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Stoppt das Vergleichen

Vor Kurzem hat sich eine Freundin bei mir gemeldet. Sie hat mir geschildert, wie sie meinen Instragramfeed betrachtet und sich selbst und ihre Arbeit daran misst. In ihren Worten, ihrer Stimme lag so viel Struggle. Ich konnte hören, wie sehr es sie belastet, dass sie im konstanten Vergleich mit dem ist, was sie bei mir sieht.

Doch bei mir kam nur ein Vorwurf an (obwohl das nicht ihre Absicht war). In rasendem Tempo hat sich ein ungutes Gefühl von meinem Bauch bis hinter meine Stirn ausgebreitet, die in tiefen Runzeln lag. Mein ganzer Körper war in Aufruhr. Der Verteidigungsmodus ließ mich flach atmen. „Sie sieht mich doch gar nicht. Sie sieht nur meinen kuratierten Feed. Warum wirft sie mir denn vor?“ Von Atemzug zu Atemzug fühlte ich wütender, beklemmter. Auf gar keinen Fall wollte ich das so stehen lassen, diese Schuld sich durch mich hindurchfressen lassen, als Vorbild herzuhalten, ohne ihr helfen zu können.

Ich wünschte, ich hätte das Gefühl direkt drehen können, aber so war es leider nicht. Es hat Stunden gedauert, in den sich die Erkenntnis aufbauen konnte, die mich aus meiner Abwehrhaltung geführt hat: Es ist nicht meine Schuld. Und auch nicht ihre. Wir lernen von Kindesbeinen an, uns gegenseitig zu vergleichen. Dabei vergessen wir nur allzu häufig, dass das, was wir von anderen sehen, nur ein oder zwei Pinselstriche eines wandgroßen Gemäldes sind.

Sichtbarkeit in Ausschnitten: Wie wollen wir wahrgenommen werden?

Wir wären nicht menschlich, wenn wir uns in all diesen Momenten und Szenen, die wir der Welt von uns zeigen, nicht auch inszenieren würden, um unsere besten Seiten zu zeigen. Wir wählen bewusst aus und kuratieren, wie wir uns in Szene setzen und was wir dabei unter den Tisch fallen lassen.

Das ergibt auch Sinn: Denn natürlich geben wir uns, insbesondere in den sozialen Medien, aus einem bestimmten Grund so, wie wir es eben tun. Wir wollen ausgewählte Inhalte teilen oder den Menschen zeigen, welche Angebote wir für sie parat halten. Selbstverständlich konzentrieren wir uns dann auf das Wesentliche und holen nicht erst einmal ewig aus, sprechen über das Wetter, darüber wie wir letzte Nacht geschlafen haben, was alles auf unserer To-do-Liste steht und was uns noch im Kopf herum schwirrt. Wir haben einen eingebauten Filter, den die sozialen Medien mit ihren Algorithmen verstärken. Wir sollen auf den Punkt kommen und nur die wirklich relevanten Informationen teilen. Was auch immer das bedeuten mag.

Hinzu kommt aber ein weiterer, sehr starker Filter. Er lenkt uns dahin gehend, dass wir überlegen, wie wir gesehen und gehört werden wollen. Wir setzen einen bestimmten Gesichtsausdruck auf, treten vielleicht nicht unfrisiert und ungeschminkt vor die Kamera (oder in den realen Kontakt), überlegen gut, was wir sagen möchten und wie wir es sagen. All diese Zwischenschritte sind wichtig, sowohl dafür, wie wir uns selbst empfinden, als auch für den Versuch der Beeinflussung unserer Fremdwahrnehmung – und letztlich auch für das soziale Miteinander. Zu überlegen, was und wie wir etwas sagen wollen, kann (glücklicherweise) einen großen Beitrag zur Sozialverträglichkeit leisten.

Aber an dieser Stelle ist bereits deutlich geworden: Was wir von Menschen wahrnehmen und wie sie wirklich, in ihrem innersten Kern sind, dazwischen liegen ggf. Welten, viele Filter und Zwischenschritte. Wir lassen das weg, wofür wir uns schämen, womit wir ringen oder wovon wir glauben, dass es uns in einem schlechten, inkompetenten oder chaotischen Licht dastehen lassen könnte. Wir lassen andererseits auch weg, was dem Thema nicht dienlich ist. Wir vermeiden Ausschweifungen. All das macht Kommunikation vielschichtig, komplex und auf eine eigene Art wunderschön.

