Heute gibt’s zwei Kugeln Eis für die Nerven.
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#Kreislaufwirtschaft #Reparieren #Ernährung
Von Pflastern und Pflanzenfressern
Gutes Essen und Dinge reparieren haben mehr gemeinsam, als man vielleicht denkt. Wir finden: beides verdient mehr Aufmerksamkeit.

Weil wir sonst immer so viel meckern (meistens zurecht), wollen wir heute einfach mal über zwei Dinge schreiben, die uns gute Laune machen – und Dir hoffentlich auch.
Jeder von uns hat sich eine Sache aus dem Alltag herausgesucht, deren positive Entwicklungen oft unterschätzt werden und die wir hier einfach mal feiern wollen.
Wo repariert wird, ist die Welt noch in Ordnung

Normalerweise finde ich es furchtbar, im Berliner Verkehr Fahrrad zu fahren. Aber als ich letztens bremsen musste, weil vor mir ein Handwerker die Straße überquerte, war ich plötzlich richtig gut gelaunt. Es gibt für mich einfach wenige Dinge, die so verlässlich die Stimmung heben wie der Anblick einer Person mit Werkzeugen in der Hand, die etwas reparieren geht.
Ähnlich ging es mir, als der Reißverschluss meiner Lieblingsjacke kaputtging und ich schon drauf und dran war, die Jacke im Müll zu begraben. Aber ich trage sie heute noch, und alles, was es gebraucht hat, war ein Gang zum Schneider, viereinhalb Minuten Wartezeit und genauso wenige Euros.
Auch als ich es vor kurzem schaffte, ohne nennenswerte handwerkliche Fähigkeiten meine Fahrradkette zu reparieren, freute ich mich noch tagelang darüber.
Aber wenn ich dann mit meinem wiederbelebten Fahrrad durch die Stadt fahre, sehe ich all die Fernseher, Fahrräder, Schränke, Klamotten und andere Dinge, die die Berliner*innen so gerne auf den Straßen entsorgen. Laut den Berliner Stadtreinigungsbetrieben (BSR) werden jedes Jahr bis zu 40.000 Kubikmeter Sperrmüll illegal an irgendeiner Ecke abgeladen. Dabei könnte man einiges davon noch gebrauchen oder reparieren.
Dass in Berlin so viel auf den Straßen landet, hat verschiedene Gründen, aber die Sperrmüllberge veranschaulichen schön, was nicht nur in Berlin zutrifft: Bei vielen gewinnt immer noch das Wegwerfen und Neukaufen.
Dementsprechend hoch ist der Rohstoffverbrauch in Deutschland: pro Kopf und Jahr liegt er bei rund 14 bis 16 Tonnen. Rechnerisch haben wir 2026 schon am 10. Mai (Opens in a new window) die Ressourcen aufgebraucht, die eigentlich für das ganze Jahr reichen müssten. Wir verbrauchen zu viel und das liegt auch daran, dass wir zu viel wegwerfen.
Dabei sollte Wegwerfen eigentlich nicht die erste Option, sondern die allerletzte Notlösung sein. Aber wie kommen wir da hin?
Warum wir das Reparieren öfter feiern sollten
Du weißt sicher schon, was jetzt kommt. Das Stichwort heißt Kreislaufwirtschaft. Also: weniger produzieren und die Dinge, die wir produzieren, so entwerfen, dass wir sie möglichst lange benutzen, miteinander teilen und einfach reparieren können.
Mehr zu reparieren und weniger wegzuwerfen ist auch deshalb besonders wichtig, weil wir beim Recyclen wirklich mies dastehen. In der EU werden gerade mal lächerliche zwölf Prozent (Opens in a new window) aller Materialien wiederverwertet.
