Neuigkeiten erzählen. Ihr habt es eben gehört, Haus 1 und Perspective Daily präsentieren jetzt diesen Podcast gemeinsam.
Marina:
[1:32] Perspective Daily ist ein Online-Magazin, das sich genau wie wir dem konstruktiven Journalismus verschrieben hat. Und genau wie wir ist Perspective Daily finanziert durch die Community, also unabhängig von Werbung oder Politik. Jeden Tag erscheint auf Perspective Daily ein Artikel, nicht Dutzende. Ein gut recherchierter, aufgeräumter Artikel voller Hintergründe und Analyse, Quellen und Ideen, immer mit einem konstruktiven Ansatz. Das bedeutet, es wird nicht alles schön geredet, aber es wird aufgezeigt, welche Lösungen es bereits für Probleme und Krisen gibt und was man selbst tun kann. Ihr merkt schon, Perspective Daily und Wind und Wurzeln sind einfach ein perfektes Match. Und dank der Unterstützung von Perspective Daily gibt es unseren Podcast jetzt jeden Monat. Ich muss also ab sofort nicht mehr sagen, dass es die nächste Folge dann gibt, wenn genug Geld zusammengekommen ist. Dank euch und dank Perspective Daily haben wir jetzt die Möglichkeit, richtig regelmäßig zu erscheinen. Und das ist super toll. Das heißt nicht, dass ihr euer Crowdfunding-Abo jetzt kündigen müsst. Bitte bleibt dabei, denn wir brauchen euch weiterhin. Perspective Daily ist ein Partner und übernimmt einen Teil der Kosten, aber den Großteil, den stemmt weiterhin ihr, damit wir nicht Content für Werbetreibende machen, sondern für euch.
Marina:
[2:59] So, und jetzt geht's los.
Die Macht der sozialen Medien
O-Töne:
[3:06] Das ist eine Message an alle Menschen, die im Internet-Rezept-Video... Hi, ich bin Narzisstin. Hi, echt? Du wirkst aber voll nett? Ja, ich tue auch gerade nur so. Echt? Deutschland hat ja jetzt offiziell die niedrigste Geburtenrate aller Zeiten und es gibt... Toller, kannst du mir bitte ein Chanel-Kleid nähen? Dies ist ein intelligenter USB-Stick für ihr Smartphone. Ich glaube, vielen Leuten ist gar nicht klar, wie unglaublich gefickt junge Menschen sind. Um ein Zeichen gegen sexuelle Belästigung an Frauen beim Oktoberfest zu setzen. Papa, was sagen wir zu Männern, die uns dumm anmachen? So, was waren das jetzt? Zehn Tage oder was? Vorbei.
Marina:
[3:35] Kennt ihr das? Nur ein paar Minuten mal bei TikTok reinschauen und huch, wo ist denn die letzte Stunde hin?
O-Töne:
[3:42] Vorbei.
Marina:
[3:42] Was ihr eben gehört habt, ist ein kleiner Ausschnitt dessen, was meine Redakteurin Kada sieht und hört, wenn sie durch ihr TikTok scrollt. Das ist, was der TikTok-Algorithmus denkt, das Kada interessiert. Da war das Modethema Narzissmus. Es ging um die Geburtenrate, um Chanel-Kleider, dazwischen ein wenig Werbung und weiter mit der Lage junger Leute und sexueller Belästigung beim Oktoberfest. Für sich genommen sind da einige echt wichtige Themen dabei. Themen, die gesellschaftlich und politisch relevant sind. Aber wenn Kader so durchscrollt und am Ende die App schließt, dann erinnert sie sich auch an so gut wie nichts mehr im Detail. Was bleibt, sagt sie, ist eine Menge verlorener Zeit und das schale Gefühl, dass alles ein bisschen im Arsch ist. TikTok ist, genau wie die meisten anderen Social-Media-Plattformen, ein Aufmerksamkeitsfresser. Ein Zeitdieb, wie bei Momo. Wir wollen heute darüber sprechen, wie Social Media und die klassischen Medien unsere Aufmerksamkeit zu Geld machen, was das wiederum für Folgen für unsere Gesellschaft hat und was wir tun können, um souverän und zielgerichtet unsere Aufmerksamkeit, die eine große und wichtige Ressource ist, im Überangebot zu navigieren. Denn worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, das bestimmt letztendlich den Verlauf unseres Lebens.
Marina:
[5:06] Also nehmt euch eine Tasse Tee, macht es euch gemütlich. Wir legen los.
Aufmerksamkeit und ihre ökonomische Bedeutung
Marina:
[5:16] Als erstes erklären wir vielleicht mal, was Aufmerksamkeit überhaupt ist.
O-Töne:
[5:20] Schon der Urvater der Psychologie, William James, hat gesagt, ja, wir wissen doch alle, was Aufmerksamkeit ist. Und dann hat er es natürlich auch ein bisschen genauer definiert und sinngemäß so etwas gesagt, Das ist eben das Richten der eigenen Fokussierung, Aufmerksamkeit auf bestimmte Inhalte, was gleichzeitig immer bedeutet, ich lasse andere Dinge weg. Das heißt, es ist im Prinzip ein Selektionsprozess aus fast unendlich vielen Möglichkeiten, je nach Situation.
Marina:
[5:49] Das sagt Maren Urner. Maren ist Neurowissenschaftlerin. Sie setzt sich also damit auseinander, wie unser Gehirn funktioniert und arbeitet. Und sie ist Autorin unter anderem des Buches Schluss mit dem täglichen Weltuntergang, wie wir uns gegen die digitale Vermüllung unserer Gehirne wehren. Ich finde Vermüllung ist ein sehr passender Begriff für das, was wir eben von Kadas TikTok gehört haben. Dass wir unser Gehirn mit digitalem Content vermüllen, das ist eine recht neue Entwicklung. Das iPhone, also das erste Smartphone, kam 2007 auf den Markt. In den 80er und 90er Jahren gab es das noch gar nicht.