Vor allem aber zeigt es: Wir erleben nur Ausschnitte von unseren Mitmenschen. An den wenigsten Personen in unserem Umfeld, außer vielleicht an denen, mit denen wir zusammen leben oder die uns seit unserer Kindheit begleiten, sind wir so nah dran, dass sie einen wirklich umfassenden Überblick über alles haben, was wir sind. Und hier gehen wir uns selbst auf den Leim: Wir stilisieren die Bruchstücke, die wir im Kontakt mit anderen (on-, aber auch offline) erleben, so weit hoch, dass wir glauben, dass das, was wir sehen, der ganze Mensch sei. Wir vergessen die Struggle, Kämpfe und Schattenseiten – weil wir sie nicht sehen können oder nicht sehen wollen.

Wir gleichen das vollständige Bild, das wir von uns selbst haben, mit einem Ausschnitt einer anderen Person ab, von dem wir glauben, es sei das Vollbild. Das halte ich für gefährlich, schädlich und unfassbar ermüdend. Wir können gar nicht anders als uns minderwertig zu fühlen. Als würden wir abstinken, hinterher hängen, versagen. Weil wir uns an den falschen Maßstäben messen. Weil wir uns nicht auf uns konzentrieren. Weil wir nur die halbe Wahrheit kennen und unsere eigne aus dem Blick verlieren.

Die Abgründe des Vergleichens

Ich bin der Meinung, dass wir unsere Vergleichsmechanismen mehreren Aspekten verdanken. Zum einen ist das die Leistungs- und Optimierungsgesellschaft, die uns nicht an dem misst, was wir sind, sondern an dem, was und wie erfolgreich wir es tun. Es geht immer um das höher, weiter, besser. Die individuellen Hintergründe, Ressourcen und Privilegien werden dabei völlig außer Acht gelassen. Nicht jeder Mensch hat die gleichen Möglichkeiten, Ausgangssituationen sind unterschiedlich. Finanzielle Ressourcen, Herkunft, Körperform, Sorgeaufgaben, gesundheitliche Aspekte, Neurodivergenz, Bildungshintergründe, Zeit, Zyklusverläufe – das und noch viel mehr bestimmen, wie wir im Leben stehen und ob Teilhabe ermöglicht wird. Es ist also völlig absurd, wenn wir unseren Output, unsere Erfolge an denen der anderen messen. Denn wir wissen in der Regel nicht, ob sie nicht viel bessere (oder passendere) Startbedingungen mitbringen. Und vielleicht wissen wir noch nicht einmal, ob unsere und ihre Ziele identisch sind.

Wer „Leistungsgesellschaft“ sagt, muss auch „Patriarchat“ sagen. Beide sind untrennbar miteinander verbunden, so lange wir das, was Leistung ist, an einer weißen, gesunden, gut situierten und männlichen Lebensrealität messen. Entlang dieser Realität wird definiert, welche Art von Leistung aufgewertet und welche in die Unsichtbarkeit verschoben wird. Warum sonst ist Care-Arbeit unbezahlt? Warum sonst tun wir so, als hätte emotionale Arbeit, Beziehungsarbeit, gegenseitige Fürsorge keinen Wert, sondern wäre nichts schwache Sentimentalität? Warum sonst sprechen wir über „Lifestyle-Teilzeit“, als wären es nicht hauptsächlich Frauen, die in Teilzeit arbeiten, weil sie z. B. die Kindererziehung oder die Pflege von Angehörigen übernehmen. Und als wären es nicht Menschen, die von den verschiedensten Krankheiten betroffen sind und deshalb keine Möglichkeit haben, in Vollzeit zu arbeiten. Teilzeitarbeit ist eine Möglichkeit für sie, überhaupt erwerbstätig zu sein. Und jedes „Ja, aber diese Gruppen sind ja gar nicht gemeint“ schlucke ich nicht, sorry. Allein die Rhetorik, mit der das Thema aufgemacht wurde, schreit nach weißer, männlich dominierter Leistungsgesellschaft, in denen nur die gesunden und starken, die die Wirtschaft am Laufen halten, zählen.

Und natürlich profitiert dieses System davon, wenn ein Großteil seiner Mitglieder damit beschäftigt ist, sich zu vergleichen. Wie häufig wird weiblich gelesenen Personen angedichtet, sie seien „stutenbissig“, während gleichzeitig so viel dafür getan wird, dass sie sich mit anderen vergleichen, um sich selbst auf- und andere abzuwerten. Wie häufig wird uns suggeriert, dass wir miteinander in Konkurrenz stehen (und stehen sollen)? In Konkurrenz um die schlankesten Körper, die schönsten Gesichter, die „besten“ Männer, unsere Position in der Gesellschaft. Wir sollen uns vergleichen, um uns optimieren zu können. Man hält uns wie dem Hund ein Würstchen vor die Nase: „Wenn ihr euch brav diszipliniert, bekommt ihr vielleicht einen Platz am Tisch.“ Doch wer damit beschäftigt ist, sich zu vergleichen, sich über andere zu erheben und sich selbst zu optimieren, dem fehlen die Kapazitäten, sich mit den wirklich wichtigen Dingen zu beschäftigen. Zum Beispiel der Veränderung des Systems hin zu einem, das Menschen nicht mehr allein nach ihrer Leistungsfähigkeit, ihrer Herkunft, ihrem Geschlecht, ihrer Körperform etc. bewertet. Das das Bewerten vielleicht ganz sein lässt. So lange wir so stark mit uns selbst beschäftigt sind und dieses Vorgehen als „normal“ und als unsere Werte verinnerlicht haben, beschäftigen wir uns nicht damit, diese Strukturen zu hinterfragen - oder sie gar zu verändern. So bringt man uns dazu, indirekt den Machterhalt zu unterstützen.