Beim Reparieren werden nicht nur Rohstoffe gespart, sondern auch Energie und Emissionen. Wer kein neues Handy kauft, sondern ein gebrauchtes, das professionell wiederaufbereitet wurde (zum Beispiel auf Plattformen wie Refurbed oder Backmarket), kann laut einer Fraunhofer-Studie (Opens in a new window) bis zu 83 Prozent CO₂ einsparen.
Von allen Fakten übers Reparieren ist aber dieser hier für mich mit Abstand der beste: Laut einer Eurobarometer-Umfrage (Opens in a new window) würde in der EU eine überragende Mehrheit von 77 Prozent der Menschen ihre Geräte lieber reparieren als neue zu kaufen.
Aber wie passt das dann mit den Schrottfaufen zusammen, die wir produzieren? Die Antwort ist simpel: Die meisten wollen zwar lieber reparieren, müssen ihre Geräte dann aber doch ersetzen, weil eine Reparatur zu teuer wäre oder es einfach keinen Service dafür gibt.
Ein universelles Recht auf Reparatur
Wo wir beim Endgegner für alle Repair-Fans angelangt sind: bei der geplanten Obsoleszenz. Damit ist das absichtlich eingebaute Verfallsdatum in Produkten gemeint. Oft gibt es zwar keine Beweise für einen Vorsatz bei den Herstellern, aber wir alle kennen die Fälle: wenn zum Beispiel ein Akku fest verbaut ist, der schnell den Geist aufgibt, oder wenn es nach ein paar Jahren einfach keine Software-Updates mehr für Dein Smartphone gibt.
Viele Produkte werden so designt, dass man sie entweder gar nicht oder nur zu horrenden Kosten reparieren kann. Vor allem bei Elektrogeräten führt das zu einer Flut an Schrott. Elektromüll ist die Art von Müll, die am schnellsten zunimmt. Die aktuellste Zahl liegt für 2022 vor: In diesem Jahr fielen weltweit rund 62 Millionen Tonnen Elektroschrott an. 2010 waren es noch rund 34 Millionen. Das entspricht einem Anstieg von rund 82 Prozent.
Die gute Nachricht: Gegen den Obsoleszenz-Endgegner regt sich Widerstand. Da wäre zum Beispiel die „Right To Repair Coalition“, ein europäisches Netzwerk aus fast 200 NGOs, Sozialunternehmen, Ersatzteilhändlern, Repair Cafés, Werkstätten und anderen Reparaturbetrieben. Ihr Ziel ist es, ein universelles Recht auf Reparatur durchzusetzen.
2024 erzielten sie einen großen Erfolg, als die EU eine „Recht auf Reparatur“-Richtlinie verabschiedete. In Deutschland tritt ein entsprechendes Gesetz Ende Juli in Kraft. Hersteller von bestimmten Produkten wie Waschmaschinen, Kühlschränken oder Smartphones sind ab dann verpflichtet, ihre Geräte zu einem angemessenen Preis zu reparieren oder Ersatzteile bereitzustellen – noch bis zu zehn Jahre nach dem Kauf.
Eine andere Erfolgsgeschichte ist die Repair-Café-Bewegung. In ein Repair-Café kann jede*r seine kaputten Sachen mitbringen, bekommt Werkzeuge gestellt und kann sich von Expert*innen bei der Reparatur helfen lassen. Bezahlen muss man nur für die Ersatzteile, die man nutzt.
Die ersten dieser Cafés wurden 2009 in den Niederlanden gegründet. Heute gibt es sie weltweit, fast 2000 allein in Deutschland (Opens in a new window). Wenn Du ein Repair-Café in Deiner Nähe suchst, schau mal auf reparatur-initiativen.de (Opens in a new window) vorbei.
Berlin ist (trotz oder wegen des vielen Mülls auf den Straßen) mittlerweile sogar schon einen Schritt weiter als viele andere Bundesländer: Hier gibt es nämlich einen Reparaturbonus. Die Stadt übernimmt 50 Prozent der Reparaturkosten bei Fachbetrieben und sogar 100 Prozent für die Ersatzteile im Repair-Café.