O-Töne:
[6:26] Die Welt war ein bisschen, und das sagen ja viele Menschen, aber es stimmt eben auch, einfacher beziehungsweise weniger Aufmerksamkeitsabkommen. Also ablenkend oder Hascherei. Was meine ich damit? Es war halt klar, es gibt bestimmte mediale Inhalte. Es gab dann erst eben Zeitung, dann das Radio, dann das Fernsehen. Und da haben wir auch jedes Mal immer bei der Einführung dieser Technologien im weitesten Sinne Menschen Angst gehabt, dass das uns nicht gut tut. Und es ist immer wichtig, eben auch Bedenken zu äußern natürlich. Aber keine Entwicklung hat so einen krassen Einschnitt auf unsere Informationsverarbeitung und damit unsere Aufmerksamkeit gehabt, wie das Internet und damit einhergehend dann das Smartphone und die Digitalisierung im weitesten Sinne. Also die Dauerverfügbarkeit von dem sämtlichen Wissen in der Theorie, was wir als Menschheit haben, was durch diese Technologie natürlich auch nochmal rasant, also viel, viel schneller als jemals zuvor in jedem Moment anwächst und angewachsen ist. Das heißt, mit der Einführung des Internets und der Dauererreichbarkeit, also des mobilen Internets, ist unsere Aufmerksamkeit der höchst umkämpfteste Wert, beziehungsweise mittlerweile auch das höchst umkämpfteste Gut, weil es eben auch die wertvollste Ressource geworden ist. Also hat zum Beispiel Erdöl als wertvollste, im Sinne von finanziell stärkste Ressource, schon lange abgelöst.
Marina:
[7:47] Lassen wir das mal kurz sacken. Aufmerksamkeit ist rein finanziell betrachtet weltweit eine wertvollere Ressource als Erdöl. Also klar, das hier ist ein Podcast und wenn ihr uns nicht eure Aufmerksamkeit schenken würdet, dann könnten wir das auch lassen. Also prinzipiell ist Aufmerksamkeit wichtig für alle, die irgendwie senden. Informationen, Bildung, Investigativrecherchen, das sind ja alles gute Sachen. Aber was wir hier nicht haben, das ist Werbung. Dabei liegt der Hintergrund dafür, warum Aufmerksamkeit so wertvoll ist, darin, dass diejenigen, denen ihr die Aufmerksamkeit gebt, diese weiterverkaufen an Werbekundinnen.
Marina:
[8:31] Tim Wu, eigentlich ein Juraprofessor, vielleicht kennt ihr ihn, er hat den Begriff Netzneutralität geprägt. Dieser Tim Wu hat ein ganzes Buch über die Attention Merchants geschrieben, Aufmerksamkeitshändler. Man könnte jetzt auch sagen Aufmerksamkeitsjäger. Untertitel Der epische Wettlauf um den Zugang zu unseren Köpfen. Denn wie gesagt, ich, ihr, wir alle haben da etwas in unserem Kopf, das wertvoller als Öl ist und alle wollen es haben. Tim Wu beschreibt in seinem Buch, wie die Einführung jedes neuen Mediums, von der Zeitung über Radio bis hin zum Fernsehen, zuerst davon geprägt war, dass das Medium werbefrei war und relativ unschuldig daherkam. Unschuldig im Sinne von, es hatte keine bösen Absichten. Es wollte informieren und es wollte vielleicht auch unterhalten. Sobald aber klar wurde, dass es sehr viel Aufmerksamkeit bekam, waren die Werbekunden und Agenturen nicht weit. Sie boten Geld dafür, einen Teil der Aufmerksamkeit für sich zu bekommen. Und so ist es nun auch beim Internet. Plattformen und Webseiten sind voll damit. Werbung ist allgegenwärtig.
O-Töne:
[9:41] Mit dem Einzug des Internets und des mobilen Internets hat sich natürlich auch die Werbung massiv verändert, vor allem, weil sie personalisiert werden kann und wird. Also sprich, aufgrund meiner Historie, die ich auf verschiedenen Webseiten, in Apps und so weiter verbracht habe, wird eingeschätzt, beurteilt, analysiert und so weiter, wofür ich mich interessiere, wofür ich mich nicht interessiere, wofür ich mich interessieren sollte, was auch immer und dementsprechend eine für mich zugeschnittene Auswahl an Werbung mir präsentiert. Und das ist natürlich komplett neu. Also alle haben im Fernsehen die gleiche Werbung gesehen. Alle haben in der Zeitung, da hat sich nicht plötzlich irgendwas verändert und man hat so schwupps die persönliche Werbung gesehen. Oder es gab verschiedene Ausgaben von Magazinen, wo dann die Frauen- und die Männerwerbung war oder so. Ja, das gab es nicht. Und das ist auf der einen Seite, könnte man jetzt erstmal argumentieren, ja wieso, ist doch gut, ja, also ist doch hilfreich, wenn ich etwas bekomme, was auf mich zugeschnitten ist. Und auf der anderen Seite, also die beiden extremen Pole jetzt mal einmal betrachten, bedeutet das natürlich auch, dass es noch schwieriger wird, sich davon abzuwenden, weil wenn etwas auf mich zugeschnitten ist, dann ist es natürlich schwierig. Noch viel schwieriger zu sagen, okay, da gucke ich jetzt nicht nach, weil es ja genau auf meine Interessen und das, was mich vielleicht antreibt, was ich mir wünsche, was ich gerne hätte, wie ich gerne sein möchte und so weiter zugeschnitten ist. Das heißt, dieser Kampf um die eigene Aufmerksamkeit wird noch absurder und extremer.
Marina:
[11:04] Und was dann noch dazu kommt, wenn die Plattformen oder Webseiten Werbung schalten, die personalisiert ist, dann tun sie alles, um uns so lange wie möglich bei sich zu behalten. Die Plattformen haben dafür ihre Algorithmen, die dafür sorgen, dass wir immer krassere Inhalte sehen. Und die Webseiten arbeiten mit Clickbait, also zum Beispiel Überschriften und Teaser, die Gefühle in uns hervorrufen sollen, um uns darauf zum Klicken zu bewegen. Nicht selten, vor allem negative Gefühle.