Dabei will ich gar nicht sagen, dass nur weiblich gelesene Personen in die Vergleichsfalle tappen. Aber die Diet Culture als weiterer Faktor, der von diesen Mechanismen getragen wird, betrifft Frauen* faktisch auf eine andere, vernichtendere Weise als männlich gelesene Personen. Wo ein männlicher, großer Bauch Zeichen des Wohlstands ist, ist ein weiblicher großer Bauch Zeichen mangelnder Disziplin. Die einen kommen in Chefetagen, den anderen traut man aufgrund ihrer Körperform keine verantwortungsvollen, hoch dotierten Jobs zu. Ich persönlich weiß, dass ein Großteil meines Vergleichsverhaltens auf Body Shaming, das ich seit meiner Kindheit erfahren habe, zurückzuführen ist. Jahrelang habe ich meinen Körper verglichen. Wenn ich einen Raum betreten habe, habe ich geprüft, ob er der dickste im Raum ist. War er es nicht, habe ich eine Art Erleichterung gefühlt. Jede Veränderung an meinem Körper habe ich mit anderen Körpern verglichen. Sind meine Brüste zu groß? Warum hängen sie so sehr? Warum kann ich, wenn ich schon dick bin, nicht wenigstens straff und prall sein? Wie kann ich trainieren, um mein Rückenfett loszuwerden? Klingt anstrengend? Nun ...

Ich wünschte ja auch, es wäre anders (oh, wie sehr ich das wünschte), aber ich komme nicht umhin, ein ums andere Mal festzustellen, dass die Wurzel allen Übels – so auch der Vergleiche – in patriarchal geprägten, leistungsorientierten, fettfeindlichen Haltungen liegt. Und jedes Mal aufs Neue will ich schreien, beißen und treten zugleich bei dieser Erkenntnis. Stattdessen atme ich tief durch und überlege, was ein für mich (und vielleicht ja auch für dich?) gangbarer Weg ist, mit dem System und seinen Haltungen von innen heraus zu brechen. Und in diesem Fall bedeutet das für mich konkret:

Schluss damit.

Wir sind uns einig: Jede Person hat andere Startbedingungen. Wir finden kaum Menschen, die exakt die gleichen Konditionen wie wir selbst mitbringen. Und selbst dann: Wer profitiert von unserem Vergleichen? Genau: Nicht wir, nicht diejenigen, mit denen wir uns messen.

Ich persönlich arbeite z.  B. oft sehr schnell und effizient, weil mein Kopf immer rattert. Ich brauche diese Herangehensweise, damit meine Gedanken nicht an dunkle Orte abdriften. Gleichzeitig nehme ich mir extrem lange Pausen und arbeite nur wenige Stunden am Tag, weil ich sonst nicht durch die Woche komme. Mein Körper und meine chronischen Erschöpfungszustände brauchen das.

Diese Beschreibungen sind nur klitzekleine Ausschnitte meiner gesamten Realität – und doch führt das, was Menschen von mir sehen, dazu, dass sie sich mit mir vergleichen. Obwohl sie ganz andere Lebensumstände haben. Obwohl sie nur einen Teil meines Alltags kennen. Ich möchte das nicht mehr. Ich möchte mich nicht vergleichen und ich möchte nicht als Vergleich dienen.

Bitte lasst uns uns auf uns selbst konzentrieren. Auf das, was wir wirklich wollen. Auf das, was wir mitbringen. Auf unsere ganz eigenen Ressourcen und Möglichkeiten. Darauf, wie wir diese nutzen können, um unsere Ziele zu erreichen. Lasst uns noch einmal überprüfen, ob unsere Ziele wirklich unsere ureigenen sind oder ob wir ihnen nur nacheifern, weil wir glauben, es so zu tun müssen? Weil wir damit ein Bild von uns erschaffen wollen, das wir auf Basis einer Wahrnehmung anderer Menschen zu kreieren glauben. Anderer Menschen, deren Realität wir nicht vollumfänglich kennen. Lasst uns bei uns selbst bleiben und unsere Energie sparen, um sie sinnvoller einzusetzen.

Topic Feminismus

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