Dinge zu reparieren, hat vielleicht noch nie mehr Spaß gemacht als heute.

Das Beste aus den 90ern, 2000ern und von morgen

Da, wo ich in den 90ern aufgewachsen bin, gab es zwei Läden in Kinder-Laufreichweite. Der erste war eine Kaiser’s-Filiale mit Cini Minis und Monte von Zott in den Regalen. An der Fleischtheke habe ich jedes Mal eine Scheibe Fleischwurst geschenkt bekommen. Der zweite Laden hieß MOMO, ein kleiner Biomarkt an der Straßenecke, in dem es etwas dinkelig-muffig nach Reformhaus roch.
Als kleines Kind war ich natürlich Team Kaiser’s.
Heute finde ich die Vorstellung ziemlich absurd, dort auf einer Fleischwurst herumzukauen. Das wird zum Glück auch nicht passieren, denn die Supermarktkette existiert nicht mehr. Der Mutterkonzern Tengelmann machte mit ihr Verluste und verkaufte sie schließlich an Edeka und REWE.
Aus MOMO, dem kleinen Laden an der Ecke, ist hingegen ein gestandener Bio-Supermarkt geworden. Manche Kund*innen kaufen dort seit über 40 Jahren ein. Inhaber Raoul – lange weiß-graue Haare, Mütze, Sieben-Tage-Bart – dürfte wohl Multimillionär werden, sollte er MOMO jemals verkaufen wollen.
Wenn Ökos mit einem Bioladen reich werden können, ist in den letzten 30 Jahren irgendetwas richtig gelaufen. Zeit, das mal zu feiern.
Die Teewurst-Revolution
Für mich ist unsere Ernährung eines der schönsten Argumente gegen die „Früher war alles besser“-Erzählung. Bio-Lebensmittel waren in den 90ern noch eine komplette Nische. Heute beträgt ihr Umsatz deutschlandweit rund 18 Milliarden Euro (Opens in a new window). Das ist immerhin ein Marktanteil von 6,5 Prozent. Selbst Discounter haben für viele ihrer Produkte inzwischen eine Bioversion.
Auch bei unserem Fleischkonsum geht es bergauf (beziehungsweise bergab). Anfang der 90er hat jede*r Deutsche pro Jahr noch ganze 61 Kilogramm Fleisch in sich hineingestopft. Heute sind es immerhin nur noch 52 Kilogramm. Das liegt am besseren Bewusstsein dafür, wie schädlich Fleisch für unseren Körper und den Planeten ist – und auch an den Regalreihen voller veganer Ersatzprodukte.
Vielleicht kennst Du noch den legendären Rügenwalder-TV-Spot von 1996. „Fetischhaftes Wurstgefresse“ (Habeck, 2025 (Opens in a new window)) kriegt darin nochmal eine ganz andere Bedeutung.
https://www.youtube.com/watch?v=MwYQMpd_eZA (Opens in a new window)Rügenwalder, dieselbe Firma, die vor 30 Jahren noch Teewürste mit einer niedersächsischen 90er-Jahre-Version von The Witcher beworben hat, ist heute mit großem Abstand der Marktführer bei veganen Ersatzprodukten. In so gut wie jedem Supermarkt steht mittlerweile Wurst ohne Tierbeteiligung im Kühlregal. Niemand, der Lust hat auf Fleischgeschmack, muss sich heute also noch Schweine von lohngedumpten Fabrikarbeitern schlachten lassen.
Noch besser wäre natürlich frisches Obst und Gemüse. Und dafür muss man inzwischen nicht einmal mehr in den Supermarkt. 1988 startete die erste Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi), der Buschberghof in Schleswig-Holstein. Die gibt es heute immer noch, genauso wie rund 500 andere SoLaWis in ganz Deutschland.