O-Töne:
[11:35] Und das ist natürlich ein sehr toxischer Kreislauf oder kann sich zu toxischen Kreislaufen entwickeln, weil wir Menschen eben keine guten Entscheider sind und Entscheiderinnen. Also sprich, wir entscheiden vor allem unter Stress und Unsicherheit und in Angst eher kurzfristig. Tun wir sowieso. Also wir sind einfach nicht gut im langfristigen Denken und entscheiden. Aber wenn wir in so Situationen sind, die eh schon angespannt sind und genau das passiert online ja häufig. Stichwort Doomscrolling, also alles ist schlecht, die Welt geht unter. Only bad news are good news. Also das wenigste davon ist ja konstruktiv und lösungsorientiert. Der Ansatz, für den ich mich ganz stark einsetze. Weil natürlich das andere erstmal mehr Klicks generiert, weil unser Gehirn ja bei jeder negativen Überschrift oder Warnmeldung erstmal sagt, Achtung, könnte Gefahr sein, guck da besser mal nach. Ach, der Siebelzahntiger kommt vielleicht. Also sprich, damit lässt sich erstmal die Aufmerksamkeit überhaupt leichter bekommen. Und dann auch entsprechend halten, wenn ich dafür sorge, dass immer wieder was Neues kommt, was auf dieses Aufmerksamkeitskonto quasi einzahlt und so entsprechend Geld verdient wird.
Marina:
[12:37] Und was mich manchmal ein wenig nervt, ist, dass oft so getan wird, als sei das nur ein Mechanismus, den die bösen Social-Media-Plattformen befeuern. Tatsächlich können wir das aber bei den klassischen Medien genauso beobachten. Auch weil jedes klassische Medium seine Inhalte auch auf Social-Media-Plattformen bekannter machen will. Mit Zitatkacheln und kleinen Videoschnipseln und einfachen Grafiken, die es uns möglich machen sollen, komplexe Informationen einfach so wegzusnicken. Nicht nur Social Media ist werbefinanziert, sehr viele klassische Medien sind es eben auch. Und alle anderen, wie die Öffentlich-Rechtlichen, müssen im gleichen Ökosystem leben. Die Aufmerksamkeitsökonomie ist allgegenwärtig. Die Zuspitzung, Dramatisierung, aber auch die Verkürzung und Verflachung des Diskurses sind ganz häufige Auswirkungen auf die Debatte, die wir führen. Oft kratzen wir nur an der Oberfläche von sehr komplexen Sachverhalten, weil für die Tiefe in einem Vier-Minuten-Clip oder einem Drei-Minuten-Radio-Interview gar keine Zeit ist. Und wenn doch mal Zeit sein sollte, dann drehen wir uns im Kreis über irgendeinen Piff, wie Robert Habeck das so schön nannte. Erinnert ihr euch? Wir hatten ihn in der letzten Sendung zitiert.
O-Töne:
[13:52] Die Zeitung können darüber schreiben, die Seite ist voll, die sozialen Medien haben ihre vielen Likes, alle können irgendwelche lustigen Videos drehen, alle können sich bestätigen. Und die eigentlichen Probleme können wiederum gar nicht zur Sprache gebracht werden, weil alle sich nur noch anbrüllen wegen lauter Piff.
Auswirkungen auf die Psyche
Marina:
[14:09] Das ist das eine Problem, dass die aktuellen Logiken der Aufmerksamkeitsökonomie etwas mit unseren Diskursen machen. Das andere Problem ist, sie machen auch etwas mit unserer Psyche. Maren Urner sagt.
O-Töne:
[14:23] Da haben wir eine riesen Bandbreite bis hin zu psychischen Erkrankungen, gerade von jungen Menschen, aber auch älteren, also älteren im Sinne von auch erwachsenen Alter Menschen, weil wir abhängig werden. Also es gibt mittlerweile Diagnosen, also es ist sozusagen diagnostizierbar, Online-Gaming, etwas, was vor einigen Jahren noch nicht möglich war, weil es das einfach gar nicht als... Krankheitsbild gab und damit auch eben nicht diagnosefähig war. Bei Social Media Sucht wird das gerade diskutiert.
O-Töne:
[14:49] Und es gibt ganz, ganz viele Studien, das ist ein riesen Forschungsbereich, wo eben geschaut wird, was das zum Beispiel auch mit dem Schlaf macht von Jungen und aber eben auch älteren Menschen. Soziale Medien, das Handy ist das Letzte und Erste, was sie in den Handen, was wir viele Menschen von uns in den Händen halten und so weiter. Also diese ganzen Dynamiken bis hin zu den Auswirkungen natürlich auf unsere Fähigkeit, in Anführungsstrichen echten Leben, soziale Beziehungen führen zu können, ist dramatisch. Eine der Hypothesen, die dahingehend ganz stark untersucht wird, ist eben, dass die Überpräsenz am Handy, also das Verbringen am Handy in den mobilen Netzen und sozialen Plattformen und so weiter, dazu führt, dass Menschen ihre echten, analogen sozialen Beziehungen vernachlässigen und vor allem, und das ist ganz dramatisch gerade bei jungen Menschen zu beobachten, wo ja diese Fähigkeiten überhaupt erstmal trainiert und ausgeprägt werden, soziale Beziehungen zu führen, Gespräche zu führen und aufmerksam um auf eine Person zu sein, nicht die ganze Zeit abgelenkt zu sein und so weiter und so fort, dass das gar nicht passiert. Und es gibt sogenannte kritische Fenster, so wie beim Spracherwerb auch. Also sprich, wenn die Muttersprache, die Erstsprache nicht in einem bestimmten Alter, bis zu einem bestimmten Alter erlernt wird, dann ist es nie mehr möglich.
O-Töne:
[15:58] Muttersprachniveau für eine Sprache zu entwickeln. Das Gleiche gibt es für Zweisprachen, aber eben auch für soziale, es gibt verschiedene Begriffe, die da benutzt werden, aber ich sage jetzt mal soziale Fähigkeiten, Das ist mal ganz, ganz allgemein auch hier, ich denke, leicht nachvollziehbar. Und wenn das nicht bis zu einem bestimmten Alter passiert ist und auch eine gewisse soziale Prägung und eine soziale Kultur erlernt wird, dann kann das nicht mehr vollumfänglich passieren. Und das ist natürlich dramatisch, weil dann haben wir dann irgendwann erwachsene Menschen, die... Die eigentlich das Urding vom Menschsein, nämlich sich kooperativ und sozial
O-Töne:
[16:31] zu verhalten, nicht richtig können.
Marina:
[16:34] Weil unsere Aufmerksamkeit so eine wertvolle Ressource ist, weil man damit wirklich Geld verdienen kann, laufen wir Gefahr, dass wir unsere urmenschlichste Gabe, uns kooperativ und sozial zu verhalten, verlieren. Und das klingt für mich nach einer krassen Dystopie.
O-Töne:
[16:52] Die teilweise leider schon Realität ist. Also ein Buch, was ich in dem Zusammenhang immer sehr gerne empfehle, ist Anxious Generation von Jonathan Haidt. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob es schon auf Deutsch übersetzt wurde, aber der beschreibt auch die ganze Forschung dazu und alles, was dazu gehört, sehr, sehr gut.
[17:09] Und auch die möglichen Auswege daraus, also Stichwort lösungsorientiert, konstruktiv. Also was wir brauchen, um entsprechend diesem Trend, der sich mehr fortsetzt, auch entgegenzuwirken.
Lösungsorientierte Ansätze
Marina:
[17:26] Stichwort lösungsorientiert und konstruktiv. Da sind wir im Grunde wieder beim Anfang unserer Sendung. Und Maren Urner war auch eine der Gründerinnen von Perspective Daily. Weil sie als Neurowissenschaftlerin gesehen hat, dass da was nicht gut läuft, dass da was eskaliert, was für unsere Psyche und unsere Gesellschaft dramatische Auswirkungen haben kann. Maren ist nicht mehr Teil von Perspective Daily, aber Han Langeslag, ebenfalls einer der Gründer, ist noch heute dabei und CEO von Perspective Daily. Mit ihm haben wir über die Aufmerksamkeitsökonomie im Nachrichtenjournalismus gesprochen. Han erklärt, dass die Mechanismen, die durch die Algorithmen auf Social Media verursacht werden, auch bei den klassischen Medien zu sehen sind.
O-Töne:
[18:11] Medien haben das auch gut verstanden, dass sie Aufmerksamkeit ziehen müssen, um damit vor allem im Online-Bereich Klicks zu sammeln, weil eben viele Medien über Werbung finanziert sind. Werbungeneinnahme bekommt man, wenn man jemanden auf die Webseite holt, auf seine Nachrichten-Webseite. Und so braucht es dann gewisse Art von Überschriften, gewisse Art von Nachrichten, die eben Klicks erzeugen. Und da zeigt sich, dass vor allem die Nachrichten Klicks erzeugen, die für Aufregung sorgen, die Leute anzupassen, Vielleicht wenig Stressen, die vielleicht Gefahr ermitteln. Das sind so Dinge, die unsere Aufmerksamkeit sehr stark ziehen und darauf klickt man dann auch. Und die Nachrichten, worauf viel geklickt wird, davon wird mehr produziert, weil das eben mehr Einnahmen generiert und so ist man in einem gewissen Kreis.
Marina:
[19:03] Und das ist eben der Nachteil, wenn die eigene Arbeit dadurch bezahlt wird, dass man die Aufmerksamkeit, die man mit dieser Arbeit generiert, an Werbekunden verkauft. Und darum sind wir auch so froh, dass wir euch haben.
O-Töne:
[19:15] Das ist so eine Dynamik und die ist nur stärker geworden. Je mehr sich im Digitalen abspielt, je stärker diese Dynamik. Weil natürlich auch Nachrichten selbst oder die Finanzierung von Nachrichten und Journalismus ist natürlich sowieso ein grundlegendes Problem. Und solange sie werbefinanziert ist und auch im Wettbewerb steht mit Netflix, mit YouTube, mit alles mehr, was daraus ist, was unsere Aufmerksamkeit zieht, je mehr man quasi schreiben muss, um Leute irgendwie... Die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Marina:
[19:43] Das Neue an der digitalen Welt ist ja auch, dass jeder und jede selbst zum Sender werden kann. Das heißt, die Konkurrenz um die Aufmerksamkeit ist viel, viel größer als vor der Erfindung von Vlogs und Blogs und Twitch und natürlich auch Podcasts. Das heißt, heute haben viel mehr Menschen, wahrscheinlich so viele wie noch nie in der Geschichte, die Möglichkeit, ein Sender zu sein. Es gibt so unglaublich viele Stimmen in diesem Internet.
O-Töne:
[20:13] Das ist natürlich einerseits großartig, weil jeder quasi kommunizieren kann. Das ist natürlich eine gewisse Machtposition, die jeder potenziell hat gerade. Nachteil davon ist natürlich, dass wenn es da um wichtige Informationsermittlungen geht, dass vielleicht nicht jeder so geeignet ist. Nicht jeder hat vielleicht ausreichendes Wissen dazu oder weiß es richtig einzuordnen. Und früher war natürlich mehr die Naht von Gatekeeper, die Informationen vorgefiltert haben, natürlich nicht immer richtig, aber zumindest gibt es Prinzipien im Journalismus, die versuchen da sachlich zu bleiben, soweit es geht, verschiedene Positionen mit einzubeziehen und da so gut wie möglich irgendwie das abzubilden, worüber man berichtet. Ist jetzt ein Idealfall, wäre das.
Marina:
[21:00] Natürlich war in den Zeiten der Gatekeeper bei Radio, Fernsehen und Zeitung auch nicht alles toll. Im Gegenteil, Perspektiven von marginalisierten Gruppen zum Beispiel musste man damit der Lupe suchen. Heute haben viele von ihnen eine große Reichweite und damit auch Macht.
O-Töne:
[21:17] Ja, das ist auf jeden Fall großartig. Ich meine, wir sind jetzt auch aus Perspektive Daily auch eher unabhängiges Medium, jetzt nicht irgendwie gegründet worden mit... Großes Geld oder Investoren hinter uns und musste da auch die Aufmessung weit ziehen und was aufbauen. Und das wäre ohne Internet und ohne diese Möglichkeiten, die es heute gibt, nicht möglich gewesen in der Vergangenheit auf jeden Fall.
Marina:
[21:39] Mit all den vielen Stimmen, die es heute im Internet gibt, ist es ganz schön schwer, die eigene Stimme hörbar zu machen. Stellt euch vor, ihr baut Kartoffeln an und wollt die auf einem Markt verkaufen. Und solange ihr der einzige Kartoffelstand seid oder vielleicht einer von zweien, ist das kein Problem. Aber wenn plötzlich drölft sich andere Kartoffelstände aufploppen, da müsst ihr euch natürlich was einfallen lassen. Ihr könntet lauter schreien, ihr malt euch das bunteste Schild. Vielleicht züchtet ihr auch absolut exotische Kartoffeln, die sonst keiner anbietet. Oder schlimmstenfalls denkt ihr euch böse Gerüchte über die anderen Kartoffelbauern aus. Dass sie Katzenbabys quälen oder dass sie Kartoffeln mit Gift bespritzen. Auf jeden Fall müsstet ihr euch irgendwie abgrenzen. Und diese Aufgabe, mit der ist auch Perspective Daily konfrontiert. Denn neben ihren Artikeln gibt es eine riesige Menge anderer Artikel, die davon berichten, was in der Welt los ist.