Das Konzept ist einfach: Mit einem monatlichen Beitrag geben Mitglieder regionalen Landwirt*innen eine Sicherheit für ihre Abnahmemengen. Dafür werden sie von ihnen wöchentlich mit frischem Obst und Gemüse versorgt. Das Ganze stärkt die Beziehung zwischen Produzent*innen und Verbraucher*innen und lässt Konzerne außen vor. Welche SoLaWis es in Deiner Nähe gibt, siehst Du auf dieser Karte (Opens in a new window).

Weiter geht’s mit der lowest hanging aller fruits: Lebensmittel retten. Hier ist vor allem bei unseren europäischen Nachbar*innen viel passiert. Das französische Gesetz, das Supermärkten das Vernichten genießbarer Lebensmittel verbietet, ist mittlerweile zehn Jahre alt.
Spanien hat 2025 sogar ein umfassendes Anti-Food-Waste-Gesetz (Opens in a new window) verabschiedet. Alle Akteur*innen, die mit Lebensmitteln zu tun haben (ausgenommen sind kleine Unternehmen), müssen einen Plan (Opens in a new window) entwickeln, wie sie Lebensmittelabfälle in Zukunft vermeiden, spenden oder zu Tierfutter verarbeiten.
Veganismus is’ Muss
Immer wenn wir hier über Ernährung schreiben, diskutieren wir vorher, ob es nicht langweilig ist, wenn wir jedes Mal zur gleichen Schlussfolgerung kommen: dass einfach nichts besser für uns und den Planeten ist, als vegan zu essen.
Aber solange petro-carnivore Influencer (Opens in a new window) veganer Ernährung den Kulturkampf erklären, können wir hier gar nicht laut genug abfeiern, wie unschlagbar gut Pflanzenessen eigentlich ist. Was also muss noch alles passieren, damit vegan zum Standard wird?
Ein Anfang wäre, die Mehrwertsteuer auf pflanzliche Lebensmittel abzuschaffen und die auf tierische zu erhöhen. Subventionen sollten zudem gezielt für Produzent*innen von Hülsenfrüchten und Gemüse freigemacht werden, statt Agrarkonzerne damit zu mästen. Besonders wichtig wäre zudem, öffentliche Mensen und Kantinen fleischfrei zu machen. Und natürlich brauchen wir ein Werbeverbot für Fleisch, so wie seit Anfang des Jahres in Amsterdam (Opens in a new window).
Wenn man bedenkt, was sich seit den 90ern getan hat, können wir in den kommenden 30 Jahren mit solchen und anderen Maßnahmen unglaublich viel erreichen. Falls es mir dann noch möglich sein sollte, werde ich 2056 jedenfalls eine Fortsetzung zu diesem Text schreiben und berichten, aus wie vielen dieser Utopien Realität wurde. Nachdem ich bei MOMO einkaufen war.
Vielen Dank fürs Lesen!
An dieser Stelle ein Shoutout an alle Mitglieder, die diese Ausgabe möglich gemacht haben. Wenn auch Du mit uns zusammen die Klimafahne hochhalten willst, werde jetzt Treibhauspost-Mitglied und unterstütze unseren Klimajournalismus mit ein paar Euro im Monat. Vielen Dank!
Unser Klimasong ist heute Mother Nature (Opens in a new window) des indischen Rappers Raftaar aus dem Jahr 2014. Die Lyrics sind überwiegend auf Hindi, es geht um einen verzweifelten Bauern, Fabriken, die Tag und Nacht laufen und einen Appell zusammenzukommen für die Zukunft der Kinder.
Climate change ho raha hai
Vata-waran ro raha hai …
This is for maa mother nature
This is your maa mother nature
Am 1. August bekommst Du wie immer unsere Lesetipps, bevor wir uns in eine kurze Sommerpause verabschieden.
Herzliche Grüße
Manuel & Julien
(Opens in a new window)👨🏻🎨 Illustration wie immer in Handarbeit von Manuel
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