O-Töne:
[22:34] Klar, also was natürlich ganz wichtig ist, wo alles mit Anfang im Online-Bereich ist, die Überschrift von einem Artikel oder eben ein Video. Beim Video hat man auch noch das Tumpnail, was man natürlich kennt. Aber bei uns, wir machen vor allem jetzt geschrieben Inhalten, ist ja die Überschrift superwichtig. Und da müssen wir auch sofort die Aufmerksamkeit ziehen und natürlich wirklich sehr viel Zeit darin investieren. Wie formuliere ich das jetzt? Wie erzeuge ich eine gewisse Neugier? Ohne komplett mitzuspielen bei anderen Medien, um irgendwie in diesen Überschrift Angst zu erzeugen. Das ist eine große Herausforderung auf jeden Fall, um da Aufmerksamkeit zu ziehen.
O-Töne:
[23:14] Aber sobald wir jemals Aufmerksamkeit haben und wir so froh sind, dass jemand sich mit uns auseinandersetzt, dann versuchen wir das so viel wie möglich zu ermitteln, dass es bei uns anders ist, dass wir eine Art von Frust oder eben Aufregung rausnehmen in Texten. Wir versuchen uns zu fokussieren auf Datenlagen, Forschung und gleichzeitig auch, wenn möglich, vielleicht zu gucken, was gibt es für Möglichkeiten, um aus Krisen herauszukommen, Um Leute nicht irgendwie dazulassen mit ihrer Frust oder vielleicht Ängste, aber Leute zu zeigen, es gibt Möglichkeiten. Man kann selbst irgendwie was ändern oder aktiv werden oder man kann erfahren, dass Dinge, wie sie vielleicht dargestellt werden in Medien, wegen dieser Aufmessung als Ökonomie vielleicht nicht so sind, wie sie dargestellt wurden. Ein Beispiel konkret ist die Spaltung in der Gesellschaft, die sehr stark von Medien ermittet wird, überall in Europa, in den USA ist es vielleicht noch schlimmer.
O-Töne:
[24:13] Aber Forschung zeigt gleichzeitig, dass wir nicht so gespalten sind durchschnittlich, wie es dargestellt wird in den Medien. Aber diese Spaltung bringt viele Klicks, bringt viele Zuschauer. Es ist so ein Spektakel, wo man gerne hinschaut, auch wenn man sich dadurch gestresst fühlt. Aber eigentlich im echten Leben ist es wirklich nicht so... Es ist nicht, dass alles gut ist, aber es ist auch nicht so stark und so schlimm,
O-Töne:
[24:42] wie es häufig dargestellt wird. Und dieses Gefühl zu ermitteln bei vielen Themen, das ist, was wir versuchen zumindest anders zu machen.
Zwei verschiedene Welten
Marina:
[24:55] Kennt ihr dieses Gefühl, in zwei verschiedenen Welten zu leben? Da ist die Welt, wie wir sie auf sozialen Medien erleben, wenn wir Doomscrollen. Alles ist ganz schlimm und die Apokalypse steht direkt vor der Tür, manchmal buchstäblich. Und da ist die andere Welt, die man sieht, wenn man zum Beispiel in wissenschaftlichen Kreisen unterwegs ist oder einfach nur Wissenschaftsmagazine liest. In dieser Welt haben wir alle möglichen Lösungen für alle möglichen Probleme. Da ist ein enormer medizinischer Fortschritt und die erneuerbaren Energien erreichen immer neue Rekorde. Gerade bei der Klimakrise ist es ja jetzt so, dass wir alle Werkzeuge längst erfunden haben, die wir brauchen, um das Klima zu retten.
O-Töne:
[25:36] Auch wenn tatsächlich Probleme groß sind und real sind, heißt es ja nicht irgendwie, dass wir nur gestresst zu Hause sitzen müssen und irgendwie denken, dass alles eh gut ist. Die Welt untergeht und wir eh nichts machen können. Zumindest das ist bei uns so eine Einstellung, um da nicht in Hoffnung zu verlieren in den Möglichkeiten, die es gibt. Wenn man aufhört, sich vorzustellen, wie die Welt anders sein könnte, dann ist vielleicht Ende von Politik und Ende von irgendeiner Gesellschaft, die versucht, besser zu werden. Es gibt ja auch noch Forschung, die wirklich zeigt, dass Leute, die die gleiche Events oder das gleiche Geschehen jetzt durch Medien konsumieren oder tatsächlich vor Ort vielleicht sind, dass diejenigen, die das durch Medien konsumieren gestresster sind, beispielsweise Boston Marathon Bombing, dass diejenigen, die da vor Ort waren, vielleicht nicht jetzt diejenigen, die verletzt waren, aber die vor Ort waren, die haben die direkt gefragt, wie gestresst die sind, wie Panik da ist, dass das niedriger war als die Leute, die irgendwie jetzt die Nachrichten konsumiert haben drumherum. Weil die vielleicht auch mehr immer auf den Stand gebracht waren und die Medien immer spekuliert haben, was jetzt genau gelaufen ist, dass die Stressleifers höher sind. Und das zeigen mehr Studien. Leute, die mehr Medien konsumieren, sind ängstiger für viele, viele, viele Dinge im Vergleich zu denjenigen, die weniger Medien konsumieren.
Die Rolle von investigativem Journalismus
Marina:
[27:03] Nochmal zurück zu Tim Wu, dem Autor von The Attention Merchants. Er beschreibt in seinem Buch die Geschichte eines sehr erfolgreichen Aufmerksamkeitshändlers, Claude Hopkins. Wie einige andere Scharlatane auch, verkaufte der Ende des 19. Jahrhunderts, Anfang des 20. in den USA vermeintliche Wundermittel, die angeblich gegen alle Krankheiten und Wehwehchen helfen sollten. Damals gab es dort noch keine Behörde, die medizinische Produkte oder Nahrungsergänzungsmittel kontrollierte. Gesetzliche Regelungen gab es also auch keine. Hopkins und Co. wurden also reich mit Versprechen, die schlichtweg niemand geprüft hatte. Hopkins und Co. waren so lange erfolgreich, bis sich ein Journalist namens Samuel Adams im Jahr 1900 für diese Wundermittel zu interessieren begann. Er wollte wissen, ob sie wirklich wirkten und welche chemischen Bestandteile enthalten waren.
Marina:
[27:59] 1905 veröffentlichte er die Ergebnisse seiner Recherche mit dem vielsagenden Titel »Schmackhaftes Gift für die Armen«. In den fünf Jahren, die er recherchiert, mit KonsumentInnen gesprochen, chemische Untersuchungen veranlasst und die Wirksamkeit an grausamen Tierversuchen getestet hatte, war er zu dem Schluss gekommen, die Mittel zeigen keinerlei gesundheitsförderliche Wirkung. Im Gegenteil, sie enthalten giftige Bestandteile und können sogar krank und süchtig machen. Samuel Adams Artikel hatte einen Aufschrei zufolge. Und es wurde endlich von der Politik ernst genommen. Gesetze wurden auf den Weg gebracht. Ohne die Recherche des Journalisten hätten die Aufmerksamkeitshändler weiterhin das schmackhafte Gift für die Armen verkaufen können. Und diese Geschichte zeigt, die wirksamste Waffe gegen rücksichtslose Aufmerksamkeitshändler ist echte und gründliche Recherche. Die dann wieder Druck auf die Politik macht, zu handeln, einzuschreiten und die Bevölkerung vor den negativen Gesundheitsfolgen zu schützen. Und eigentlich bräuchten wir genau das jetzt auch. Wir brauchen Politik, die dafür sorgt, dass die Aufmerksamkeitsökonomie reguliert wird. Denn die Entschertification im Internet ist enorm. Das wissen wir spätestens seit Cory Doctorow diesen Begriff im November 2022 geprägt hat.
Marina:
[29:16] Enshittification beschreibt ein Muster, bei dem die Qualität von Online-Produkten und Diensten mit der Zeit abnimmt. Zuerst muss eine Plattform richtig toll für NutzerInnen sein, damit die zahlreich draufgehen und ihre Freunde mitnehmen. Das ist das goldene Zeitalter der Plattform.
Marina:
[29:35] Dann muss man jetzt mit all diesen NutzerInnen irgendwie Geld verdienen, damit die Entwicklung sich rentiert. Also verkauft man deren Aufmerksamkeit an Werbetreibende. Plötzlich ist der Feed voller Werbung, das Radikale und Negative auf der Plattform dominiert. Und dann wollen die Shareholder der Plattform Geld für ihre Investitionen sehen. Das heißt, das Angebot wird auch für die Werbetreibenden immer teurer und schlechter. Am Ende ist die Plattform schlecht für alle, außer reiche Investoren. Das war bei jeder großen Medienrevolution das gleiche Muster. Im Internet hat die Dynamik allerdings auch noch einmal besondere Ausmaße. Man muss sich nur vergegenwärtigen, wer die Toplist der reichsten Menschen der Welt anführt. Sie haben fast alle mit Online-Diensten ihr Geld gemacht. Und wir brauchen unabhängigen Journalismus, der die Gefahren der aktuellen Aufmerksamkeitsökonomie entlarvt.
Marina:
[30:27] Guter Journalismus kann in diesem Aufmerksamkeitsgetöse wirklich den Weg weisen. Nur muss er dabei den Spagat schaffen, einerseits Aufmerksamkeit zu generieren und andererseits dann verantwortungsvoll damit umzugehen.
Aufmerksamkeit nutzen und Gutes tun
O-Töne:
[30:48] Bert, Bert, Bert, Bert, Bert! Ernie, ich lese gerade. Wie schön. Und ich habe einen Hund, Bert. Schön, Ernie. Was? Was ist das, Ernie? Oh, das ist ein Hund, Bert.
Marina:
[31:06] Und das waren Ernie und Bert aus der Sesamstraße. Eines der erfolgreichsten Kinderfernsehprogramme, das es je gab. Die Sesamstraße, wenn wir in die Geschichte der Aufmerksamkeitsökonomie blicken, ist ein kleines Wunder. Sie entstand in einer Zeit, in der Fernsehkanäle in den USA die größten Aufmerksamkeitshändler des ganzen Landes waren. Fernsehwerbung war eine Millionenindustrie geworden. Eine, die sich nicht schämte, auch Kinder als Zielgruppe zu adressieren. In den 1950er Jahren waren die Agenturen fleißig damit beschäftigt, Werbekunden fürs Kinderfernsehen zu generieren. Ganze Shows wurden dann zum Beispiel von einer Nahrungsmittelindustrie gesponsert. Klingt scheiße, ist es auch. Und das fand auch Fred Rogers. Ich bin ins Fernsehen gekommen, weil ich es so gehasst habe, sagte er einmal in einem Interview mit CNN. Seine radikale Idee war folgende.
Marina:
[32:05] Kinderfernsehen sollte gut für die Kinder sein. Leider fand er nicht so richtig Anschluss an die Vorstellungen der Fernsehsender in den USA. Darum ging er nach Kanada und entwickelte dort eine Show, in der Kinder in eine Fantasiewelt eingeladen wurden, in der nur Puppen lebten. Mr. Rogers' Neighborhood. Das war der Name der Show, die 33 Jahre lang laufen sollte, später auch in den USA, und die sich auf die emotionalen und körperlichen Probleme von Kindern konzentrierte, wie etwa Tod, Geschwisterrivalität, Einschulung und Scheidung.
Marina:
[32:42] Rogers zeigte der Welt, es geht. Man kann mit einer Show Erfolg haben, die den Menschen, hier eben Kindern, gut tut. Und so bekam er Nachahmer. Vermutlich am bekanntesten die Sesamstraße. Deren Erfinder, Joan Ganz Cooney und Lloyd Morissette, hatten ein bemerkenswertes Ziel. Die Kinder-Fernsehshow zu schaffen, die die Suchtgefahr des Fernsehens bezwingt und etwas Gutes damit macht. Zitat Ende. Und die Sesamstraße war erst der Anfang. Tembo beschreibt, wie die US-Fernsehstationen in den späten 60ern anfingen, alternative Zielgruppen ganz gezielt in den Blick zu nehmen. Ein Beispiel ist der Fernsehsender CBS und sein Direktor Fred Silverman. Sein erster und sehr unerwartet großer Erfolg war die Sendung mit Charlie Brown Christmas. Silverman wird zitiert, die Sesamstraße als großes Vorbild zu haben, wenn es darum ging, zu zeigen, dass Fernsehen sowohl unterhaltsam als auch informativ sein kann. CBS ging voran und investierte fortan in investigativen Journalismus. Dass alles das für die Sesamstraße und für Fred Silvermans CBS so gut funktioniert, hatte einen Grund.
Marina:
[33:56] Das Publikum schenkte den Shows, die etwas Gutes machten, Aufmerksamkeit. Und das Publikum, nun das sind wir alle.
Aufmerksamkeit als bewusste Entscheidung
Marina:
[34:12] Meine Aufmerksamkeit, eure Aufmerksamkeit. Wir alle sitzen auf einer Ressource, die wertvoller ist als Erdöl und die bestimmt, welche Shows im Fernsehen und welcher Content im Internet produziert werden. Es ist unsere tägliche Entscheidung, wem oder was wir unsere Aufmerksamkeit schenken, die zusammen mit den Entscheidungen von tausenden anderen bewirkt, ob etwas produziert wird, ob etwas Erfolg hat oder eben nicht. Anders ausgedrückt, unsere stärkste Waffe gegen die Aufmerksamkeitsjäger ist unsere Ignoranz. Wenn wir erkennen, dass wir es in der Hand haben, ist es möglich, sich den aktuellen Trends der Aufmerksamkeitsökonomie einfach zu entziehen.
O-Töne:
[34:56] Und das ist gar nicht so viel und auch nicht so kompliziert. Wir müssen es halt einfach machen.
Marina:
[35:00] Das ist nochmal Maren Urner, die Neurowissenschaftlerin. Denn am Ende geht es wie so oft, wenn wir über das Gehirn und über Psychologie sprechen, um Gewohnheiten. Wir brauchen gesunde Gewohnheiten, um in der Ära des Smartphones wieder Herren über unsere eigene Aufmerksamkeit zu werden.
O-Töne:
[35:17] Also im Kern ist ja alles unser Verhalten vor allem basiert auf Gewohnheiten und diese Gewohnheiten können wir natürlich antrainieren, abtrainieren, umtrainieren. Das ist immer anstrengend und deshalb ist es wichtig, dass wir dabei Unterstützung haben. Also zum Beispiel, indem wir uns eine Umgebung schaffen, die es möglichst leicht macht. Bezogen auf das Smartphone kann das zum Beispiel bedeuten, ich nenne es immer, dass wir uns eine möglichst ablenkungsarme Umgebung schaffen. Was meine ich damit? Wir wissen mittlerweile von zahlreichen Studien, dass die schiere Anwesenheit, auch wenn es komplett ausgeschaltet ist, eines Smartphones, dafür sorgt, dass ein Teil unserer Aufmerksamkeit auf dieses Gerät gerichtet ist. Da können wir jetzt sagen, ja, aber wie unlogisch. Wir wissen, dass das Gerät ausgeschaltet. Es kann nicht blinken, es kann nicht vibrieren, es kann gar nichts. Nichts anfangen, nicht Flugmodus, es ist komplett aus. Und trotzdem geht ein Teil unserer Aufmerksamkeit auf dieses Gerät. So, das heißt, ja, wenn ich versuche, möglichst ablenkungsarm zu arbeiten, mich zu konzentrieren, Text zu lesen, irgendwas zu tun, was meine volle Aufmerksamkeit verdient hat aus meiner Sicht, dann sollte ich das Smartphone sehr weit weglegen. Und das gleiche gilt natürlich für Einstellungen am Computer, Laptop, wo auch immer man dann dran arbeitet, da möglichst alles andere auszustellen, also sprich E-Mail-Programme zu schließen, irgendwelche Chatfenster, was auch immer, weil jede Benachrichtigung oder eben auch gespürte Benachrichtigungen, es gibt mittlerweile so ein Phänomen, das nennt sich Phantom-Vibrieren, also dass wir denken, das Telefon hätte vibriert, obwohl es das nicht tut oder getan hat.
O-Töne:
[36:46] So, die meisten kennen das, wenn man das dann mal anspricht. Also das eben auch da gar nicht erst dazu zu verleiten, dass man denkt, oh, es könnte ja gleich was aufklingen und man guckt doch nochmal im Posteingang nach, ob man gerade was verpasst hat, sondern es einfach gar nicht als Option im Kopf zu haben. Also sprich das Smartphone weit weg, die Programme geschlossen und das ist erstmal anstrengend, weil wir es gar nicht mehr gewohnt sind. Wir sind gar nicht mehr gewohnt, uns mehrere Minuten oder gar Stunden auf eine Sache zu konzentrieren und unser Hirn ist dann, Stichwort Gewohnheiten, eher darauf programmiert bzw. Hat sich das angewöhnt, dass es halt nach zwei Minuten irgendwo plink piept oder was auch immer. Und dann müssen wir lernen, das wieder auszuhalten und nicht jedes Mal dann doch nachzugucken und uns wieder in die alte Gewohnheit verlocken zu lassen, verleiten zu lassen.
Marina:
[37:36] Klingt doch ganz einfach, oder? Einfach mal aushalten.
O-Töne:
[37:39] Ich als Austauschprogramm weiß, wie anstrengend es sein kann, in so eine Daueranstrengung reinzugehen und gleichzeitig aber auch, was für ein tolles Gefühl es ist, wenn man das dann tut. vor allem am Ende, aber auch zwischendurch. Und ein bisschen so ist es auch mit Konzentration und Aufmerksamkeit. Also es ist anstrengend, es ist hart, man muss sich immer wieder, wie wir so schön Ausdrücke in der deutschen Sprache haben, am Rieben reißen, zurückbringen, nicht zum Smartphone greifen und so weiter. Deshalb meine ich mal, was einem hilft, ist auch, plenkungsarme Umgebung zu schaffen und gleichzeitig aber auch Zwischenziele. Das ist vielleicht noch ein wichtiger Hinweis. Also unser Hirn ist, wie gesagt, sehr schlecht darin, langfristig zu planen und was wir brauchen, sind sogenannte Meilensteine dann. Also Zwischenziele, Etappen, vergleichbar auch hier wieder. Niemand läuft einen Marathon und sagt, ich laufe jetzt 42,195 Kilometer. Das wird nicht funktionieren.
Marina:
[38:29] Ich kann euch das aus eigener Erfahrung berichten. Ich habe ADHS und mein Gehirn ist sehr anfällig für das schnelle Dopamin von Social Media. Ich habe auf Twitter und YouTube Jahre meines Lebens gelassen. Ich weiß nicht, was Selbstdisziplin ist und das Wort gruselt mich ein wenig. Mir half, nicht weg vom Handy zu gehen, sondern hin zu etwas anderem. Ich bin zum Glück sehr neugierig und habe viele Hobbys. Die sind so spannend, dass ich versehentlich vergesse, am Smartphone zu hängen. Im Sommer, wenn ich halbwegs gut zu Fuß gehen kann, mache ich Spaziergänge in der Natur. Ich habe Stricken gelernt und nähe meine Klamotten selbst. Ich mache Live-Rollenspiele und dann bin ich über ein Wochenende oder eine Woche gar nicht erreichbar, weil ich irgendwo im Wald bin und mit anderen Menschen das Mittelalter nachspiele. TikTok installiere ich gar nicht erst. Ich hätte nicht die Willenskraft, mich wieder davon zu lösen. Darum lebe ich so, dass ich möglichst keine Willenskraft brauche. Ich denke darüber nach, was mir gut tut. Ich schreibe diese Tätigkeiten auf und dann mache ich sie. So oft wie möglich. Ist das so einfach? Nein, es braucht Übung und man muss es immer wieder machen. Und dann versagt man. Und dann macht man es einfach weiter. Und dann wird das Leben immer besser.
Marina:
[39:49] Verpasse ich dadurch etwas? Im Moment hauptsächlich KI-Slop, Ragebait und lauter verkürzte Nachrichten, die die Welt schlechter erscheinen lassen, als sie ist. Und für alles andere gehe ich ab und zu auch online.
Marina:
[40:04] Meine Zukunftsvision geht ja so. Social Media ist der Ort, wo Bots Ragebait für Bots erzeugen, damit Bots Werbung von Bots konsumieren. Und wir alle können rausgehen und Picknick machen. Oder wir schaffen digitale öffentliche Räume, die eben nicht privatwirtschaftlich und werbefinanziert sind, wo wir wieder Verbindung zueinander finden.
Marina:
[40:31] Es gibt eine Sehnsucht nach langsameren, konstruktiveren Nachrichten, nach Einordnung, Hoffnung, Ruhe. Es gibt immer mehr neue Medienformate, die diesen Markt bedienen. Ein Beispiel ist dieser Podcast oder Perspective Daily. Auch in den USA gibt es immer mehr solcher Formate. Eine andere Lösung liegt in genossenschaftlich besessenen Medien wie Taz oder in dezentralen sozialen Medien wie dem Fediverse, in dem Dinge nicht wirklich viral gehen und nicht wirklich monetarisiert werden können,
Marina:
[41:06] in denen der Ton aber genau deshalb ruhiger und sinnvoller ist. Wenn wir uns ganz bewusst für diese Medien und Plattformen entscheiden, die uns wie die Sesamstraße und in der Vision von Fred Rogers gut tun, Vielen Dank.
Marina:
[41:22] Die unterhaltsam sind, aber auch informativ, die Probleme klar benennen, aber dann uns nicht mit der Angst allein lassen, sondern auch Lösungen aufzeigen, wie es konstruktiver Journalismus tut, dann profitieren unsere Gehirne enorm. Aber nicht nur die. Je mehr Menschen solche Entscheidungen in immer mehr Situationen treffen, desto größer wird die Macht dieser Entscheidungen. Was wir also mitnehmen können, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, das bestimmt über den Verlauf unseres Lebens. Konstruktive Medien und soziale Beziehungen sind so viel wertvoller und verdienen viel mehr Aufmerksamkeit als die Algorithmen und Clickbait-gesteuerten Impair-Medien. Community- und HörerInnenfinanzierung sind wesentlich sinnvollere Finanzierungsmodelle als Werbefinanzierung. Gesetze können Firmen Grenzen setzen. Dazu braucht es guten Journalismus, der aufzeigt, wo Probleme oder gar gesundheitliche Schäden vorliegen. Und dieser gute Journalismus muss dann auch Aufmerksamkeit erfahren. Wer einen großen Sender hat, der kann Gutes damit tun, siehe Sesamstraße. Und auch das ist eine Entscheidung.
Verabschiedung und Outro
Marina:
[42:38] Damit bedanke ich mich sehr für eure Aufmerksamkeit. Ich weiß, wie kostbar sie ist und ich freue mich und fühle mich geehrt, dass ihr sie mir geschenkt habt. Wenn ihr mögt, dann empfehlt unseren Podcast gern euren Freunden, Bekannten oder auch den sozialen Medien. Diese Folge darf gerne viral gehen. Ist okay für mich.
Marina:
[42:58] Und wenn ihr könnt, dann werdet Teil dieser Community, die dafür sorgt, dass wir unabhängig von Werbung sind. Alle Wege, wie ihr das tun könnt, findet ihr in den Shownotes. Zu jeder Folge veröffentlichen wir bei Steady das automatisch erstellte Transkript als Newsletter. Den könnt ihr kostenlos abonnieren. Für alle, die beim Hören lesen oder lieber nur lesen oder am Ende nochmal was nachschlagen wollen. Wenn ihr Feedback habt, schreibt bitte gern an katrin.haus1fm. Das ist die Kada, die gibt es dann an mich weiter. Und ihr könnt natürlich auch Kommentare hinterlassen. Die nächste Folge erscheint dank Perspective Daily in einem Monat. Ich freue mich total drauf. Ich liebe euch. Ciao.
Marina:
[44:15] Wind und Wurzeln ist eine Produktion von Haus 1 in Kooperation mit Perspective Daily. Redaktion Marina Weisband und Katrin Rönicker. Schnitt und Sounddesign Oliver Kraus. Grafik und Design Sven Sedivi. Am Mikrofon war Marina Weisband. Bis zum nächsten Mal.
hauseins:
[44:32] Eine Produktion von Haus 1 in Kooperation mit Perspective Daily.